Allein gegen die Diktatur der Gutmenschen

Betrachtung zum Begriff „politisch korrekt“

 

(erschienen im Rheinischen Merkur am 3.12.2009)  

 

Es scheint einen sicheren Weg geben, um mediale Aufmerksamkeit zu erlangen: Man stellt eine gepfefferte politisch unkorrekte, also rechtspopulistische These auf, genießt den Sturm der Entrüstung, wirft dann den Medien vor, man wäre absichtlich missverstanden worden und korrigiert anschließend die Aussage, bis ein Brei übrig bleibt, der alles und nichts heißen kann. Diese neuerdings auch Sloterdijken genannte Technik kann natürlich variiert werden: nach der These grimmig schweigen, oder sich zwar entschuldigen, dabei aber den Eindruck hinterlassen, man sei dazu gezwungen worden. So oder so fliegen einem die Herzen vieler Menschen zu. Endlich hat jemand gesagt, was ich auch denke, nur schöner formuliert: Frauen gehören an den Herd, Türken in die Türkei, Kinder diszipliniert  und Arbeitslose aufs Erdbeerfeld. Allerdings bleibt der Eindruck, dass Eva Herman, Bernhard Bueb, Thilo Sarrazin oder eben Peter Sloterdijk vor allem eins wollen: mediale Aufmerksamkeit – sei es, um Bücher zu verkaufen, sei es, um sich wichtig zu fühlen, wobei das eine das andere nicht ausschließt.

 

Ein Begriff darf bei den Auseinandersetzungen um solche großen Thesen nicht fehlen: Politische Korrektheit. So gab der Publizist Ralph Giordano dem Sender MDR Info zu bedenken: „Sarrazin beschreibt die Wirklichkeit (in seinen Ausführungen über Berlin in Lettre International 86) so, wie sie ist, und nicht wie seit vielen Jahren von der politischen Korrektheit dargestellt.“ Giordano kann darauf vertrauen, dass seine Leserinnen und Leser wissen, was sich hinter den zwei Worten verbirgt, denn „politisch korrekt“, „pc“ oder eben „politische Korrektheit“ ist ähnlich wie „Gutmensch“ längst in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen und birgt ein großes assoziatives Potenzial. Als „politisch korrekt“ wird eine meist gesichtslose Mehrheit gedacht, die die Rechte von Minderheiten bzw. Frauen übertrieben ernst nimmt und damit – jetzt wird es kompliziert – einer anderen Mehrheit vorschreibt, was sie zu sagen oder gar zu denken hat.

 

Der Begriff stammt aus dem angelsächsischen Sprachraum und wurde Mitte der 1980 hauptsächlich positiv verwendet. Studenten und Studentinnen verschiedener US-amerikanischer Universitäten versuchten rassistisches, sexistisches und allgemein westlich-chauvinistisches Gedankengut im Alltagsvokabular zu enttarnen und durch „politisch korrekte“ Begriffe zu ersetzen. Aus „Behinderten“ wurden „Menschen mit Behinderungen“, „anders Begabte“ oder „mental Herausgeforderte“, aus „Studenten“ „StudentInnen“, aus „Negros“ erst „black people“  dann „African-Americans“.  Je rigider solche Sprachregelungen vertreten wurden, je deutlicher wurde, dass  „mental herausgefordert“ genauso herablassend klingen kann wie „behindert“, je mehr die Vermutung aufkam, dass Sprachcodes allein noch kein neues Denken bedeuten müssen – desto mehr wurde „politically correct“ zu einem ironischen Begriff. Zunächst allerdings in dem Milieu, in dem die Überlegungen entstanden waren, also unter linksliberalen Studierenden, so wie in Deutschland Satiriker der Neuen Frankfurter Schule und des Magazins „Titanic“ früh Kritik an „Lachverboten“ (Robert Gernhardt 1988 in einem Interview mit der Zeitschrift „Konkret“) und „guten Menschen“ – also scheinheiligen oder dogmatischen linken Weggenossen äußerten.

 

Am 27.10. 1990 erschien in der New York Times mit Richard Bernsteins Artikel „The Rising Hegemony of the Politically Correct“ eine erste publizistische Negativbesetzung des Begriffs von konservativer Seite. Kein halbes Jahr später, am 6. März 1991, erscheint in der FAZ ein Artikel von Jörg von Uthmann, in dem die Sprachregelungen und Menschenrechtsbestrebungen der US-Unis negativ kommentiert werden: „Das Smith College ist nicht die einzige amerikanische Hochschule, die die Frauen und die Schwarzen, die Hässlichen und die Dummen unter ihre Fittiche nimmt.[...] Mag der Marxismus in Osteuropa auch ausgedient haben, an den amerikanischen Hochschulen erfreut er sich ungebrochenen Respekts.“ Zeigt sich in diesem Artikel bereits ein Ansatz zu einer Verschwörungstheorie, in der Frauenrechte und antirassistische Sprachbestrebungen mit Pöbelherrschaft und Marxismus verrührt und als Popanz der politischen Korrektheit aufgebaut werden, so erklärt Dieter E. Zimmer am 22.10.1993 in der „Zeit“, dass das amerikanische Phänomen auch in Deutschland Fuß fasst, aber hier schwerer zu greifen sei. „Daß es dergleichen überhaupt gibt, lässt sich darum nicht schwarz auf weiß beweisen, jeder darf es für pure Einbildung halten. Nach fast zwanzig Jahren persönlicher Erfahrung – als einschlägig Vorbestrafter sozusagen – möchte ich dem gegenüber behaupten: Es existiert.“ Kurz darauf wirft Zimmer der „neuen Tugenddiktatur“ vor „in erster Linie ein diffuses Gefühl“ zu sein. Matthias Mattusek schreibt am 12.4.1993 in einer ersten Erwähnung des Begriffs im Spiegel: „Ein Kampfbegriff der Black-Power-Bewegung aus den sechziger Jahren macht erneut Karriere: „political correctness“. Die politisch Korrekten, eine Sprach- und Denkpolizei radikaler Minderheiten, kontrollieren nicht nur Vorlesungsverzeichnisse oder Feuilletons – sie beherrschen jetzt eine New Yorker Museumsschau.“

 

Während in den USA bereits kritische Bücher über den Mythos der Politischen Korrektheit erscheinen (z.B. 1995 John K. Wilsons „The Myth of Political Correctness. The Conservative Attack On Higher Education.”), stricken deutsche Buchveröffentlichungen an diesem Mythos mit: 1995  beschwören Michael Behrens und Robert von Rimscha „Politische Korrektheit in Deutschland. Eine Gefahr für die Demokratie.“ 1996 ahndet Klaus J. Groth „Die Diktatur der Guten: Political Correctness“. Jörg Schönbohm skizziert 2009 „Politische Korrektheit. Das Schlachtfeld der Tugendwächter.“

 

Bereits 1994 vergleicht Ulrich Schacht in seinem Aufsatz „Stigma und Sorge. Über deutsche Identität nach Auschwitz“ den „totalen rhetorisch-diskursiven Vernichtungswillen“ mit dem „totalen Vernichtungswillen NS-Deutschlands gegenüber dem jüdischen Volk“. Schacht schafft so eine tollkühne gedankliche Konstruktion: Die Antifaschisten sind die neuen Faschisten.

 

Diesen Eindruck versucht auch ein Weblog zu erwecken, dass sich seit 2004 gleich selbst „politisch unkorrekt“ nennt. Über 26 Millionen Menschen haben die von Stefan Herre initiierte Homepage pi-news bisher besucht: „News gegen den Mainstream“, „Proamerikanisch“, „Proisraelisch“, „Gegen die Islamisierung Europas“, „Für Grundgesetz und Menschenrechte“. Ein Weblog, das problematische Phänomene des Islams aufzeigt, Integrationsprobleme anspricht, das sich gegen Antisemitismus und dumpfen Antiamerikanismus zur Wehr setzt, könnte eine Bereicherung der deutschen Presselandschaft sein. Nachdenklich stimmt jedoch, wenn sich die konservative „Jüdische Allgemeine“ in einem Artikel vom 19.11.2009 deutlich von PI abgrenzt: „Zu den Leitlinien von PI gehört auch ein Bekenntnis zu Israel. So will man sich zum einen gegen den Vorwurf des Rechtsextremismus immunisieren. Zum anderen sehen die PI-Macher den jüdischen Staat als eine Art Außenposten im Kampf gegen die von ihnen halluzinierte muslimische Weltverschwörung.“

 

Der "Musel" in der Vorstellung von PI hasst das Abendland und seine Werte. Auch moderaten Muslimen ist nicht zu trauen: Entweder sind sie zu schwach, um sich dem im Kern totalitären Islam entgegenzustellen, oder sie haben sich nur scheinbar an den Westen angepasst (taqiyya) und warten auf die Chance, die Scharia im „Wirtsland“ einzuführen. Diese politisch unkorrekte Schein-Argumentation kann niemand widerlegen. Wer darauf hinweist, dass diese Festlegung im Kern rassistisch ist, fällt in die zweite Feindkategorie. Der „Gutmensch“ und seine Extremform der „Bessermensch“ verharmlost die islamische Gefahr und wird ihr Werkzeug. Auf PI zeigt sich, wie vielfältig der Begriff „politisch korrekt“ von rechter Seite instrumentalisiert wird. Durch die Unterstellung, dass die „politisch Korrekten“ eine Meinungsdiktatur begründen, lässt sich die eigene Ansicht als befreiend und mutig verkaufen, wohingegen Einwände als unterdrückerisch gebrandmarkt werden. In dieser Art von „Neusprech“ wird der gute Mensch zum schlechten. Dem politischen Gegner wird vorgeworfen, dass er jede Diskussion erstickt, dabei fungiert „Gutmensch“ und „politisch korrekt“ als Ad-hominem-Angriff, der  sachliche Debatten zunichte macht. Eine differenzierte Sicht auf soziale Hintergründe von Kriminalität, lässt sich mit einem knackigen „politisch korrekt“ disqualifizierend vom Tisch wischen, so wie niemand Simone de Beauvoir oder Judith Butler gelesen haben muss, um einen vorraussetzungsreichen Diskurs als „politisch korrektes Emanzengequatsche“ abzuwatschen. Menschen mit großen Bildungslücken und enormem Lektürerückstand können so ein Stückchen Diskurshoheit zurückgewinnen und sich als verschworene Elite wider den Mainstream fühlen. Dass sich im Kommentarbereich des Blogs unzensiert volksverhetzende Äußerungen finden, dass im Volksmund wie in den Zeitungen der Begriff „politisch korrekt“ fast ausschließlich negativ verwendet wird, dass ein Journalist wie Henryk M. Broder für seine Artikel den Börne-Preis verliehen bekommt, dass „alles, nur nicht politisch korrekt“ ein Gütesiegel für Comedy-Shows ist – all das scheint die PI-Fans in ihrer Elite-Phantasie paradoxerweise noch zu bestärken.

 

Auf pi-news gibt es ein „Support Sarrazin“-Banner. Für die politisch Unkorrekten ist er ein Held, der die unbequeme Wahrheit sagt, ein Opfer der politisch korrekten Verschwörung. Wirft man jedoch einen Blick auf das umstrittene Interview, fallen Passagen ins Auge, die weniger mit unbequemer Wahrheit als mit bequemen Halbwahrheiten zu tun haben: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für siebzig Prozent der türkischen und für neunzig Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin[...]. Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung.“

 

Wie Sarrazin die Prozentzahlen ermittelt hat, wird genauso sein Geheimnis bleiben, wie die wissenschaftlichen Hintergründe seines Eroberungsszenarios. Den osteuropäischen Juden einen höheren IQ zu unterstellen, zeigt,  in welchem völkisch-biologistischen Denken Sarrazin befangen ist. Auch wenn er es nett meinen mag – das Stereotyp vom schlauen Juden hat in der Geschichte eine sehr düstere Entsprechung.

                                                                     

Eine solche Rhetorik, ebenso wie die PC-Verschwörungstheorie, unterscheidet sich strukturell viel zu wenig von islamistischer Hass-Propaganda, um glaubhaft Kritik im Namen eines sowohl christlichen als auch aufgeklärten Abendlandes formulieren zu können. In einem ist den PC-Kritikern allerdings Recht zu geben: In einer Demokratie muss man die Dinge beim Namen nennen und streiten können. Dazu gehört auch,  nicht jedesmal „politisch unkorrekt“ zu sagen, wo „rassistisch“ oder „sexistisch“ treffender wäre.