Fr

26

Mär

2010

Pater Stüper - ein Traum

Meine Gymnasial-Zeit habe ich auf dem Aloisius-Kolleg in Bonn-Bad-Godesberg verbracht, einer jener Schulen, die zur Zeit wegen Missbrauchsfällen in den Medien sind. Der damalige Schulleiter, Pater Ludger Stüper, war dafür bekannt, leidenschaftlich gerne Knaben zu fotografieren, am liebsten nackt. Auf dem Schulhof wurde von seinem riesigen Penis gesprochen, den manche Internatsschüler sahen, wenn sie beim Duschen vom nackten Ober-Pater gemustert wurden oder als "Auserwählte" mit ihm und Pater Theo Schneider, seiner rechten Hand, einen Segeltörn mit FKK-Einlagen machten. All das war damals kein Geheimnis. Wir Nicht-Internatsschüler fanden die Geschichten seltsam und anzüglich und misstrauten den Jesuiten noch mehr. Schlaflose Nächte hatten wir jedoch nicht, und unseren Eltern konnten wir schon unsere eigenen Sorgen oft nicht anvertrauen, wie dann die der schnöseligen Internatsschüler?
2004 veröffentlichte Miguel Abrantes Ostrowski ein Buch über seine Internatszeit am AKO, in dem er einige der bekannten Vorfälle zu lümmelhaften Anekdoten verdichtete. Interessiert hat sich außerhalb der "AKO-Familie" kaum jemand für dieses Buch, bis Pater Klaus Mertes angestoßen durch zwei Betroffene an dessen Schule Canisius-Kolleg in Berlin im Januar 2010 mit Nachdruck die Aufdeckung von Missbrauchsfällen an eben dieser Jesuiten-Schule vorantrieb.

Miguel Abrantes Ostrowski meldete sich erneut zu Wort und bekräftigte in Zeitung und Fernsehen, dass auch am AKO einige Erzieher ihr Amt gegenüber den Heranwachsenden missbraucht haben. Wie zu erwarten, solidarisierten sich nun viele ehemalige AKO-Schüler mit den Tätern. Christoph Pilars de Pilar wertet die Vorwürfe gegen Pater Stüper als "Rufmord an einem honorigen Mann" (Generalanzeiger am 13.2.2010). Bereits am 12.2. wurde auf Orden-online ein Brief von de Pilar veröffentlicht, der die Vorwürfe als Lügen abtun soll. Kurz darauf drückten rund 500 ehemalige Akoschüler und Schülereltern der Schule ihre Verbundenheit in einem offenen Brief aus. Auch Martin Lohmann zeigte sich in der Freien Welt solidarisch mit der Schule und nannte Pater Schneider einen der "Feinsten und Sensibelsten".

Ein vergleichbares Verhalten ist oft in Kleinfamilien zu beobachten. Ein Kind wird vom Vater (oder auf andere Weise von der Mutter) missbraucht und die Mutter solidarisiert sich mit dem Vater. Es heißt: Das Kind trägt die Schuld für die Vorfälle, oder hat sie erfunden, um Aufmerksamkeit zu bekommen, oder zumindest übertrieben, denn es sei doch alles nicht so schlimm. Wir ekeln und fürchten uns vor den Opfern. Wir köpfen die Überbringer schlechter Nachrichten. Wir hassen die, deren Narben daran erinnern, dass wir lügen. 

Vor eingen Nächten hatte ich folgenden Traum: Ich laufe durch Bad Godesberg, am Fuße des Hügels, auf dem das Aloisiuskolleg thront. Nun bin ich erwachsen, stärker und freier. Ich sehe Pater Stüper auf mich zukommen. Ich plane, ihm ohne Vorwarnung in die Fresse zu schlagen. Als ich näher komme, bemerke ich, dass er noch sehr kräftig und vital wirkt. Ich denke: Einfach schnell zuschlagen, das schaffst du. Dann tauchen plötzlich Männer in meinem Alter auf - breitschultrig, stiernackig, in schwarzen Anzügen. Sie stellen sich schützend um den Pater. Ich denke: Ich mach's trotzdem, ich muss nur ganz, ganz schnell sein. Dann stehe ich vor Pater Stüper. Sein Blick auf mich ist hart und abschätzig. Ich gebe ihm die Hand und bin kurz froh, dass er sie nimmt.

In Verbundenheit nur mit den Betrogenen, Missbrauchten, Enttäuschten, Entmachteten, Ausgenutzten, Übergangenen und Ungehörten.

Anselm Neft

Kommentar schreiben

Kommentare: 5

  • #1

    TiBi (Freitag, 09 April 2010 11:38)

    Ansgar, ich hätte es nicht besser sagen können. Das gleiche gilt für meine Zeit am AKO, die 10 Jahre vor Deiner lag. Nur das Ende der Geschichte würde ich mir etwas anders erträumen..

  • #2

    TiBi (Freitag, 09 April 2010 11:39)

    Sorry, Anselm, natürlich!
    (wieso kann man bei diesen Blogs eigentlich seine eigenen Kommentare nicht nachbessern?)

  • #3

    Mitschüler (Mittwoch, 14 April 2010 09:21)

    Hallo Anselm,

    war Deine Zeit am AKO so schlimm, dass Du es nötig hast die offenen Briefe von Lohmann und den 500 Ehemaligen so abwegig auszulegen wie Du es hier tust? Es ist nicht weiter schwierig, Aussagen aus dem Zusammenhang zu reissen und sie dann nach Belieben zu interpretieren, aber es ist halt eine billige Methode, die zum Glück jeder Mensch durchschaut, der mit einem gesunden Verstand ausgestattet ist.

  • #4

    Anselm Neft (Donnerstag, 15 April 2010 02:25)

    Lieber Mitschüler,

    schön, dass du dich meldest, schade, dass du es anonym tust. Ich freue mich über Verbesserungsvorschläge. Habe ich etwas falsch zitiert? Stimmen die Links nicht? Hätte ich etwas präziser formulieren müssen? Wird der Kerngedanke zu verdichtet und zu überspitzt präsentiert?

    Liebe Grüße,

    Anselm

    P.S.: Auf Wunsch trage ich gerne erhellende Details nach. Bei diesem Text handelt es sich um eine gekürzte Fassung.

  • #5

    Georg Bohn (Donnerstag, 22 April 2010 18:46)

    es nimmt teil: Eva-Maria Nicolai von der Bundesarbeitsgemeinschaft Feministischer Organisationen gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Frauen..

    Die tun mir ja auch leid, aber die sind ein anderes Thema! Was haben die mit Übergriffen, Verführungen und in die Enge treiben von vorpubertären jungs an jesuitischen einrichtungen zu tun??
    der orden versteckt sich hinter deren rockzipfeln und diese mädels werden wiederum nur von der kirche missbraucht um uns auszumanövrieren und die regierung macht mit!

  • loading