Harry Potter-Kult erreicht neuen Höhepunkt – Schäuble spricht vom Straftatbestand der Verschwörung

 

(erschienen auf welt-online am 11.7.2007)

 

Am 12. Juli kommt der fünfte Harry Potter Film in die Kinos. Neun Tage später wird der siebte und  letzte Band der Zauberer-Saga in englischer Sprache erscheinen. Millionen Fans sind im Potterfieber. Viele reden vom Pottersommer. Der Bundesinnenminister hingegen spricht von Okkult-Terrorismus.

 

Harry Potter – das ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte. In 64 Sprachen übersetzt und bislang 325 Millionen Mal verkauft, fasziniert die Geschichte um den Jungen mit dem kurzen Zauberstab Menschen aller Kontinente. Laut Online-Händler Amazon bricht das am 21. Juli erscheinende Finale „Harry Potter and the Deathly Hallows“ mit bisher rund 1.6 Millionen Vorabbestellungen sämtliche Rekorde. Wie seine Vorgänger wird der 608 Seiten starke Band in einer ostdeutschen Kleinstadt in einem Hochsicherheitstrakt gedruckt. Jeder Angestellte des Bloomsbury Verlages vom Pförtner bis zum Verlagsleiter ist vertraglich verpflichtet absolutes Stillschweigen über den Inhalt des Buches zu wahren.

 

Weniger Geheimnis umgibt den fünften Potterfilm „Harry Potter und der Orden des Phönix“. Nach eindrucksvollen Premierefeiern in London und Tokio mit Tausenden von verzückten und kostümierten Fans, steht fest: dieser Film ist der bisher düsterste Teil der Saga um den magiebegabten Waisenjungen (blass: Daniel Radcliff). Zusammen mit seinen Freunden kämpft Harry gegen den bösen Erzmagier Lord Voldemort (bleich: Ralph Fiennes). Der superb ausgestattete Film ist bis in die kleinste Nebenrolle hochkarätig besetzt (herausragend: Martin Walser als sprechender Hut).

 

Weltweit verstärken sich die Zusammenkünfte der Pottergemeinde. In jeder Stadt mit mindestens einem Buchladen kommt es zu Kostümwettbewerben, Zaubershows, Mitternachtsparties und wildem Campieren. Im Internet verhöhnen Insider Unwissende und gründen magische Foren, deren Gehalt dem Laien undurchsichtig bleibt.

 

Für Bundesinnenminister Schäuble hat sich hier eine gefährliche Parallelgesellschaft (Arkandisziplin, Vermummung, Verdummung)  gebildet, in der extremistisches Gedankengut („Muggle-Theorem“) kursiert. Er spricht von einer „völlig neuen Bedrohung“, die auf eine Unterwanderung der abendländischen Wertegemeinschaft (nach Hendryk M. Broder) abziele. Dabei sei weniger eine klare Ideologie als eine gewisse Atmosphäre greifbar, die von Hause aus normale Mittelschichtskinder ins Studium der Altphilologie oder zu anderen kabbalistischen Aktivitäten treibe. Schäuble fordert daher heimliche Online-Durchsuchungen, Kommunikationsverbote im Internet (www.pottermania.de wurde tatsächlich einstweilen auf Eis gelegt) sowie die Konfiszierung sämtlicher Eulen erklärter oder mutmaßlicher Potterfans. „Eine Okkult-Elite, die auf freie Bürger als Muggles herabsieht und das archaische Gesetz von Hogwarts einführen will, ist mit einem Rechtstaat nicht zu vereinen“, sagt Schäuble gegenüber Glasauge und verweist darauf, dass „auch die NSDAP aus einem esoterischen Geheimbund hervorgegangen ist“.  „Wir müssen diesen potenziellen Terroristen notfalls durch gezielte Tötungen vor Augen führen, dass Gewalt niemals eine Lösung ist. Das gilt im Übrigen auch für die Linux-Sekte.“

 

Koalitions-Kalkül-Kritik (KKK) an Schäubles Vorschlägen gab es aus den Reihen der SPD, der FDP und der Linkspartei. Claudia Roth (Bündnis 90/die Grünen) bezeichnete Schäuble gar als „doof“ und bekundete die „doch eigentlich netten aber missverstandenen Okkultisten“ lieber integrieren als erschießen zu wollen.  Während die Bundesgipfelkanzlerin zu Schäubles Forderungen schweigt, erhält der Bundesinnenminister Unterstützung durch die CSU-Politiker Stoiber („sehr richtig, alles“) und Benno Zierer („gefährlicher Okkultismus für Sechsjährige“).

 

Auch zahlreiche christliche Gruppen stehen hinter Schäubles Plänen. Das christliche Medienmagazin „pro“ schreibt: „Die Potterbände erwecken zu Unrecht den Eindruck, dass Zauberer, Teufel und Dämonen nett und harmlos seien.“. Kardinal Meisner warnt vor den Auswirkungen des „metrosexuellen Mummenschanzes“ und fordert pragmatisch eine Verbrennung sämtlicher Potterbände. Christliche Gruppierungen, die bereits eine Petition für eine solche Verbrennung unterzeichnet haben, sind Ratzingers Rowdies, die singenden Propheten Bad Berleburg, die wiedergestorbenen Christen Radevormwald, die Uralt-Katholiken, charismatische Langweiler Münster, die niederbayrischen Weihwasser-Buan, die verdrehten Jungfrauen vom Kreuz der letzten Blutung, die altschlesischen Anthropomorphen, linksrheinische Gnostiker, Wiederholungstäufer, unorthodoxe Methodisten, unmethodische Orthodoxe, gebeneidete Heilpraktiker e.V., die Kreuzritter der strikten Larmoryanz, „Tranzendenz statt Transparenz“ Oldenburg, „Schwarz-Weiß-Maler“ Essen, die quakenden Quäker, die hustenden Hussiten, die Limburger Laien, die Warschauer Wachtürme und die Pfingstochsen-Bewegung. Noch bis zum 21. Juli unterschreiben wollen die 35-Stunden-Adventisten, die erweckten Erwecker, Zungenredner Rottenburg, Bauchredner Pfungstädt, Ohrenzeugen Kiel, ein paar Hormonen sowie die apokryphen Apokalyptiker. 

 

„Wir hatten das alles schon einmal“ bedeutet uns Heinrich Sprenger, Ältester der Kassler Kopten, mit Blick auf die satanischen Hexenkulte der frühen Neuzeit. „Schäuble liegt richtig, sollte aber auch die peinliche Befragung wieder im Gesetz verankern lassen.“

„Anhand des casus potterus können Sie sehen, wie wichtig die von Herrn Schäuble geforderte Anerkennung des Straftatbestandes der Verschwörung ist“ lässt ein Sprecher des Bundes für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V. anonym verlauten. „Die Potterbände strotzen vor freimaurerischen und zionistischen Symbolen.“

 

Frank Schirrmacher („Trutzbund für Familie und Werte“ e.V.) gibt obendrein zu bedenken, was ein Ableben des jungen Zauberers im siebten Band für Folgen zeitigen könnte: „Denken Sie an die Selbstmordwelle, die Goethes „Werther“ auslöste“, mahnt der studierte Germanist.  „Und das war eine kleine Auflage. Nach einer Pottertodeswelle haben wir hier nur noch Greise.“

 

Ob Potter jedoch sterben wird oder nicht, darüber rätseln Fans in der ganzen Welt. Joanne K. Rowling hat durchblicken lassen, dass zwei zentrale Charaktere den siebten Teil nicht überleben werden. Dem Glasaugeredakteur Hans Grimm verriet die gutsituierte Schottin nach einer gemeinsamen Liebesnacht (Video bei youtube) mit Bitte um äußerste Geheimhaltung, dass Potter zwar sterben, am dritten Tage aber auferstehen werde von den Toten. Dann reinkarniere er in Hermine oder einen paranoiden Rollstuhlfahrer und die Geschichte gehe noch mindestens fünf Bände weiter. Es bleibt also spannend.