Edgar Allan Poe - ein fröhlicher Nachruf zum 200. Geburtstag

 

Wir müssen uns Poe als einen glücklichen Menschen vorstellen. Es ist seltsam, dass sich Biographen und Feuilletonisten immer wieder auf Poes Unglück, seiner Tragödie, seinem Scheitern ausruhen. Er selbst tat das nicht, wie sein Lebenslauf beweist. 

Ob es das weise Walten gewisser Musen oder eine eigene Entscheidung nach anthroposophischer Lehre oder einfach ein glücklicher Zufall gewesen ist – Poe inkarnierte zielsicher in Umstände, die einen späteren Meister düsterer, makaberer und grotesker Erzählungen formen und fördern und mit jener dunklen Gloriole versehen, die seiner künftigen Legende nützlich ist. Die Mutter eine junge und schöne Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin, bereits früh verwitwet und wieder verheiratet; der Vater ebenfalls ein umher reisender Mime, wenngleich weniger erfolgreich und ein Jahr nach Edgars Geburt auf und davon. Die Leute munkelten von Neid, von Schulden und von Trunksucht; zumindest verschwand David Poe in der Versenkung, während seine Frau Elizabeth mit dem dreijährigen Henry, dem einjährigen Edgar und der noch ungeborenen Rosalie zurückblieb. Mit ihren Talenten und der Unterstützung mildtätiger Damen aus der feinen Richmonder Gesellschaft hätte sie sich und ihre Kinder vermutlich durchbringen können, aber die Tuberkulose raffte sie ein Jahr später qualvoll dahin. In dieser gefährlichen Situation hatte der kleine Poe doppelt Glück: Zum einen steckte er sich nicht an, zum anderen blieb ihm das Kinderheim erspart, da eine jener besser betuchten Richmonder Damen, die Frau des Tabakhändlers John Allan, den zweijährigen Dreikäsehoch in ihren Haushalt aufnahm, während seine Schwester bei dem benachbarten Ehepaar McKenzie Obdach fand. Henry hatten Poes Eltern schon kurz nach seiner Geburt aufgrund ihrer Armut zu den Großeltern nach Baltimore gebracht.

Bei Frances und John Allan konnte Klein-Edgar in ordentlichem Putz einhergehen, Sonntags manierlich Braten essen, schwarze Dienstboten ins Herz schließen und sich von Frances und ihrer Schwägerin Nancy Valentine verwöhnen lassen wie ein kleiner Prinz. Lediglich Anflüge erzieherischer Strenge seitens des Ziehvaters trübten ab und zu das Glück des hübschen und aufgeweckten Knaben. Wie es einem angehenden Dichter ziemt, wurde Poe eine ordentliche klassische Bildung zuteil, vor allem während eines Großbritannien-Aufenthalts zwischen seinem sechsten und elften Lebensjahr. Dort wandelte der junge Gentleman mit schon fast aristokratischer Miene durch die Hallen der ehrwürdigen Old Grammar School oder die Parkanlagen des Internats Manor House, dass es eine Art hatte.  

1820 kehrte Poe mit seinen Zieheltern nach Richmond zurück und erhielt weiterhin eine erstklassige Ausbildung. Anders als viele andere überaus schlaue Schulkinder war Poe kein anämischer Hänfling, sondern trotz seiner etwas mickrigen Statur ein hervorragender Sportler, der seine Kameraden ebenso mit altgriechischen Zitaten aus der Illias wie mit Schwimmrekorden, rasant gelaufenen Schlittschuhen oder einer zielsicher abgefeuerten Pistole beeindruckte. Viele pubertäre Peinlichkeiten blieben ihm dank seines Geschicks erspart. Auch sein Liebesleben gestaltete sich von Anfang an glücklich. Zunächst suchte er sich, wie es jedem Heranwachsenden zu empfehlen ist, ein nicht erreichbares Objekt der Begierde, von dem er träumen und das er bedichten konnte: die Mutter eines Schulfreundes, die er in seinem frühen Gedicht „To Helen“ unter anderem mit diesen Versen bedenkt:

 „On desperate seas long wont to roam,
 Thy hyacinth hair, thy classic face,
Thy Naiad airs have brought me home
 To the beauty of fair Greece,
And the grandeur of old Rome.”  

Hier zeigt sich Poe als von Byron und anderen Romantik-Hasardeuren beeinflusster Schönschwätz, der aufkeimende Erotik altphilologisch zu sublimieren weiß. Von solch verklärenden Apotheosen weiblicher Schönheit konnte sich Poe nie ganz freimachen. 1948 wurde ein anderes „To Helen“ gedruckt, das, diesmal einer anderen Frau gewidmet, dem frühen Gedicht an Schwülstigkeit den Rang abläuft. So ist es nachvollziehbar, dass Poe nicht in erster Linie als Liebeslyriker erinnert wird, zu sehr sind seine romantischen Verse dem Konventionellen seiner Zeit verhaftet.

Die keusch verehrte Mutter des Schulfreundes starb kurz nach Poes Niederschrift des Gedichts infolge eines Hirntumors in geistiger Umnachtung. Etwas zweifelhaften Quellen zufolge soll sich Poe in manchen Nächten bei ihrem Grab herumgetrieben haben. Zumindest behielt er das Andenken der schönen Jane Stith Stanard im Herzen. Poe war allerdings nicht nur Gefühlsdusel und Romantiker, sondern auch Rationalist und pragmatisch genug, sein Bedürfnis nach Anbetung bald auf Sarah Elmira Royster zu richten, eine fast gleichaltrige junge Dame, nur ein paar Straßen weiter. Man spazierte durch den Garten und musizierte (sie Piano, er Flöte). Man verlobte sich. Heimlich, obwohl Poe bei den Roysters gewiss als gute Partie betrachtet wurde. Es klingt, als hätte Poes Leben das Format einer zahnlosen amerikanischen Vorabendserie angenommen, ein watteweiches Flanieren in den muffigen Städtchen der erz-konservativen Südstaaten. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn Poe die junge Royster zu diesem Zeitpunkt geheiratet und mit ihr, seinen Zieh- und Schwiegereltern ein wohlhabendes Sonntagsbraten-Leben in Richmond geführt hätte. Aber Poe blieb das von den Musen erwählte Glückskind, und nach einer Periode einlullenden Dandytums mit netten Gedichten und Schwimmwettbewerben braute sich ein heftiges Gewitter im Hause der Allans zusammen.

Poes Ziehvater pflegte aushäusige Beziehungen und hatte uneheliche Kinder. Das Doppelleben des Tabakhändlers kam ans Licht, Poe schlug sich auf die Seite seiner Ziehmutter und machte John Allan schwere Vorwürfe. Diesem war der gebildet-eingebildete Poe mit seinen literarischen Kapriolen schon vorher sauer aufgestoßen, jetzt aber erinnerte Allan seinen Ziehsohn daran, dass er ihn nie adoptiert hatte und er somit keinerlei Rechte genoss. Poe, zu dessen Stärken weder Diplomatie noch Unterwürfigkeit zählten, sagte Allan deutlich, wie erbärmlich er diese Machtdemonstration fand. Allan trieb den Kampf allerdings weiter und schrieb einen Brief an Edgars Bruder Henry in Baltimore, in dem er sich vage über die Undankbarkeit des von ihm verwöhnten Waisenkindes ausließ. Außerdem erwähnte er, dass er aus gewissen Schriften der verstorbenen Elizabeth Poe ersehen hätte, dass Rosalie ein uneheliches Kind und offenkundig der Grund für das Fortlaufen ihres Gatten war. Mit diesem Mittel wollte er Poe zum Schweigen bringen, immerhin stand sein Ruf in Richmond auf dem Spiel. Für Erpressungen dieser Art zeigte sich Poe allerdings noch weniger empfänglich als für Drohungen und Vorwürfe. Trotzdem spürte er mit wachsendem Unbehagen, auf welch wackligem Fundament seine Zukunft stand. Zu diesem Zeitpunkt war Allan ein Geschäftsmann mit eher schwankendem Erfolg, aber kurz darauf erbte er auf einen Schlag eine Dreiviertel Million Dollar. Nun hätte Poe in den Augen der Roysters erst recht als hervorragender Schwiegersohn dagestanden, wäre er als Erbe ernannt gewesen. John Allan dachte aber gar nicht daran, ihm auch nur einen Bruchteil seines Vermögens zu vererben. Er sah es bereits als gnädig an, Poe eine karge Unterstützung für sein Studium an der frisch eröffneten Universität von Virginia zu bewilligen. Poes Studentenleben war geprägt von seiner Gentleman-Attitüde auf der einen, und seinen eher bescheidenen kargen finanziellen Mitteln auf der anderen Seite. Poe trat als „Sohn“ eines reichen auf, brillierte in seinem Studium alter und neuer Sprachen und machte Schulden. Um die Schulden begleichen zu können, versuchte er sich im Glücksspiel. Poe schloss sich mit einigen eher zwielichtigen Kommilitonen zusammen, die ihn auch an den Alkohol heranführten. Ein Gläschen unter Studenten ist für gewöhnlich kein Drama. Poe litt jedoch unter einer Alkohol-Unverträglichkeit bei gleichzeitiger Suchtneigung. Schon nach kleinen Mengen wandelte sich Poe vom Feingeist zum Radaubruder. Einige verheerende Partien Whist später wurde Ziehvater Allan über die Umtriebe seines Mündels informiert. Mittlerweile 2500 Dollar. Der Schotte sah rot, zahlte keinen einzigen Cent, exmatrikulierte sein Ziehkind und bereitete Poe im Januar 1827 einen überaus frostigen Empfang in seinem neu errichteten Pracht-Anwesen in Richmond. Der Stolz des jungen Poe litt. Selbstzweifel und Zukunftsängste nagten an ihm. In den ständigen Streiterein mit seinem Ziehvater schlug er immer mildere Töne an. Er suchte Trost bei seiner Liebsten, aber Sarah hatte nicht einen einzigen seiner Briefe bekommen und befand sich in Begleitung eines jungen Mannes, der erwartungsvoll um sie herum scharwenzelte. Sarahs Eltern hatten Poes Briefe entsorgt und Sarah das Schreiben verboten, nachdem sie erfahren hatten, dass Poe als Erbe des schönen Allan-Vermögens gar nicht vorgesehen war. Allan nutzte den demoralisierten Zustand Poes, um ihm Vorschläge für die Zukunft zu unterbreiten. Etwas Vernünftiges solle er machen und in Drei-Teufels-Namen die literarischen Ambitionen aufgeben. Edgar Allan Poe war glücklich genug, seinem einzigen potenziellen Erhalter in diesem Punkt zu widersprechen. Im März 1827 kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den beiden ungleichen Männern. Poe verließ das Haus und stürmte in ein Pub. Von dort wechselte Poe mehrere Briefe mit Allan. Es endete damit, dass Poe mit einer kleinen Summe Geldes, die ihm Frances von einem Sklaven hatte bringen lassen, unter dem Namen Henri le Rennet nach Boston einschiffte. Dort gab er seine letzten Dollar, um einen Gedichtband im Selbstverlag drucken zu lassen: „Tamerlane and other Poems“. Als Autorenname nur: Von einem Bostoner. Mögen die zehn Gedichte in diesem ersten Druckerzeugnis auch recht pompös tönen – niemand sollte sich um den Spaß bringen, Tamerlane einmal in voller Länge laut zu skandieren, mit oder ohne die wundervoll angefügten Endnoten.[1] Und diese Gedichte sind schließlich nur der Auftakt. Was in den nächsten 22 Jahren folgt, dürfte beinahe jede Schriftstellerin und jeden Schriftsteller brüskieren: Poe liefert mit seiner Lyrik inklusive dazugehöriger „Philosophie der Komposition“ dem Symbolismus ein Fundament und darf so als ein Wegbereiter der modernen Lyrik betrachtet werden. Poe treibt die bisher kaum knospende Literaturkritik in den USA zu einer ersten großen Blüte. Poe liefert mit dem Privatdetektiv Auguste Dupin inklusive watsonartiger Helferfigur die Vorlage für Sherlock Holmes, Hercule Poirot, Miss Marple und alle folgenden Schnüfflerinnen und Schnüffler des Krimi-Genres. Auch die short-story im engeren Sinne geht auf Poe zurück. Manche schreiben ihm nonchalant auch noch die Urheberschaft für das Science-Fiction-Genre zu. Wie immer man in dieser Hinsicht sein wüstes Romanmanuskript „Der Bericht des Arthur Gordon Pym“ (1837) bewerten mag – sicher ist, dass Lovecrafts „Berge des Wahnsinns“ ohne die poeschen Südpol-Vögel mit ihren Tekeli-li-Rufen nicht ganz so wahnsinnig ausgefallen wären. Wenn Poe in „ein verbrauchter Mann“ (1839) einen General A.B.C. Smith als Tag für Tag aus Einzelteilen zusammengesetztes Etwas darstellt, setzt er sich über 130 Jahre vor dem „Männerphantasien“ zerfleddernden Klaus Theweleit mit männlich-militärischer Identität anhand eines Soldatenkörpers auseinander. Wenn Poe mit „Der Mann in der Menge“(1840) die wohl erste Flaneur-Kurzgeschichte der Literatur veröffentlicht, dann deuten sich in dem Großstadtgewühl, der Verlorenheit des Einzelnen und der undurchschaubaren Masse bereits moderne Klassiker wie Berlin Alexanderplatz an. Wenn Poe in „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ (1841) den Fund zweier Leichen in einem verschlossenen Raum ohne ersichtlichen Fluchtweg für den Täter beschreibt, entwickelt er das Krimi-Subgenre der „Locked-Room-Mysteries“. Wenn Poe in der Kriminalgeschichte „Das Geheimnis der Marie Roget“ (1842) ein Täterprofil erstellen lässt, blitzt die heutige Methode des Profiling auf. Wenn Poe in „Das System des Doktor Teer und des Professor Feder“ (1845) eine Irrenanstalt beschreibt, in der die Insassen mit den Wärtern die Plätze getauscht haben, ohne dass es zunächst auffällt, offenbart er bereits eine eher zum 20. Jahrhundert gehörende Sichtweise auf die komplexen gesellschaftlichen Zuschreibungen und Wechselspiele in Hinblick auf Gesundheit und Wahnsinn des Individuums. Und dann wären da natürlich noch die Horrorgeschichten: Wo in den Gruselgeschichten seiner Zeit das Grauen in der Regel von außen kam – sei es durch kettenrasselnde Geister, bösartige italienische Adelige oder verfluchte Teufelsbündner – verlagert Poe die Quelle des Schreckens ins Innere seiner Protagonisten, wobei er nebenbei den unzuverlässigen Ich-Erzähler in der Literatur verankert. Poe orientiert sich hier deutlich an Vorbildern – vor allem an der deutschen Schauerromantik. Trotzdem darf er zu Recht behaupten: „Dieser Schrecken kommt nicht aus Deutschland, sondern aus der Seele.“

Vielleicht darf man Poe, der sich auch gern manch derben Jux ausdachte, sogar die erste Veralberung einer Gruselgeschichte zuschreiben. „Die Fakten im Fall Waldemar“ (1845) lesen sich wie beides: eine unheimliche Erzählung und eine Persiflage darauf. Davon abgesehen geht es auch hier wieder um einen bis heute aktuellen Stoff: Die künstliche Verlängerung des Lebens. Um die Liste der literarischen Neuerungen Poes abzuschließen: Manche sehen in ihm auch einen Pionier der L’Art pour L’Art Attitüde. Er selbst hätte das vermutlich anders gesehen – unstrittig ist aber, dass Poe die Erbauungs- und Belehrungsliteratur seiner Zeitgenossen abschüttelte wie lästigen Staub.

Der Witz ist: Poe war der modernste Autor seiner Zeit und zugleich in seinen Ansichten aus damaliger wie heutiger Sicht alles andere als progressiv. Poe glaubte nicht an den Fortschritt der Menschen. Für ihn brachten weder technische Neurungen noch aufklärerische Bildung eine substantielle Verbesserung des Daseins. In Poes Augen wirkt im Menschen ein tückischer Kobold, der mit dem Hintern umreißt, was sein Wirt mit den Händen aufgebaut hat. „Sad but true“, wie es in einem Metallica-Song heißt, der dieses wiederkehrende Poe-Motiv aufgreift. Der scheinbar motivlose Verbrecher ist bei Poe nicht Anomalie sondern extremer Ausdruck einer conditio humana, die zu Hoffnung wenig Anlass gibt. Natürlich hoffte Poe, von guten Geistern beseelt wie er war, dennoch. Immer wieder leuchtete er mit der Funzel der Ratio in die scheinbar bodenlosen Löcher des Irrsinns, entlarvte Aberglaube, Trickbetrügerei und die Dummheit der Massen, attestierte sich eine „Verachtung aller gegenwärtigen Dinge bei ernstestem Verlangen nach Zukunft“ und ließ sich andererseits vom positivistisch-vernünftelnden Zeitgeist nicht davon abhalten, von einer Verzauberung der Welt zu träumen, die im Letzten immer geheimnisvoll bleibt. „Truth is stranger than fiction“ – dieser Satz stammt von Poe. Aber man muss nicht ins Kategorische driften, um sich Poes beinahe unverschämte Hoffnung vor Augen zu führen: In den Vereinigten Staaten seiner Tage ließ sich mit Literatur kaum ein Blumentopf und mit Lyrik nicht mal eine Handvoll Blumenerde verdienen – und Poe versuchte es immer wieder.

Nach dem Abmarsch aus dem Hause Allan versuchte es Poe in Boston als Buchhalter, endete aber schließlich dort, wo junge Männer ohne Geld in den USA noch heute enden – bei der Armee. Die nächsten zweieinhalb Jahre dürfen als kurioses Zwischenspiel im Leben eines Dichters betrachtet werden: Als Soldat der U.S. Artillerie legte Poe eine ordentliche Karriere hin. Seine Vorgesetzten erkannten rasch seine intellektuellen Fähigkeiten, übertrugen ihm Büroarbeiten und beförderten ihn in Windeseile. Die leichten Tätigkeiten ließen Poe genug Zeit, um zu schreiben. Er führte ein beschauliches Leben, fand das Militär aber wenig ersprießlich und schrieb seinem Ziehvater Briefe, mit der Bitte, ihn ins zivile Leben zurückkehren zu lassen. Der aber war froh, Poe los zu sein. Frances Allan hingegen sehnte sich nach ihrem „dear boy“. An Tuberkulose erkrankt hoffte sie inständig, ihr Ziehkind noch einmal zu sehen. Ihr Mann aber blieb stur bis zum buchstäblich letzten Augenblick. Erst dann ließ er nach seinem Ziehkind schicken. Als Poe Richmond erreichte, lag seine Mutter gerade einen Tag unter der Erde. John ließ sich dazu herab, einen Traueranzug springen zu lassen. Den letzten Wunsch seiner Frau – mit der Beerdigung zu warten bis Edgar in Richmond war – hatte er allerdings ignoriert. Augenzeugen berichten, dass Poe zitternd und wimmernd am Grab kauerte.

Auch wenn es schwer vorstellbar ist: John Allan und Poe näherten sich zumindest so weit an, dass Poe einige Tage bei seinem Ziehvater in Richmond lebte und mit dessen Einverständnis und einem kühlen Empfehlungsschreiben eine Fortsetzung seiner militärischen Laufbahn in West Point ins Auge fasste. Vielleicht hoffte Poe, durch diesen Kompromiss doch noch als Erbe eingesetzt zu werden. Am Militär zumindest lag ihm nichts. Da er in West Point erst in einem Jahr seinen Dienst antreten konnte, blieb Poe weiterhin auf die Zuwendungen seines Ziehvaters angewiesen, der ihm tatsächlich von Zeit zu Zeit kleine Summen bewilligte. Poe lebte in diesem Jahr in Baltimore und suchte, nachdem er im Hotel von einem Cousin ausgeraubt worden war, bei seiner Tante väterlicherseits Unterschlupf. Die herzensgute Maria Clemm wurde seine „Muddy“. In ihrem bescheidenen Haus lebte Poe zusammen mit seinem Bruder Henry, seiner Großmutter Mrs. David Poe senior und seiner Cousine Virginia. Poe feilte weiter an seiner literarischen Karriere und brachte 1829 nach einigem Hin und Her einen Band mit neuen und überarbeiteten Gedichten bei „Hatch und Dunning“ heraus: „Al Aaraaf, Tamerlane and Minor Poems“. John Allan war erstaunt über diesen kleinen Erfolg seines Pflegekindes und ließ Poe tatsächlich wieder ein paar Monate bei sich wohnen, inmitten eines Komforts, der den Verhältnissen im clemmschen Haushalt Hohn sprach. Dennoch war Allan heilfroh, als Poe endlich nach West Point zog, zumal seine neue Geliebte schwanger war. Es kam zu neuen Streiterein, Poe schrieb einen Brief an einen Bekannten von der Armee, dem er noch ein wenig Geld schuldete. In diesem Brief erlaubte sich Poe eine negative Bemerkung über seinen Ziehvater. Der Bekannte benutzte den Brief später, um Poes Schulden von John Allan einzutreiben. Nach diesem Vorfall ließ Allan seinen Ziehsohn endgültig fallen und setzte seine neugeborenen Zwillinge als Erben ein. Da Poe nun keinen Grund mehr dafür sah, sein Leben als Kadett zu vertrödeln, ließ er sich genug Unregelmäßigkeiten zu Schulden kommen, um vom Dienst suspendiert zu werden. Poe schlug sich eine Weile mehr schlecht als recht in New York durch und klopfte Ende März 1831 wieder an der Tür der Clemms in Baltimore. So herzlich er aufgenommen wurde – das Geld reichte hinten und vorne nicht, zumal die Großmutter gestorben und ihre Rente somit passé war. Die Bettelbriefe, die Poe in tiefer Armut an seinen Ziehvater richtet, gehörten zum niederschmetterndysten, was der Autor je zu Papier brachte. Die Schreiben schwanken zwischen mühsam verteidigtem Stolz, unterwürfiger Selbstverleugnung und blanker Not. Bereits die wechselnden Anreden geben einen Einblick in die Misere: „Sir“ heißt es noch trocken am 3. Januar 1831, am 16. Oktober bereits „Sehr geehrter Herr“, schließlich „Mein lieber Pa“ am 18. November. Der „liebe Pa“ blieb jedoch auf seinem ererbten Vermögen hocken, während die Menschen im Hause Clemm von Hunger und Krankheit gezeichnet inmitten einer Choleraepidemie dahinvegetierten. Henry starb im August 1831 ausgezehrt und alkoholkrank.

Poe tat das, was in einer solchen Lage nicht viele fertig gebracht hätten: Er steckte seine Kraft mehr denn je ins Schreiben. In Hinblick auf seine widerborstige Ausdauer und die Fähigkeit sein Glück im Widerstand zu finden, war Poe noch immer der 15jährige Junge, der den James River in Richmond siebeneinhalb Meilen flussaufwärts schwamm, solange, bis seine Kräfte nachließen.

Poe versuchte sich zunehmend in Prosa und arbeitete obendrein an seinem einzigen, unvollendet gebliebenen Drama, „Politian“. In seiner Geschichte „Manuskriptfund in einer Flasche“ legt Poe dem Ich-Erzähler folgende Sätze in den Mund, die sich wie ein kleines künstlerisches Manifest lesen: „Trotzdem überwiegt eine gewisse Neugier, die Geheimnisse dieser schrecklichen, hehren Regionen zu ergründen, und versöhnt mich gleichsam wieder mit dem Aspekt auch des scheußlichsten Todes. Liegt es doch auf der Hand, dass wir vorwärtsstürmen, irgendeiner erregendsten Erkenntnis zu, einem niemals bekanntzumachenden Geheimnis, dessen Erreichung gleichbedeutend ist mit Zerstörung.“ 

Der Text gewann 1833 den von einer Zeitung ausgeschriebenen Preis als beste Kurzgeschichte. Poe war um 50 Dollar reicher, seine Bekanntheit wuchs und einflussreiche Leute wurden auf ihn aufmerksam. Schließlich erhielt Poe einen Mitherausgeber-Posten beim „Southern Literary Messenger“ in Richmond, wo sein Ziehvater mittlerweile unversöhnt gestorben war. Dort arbeitete Poe vom Herbst 1835 bis Januar 1837. Die Auflage des Blattes vervielfachte sich in dieser Zeit von 700 auf 3500, was maßgeblich an Poes Beiträgen lag.

Den neuen Posten im Rücken heiratete Poe im September 1835 heimlich seine erst 13jährige Cousine Virginia Clemm. Im Mai des Folgejahres ließ das Paar eine offizielle Hochzeit folgen, bei der Virginia dem zuständigen Amt als 21jährig untergejubelt wurde. Man kann die Ehe Poes mit seiner minderjährigen Cousine bloß wunderlich oder glattweg ekelhaft finden – eine gleichberechtigte Beziehung darf zumindest ausgeschlossen werden. Ob das kinderlose Verhältnis der beiden rein geschwisterlich war, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall hing Poe sehr an Virginia und an Maria Clemm, die als „Muddy“ bis zum Ende mit von der Partie war.Der „Southern Literary Messenger“ gedieh prächtig, zog überregionales Interesse auf sich und wurde zur einflussreichsten Zeitschrift der Südstaaten. Herausgeber Thomas White wäre rundum zufrieden gewesen, wenn Poe nicht hin und wieder deutliche Anzeichen von Alkoholmissbrauch gezeigt hätte. Es kam zur Abmahnung, Poe gelobte Besserung und meinte es, wie immer, todernst damit. So geduldig White sich zeigte, Poe hatte Schwierigkeiten mit einer Festanstellung, noch dazu als Untergebener. Er träumte von einer eigenen Zeitschrift. Ein Plan, der ihn bis an das Ende seines Lebens begleitete.  

1837 zog Poe mit seiner kleinen Familie nach New York, mit der Aussicht, in die Redaktion der „New York Review“ aufgenommen zu werden. Der große Bankkrach vom 6. April 1837 blieb jedoch auch für diese Zeitschrift nicht ohne Konsequenzen, und Poe sah sich wieder ohne Gehalt. In dieser schwierigen Lage steckte er seine ganze Energie in ein neues Projekt – seinen ersten und einzigen Roman: „Der Bericht Arthur Gordon Pyms“. Maria Clemm hielt unterdessen sich und das junge Paar mit einem kleinen Pensionsbetrieb notdürftig über Wasser. Das Buch wurde noch im gleichen Jahr gedruckt, brachte Poe aber nicht den gewünschten wirtschaftlichen Erfolg.

1838 zog er mit Virginia und Maria aus dem krisengeschüttelten New York nach Philadelphia, wo er Mitherausgeber und Redakteur des „Gentlemen’s Magazine“ wurde. Im Großen und Ganzen wiederholte sich das Gleiche wie beim „Southern Literary Messenger“. Poe schrieb viele fesselnde Texte in unterschiedlichen Sparten – darunter die Erzählung „Der Untergang des Hauses Usher“ –, die Zeitschrift erlebte eine ungeahnte Blüte, Poe wurde wieder unruhig, überwarf sich mit seinem Chef und sah sich nach neuen Betätigungsfeldern um. Poe versuchte, die Idee einer eigenen Zeitschrift voranzutreiben. Im Herbst 1840 sah man ihn mit einigen „Prospectus of the Penn Magazine – a Monthly Literary Journal to Be Edited and Published in the City of Phildalephia” herumlaufen. Tatsächlich fanden sich genug Subskribenten, aber Poes finanzielle Mittel ließen keinen Druck zu, so dass er froh sein konnte, eine Anstellung bei „Graham’s Magazine“ zu erhalten, einer Zeitschrift, in die das „Gentlemen’s Magazine“ aufgegangen war. Poes Salär verbesserte sich auf 800 Dollar jährlich, er veröffentlichte die erste Geschichte um Detektiv Dupin „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ und ließ, wegen des großen Zuspruchs, den Detektiv noch zwei weitere Fälle in „Graham’s Magazine“ lösen, bevor er das Genre für ausgereizt hielt. Letztlich gab es aber auch hier bald Ärger: Poe behagte die Position als Angestellter nicht, er trank, wurde ermahnt, trank wieder und fand schließlich einen gewissen Rufus Wilmot Griswold auf seinem Redakteursstuhl. 

Alles in allem hatte Poe in Phildaelphia eine lukrative und besonders produktive Phase. Philadelphia war auch die Stadt, in der Poe seinen größten literarischen Erfolg feierte: Ein Schulbuch über Schnecken und Muscheln. Zumindest wird dies gerne als Schwank erzählt, auch wenn es nicht ganz der Wahrheit entspricht. Poe, mittlerweile kein Unbekannter mehr, wurde, um den Umsatz zu steigern, gebeten Vorwort und Einleitung für „The Conchologists First Book, or a System of Testaceous Malaciology“ zu schreiben, wofür er 50 Dollar erhielt. Finanziell erfolgreicher war Poes Erzählung „Der Goldkäfer“, eine Schatzsuchergeschichte inklusive Dechiffrier-Orgie eines verschlüsselten Textes. „Der Goldkäfer“ gewann den ersten Preis eines Wettbewerbs und Poe erhielt 100 Dollar. Kein Geld brachte hingegen Poes folgende Veröffentlichung, die zweibändigen „Tales of the Grotesque and Arabesque“. Der Verlag stattete Poe lediglich mit einigen Belegexemplaren aus. Wer heute einen oder gar beide Bände mit insgesamt 24 Erzählungen besitzt, ist reicher, als Poe es in seinen besten Zeiten gewesen ist. Selbst der Schneckenschmöker erzielt mittlerweile unter Sammlern Wucherpreise.

Poe versuchte sich als freier Autor und Journalist und arbeitete weiterhin an der Realisierung einer eigenen Zeitschrift, die er nun „The Stylus“ nennen wollte. Allerdings lag seine junge Frau im Sterben. Wieder war es die Tuberkulose, wieder steckte Poe sich nicht an, wurde aber durch Virginias Dahinsiechen in dauernde Unruhe und tiefe Schwermut gerissen. Mehr als sonst ließ er seine guten Vorsätze fahren und trank. Wenige Gläser Wein, den Poe mit Ekel trank, reichten aus, um ihn in einen komplett betrunkenen Mr. Hyde zu verwandeln. Die Trunksucht kostete Poe einiges an dem guten Ruf, den er sich erworben hatte. Besonders fatal dürfte sich ein besoffener Auftritt des Schriftstellers im weißen Haus in Washington ausgewirkt haben. Danach konnte er sich sein Stylus-Projekt aus dem Kopf schlagen.  

Arm, krank und nervlich angeschlagen kehrte Poe schließlich nach New York zurück. Virginias Gesundheit verschlechterte sich zusehends. Das junge Paar und die treue Maria suchten einen ruhigen Ort und kamen bei einer irischen Familie auf dem Land, auf der Bloomingdale Farm (heute verläuft dort der Broadway) unter. Hier brachte Poe sein Gedicht „Der Rabe“ in die endgültige Form. Es erschien 1845 zunächst anonym im „Evening Mirror“ und sorgte für Furore und zahlreiche weitere Veröffentlichungen. Über Nacht war Poe in den USA bekannt. In scheinbar aussichtslosen Umständen hatte er das bis heute populärste Gedicht der Vereinigten Staaten vom Stapel gelassen. Poes Ruhm ließ ihn zum gefragten Rezitator und zum willkommenen Gast in den Salons der Literati werden, wo er allerlei Bekanntschaften schloss. Sein Temperament ließ ihn recht eindeutige Positionen beziehen und verwickelte ihn in hitzige Debatten. Als Poe einige Porträts literarischer Leicht- und Mittelgewichte zu „Godey’s Lady’s Book“ beisteuerte, sorgte er mit seinen unverblümten, wenig schmeichelhaften Darstellungen für einigen Wirbel und brachte nicht wenige Bekannte gegen sich auf, als wolle er sich in dieser Hinsicht zum Ahnherren von Thomas Bernhard aufschwingen.

Als im Dezember 1846 eine Freundin aus New York Poe auf der Bloomingdale Farm besuchte, fand sie ihn und „Muddy“ in heilloser Armut und Virginia, eingehüllt in Poes Mantel und die Katze „Catherine“ als Wärmflasche auf der Brust, sterbend vor. Durch diese Freundin (Mrs. Mary Louise Shew) und einen Aufruf in der Zeitung konnte die kleine Familie ihre Schulden bezahlen und hatte durch den Winter hindurch genug zu essen. Virginia verschied friedlich im Januar 1847. Endlich hatte ihr Leiden ein Ende, und – in gewisser Hinsicht – auch das ihres Mannes. Das Siechtum seiner verehrten Cousine hatte Poe stärker belastet als ihr Tod. Maria und Mrs. Shew kümmerten sich um den angeschlagenen Dichter, bis er der letzteren etwas zu anhänglich wurde. Zumindest rappelte sich Poe wieder auf, erschien wieder bei Freunden und schrieb sein Essay „Eureka“. Halb naturwissenschaftlich, halb religionswissenschaftlich entwirft Poe darin eine These von der Entstehung des Universums, die der späteren Urknalltheorie verblüffend ähnelt. Poe findet in dieser eigenwilligen Schrift auch eine bis heute akzeptierte Lösung für das Olberssche Paradoxon. Der deutsche Astronom Heinrich Wilhelm Olbers formulierte 1826 die Frage, wie der Nachthimmel dunkel sein könne, wo doch in einem ewigen, statischen Universum in jeder Richtung ein Stern zu sehen sein müsste. Poe weist daraufhin, dass das Universum offenbar weder ewig besteht, noch statisch ist.  

Tatsächlich reiste Poe mit seiner Kosmogonie durch die Staaten und hielt gut besuchte Vorträge, wenn er nicht den Raben rezitierte. Obendrein schrieb er einige seiner eindrucksvollsten Gedichte – „Die Glocken“, „Ulalume“, „Annabel Lee“ – sowie weitere, äußerst packende Kurzgeschichten – „Der Froschhüpfer“, „Das Fass Amontillado“. Bei seinen Reisen lernte er auch Annie Richmond und Sarah Helen Whitman kennen. Annie war verheiratet, die Literatin Sarah, die Poe schon einmal gesehen hatte und anschließend in „To Helen“ bedichtet hatte, verwitwet. Poe machte Sarah den Hof, sie willigte zögerlich in seine Heiratsabsichten ein, mit der Auflage fortan keinen Tropfen Alkohol mehr anzurühren. Tatsächlich kreuzte Poe bei einer Nichttrinker-Vereinigung, den Sons of Temperance, auf. In Herzensangelegenheiten war er jedoch völlig durcheinander. Virginia geisterte durch seine Träume, er sehnte sich nach Sarah, mehr aber noch nach Annie, deren Mann er lieber tot gesehen hätte. In dieser Verwirrung unternahm Poe im November 1848 in Boston einen Selbstmordversuch. Die tödlich hohe Dosis Laudanum erbrach er jedoch, bevor das Opium-Derivat irgendeinen Schaden anrichten konnte.

Die Ehe mit Sarah Whitman kam schließlich doch nicht zustande. Vermutlich hatte die Mutter ihrer Tochter deutlich abgeraten, zumal Poe wieder einmal König Alkohol seine Gefolgschaft antrug.  

Poes letzte Liebschaft schloss den Kreis zu seiner ersten gegenseitigen. Sarah Elmira Royster war mittlerweile wieder zu haben, der von den Eltern aufgeschwatzte Parvenu verstorben. Nach einem erfolgreichen Vortrag Poes in Richmond kamen die beiden sich näher. Eine Hochzeit mit der gut betuchten Witwe sollte dem Leben des verarmten Schriftstellers und der treuen Maria Clemm eine gute Wendung geben. Die Jugendromanze, die Poe damals vermutlich nur gefesselt hätte, stand nun in reiferem Alter unter einem guten Stern. Ein Termin für die Hochzeit war bereits auf den 17. Oktober 1849 festgesetzt. Am 23. September schiffte sich Poe für einen Vortrag nach Baltimore ein, wo er am 29. von Bord ging. Was genau in Baltimore geschah, liegt bis heute im Dunkeln. Am dritten Oktober zumindest fand der herbeigerufene Arzt Dr. Snodgrass seinen alten Freund in einem furchtbaren Zustand. Halb bewusstlos, in zerlumpten Kleidern, ohne einen Pfennig Geld wurde Poe ins Washington Hospital gebracht, wo er unter Tobsuchtsanfällen und Halluzinationen litt. Wiederholt rief er nach einem „Reynolds“. Erst am Morgen des siebten Oktober beruhigte sich Poe und schien sich auszuruhen. Tatsächlich nahm er seine letzten Atemzüge.

Ausgerechnet den konservativen Christen und wenig begabten Autoren Rufus Wilmot Griswold hatte Poe zum Nachlassverwalter bestimmt. Griswold konnte Poe nicht leiden. Bereits beim Nachruf verlor er deutliche Worte: „Die Nachricht wird viele überraschen, aber nur bei wenigen Trauer hervorrufen.“ Man könnte Poe mangelnde Menschenkenntnis, seinen Hang zur Selbstzerstörung oder pure Schusseligkeit vorwerfen – in gewissem Licht scheint die Wahl aber klug. Griswold stellte Poe im Nachruf und einem darauf folgenden biographischen Artikel „Memoir of the Author“ als alkohol- und drogensüchtigen Freak, als Unsympath und Monstrum und letztlich als Verrückten dar. Poes Nachruhm hat das, nicht nur bei Charles Baudelaire, der für die posthume Bekanntheit des Dichters eine große Rolle spielte, sehr genutzt. Natürlich musste ein halbverrückter Opiumsüchtler diese unglaublichen Schauergeschichten geschrieben haben, und natürlich musste der Kerl ein Monstrum gewesen sein. Alles passte zusammen, alles diente einer überlebensgroßen, gut zu verbreitenden Legende. Natürlich hat sich für Griswold Poe zu Tode gesoffen. Dabei ist im medizinischen Gutachten von Alkohol gar nicht die Rede. Der behandelnde Arzt bestritt später ausdrücklich, an Poe Spuren von Alkoholmissbrauch festgestellt zu haben. Zum Glück belegte er aber auch nicht die Theorie von einem Katzenbiss, der Poe mit der Tollwut infizierte. Legenden brauchen ungelöste Rätsel.

Wer Poe zum rein unglücklichen Menschen erklärt, der geht ihm auf den Leim. Poe liebte das Großartige. Ob das absolute Böse, die absolute Melancholie oder die absolute Schönheit – nichts war ihm eine Nummer zu groß. Und wenn Poe zu Lebzeiten schon nicht als größter Schriftsteller des Landes, der Welt, des Universums gefeiert wurde, dann war es ihm sicher recht, als unglücklichster Mensch aller Zeiten, als verworfenste Person, die sich denken lässt, porträtiert zu werden. Poe hätte bestimmt gefallen, was sich Charles Baudelaire, der Poe für Europa entdeckte und seinen kontinentalen Ruhm begründete, selbst als dichterischen „Segen“ aufschrieb:

 

„Einzig im Schmerz ist Adel zu begründen,

An dem nicht Erde und nicht Hölle nagen,

Um den geheimen Kranz zu winden,

Hat Zeit und Welt ihr Anteil beizutragen. 

 

Doch auch Palmyras lang verschollener Schmuck,

Des Meeres Perlen, fremder Edelstein,

Von deiner Hand gefasst, kann nicht genug

An Glanz und Schmelz für diesen Stirnreif sein; 

 

Denn nur das reinste Licht wird dazu taugen,

Wenn heilige Glut die ersten Strahlen spinnt,

Wofür die wundervollen Menschenaugen

Nur klägliche und trübe Spiegel sind!“[2] 

Sicher schreiben Menschen, weil sie unglücklich sind, aber wer schreibt, ist nicht unglücklich. In den Minuten oder Stunden des Schreibens liegt das Glück jeder konzentrierten Arbeit - ein alle Kräfte bündelnder Fluss, und ein Triumph über das wahre Unglück: nicht zu schreiben. Doch Poes Glück ist noch größer. Er schrieb nicht nur sondern verschaffte und verschafft ungezählten Menschen mit seinen Kurzgeschichten, Essays, Satiren und Gedichten ebenfalls Stunden ungeteilter Aufmerksamkeit und beglückender Inspiration. Ich erinnere mich gut daran, wie ich in vielleicht zu zartem Alter den Doppelmord in der Rue Morgue las und anschließend wie besoffen durch die Straßen meines Heimatdorfes torkelte, angefüllt von Etwas, so groß, dass es mir die Brust zu sprengen drohte. Das Überwältigende, was ich da erlebte, wollte ich selbst bei anderen auslösen, mit dem gleichen Mittel wie Poe – dem Schreiben. Und ich bin sicher, dass es vor und nach mir vielen so ergangen ist und ergehen wird. 

Doch, wirklich – wenn wir Glück nicht zu einer Art Wellness kleindenken, dann müssen wir uns Poe als einen glücklichen Menschen vorstellen.

 

(Januar 2009)

 

[1] Ja, Poe hat es tatsächlich fertig gebracht, einen Gedichtband mit Fußnoten zu einzelnen Textpassagen herauszubringen.

[2] Es handelt sich hierbei um die letzten drei Strophen des Gedichts „Bénédiction“ aus den „Fleurs du Mal“ , ins Deutsche übersetzt von Monika Fahrenbach-Wachendorff.