Donatien Alphonse Francois de Sade: eine kurze unseriöse Biographie.

Am 2. Juni 1740 verließ ein gutmütig gutzender  Säugling das Innere seiner Mutter, um sich diese Welt einmal bei Licht zu besehen. Anderntags goss  bereits ein Priester Wasser auf den weichen Schädel des Knaben und nannte ihn Donatien Alphonse Francois  – heute bekannt als Marquis de Sade. Der kleine Marquis war ein zartes, verträumtes Kind, das am liebsten alleine puzzelte, Schnecken beobachtete oder im Gras lag und seinen Gedanken nachhing. Die bei anderen Adelskindern beliebten Spiele – Frösche aufblasen, bis sie platzen, Bauernkinder verkloppen oder Bettlerinnen verhöhnen – machten ihm keine rechte Freude. Lieber malte er Peitschen und striemenverzierte Rücken und zupfte dabei an seinem Pillermann. 

                                                                         

Schon bald machten sich die Eltern Sorgen, da der kleine Donatien jenen Machtwillen und jene Grausamkeit vermissen ließ, die man von einem rechtschaffenen Adeligen erwarten durfte. So wurde er mit zehn Jahren auf ein Jesuiteninternat geschickt, wo man ihm die Leviten lesen sollte. Aber dem Knaben war schwer beizukommen: Erzählte man ihm von den Qualen der Hölle, bekam er leuchtende Augen, züchtigte man ihn mit Rohrstock oder Peitsche, bekam er eine Erektion,  sagte man ihm, das Weib sei schlecht, antwortete er: „Um so besser!“

                                                                          

Dem kleinen Marquis entging nicht, dass die Jesuiten nicht das sagten, was sie dachten, und nicht das taten, was sie sagten. Geschlechtsverkehr mit gleichaltrigen Frauen war falsch, mit minderjährigen Jungen richtig, solange man nicht darüber redete. Ein Freund seines Onkels brachte ein paar Leute um, was aber nicht gerichtlich verfolgt wurde. Töten war also mal gut, mal nicht so gut. Halt je nachdem.

                                                                          

Weiteren ethischen Schliff sollte der kleine Marquis ab seinem 16. Lebensjahr beim Militär erhalten. Als Offizier mischte er im siebenjährigen Krieg gegen Deutschland mit. Da gab's fürs Töten Schulterklopfen und Orden, und eine kleine Vergewaltigung ab und zu war unter echten Soldaten Ehrensache, solange es die Frauen der Feinde erwischte. Der verträumte Bube hingegen fand das Vergewaltigen fad und verführte lieber mit charmanter Rede und glutvollen Blicken aus seinen dunklen Augen. Briefe mussten an den Vater geschrieben werden: „Mit ihrem Herrn Sohn steht es schlimm. Vergewaltigen will er nicht, beim Töten ziert er sich, aber Herzen bricht er, als ob's das Normalste von der Welt sei. Kurz: Er ist entartet. Ich werde versuchen, ihn an weiteren Dummheiten zu hindern.“

                                                                          

Hindern aber ließ sich ein Marquis de Sade natürlich nicht. Vor allem nicht, wenn es um Spaß ging. Spaß definierte der junge Adelige dabei durchaus volkstümlich: tanzen, poppen, Karten spielen. Mit 22 war er bankrott und seine Eltern hatten bereits die Schnauze voll. Sie verhökerten den lasterhaften Spross mittels Zwangsheirat an die wenig hübsche aber sehr reiche Renée-Pelage de Montreuil, die unter anderem einen Haufen Schlösser mit in die Ehe brachte. Dem Marquis war das pummlige Frauenzimmer „zu kühl und zu fromm“, daher fragte er bald, ob er sich ein kleines Häuschen zum Liebesquartier umbauen dürfe. Er ficke doch so gern, aber lieber nicht so oft mit ihr. Anfangs pikiert nickte Renée die Kopulationen ihres Gatten bald schon ab und mischte schließlich selbst ein bisschen mit. Kupplerinnen brachten allerlei Damen zu dem Häuschen, die der Marquis ohne Ansehen der Person für seinen Lustgewinn gebrauchte und bezahlte.

                                                                         

1763 wurde er wegen ungesetzlicher Exzesse 14 Tage inhaftiert und bekam danach Stubenarrest im wenig erhitzenden Schloss Echauffour in der Normandie. Vor lauter Langeweile zeugte er drei Kinder mit seiner Frau, konnte aber in Zukunft die Finger vom aushäusigen Treiben nicht lassen. Einen handfesten Skandal gab es Ostersonntag 1768 als die Bettlerin Rose Keller behauptete, der Marquis de Sade habe sie mit einer Neunschwänzigen bis aufs Blut gepeitscht. Nach Zahlung einer Entschädigung nahm Rose von der Klage Abstand, sodass der Marquis erst einmal nicht wieder ins Gefängnis kam. Im Juni 1772 ging der Ärger aber weiter. Die sogenannte „Affäre der vier Mädchen aus Marseille“ konfrontierte de Sade mit folgender Anklage: Er und sein Diener hätten vier Prostituierten mit Drogen gefüllte Bonbons gegeben, um sie damit für Gruppensex, Sodomie und die Neunschwänzige gefügig zu machen. Das Zeug in den Bonbons sei Cantharidin, ein Wirkstoff, der heutzutage als potenzsteigerndes Mittel unter dem Namen „spanische Fliege“ bei Orion und Beate Uhse im Sortiment auftaucht. Dass sich mit dem Mittel teils schmerzhafte Langzeiterektionen bewirken lassen, ist aus sicherer Quelle bestätigt. Auf etwas tönernen Füßen hingegen steht die Behauptung, der Stoff mache Menschen zu irgendetwas gefügig oder erzeuge, wie im Gerichtsprotokoll des Falls notiert, "Winde". Kurzum: Der Marquis de Sade kann vielleicht als Vorgänger des Onkels gelten, von dem man keine Bonbons annehmen sollte, trotzdem wirkt die Anklage etwas konfus.

                                                                          

Zumindest wurde der Mann mit dem sexuellen Schatten nun zum ersten Mal zum Tode verurteilt, floh jedoch mit seiner Schwägerin nach Italien, verliebte sich heftig in sie und schrieb ein paar Reiseberichte, die fast so langweilig sind wie die Italienreise von Goethe. Seine Schwiegermutter hatte allmählich genau so einen Grimm gegen den skandalträchtigen Hobbydichter und Langzeit-arbeitslosen wie dessen Eltern, setzte flugs einen schmierigen Inspektor auf ihn an und sorgte dafür, dass de Sade ab 1777 im Staatsgefängnis Vincennes in sich gehen konnte. Nach einem Fluchtversuch wurde der Vorzeigewüstlings 1784 in die Bastille verlegt (einem Gefängnis für vornehme Klientel), wo er sein Zimmer hübsch möblierte, sich allerhand Bücher bringen ließ und einen Koch außer Haus mit der Zubereitung seiner Mahlzeiten betraute. Optimale Umstände fürs Schreiben.

                                                                        

Um nicht durch erhöhten Papierkonsum sein ausuferndes literarisches Schaffen zu verraten, schrieb de Sade in winzigster Schrift. Dabei entstanden Gassenhauer wie die „120 Tage von Sodom“. Seine Pornosophie lässt wenig aus, was sich in dem Bereich aushecken läßt, sieht man einmal ab von erotischen Randgebieten wie Zärtlichkeit, verfeinerte Sinnlichkeit und, nunja, allem was nicht mit Macht und Gewalt zu tun hat. Dafür wird gepeitscht, zerfleddert und geschissen, dass die Schwarte kracht, und spätere Sexualforscher gleich ein Kompendium der sexuellen Pathologie vorliegen hatten, ohne selbst lange im wirklich Trüben fischen zu müssen. Der deutsche Psychiater und Gerichtsmediziner Richard von Krafft-Ebing (1840-1902) soll während der Lektüre eines de Sadschen Werkes gerufen haben: "Potzblitz, das nenn ich Sadismus." 

                                                                         

Der gefangene Marquis schrieb entfesselt. Für die 120 Tage von Sodom brauchte er nur 27 Tage, und es handelt sich dabei um über 600 Normseiten, wobei das letzte Drittel allerdings zusehends fragmentarisch wird („90. Ein Arschficker lässt ein kleines Mädchen in einem Topf kochen. 91. Ein anderer lässt sie lebend braten und spießt sie auf, nachdem er sie in den Arsch gefickt hat.“).

                                                                         

Ein besonderes Augenmerk des Marquis liegt dabei auf Zahlen, in den 120 Tagen noch mehr, als in seinen anderen Schriften: 600 Passionen in 120 Tagen, ausgeübt von vier Herren, vier Kupplerinnen, vier Anstandsdamen, vier Fickern, vier Mädchen, vier Knaben und vier Sklavinnen (sprich Gattinnen der Herren). Hinter dieser Auflistung verbirgt sich zugleich eine Hierachie, denn Sex ohne Machtgefälle ist in den 120 Tagen von Sodom  und vermutlich im Lebens de Sades nicht denkbar. Auch das tollste Treiben muss in Zahlen objektiv erfasst und in Herrschaftsgefüge eingeordnet werden. So verblasst die sinnliche Lust vollständig vor einem Kick im Kopf, der sich selbst ständig vorrechnet, wer wann wie genau auf welche Weise beherrscht wird. Was nicht notiert werden kann, zählt nicht, kann vielleicht gar nicht richtig empfunden werden. Ohnehin ist der theoretische Materialist de Sade gleichzeitig ein Körperfeind, der davon überzeugt ist, nicht die Lust, sondern allein die Idee des Bösen vermöge zu erregen.

                                                                            

Nicht nur die Zählerei schafft eine Distanz zur unmittelbaren Erotik. Durch die Herrschafts-verhältnisse wird das Gegenüber stets auf registrierbarem Abstand gehalten und kann nie mehr sein, als ein Objekt, eine Krücke des Ichs, das auf diese Weise zu jeder Zeit alleine bleibt. Die Konsequenz ist eine immer manischere Suche nach Befriedigung, die in der völligen Zerstückelung des Anderen, der immer seltsam unerreichbar bleibt, endet.

                                                                             

Fast 50 Jahre alt schreibt de Sade: "Der Mensch ist einsam in der Welt. Alle Kreaturen sind vom Tag ihrer Geburt an einsam und bedürfen einander nicht." So wird der Marquis Ahnherr moderner Internet-Porno-Junkies, für die alles Sinnenhafte vom Körper abgetrennt ist und nun als "Sex" auf den Markt kommt.

                                                                                 

Ein weiteres Augenmerk liegt auf dem Arrangieren. Ständig gruppierte de Sade im Geiste sexuell aktive Menschengruppen, woneben sich die wüstesten Darstellungen des Kamasutra als Ringelpiez mit Anfassen ausnehmen. Sri Lingam Purabuti, ein indischer Tantra-Guru, soll den ehrgeizigen Versuch, alle Stellungen aus „die 120 Tage von Sodom“ nachzuvollziehen, nach etwa der Hälfte entnervt abgebrochen haben. Heute arbeitet er als Netzwerkadministrator einer südindischen Bank.

                                                                            

Mit der französischen Revolution kam auch in das äußere Sein des Marquis wieder Leben. Am 2. Juli 1798 rief der Eingekerkerte zu demonstrierenden Massen vor der Bastille: „Sie töten die Gefangenen hier drin“, was vielleicht den Sturm auf die Bastille 12 Tage später, ganz sicher aber die Verlegung des Marquis in die Irrenanstalt Charenton zwei Tage später nach sich zog. Wegen revolutionärem Verhalten übrigens. Dabei hatte der Marquis doch nur auf die nachlassende Qualität des Essens hinweisen wollen. Bei besagtem Sturm auf die Bastille wurden viele Schriften de Sades zerstört, darunter – so wird vermutet – eine Reihe pädagogisch nicht sehr wertvoller Kinderbücher. Seine Frau nutzte die Gunst der Stunde und ließ sich von dem für irr Erklärten scheiden.

                                                                            

Unter den Irren fühlte sich der Marquis wohl, man hörte sich gegenseitig zu und nickte oft freundlich. Alles hätte gut sein können, hätte nicht der Wahnsinn der Revolution getobt. 1790 öffneten sich im Zuge einer Generalamnestie die Pforten der Anstalt. Obwohl von Adel, schloss sich de Sade sogleich den radikalen Jakobinern an, wollte Demokratie statt konstituioneller Monarchie, predigte eine utopische Variante des Sozialismus, die die heutige Linkspartei mit den Ohren schlackern ließe, mochte aber sein Familienschloss Lacoste und sein Vermögen nicht herausgeben, wofür zumindest Oskar Lafontaine Verständnis haben dürfte. De Sade brachte es schnell zu einigem Ansehen in revolutionären Kreisen und wurde unter anderem mit dem Amt eines Richters betraut, der politisch Andersdenkende leichthin enthaupten lassen konnte. Auch seine adelige Schwiegermutter hätte de Sade nun hinrichten lassen können, aber er mochte nicht. Töten wegen politischen Idealen fand er dumm. Die Guten gegen die Bösen – nicht mit ihm. Die Guillotine mit ihrem ständigen sssssst, knirsch, plopp ging ihm auf die Nerven. Überhaupt all das Blut. Es reichte doch, über so etwas zu schreiben. So wurde de Sade zu einem ungewöhnlich milden Richter, der einem köpffreudigen Weltverbesserer und Menschheitslehrer wie Robbespiere ordentlich auf die Nerven ging. Und so wurde de Sade einmal mehr zum Tode verurteilt. Diesmal, weil er andere nicht zum Tode verurteilen wollte, womit er den ganzen Spaß an der Revolution verdarb.

                                                                         

Jedoch: Erneut entging der philanthropische Sadist dem Tod. Robbespiere  wurde im Juli 1794 gestürzt, und die Karten neu gemischt. Es ging etwas ruhiger, aber nicht stressfrei weiter. Ziemlich verarmt musste de Sade sich und seine Geliebte (die Schauspielerin Marie-Constance Quesnet) mit Gelegenheitsarbeiten und ein paar schlecht bezahlten Veröffentlichungen über Wasser halten. Dann allerdings kam 1801 Napoleon Bonaparte an die Macht und de Sade brauchte sich bis zu seinem Lebensende nicht mehr um Jobs zu bemühen. Es ging ohne Gerichts-verhandlung schnurstracks ins Kittchen und die letzten elf Lebensjahre wieder in die Klapsmühle, wo de Sade munter weiter schrieb und mit den Insassen einige Stücke aufführte, an denen laut Augenzeugen alle Beteiligten viel Freude hatten. Grund der Verhaftung waren diesmal seine wenig staats-tragenden Bücher „Juliette“ und „Justine“.

                                                                         

Der Plot der beiden Bände ist schnell erzählt: Justine glaubt an die Tugend, lebt nach der goldenen Regel und kriegt ständig eins auf die Mütze. Zum Schluss wird sie noch vom Blitz erschlagen. Juliette lebt unmoralisch und kommt zu Geld, Ansehen und persönlichem Wohlbefinden. So simpel das auch klingt, und so wenig de Sade als Philosoph mit Kant mithalten kann: Als Mr. Hyde eines vernunftbasierten Moralisten Dr. Jekyll macht er schon etwas her.  Alle Einwände gegen eine bürgerlich-christliche Moral, aber auch gegen den Gesellschaftsvertrag, welche später Stirner und Nietzsche ins Feld führen, sind bei de Sade im Wesentlichen vorweggenommen. Auch Surrealisten und Existenzialisten machten einen Knicks in Richtung des göttlichen Marquis. Simone de Beauvoir beantwortete die selbstgestellte Frage, ob man de Sade verbrennen solle, mit einem klaren „nein“. Sie schreibt dazu so schöne Sätze wie „Trügerisch, phantastisch fesselt uns die Tugend an eine Welt des Scheins, während dem, was man als Laster bezeichnet, die enge Verbundenheit mit dem Fleisch Wirklichkeit und Echtheit gibt.“

                                                                          

Schließlich wurde de Sade, selbst inspiriert von gotischer Schauerliteratur wie Matthew Gregory Lewis „Der Mönch“, auch zum Ahnherren der schwarzen Romantik. Als er am 2. Dezember 1814 sein Lebenslicht verlöschen sah, ließ er einen Popen kommen und söhnte sich mit der katholischen Kirche aus, die er zeitlebens beschimpft und lächerlich gemacht hatte. Ein Kunstgriff, den ihm später allerhand dekadente Romantiker und Fin-de-siècle-Satanisten nachmachten. Erst Jesuiteninternat – dann böse sein – kurz vor Ende Reue zeigen. 

                                                                                    

Sollte mich jemand kurz vor meinem Tod auch im Schoße der Kirche wiederfinden, dann möge sie oder er wissen: Ich tu's nur, um mit Leuten wie dem Marquis de Sade zwischen all den furchtbar perfekten Sackgesichtern im Himmel zu sitzen. De Sade gruppiert dann im Geiste bestimmt die Englein zu kunstvollen Vögelgruppen und baut sich aus Harfensaiten eine Neunschwänzige, und was ich dann tue, verrate ich nicht.

 

(Juni 2006)