Die Oberteil-Revolución

 

(erschienen auf welt-online am 9.10.2007)  

 

Erst wollte er nur Lateinamerika neu einkleiden, dann den Kongo. Heute sind seine Designer-Shirts auf der ganzen Welt beliebt. Ein Rückblick auf das wechselvolle Leben des Che Guevara.

 

Ernesto Guevara de la Serna, genannt Che („Freundchen“), wurde in Missionarsstellung gezeugt und im Juni 1928 unweit der Mateplantage seiner Eltern in Misones geboren. Früh von Asthma

gezeichnet, dass er zeitlebens vergeblich durch Zigarrenkonsum zu lindern suchte,  wurde der kleine Che von seiner Mutter zuhause unterrichtet.  So erlernte er das Schneiderhandwerk und Grundlagen modernen Designs.

 

1947 schrieb er sich an der Universidad Nacional de Córdoba für das Fach „Kommunismus“ ein. Aufgrund eines leichten Sehfehlers – Che schielte –  fiel ihm das Lesen schwer und er nahm nur bestimmte Inhalte in sich auf. Während er in den Fächern „Umsturz“ und „Guerillakampf“ sehr gute Noten erzielte, fiel er in „Wirtschaft und Soziales“ durch und begab sich niedergeschlagen mit seinem Freund Alberto Granado auf eine ausgedehnte Motorradtour durch Lateinamerika. Dabei fiel ihm zum ersten Mal auf, dass nicht alle Menschen so gut gekleidet waren wie die Argentinier. Von Jugend an ein emsiger Tagebuchschreiber, füllte Che auch auf seinen Reisen viele Seiten und notierte am 4. März 1952: „Ich glaube, was wir brauchen, ist ein neues T-Shirt.”

 

Es sollte aber noch fast sieben Jahre dauern, bis Che die Chance erhielt seine Ideale umzusetzen: Ende 1958 schloss er sich auf einem Flohmarkt in Santa Clara dem fidelen Kleiderhändler Castro an und verkaufte in einer einzigen Woche mehr T-Shirts als alle amerikanischen Konzerne auf lateinamerikanischem Boden zusammen. Der von der US-Regierung unterstütze Mode-Diktator Batista flüchtete daraufhin aus Kuba und überließ das Land der designerischen Kreativität des idealistischen Che. Vielen Männern und Frauen schneiderte er rote T-Shirts auf den Leib. Dabei war er so selbstlos, dass er für sich nur ein einziges Hemd und eine einzige Garnitur Unterwäsche benötigte. Das Volk nannte ihn liebevoll el pesto, den Müffler. Ches T-Shirts freuten viele: Sie saßen gut, hielten länger als die US-Produkte und waren schön rot. Der Perfektionist spürte aber, dass noch etwas fehlte, etwas das seine T-Shirts einzigartig machte.

 

Am 5. März 1960 lief Che in Havanna einem völlig übernächtigten, unrasierten Klaus Kinski in die Arme. Die beiden Männer hatten etwas gemeinsam: Sie hielten sich phasenweise für den Hieland. Außerdem galt für Che wie für Kinski: „Leichen pflastern seinen Weg“.

Che erkannte den historischen Moment, stülpte dem Schauspieler ein Barett über und lichtete ihn ab. Schon zwei Tage später prangte Kinskis Konterfei als Siebdruck auf der T-Shirt-Produktion des umtriebigen Guevara.

 

Tatsächlich ließen sich mit dem neuen Produkt die Umsätze nochmals kurzfristig steigern. Jetzt  aber kam es zu Scherereien mit dem neidischen Mode-Comandante-en-Jefe Castro. Auch gab es zunehmend Stimmen im Volk, die sich gegen die Kinski-Visage aussprachen. Tief verletzt ließ Che alle einsperren, die sich öffentlich gegen seine Produkt-Linie aussprachen. Vor allem Homosexuelle mit verfeinertem Modegeschmack wanderten in Laufsteg-Lager und bekamen dort die Leviten gelesen.

 

1965 reiste Che auf der Suche nach neuen Absatzmärkten in den Kongo. Mit großer Verve versuchte er die Kongolesen von seinem „revolutionären T-Shirt“ zu überzeugen, stieß aber, wie viele, die die Sitten im Herzen der Dunkelheit nicht verstanden, auf taube Ohren. Schließlich versuchte er es 1966 noch einmal unter dem Decknamen Adolfo Mena Gonzalez mit 44 Handlungsreisenden in Bolivien. Der „Nationalen Bekleidungsarmee“ war jedoch kein Erfolg beschieden. Bloß zwei Bauern kauften T-Shirts, die sie dann als Schneuztücher und Scheuerlappen verwendeten. Von Enttäuschung und Ernsthaftigkeit gezeichnet, schleppte sich Che asthmatisch röchelnd durch den Dschungel. Statt an interessierte Käufer, geriet Che in einen Hinterhalt modisch beratungsresistenter CIA-Agenten. Mit der Begründung, ihm fehle eine Lizenz zum Vertreiben von Oberbekleidung innerhalb US-amerikanischer Kolonien, wurde Ernesto „Che“ Guevara am 9. Oktober 1967 ohne Gerichtsverhandlung erschossen.  Damit aber begann der eigentliche Siegeszug seines T-Shirts:  Sartre nannte Che den „vollständigst angezogenen Menschen seiner Zeit“, Wolf Biermann besang das T-Shirt, durch das man immer durchsah,  Studenten in den USA und Europa entdeckten das Kinski-Konterfei als ihre Ikone und rebellische Geister wie Robbie Williams, Johnny Depp oder Giselle Bündchen präsentieren sich bis heute gern im modischen Che-Guevara-Outfit. Dieser Erfolg ist um so erstaunlicher, wenn man sich den Werdegang anderer kommunistischer Designer vergegenwärtigt: Mao Tse-Tung konnte im eigenen Land zwar eine große Zahl seiner Statuen absetzen, sein T-Shirt, in dem er sich selbst umrahmt von 100 Blumen präsentiert, floppte jedoch sogar in China. Ho Chi Minh erlebte einen kurzen Aufschwung in der 68er-Bewegung, ist heute aber nur noch durch seine Rolle als Dr. Fu Man Chu in der gleichnamigen Serie ein Begriff. Pol Pot schließlich blieb auf seinen „Bruder-Nr.1-T-Shirts“ schon zu Lebzeiten sitzen.  Auch aktuelle Erlöserfiguren stellen keine Konkurrenz dar: Ahmadenidschad wird es mit seinem Paul-Breitner-Grinsen und diesem beschissen auszusprechenden Namens nicht weit bringen. Kim Jong Il kann sich Mühen wie er will: Atombombe hier, verhungerndes Volk da – der Westen interessiert sich eher für Tibet und den schmucken Dalai Lama.

 

Che aber lebt weiter und scheint an seinem 40. Todestag vitaler als zu Lebzeiten. Und er hätte allen Grund stolz zu sein, denn mittlerweile ist Wahrheit geworden, was er am 30. Dezember 1960 visionär in sein Tagebuch schrieb: „Mein einziges Ziel ist es, dass so viele verwöhnte weiße Mittelschichtskinder wie möglich mit meinen preiswert in Drittweltländern hergestellten T-Shirt herumlaufen. So stelle ich mir eine bessere Welt vor.“