Grand Guignol in Muldenau

 

Wenn du Heavy Metal hörst, dann bist du meist auch heavy drauf. Auf jeden Fall bist du heavy drauf, wenn du Heavy Metal spielst. Grand Guignol haben so richtig Heavy Metal gespielt, auch wenn ihr jetzt denkt, was ist das denn für ein Scheißname, wegen französisch und keiner versteht’s, aber wenn du weißt, was dahintersteckt, dann ist das schon echt heavy. Das war nämlich früher, wo es kein Kino gab, so ein richtiges Splatter-Theater. Egal. Grand Guignol haben Trash gespielt. Black Metal war da auch mit drin, aber nicht so sehr, und angemalt haben die sich nicht und auch nicht in jedem zweiten Song Satan und so. Aber krasse Texte, das schon. Ich meine, die haben jetzt nicht über Alltagsscheiße gesungen. Also, dass du dich in der Kleinstadt langweilst, keine Freundin hast und vielleicht keinen Job kriegst, und dass dein Kumpel bei einem Autounfall draufgegangen ist. So was nicht. Mehr mit Hexen und schwarzen Messen und Serienkillern und toten Kindern, die im Spiegel erscheinen.

Die waren heavy drauf. Schon das mit den Pseudonymen: Jason, Freddy und  Leatherface. Alles Killer. Freddy und Leatherface, also die Gebrüder Küpper, Bass und Schlagzeug, und der Jason, also der Michi, Gitarre und Gesang, und jetzt braucht ihr nicht lange raten, wer da der Boss war, denn im Heavy Metal ist die Gitarre das Wichtigste und ganz knapp dahinter der Gesang, und der Gesang und die Gitarre kämpfen in einer guten Heavy Band immer darum, wer jetzt lauter, also mehr im Vordergrund ist, und dadurch kommt die Dramatik in den Heavy Metal. Da war jetzt also der Jason im Prinzip für die ganze Dramatik alleine verantwortlich. Sonst war der Jason in nichts richtig gut. Also in der Schule nicht, sportlich auch nicht, dann sah er eigentlich auch Scheiße aus mit seiner Akne und halt eher klein, und ich meine für klug hat denn jetzt auch keiner gehalten, höchstens für gerissen, weil der Jason war immer als erster weg, wenn es Ärger gab. Ich will jetzt nicht sagen, dass der super singen und Gitarre spielen konnte, am Anfang halt noch so Lagerfeuerlieder, aber der Jason – der hatte den Metal im Blut. Jetzt Akne hin, Akne her, der Jason hatte so was von eine Ausstrahlung, dass das auch die Mädchen gemerkt haben, und mit denen ist der Jason souverän gewesen. Wenn du Musik machst, hast du eigentlich immer gute Karten bei den Frauen, nicht aber als Heavy. Vielleicht noch mit Schmuserock oder halt viel Gothic drin, aber beim echten Metal, hast du bei den Mädels nur noch Ess- oder sonstwie Gestörte. Aber für die Frauen machst du das nicht mit dem echten Heavy Metal. Echt nicht.

Die Drei haben natürlich nicht nur geprobt und Konzerte gespielt, sondern auch ein Demo aufgenommen, „Black Massacre“ und damit ab zum Produzenten. „Nicht schicken, gleich hingehen“ hat der Jason gesagt und damit hat er Recht gehabt. Der Produzent in Köln hat gesagt, geht mit dem Zeug doch nach Pissenheim, und da gab es das erste Missverständnis. Der Produzent meint, verpisst euch, aber der Jason denkt, das ist ein Ort und fragt nach dem Ansprechpartner, und da gab’s dann auch schon das zweite Missverständnis. Der Typ sagt „Herrschaftszeiten“ und der Jason denkt, es gibt da einen Herrn Schaftszeiten und der hilft ihnen weiter. Da war auch so ein bisschen der Wunsch Vater des Gedanken. Die Drei also wieder ins Auto und ab nach Hause und im Internet nach Pissenheim geguckt. Da ist dem Jason natürlich etwas mulmig geworden, als weit und breit kein Pissenheim aufgetaucht ist. Dann hat er entdeckt, es gibt einen Ort, heute Muldenau, früher Pissenheim, und am nächsten Tag alle wieder ab ins Auto und auf nach Muldenau. Jetzt ist aber Karfreitag gewesen und die Küpperbrüder haben gesagt, dass bringt nichts am Karfreitag einen Herrn Schaftszeiten in Muldenau zu suchen, weil das früher Pissenheim hieß. Und da ist der Jason wütend geworden und hat gesagt, ohne Ehrgeiz kein Erfolg, schon gar nicht als Heavy, und entweder fährt man also sofort los, Karfreitag hin oder her, oder man lässt es ganz bleiben, und da hat der eine Küpperbruder gesagt, bleiben lassen, aber der andere hat gesagt, gleich losfahren, und da war der eine Küpperbruder überstimmt gewesen. Und ich sage immer: Du musst das so machen als Bandboss. Immer alles geben. Das ist der Unterschied zu den Posern, die später doch im Büro arbeiten und nur so ein bisschen den Heavy markiert haben. Das merkt man dir auf der Bühne so was von an, ob du richtig dahinter stehst oder nicht.

Nach Muldenau war das nicht mal weit. Luftlinie. Aber du weißt ja, wie das mit der Eifel ist. Da blickst du nicht durch, und dann das ganze Dosenbier im Auto, da hat sich natürlich auch der Leatherface verfahren. Schweinheim, Kuchenheim, Ludendorf, Stoitzheim, Froitzheim, Flamersheim und plötzlich wieder in Kuchenheim. Und spät losgefahren, klar bist du dann erst abends da, und ich sage mal, da sind die alle auch schon nicht mehr ganz nüchtern gewesen.

Muldenau müsst ihr euch jetzt so vorstellen: Eine Senke und darin das Dorf. Deshalb auch das Mulde in Muldenau. Klar. In der Mitte die Kirche. Mit hohen Fenstern und der Glockenturm mit so einem Dach, das schon rechteckig ist, aber auch spitz. Nicht groß die Kirche, aber eindrucksvoll. Souverän. Das ist der Effekt von dem Platz drum herum. Dann halt Fachwerkhäuser, aber auch diese Häuser, wo der Treppenaufgang hinter einer gelben Plastikwand liegt, und bis Kniehöhe ist die Wand gekachelt. Und zwei, drei richtig große, moderne Häuser mit schwarzem Holz und viel Glas, wo du den Leuten ins Wohnzimmer gucken kannst. Manchmal Namensschilder aus Salzteig und Sprüche auf den Fußmatten oder Häusergiebeln, und an einem Haus eine Wäscheleine mit Babysachen und ein Storch aus Pappe am Fenster. Jetzt ist da aber noch mehr Schmuckzeug gewesen: Über die Straße Girlanden mit Papierblumen und dazwischen Hasenpfoten oder so was. Und auf den Toreinfahrten und Scheunen Zeichen aus Kreide, die komisch waren. Eine Zeichnung war auf jeden Fall ein Schwein auf einem Thron mit so einer christlichen Mütze. Wie auf dem Cover von der Reign in Blood.

An der Kirche haben die drei geparkt und gesehen, die Kirche war am meisten geschmückt. Wieder Blumen und Hasenpfoten oder Schweinefüße. Jetzt stehen die also rum und schauen sich die geschmückte Kirche an und da kommt ein Mädchen aus der Kirche heraus, sieht super aus, stinkt aber tierisch. Also, da wusste nachher keiner mehr, ob er erst gedacht hat, die sieht ja vielleicht geil aus, oder: Was stinkt hier bloß so? Das Mädchen war vielleicht  17 oder 18 und ganz klar Dorfschönheit. Nur: Wonach die gestunken hat, das war schwer zu sagen. Vielleicht Jauche, vielleicht verdorbenes Fleisch. Kleidung aber ganz normal und das Mädchen auch nicht dreckig. Die Küpperbrüder haben so getan, als riechen sie nichts, aber der Jason hat die Nase gerümpft und den Kopf geschüttelt. Ausgerechnet den Jason hat das Mädchen dann angelächelt und „Hallo“ gesagt. Der Jason hat auch „Hallo“ gesagt und gefragt, ob sie einen Herrn Schaftszeiten kennt. Das Mädchen so: Ja, aber da bringt sie ihn nur alleine hin, die anderen könnten ja so lange warten. Die Küpperbrüder fanden das beide komisch. Die wirft ihre blonden Haare zurück und lächelt, als ob alles okay wäre und hat dabei so ein Gesicht wie in der Reklame für Shampoo, also die mit der Klum oder dieser anderen. Leatherface hat gefragt, warum denn, und das Mädchen hat gesagt, der Schaftszeiten sei Bürgermeister und heute sei Schweinsnacht, da ’ wär das Brauch. Okay, hat der Leatherface gesagt, obwohl er gar nichts kapiert hat.

 

Der Jason also mit dem Mädchen ab. Da hätte ich schon was geahnt. Da hätte ich schon gedacht: Hier stimmt was nicht und besser ist, man trennt sich nicht. Weiß man doch. Aber gut, da waren die dann schon mal getrennt. Und du darfst auch nicht vergessen, Punkt 1: den ganzen Weg Dosenbier, da bist du schon matschig im Kopf, wenn du in Muldenau ankommst. Punkt 2: das schöne stinkende Mädchen. Da machst du Fehler.

 

Der Jason hat das Mädchen wegen der Schweinsnacht gefragt und die ist ganz fröhlich gewesen, aber immer auch so ein bisschen kühl, so wie das sexy ist. Das muss man draufhaben als Frau. Über die Schweinsnacht hat das Mädchen dann gesagt, die ist jetzt, weil der Heiland tot ist. Und weil der Heiland und Gott und der Heilige Geist eins sind, sind Gott und der Heilige Geist auch tot. Das Christentum auch. Tot.. Da kannst du also machen, was du willst, und das Mädchen hat dabei dem Jason lange in die Augen gesehen.

 

Vor dem Haus vom Bürgermeister so ein Riesenjeep. Cherokee. Der Bürgermeister hat aber nicht Schaftszeiten geheißen. Das hat das Mädchen nämlich nur gesagt, damit der Jason mitkommt. Das Mädchen ist die Tochter von dem Bürgermeister gewesen und der Bürgermeister hat sich selbst als Häuptling bezeichnet. Bei dem war das Haus schon komisch. Außen ein Bauernhaus aber toprenoviert und innen ganz modern auf der einen Seite und so indianermäßig auf der anderen. Der Bürgermeister hat da auf einem Fell im Schneidersitz gehockt und eine Pfeife geraucht und an der Pfeife haben Federn gehangen und das erste, was der Bürgermeister zum Jason sagt, ist: für jede gute Tat im Dorf eine Feder. Man wird nicht einfach so Häuptling. Du musst die meisten Federn haben. Und das hat der Jason sofort verstanden, denn der ist ja auch Bandboss gewesen, weil er am meisten für Grand Guignol getan hat.

Der Bürgermeister ist fett und freundlich gewesen, mit kurzen, grauen Haaren, so ein Managertyp, und der ist dann früher auch tatsächlich Manager gewesen. Motorola. Dann aber ausgestiegen und in der Eifel sich selbst gesucht und in einer Schwitzhütte, bei der dritten Tür  den Ruf bekommen: Du wirst jetzt Häuptling von Muldenau. Da hat der Jason schon gemerkt, das wird nichts mit dem Plattendeal. Er hat das auch nur kurz angerissen, aber zugehört hat ihm keiner, und die Tochter hat schon ziemlich bald gesagt, der Jason ist ihr Bräutigam in der Schweinsnacht, denn als sie aus der Kirche kam, war er der erste Mann, den sie gesehen hat. 

Der Bürgermeister hat genickt, hat aber auch gesagt: Ein Fremder, das ’wär klar, was das heißt. Und die Tochter hat auch genickt. Der Jason durfte sich auf das Fell neben den Bürgermeister setzen und auch an der Pfeife ziehen. Die Decke über ihm war vollgemalt mit Symbolen. Also die Himmelsrichtungen und in der Mitte noch so ein Zeichen, dass sollte praktisch die Leere darstellen. Und da hat der Jason hingeguckt und an der Pfeife gezogen, und ich sag jetzt mal: In der Pfeife ist nicht nur Tabak drin gewesen. Die Dosenbiere, die Aufregung und dann noch die Pfeife – klar, dass der Jason in der Erinnerung ein bisschen durcheinander kommt. Auf jeden Fall hat der sich plötzlich reingesteigert in die Sache mit dem Bräutigam. Ich selbst finde ja, wenn da eine Frau ist, die super aussieht, dann ist es doch so, dass die nicht stinken sollte. Die Nase fickt ja auch mit. Irgendwie. Aber der Jason: Volles Risiko. Heavy Metal halt.

Irgendwann ist noch jemand anders gekommen  und hat die drei abgeholt. Draußen schon das ganze Dorf auf den Beinen, viele mit Schweinemasken in der Hand. Und alle machen eine Gasse für den Jason und die Dorfschönheit, und die beiden also voran und alle hinterher. Männer, Frauen und Kinder: Alle singend in die Kirche. Und was die da gesungen haben, das war ein Durcheinander von Kirchenliedern und Indianergesängen, da hätte sich der Jason auch bekifft gefühlt ohne an der Pfeife zu ziehen. Die hatten einen halben Spielmannszug mit so einem Glockenspiel, das man hochkant hält, aber auch Trommeln, die du mit der Hand spielst, und ein paar Trompeten.

 

In der Kirche hat der Jason dann nicht schlecht gestaunt. Nicht nur, weil die innen anders aussah, als er von draußen gedacht hat, auch weil da die Küpperbrüder nackt kopfüber von der Decke hingen, und das sind beides Brocken. Unter dem Freddy war so eine Mischung aus Wassertank und Säule, wo die die Jesus-Oblate reintun. „Stihl“ stand darauf, und der Jason wusste schon, dass das ein Häcksler ist. Alle Kreuze waren abgehangen und die Heiligen-figuren in den Ecken haben Schweinsmasken aus Knetgummi aufgehabt. Links vom Altar so eine Art Thron, darauf ein riesiges Schwein aus Wachs mit dieser Mütze, wie auf der Zeich-nung. Leatherface hat mit dem Gesicht fast das Wachsschwein berührt. Ich meine, der muss schon ganz schön Blut im Kopf gehabt haben. Das fühlt sich bestimmt Scheiße an, und dann hast du noch so eine Sau vor der Nase. Umgedreht. Und der Pimmel hängt dir ganz komisch, wenn du nackt kopfüber von der Decke hängst, aber ich sag mal, das ist in so einer Situation nicht dein Hauptproblem.

 

Der Jason hat natürlich sofort gedacht: Au, Scheiße. Hätte ich auch. Weg gekonnt hat der jetzt nicht mehr. Alles voll mit Leuten. Ein Wahnsinnsgedränge. Und die Leute gar nicht andäch-tig, mehr so Karneval. Und die Trommeln und Trompeten und das Hochkant-Glockenspiel – als ob  Verrückte  Musik machen. Dazu das Gesinge: Hejaho, Hejaho.

 

Die Leute eigentlich ganz normal in Windjacken und Jeans, mit Turnschuhen oder diesen Gore-Tex-Schuhen, Pullover, auf denen was draufsteht, und so Kindergärtnerinnen mit gefärbten Haaren und auch zwei Heavys. Bei manchen hast du schon gemerkt, die sind ziemlich Öko, und andere waren halt noch echte Bauern, aber auch Lehrer dabei, die das nervlich nicht aushalten, wenn sie nach Schulschluss nicht wegfahren können auf’s Land. Da brüllt ein Typ, der aussieht wie Reinhard Mey, so laut hejaho, dass dem die Halsadern richtig dick werden.

Der Bürgermeister geht die drei Stufen Richtung Altar hoch, souverän, und dreht sich um mit Maske auf und hält eine Rede. Dunkle Zeit und Schweinsnacht und Bräutigam und Fremde und Opfer für die Muttersau von Muldenau. Soviel hat der Jason schon verstanden und da war ihm klar: Hier geht es um Leben und Tod. Die Tochter und der Jason sind dabei die ganze Zeit mit Körnern und Haarbüscheln beworfen worden. Lange hat der Bürgermeister nicht geredet, dann hat er in die Hände geklatscht und zwei Jungen in schwarzen Messdienerkitteln haben einen Bottich hergeschleppt. In dem Bottich war eine Paste, ich sag jetzt nicht, wie die aussah, weil das ist aber mal echt pervers gewesen. Der Jason hat der Tochter ins Ohr geflüstert: Ich will nicht sterben. Und das war auf den Punkt. Und die Tochter flüstert zurück: Ich will weg aus dem Kaff. Und da hat der Jason verstanden, die stinkende Dorfschönheit ist seine einzige Chance. Wenn jemand weiß, wie man aus der Nummer noch mal rauskommt, dann die. Also sagt er: Ich nehm’ dich überall mit hin, Baby. Bei so was ist der Jason souverän.

Und dann sagt der Bürgermeister: „So, jetzt ziehen sich alle aus.“ Und fängt an sich auszuziehen. Da war es egal, jung oder alt, dick oder dünn, und die Dorfschönheit hat dem Jason geholfen, und das hätte erotisch sein können, war’s aber nicht wegen den Umständen. Der Freddy und der Leatherface haben so traurig an der Decke geschaukelt und die Leute standen dicht dabei und während das draußen schon dunkel war, waren drinnen Kerzen und elektrische Lichter, und du hast bei den Leuten schon deutlich gesehen: Kinder sind nackt wirklich das kleinste Übel. Aber ich sag mal, Punkt 1: das war jetzt nicht das Hauptproblem, wie die alle aussahen und Punkt 2: der Jason war so schlau und sagt zu der Dorfschönheit: Hier mein Wagenschlüssel, versteck den. Und – ist klar wo der Jason denkt, dass die den versteckt und wundert sich total, als die ihn angrinst und er was kaltes zwischen den Pobacken fühlt und zack ist der Schlüssel für’s Auto im Arsch vom Jason.

 

Die meisten Leute sind ziemlich schnell nackt gewesen, nur bei den Alten hat das teilweise lange gedauert, da musste geholfen werden, um die aus den Stützstrümpfen zu holen. Die ersten haben schon angefangen, sich mit der Paste einzuschmieren und zwar unter den Achseln, auf den Augenlidern und zwischen den Beinen. Manchmal gegenseitig. Dabei haben die angefangen zu quieken und zu grunzen, da hättet ihr Schiss gekriegt. Der Bürgermeister sagt, jetzt ist Hochzeit, und die Tochter ist die Erde und der Jason ist der Himmel und soll über ihr sein und dann drauf regnen, und das Ganze auf dem Altar. Um den Altar herum und in der ganzen Kirche die Nackten, jetzt schon fast alle mit Maske. Die Masken aber so, dass der Mund frei ist, wie bei den Venedig-Masken, bloß als Schwein mit dreieckigen Ohren dran. Der Leatherface hat plötzlich losgebrüllt, aber dann nach etwa einer Minute wieder aufgehört. Die Tochter hat sich auf den Altar gelegt, die Brüste so hübsch an die Seiten verrutscht. Das fand der Jason appetitlich, deswegen ist der auch irgendwie cool geblieben. Das ist halt so eine Stärke vom Jason: Der konzentriert sich auf das, was geil ist, jetzt zum Beispiel mal egal ob drum herum Leute mit Schweinsmasken rumspringen und grunzen. Dem Jason hat er gestanden und er hat gar nicht mehr an Flucht gedacht. Er legt sich also auf die Frau drauf. Wenn du vorher schon dachtest: Das ist laut in der Kirche, dann hättest du jetzt mal hören sollen, wie alle gleichzeitig hejaho gemacht haben. Die Dorfschönheit hat natürlich immer noch gestunken, aber der Jason hat gedacht: Gut, dann komme ich nicht so früh. Manchmal wär ich schon gern ein bisschen so wie der Jason.

Damit das an den Knien nicht wehtut, hat der Jason mehr so Liegestütze auf der Frau gemacht, und dabei hat sie ihm ins Ohr geflüstert: „Auf drei…hejaho…runter vom…hejaho…du linke…hejaho…und ich …hejaho…Kette. Vorher aus Bodenhaken…hejaho…dann hoch. Hejaho…oben Fenster…hejaho…treten.“ Also souveränstens.

Jetzt hätte der Jason gerne gesagt, wann „drei“ ist, nämlich, wenn er fertig ist. Beim Sex hat der Jason schon gern die Hosen an. Aber die Dorfschönheit hat „drei“ gerufen und den Jason zur Seite geschoben, da war der noch gar nicht gekommen. Beide runter vom Altar und zu den Ketten, wo die Küpperbrüder an einem Ende hingen, und das andere Ende in so einem Eisenring im Boden. Die Dorfschönheit den Haken beim Leatherface raus und mit der Kette ab nach oben, während der Leatherface nach unten fällt. Auf halber Höhe ist die dann hängen geblieben und hin und her gependelt. Der Jason hat das gleiche gemacht, nur halt beim Freddy, aber da gab es ein Problem: Der Freddy ist nicht auf den Boden gefallen sondern in den Häcksler. Eigentlich nicht so schlimm, aber so ein Schwein schaltet den Häcksler an. Der Jason also schon auf halber Höhe, da gibt es einen Ruck. Der Jason bleibt stecken, rutscht dann mit der Kette ein Stück nach oben, bleibt wieder stecken, rutscht wieder ein Stück nach oben. Wenn Stücke von deinem Freund am Rand eines Häckslers hochschießen, dann ist das übel, aber irgendwie hast du auch Abstand dazu, eben weil’s so extrem ist. Wozu du keinen Abstand hast, ist das Geräusch, wenn Sehnen und Knochen in einem Agrar-Gerät kaputt gehen. Das klingt, als ob du volle Kanne mit dem Rasenmäher über eine dicke Wurzel fährst. Bald haben nur noch die Beine vom Freddy aus der Maschine geguckt, und sich langsam gedreht und sind dabei stückchenweise verschwunden. Der Leatherface hat wieder eine Minute lang herum geschrieen, aber der Jason hat nach einem Fluchtweg geguckt, was auch nötig war, weil die Muldenauer jetzt total ausgeflippt sind. Alle haben durcheinander gegrunzt und gequiekt und geschrieen. Viele sind auf allen Vieren durch die Kirche gekrochen, mit ihren Masken, und die, die am nächsten am Leatherface waren, haben den gebissen, alte Leute, kleine Mädchen, Hausfrauen – egal: alle mit den Zähnen in den dicken Küpper rein und Stücke rausgerissen. Keine Chance. Der Jason ist mit der Kette vor und zurück ge-schwungen. Die Dorfschönheit knallt schon mit den Füßen voran gegen ein Kirchenfenster. Die halten ganz schön was aus, denkt ihr erstmal nicht. Der Jason auf der anderen Seite mit den Fußsohlen gegen den Kopf von einem gemalten Typen, neben dem ein Ochse steht. Das Glas bricht, aber das Fensterkreuz nicht, klar, und der Jason also, ein Bein links, ein Bein rechts von der Mittelstange, mit dem Sack dagegen. Wär das Fenster nur ein bisschen kleiner gewesen, der Jason wär nicht raus gekommen. Zum Glück hat er dann doch durch das rechte obere Viertel gepasst, sich aber an mehreren Stellen am Glas geschnitten und dann durch die Äste von einem Baum geflogen und neben die Kirche auf den Boden und zack: Arm gebro-chen. Das Lustige ist: der Jason hat erst gar nicht gemerkt, dass er sich den Arm gebrochen hat. Endorphine halt. Beim Laufen hat er dann aber schon gemerkt, der Arm ist hin. Weit musste er aber nicht. Auf dem Parkplatz war er schon, und das Auto vielleicht 100 Meter. Die Dorfschönheit war nicht zu sehen und der Jason hat gedacht, gut, dass ich den Schlüssel habe. Als der Jason mit zerschnittenen Füßen zum Auto humpelt, kommen die ersten Muldenauer aus der Kirche und jetzt hättet ihr auch gedacht, das sind echte Schweine, nicht nur wegen den Masken, sondern überhaupt. Da war was mit dem Licht, also Mond und Parkplatzlaternen, und da war was mit den Bewegungen und mit den Geräuschen.

Jetzt ist das ja so in den Horrorfilmen, dass die Zombies kommen und du kriegst die Tür von deinem Auto nicht auf oder den Motor nicht an. Dass du aber mit der rechten Hand versuchst dir einen Schlüssel aus dem Po zu ziehen, der in der ganzen Hektik ziemlich tief reingerutscht ist, das zeigen die natürlich nicht. Aber auch hier der Jason ganz schön cool. Als er den Schlüssel hat und die Autotür aufschließt, springt ihn die erste Sau an. Eher ein mageres Schweinchen, bei dem du die Rippen zählen kannst, und in die Rippen hat der Jason auch getreten. Keine Ahnung, wer sich da mehr wehgetan hat. Normal reicht so was ja, aber ich sage immer, das ist alles psychisch. Wenn du wirklich willst, gibst du nicht auf, weil dir die Rippen stechen, und so war es mit der Sau: Die hat es wissen wollen, schnaubt und wühlt sich mit ihrer Schnauze zwischen die Beine vom Jason. Der Jason hebt gerade noch rechtzeitig das Knie, reiner Reflex und da muss Wucht hinter gewesen sein, wegen dem Adrenalin, denn es knackt und du kannst dir schon denken, der Kiefer ist gebrochen. Der Jason rein ins Auto. Das ist auch sofort angesprungen. Ich könnte erzählen, wie der Jason durch das Rudel Muldenauer Werschweine gebrettert ist und bald die Scheibenwischer gebraucht hat, aber ich will nicht den Eindruck erwecken, ich will mich hier mit Ekelzeug wichtig machen.

 

Der Jason ist davon gekommen. Die Küpperbrüder nicht. Das ist mal Fakt. Aber: der Jason, kaum auf der Landstraße, da ging es durch ein Stück Wald, und plötzlich taucht etwas im Scheinwerferlicht auf. Ein nacktes Mädchen mitten auf der Straße, aber das Gesicht nicht menschlich. Ihr wisst schon. Der Jason hat sich so erschrocken, dass er voll gegen einen Baum geknallt ist, und sofort: Lichter aus.

 

Jetzt könnt ihr natürlich sagen: Die drei waren besoffen bis unter den Rand und sind einfach gegen einen Baum geknallt nachts auf der Landstraße, und die Gebrüder Küpper tot und der Jason lebt, ist aber nicht mehr ganz richtig im Kopf. Klar. So stand es auch in der Zeitung. Aber mal ehrlich: Was ist das für eine Scheißgeschichte, wenn zwei Jugendliche so draufgehen und der dritte hat einen Hirnschaden? Eine saugeile Band und dann einfach bumm gegen einen Baum. Das ist echt nicht Heavy Metal und darüber hätten Grand Guignol auch nie einen Song gemacht. Deshalb glaube ich dem Jason, auch wenn er die Sache jedes Mal anders erzählt. Ich finde die Geschichte mit dem Schweinekult viel souveräner, und jetzt mal Wahrscheinlichkeit hin oder her: Von dem, was die Leute bei uns im Dorf so Wahrheit nennen, wird auch keiner mehr lebendig.