Das Schweigen.

 

Über die Missbrauchsfälle am Aloisiuskolleg bei Bonn.

(erschienen im Tagesspiegel am 17. 5. 2010)

 

Das Aloisiuskolleg in Bad Godesberg thront auf einem Hügel, scherzhaft „heiliger Berg“ genannt. Als ich dort 1992 mein Abitur machte, hatte ich schon vieles von dem gehört, was nun in den Medien zum Skandal taugt. Auf dem Pausenhof erzählten wir uns vom Pater S., wie er den Internatsschülern der Unterstufe beim Duschen zusah, sie mit einem Schlauch abspritzte, dass er dabei manchmal nackt war und einen riesigen Penis hatte. Wir wussten, dass Pater S. leidenschaftlich gerne Jungs fotografierte, am liebsten aus der Unterstufe. Seine Bilder von Knaben in anmutigen Posen prangten im „AKO-Heft“, dem Jahrbuch der Vorzeigeschule. Dass S. tat, was ihm gefiel, war für alle selbstverständlich, weil es für ihn selbstverständlich war. Ich erinnere mich an ihn als imposante Erscheinung. Ein Gutsherr – mit breiten Schultern, Bart und schalkhaft funkelnden Augen unter buschigen Augenbrauen. Ein Typ, von dem man gemocht werden wollte. Ersatzvater manches Jungen, heimlicher Schwarm mancher Schülermutter. Ohne Scheu verteilte er seine Gunst, schied die Schüler in Lieblinge, Unbedeutende und Feinde. Lieblinge durften mit ihm zum Katamaran-Urlaub mit FKK-Einlagen. Hörten wir davon, fehlten uns die Worte. War es verdreht, nackte Männer und Jungs auf hoher See verdreht zu finden? Waren wir spießig?

 

Ich sprach damals mit meinem Freund und Mitschüler Stefan Keller darüber. Wir wussten keine Antwort. Wir kannten das Wort „Kinderschänder“, aber wir verstanden es nicht, so wie bis heute viele nicht verstehen, dass Erwachsene Kindern ihre eigene Schande aufbürden, auch ohne brutale Vergewaltigung.

Nun sprechen wir wieder. Darüber, dass jahrzehntelang etwas vorgegangen ist, das jetzt als großes Unrecht erscheint. Darüber, dass die Rede ist von Kindesmissbrauch. Ein schiefer Begriff: als ob „Kindergebrauch“ in Ordnung wäre. Unser Mitschüler Georg R. spuckte 2003 auf einer Party vor Wut zitternd Sätze über seine Internatszeit aus. Rektales Fiebermessen in S.’ Büro, nackt und auf dem Bauch liegend. Das genüssliche Brummen, das endlose Tätscheln des kräftigen Mannes. Gleich danach Fotosession im Park. Erst in der viel zu großen, roten Badehose des Paters, dann nackt. Ein paar Tage später sah Georg auf S.’ Schreibtisch ein gerahmtes Foto. Es zeigte einen blonden zwölfjährigen Jungen, verwirrt und in roter Badehose. Wie eine Trophäe, ein aufgespießter Schmetterling.

 

Georg erzählte uns auch, dass er einmal einen Freund verraten sollte, der das Internat nachts heimlich verlassen hatte. „Am letzten Tag nach einer Reihe von Verhören sperrte mich S. zusammen mit seinen Hunden in sein Büro“, sagte Georg. „Als er nach ein paar Stunden wiederkam, redete er väterlich auf mich ein. Niemandem würde etwas geschehen, wenn ich nur aussagte. Ich bat ihn unter Tränen, mir das zu versprechen. Er versprach es. Ich nannte den Namen meines Freundes, S. stürmte aus dem Büro und schmiss ihn von der Schule.“

      

Während er redete, wurde Georg immer wütender, schlug sich gegen den Kopf und zerriss sich das T-Shirt. Heute weiß ich, die Wut der Geschädigten richtet sich immer auch nach innen und gegen die, die ihnen nahekommen wollen. Die Ohnmacht von einst kehrt wieder und wieder, ein ungerächter Geist.

              

Wir unternahmen nichts. Auch Georg unternahm nichts. Wie sollte er beweisen, was ihm angetan worden war? Stefan formuliert es so: „Ob als verstörter Halbwüchsiger oder als junger Mann – immer hätte man als Einzelperson gegen diese Schule mit ihrem fabelhaften Ruf und ihrem Schulleiter gestanden. Klar, wem man da glaubt.“ Georg hatte es einmal versucht und sich in der Mittelstufe seinem Theaterleiter anvertraut. Der junge Frater setzte sich intern dafür ein, dass die Übergriffe aufhörten und wurde bald der Schule verwiesen.

                         

Georg fühlte sich noch wehrloser. Wenn schon die Erwachsenen nichts ausrichten konnten, wie dann die Heranwachsenden? Was war mit den Eltern? Vielen wurde gar nichts erzählt, andere hörten ohnehin nicht auf die Kinder, die sie ins Internat gesteckt hatten. Eltern, die ihre Kinder auf Karriere trimmen wollen, sind oft nicht besonders sensibel gegenüber dem Thema Missbrauch. Ein anderer, heute 37, berichtet, dass er sich durch das Fotografieren sehr belästigt gefühlt hätte. „Ich habe meinen Eltern davon erzählt, Die fanden die Fotos zunächst niedlich. Vielleicht waren sie auch ein wenig stolz auf die Beachtung der Kollegsleitung für ihren Jungen.“

                       

Was war mit den Lehrerinnen und Lehrern? Viele waren keine guten Pädagogen: Demütigen, Brüllen, manchmal auch Schlagen – das gehörte zum Unterricht. Wir nahmen es hin. Auf einer Jungenschule wird „Mannsein“ geübt. Auch ahnten wir, dass einige unserer Erzieher selbst in weit größerem Maße geschlagen und gedemütigt und obendrein im Krieg traumatisiert worden waren. Ihr Bewusstsein für Übergriffe und die verletzliche Würde eines Kindes war oft wenig entwickelt.

                    

Ein anderer Ehemaliger, der 46-jährige C., berichtet von täglichen Demütigungen: „S. behauptete immer wieder, ich sei hässlich und würde entsetzlich stinken. Alle Schüler meiner Klasse sollten an mir riechen. Auch er hat an mir rumgeschnuppert. Unter den Achseln, am Hosenstall. Ich habe mich total geekelt.“ Sogar der damalige Direktor sollte auf S.’ Wunsch an dem Heranwachsenden riechen, konnte nichts feststellen, empfahl aber, morgens zu duschen und Deo zu benutzen. C. sagt heute: „Manche Patres hatten heimlich Freundinnen, Pater S. wusste das. Wer keinen Ärger wollte, hielt besser die Klappe.“

                                                 

Mit ihrem Bild vom Aloisiuskolleg stehen Georg und C. nicht alleine. Pater Klaus Mertes, Leiter des Berliner Canisiuskollegs, schrieb am 16. Februar dieses Jahres in einem Brief an die Mutter eines Betroffenen vom AKO: „Ja, ich kann Ihnen aus meiner Perspektive als ehemaliger AKO-Schüler (1966 bis 1973) und auch aus der Kenntnis anderer Opfermeldungen alles bestätigen. So lief das Muster: übergriffige Ansprache, Missbrauch, pädophile Ästhetik und brutale Abstrafung, und das Ganze in einer perfekten Schweigespirale, vom hochmütigen Mythos gedeckt.“

 

Aber erst als im Januar 2010 mit Klaus Mertes ein Pater die Missbrauchsfälle am Berliner Canisiuskolleg öffentlich macht, zeigt das Wirkung. Plötzlich haben Geschädigte das Gefühl, ernst genommen zu werden, mehr und mehr melden sich. Die Mutter eines ehemaligen AKO-Schülers erstattet Anzeige. Sie erinnert sich: „Einmal sagte mein Sohn, ,Mama, ich habe Angst, dass ich vielleicht auch Priester werden will.’ Hätte ich ihn damals bloß verstanden.“

                             

Daraufhin tritt Pater Schneider von seinem Posten als Schulleiter zurück und löst eine Solidarisierungswelle aus. Man will an ein jahrzehntelanges pädophiles Regime nicht glauben. Schulkinder tragen „Pro-Schneider“-Buttons. Primaner bilden für Pater Schneider zum Abschied einen Lichterweg. Ein Ehemaliger schreibt in einem Zeitungsartikel von „Rufmord“ an Pater S. Und rund 500 Ehemalige bekunden ihre Schulverbundenheit in einem offenen Brief, indem sie betonen, dass ihnen nie etwas Schlimmes passiert sei. Einer von ihnen ist Mark E. Auf Nachfrage erklärt er, dass er „als Nichtbetroffener“ eine Weile gebraucht habe, „um sich zumindest ansatzweise vorzustellen, was ein Missbrauch insgesamt bedeutet. Heute betrachtet er den Brief der Fünfhundert als „ein Lehrstück über die Psychologie des Verdrängens“.

                                       

Erst im Februar 2010 wird das Ausmaß den Eltern bekannt gemacht: Beim Besinnungstag erschien überraschend Jesuitenchef Pater Dartmann und sagte den verdutzten Eltern, es habe im Jahr 2007 ein Verfahren gegeben. Zahlreiche Fotos, auf denen S. nackte Kinder abgelichtet hatte, seien damals sichergestellt worden.

                            

Auf die Frage, wo diese Bilder heute sind, antwortet Ursula Raue, seit 2007 Missbrauchsbeauftragte des Jesuitenordens: „Auf meinen Hinweis, dass eine mögliche Verbreitung im Internet für die Abgebildeten zu einer lebenslangen und nicht mehr kontrollierbaren Verletzung führen könne, war Pater S. bereit, seine Fotos einschließlich der Negative zu vernichten. Pater Schneider, der dann bei dem Gespräch dabei war, sicherte zu, dass das unter seiner Aufsicht geschehen werde. Mit E-Mail vom 11. Mai 2007 hat Pater Schneider mir erklärt, dass in seinem Beisein alle Fotos geschreddert wurden.“

                                       

Der Staatsanwaltschaft wurden die Fotos vorher nicht gezeigt. „Der liegen die AKO-Hefte vor“, sagt die 66-jährige Raue, die ihre Rolle darin sieht, Anlaufstelle für Opfer zu sein, aufzuklären, Gespräche zwischen Tätern und Opfern zu vermitteln. Wie viele das bisher seien? „Mehrere. Die Anzahl unterliegt der Vertraulichkeit.“

                                   

Mehr Auskunft gibt ein Zwischenbericht vom 8. März 2010 auf der Homepage des Aloisiuskollegs: Von elf durch Pater S. Geschädigten haben fünf mittlerweile Gesprächsangebote der Schule wahrgenommen. In dem Bericht werden auch die bisher gemeldeten Vergehen von S. aufgelistet, darunter „orale sexuelle Praktiken“, sowie ein juristisch nicht verjährter Fall von 2005.

 

Ob die Fotos wirklich vernichtet sind? Drei Tage nach seinem Rücktritt sprach Schneider, der einzige Zeuge in dieser Sache, in der Sendung „Kontraste“ von „Grenzüberschreitungen“, die bemerkt worden seien und davon, dass er Pater S. gewarnt habe, nicht so ein großes Risiko einzugehen. Diesem indirekten Schuldeingeständnis ist bislang keine weitere Erklärung gefolgt. Nach der Ordensregel ist Jesuit Schneider nur drei Personen Rechenschaft schuldig: Gott, seinem Oberen Pater Dartmann und sich selbst.

                                       

Da Schneider schweigt, besuche ich mit der Schwester von C. Pater S. in einem Pflegeheim. S. gilt als dement, hat aber freien Ausgang. Hinter einer unverschlossenen Tür im Erdgeschoss liegt er angezogen auf dem Bett und begrüßt uns. Auf der Kommode steht ein gerahmtes Foto von ihm und Pater Schneider. Daneben die Statue eines nackten Knaben.

                          

Erst erkennt der Pater mich nicht, dann sagt er: „Wir hatten viel Ärger mit dir.“ Vermutlich eine Floskel. Im Gespräch wechseln sich scheinbar lichte und senile Momente ab: Es gehe ihm gut, aber das Laufen mache derzeit etwas Probleme. Er bekomme viel Besuch. Pater Schneider sehe er oft. Ich frage, ob er seine Fotos vermisst. „Nein. Aber ich bin ein guter Fotograf.“

Ob er sich an Georg erinnert. „Ja, schwieriger Junge. Der ging seine eigenen Wege.“

Ob ihm irgendetwas leid täte. „Ich habe den ganzen Garten zu verantworten.“

 

Nachtrag: Laut dem Zwischenbericht der bis Februar 2011 am AKO untersuchenden Professorin Julia Zinsmeister sind einige der angeblich vernichteten Fotos wieder aufgetaucht. Siehe dazu ihren Bericht vom 27.10.2010: Zwischenbericht als pdf zum runterladen.