Glasklar und nüchtern. Junger Mann widerliegt alle Weltreligionen

(erschienen in taz, 21.9.2016)

 

Vergangenen Sonnabend legte ein Bielefelder Lebensmittelchemiker im Internet einen endgültigen Beweis gegen die Glaubensinhalte aller großen Religionen vor. Seitdem ist die Welt nicht mehr die gleiche.

Thomas Krahwinkel ist das, was man ein unscheinbares Kerlchen nett: Nickelbrille, blasse Haut, hellrote Haare, schmächtige Statur. Auch sein Leben erregte bisher nicht das geringste Aufsehen. Krahwinkel wurde in Bielefeld-Senne (Ortsteil Windelsbleiche) als Kind eines Physiklehrers und einer Controllerin geboren, wuchs vor Ort auf, ging zur Schule, studierte Chemie und arbeitet heute bei Dr. Oetker in Bielefeld-Bethel als diplomierter Schaumschläger. Bis vor kurzem hätte niemand damit gerechnet, dass der laut Kommilitonen „harmlose Nerd“ einmal die Welt aus den Angeln heben würde.

Doch vergangenen Samstag war es soweit. Nach einer Folge „Big Bang Theory“ postete Krahwinkel, nach eigener Aussage aus purer Langeweile heraus, folgende Sätze auf Facebook: „Oh man, sind diese Religioten bescheuert. Genauso gut könnte ich behaupten, mein unsichtbarer Freund sei ein fliegendes Spaghettimonster. Lol. Wer so was Widersprüchliches wie einen guten, allmächtigen Gott oder ein ewiges Leben nach dem Tod behauptet, der muss einen Beweis vorlegen. Und nicht derjenige, der sich weigert, den Unfug zu glauben. Bämm.“ Das argumentativ brillante Posting wurde nicht nur innerhalb von 45 Minuten über 12.000 mit „gefällt mir“ geadelt, sondern auch sofort 666 mal geteilt. Seitdem verbreitet es sich in hohem Tempo über die ganze Welt. Keinen Tag später zirkulierte der geniale Gedanke bereits durch zahlreiche Zeitungen sowie Radio- und Fernsehsender im In- und Ausland und entfachte Debatten mit ungeahnten Konsequenzen.

Als Erstes warf Papst Franziskus das Handtuch. Bei einer Pressekonferenz sagte der 79jährige Argentinier, er könne aus seinem Herzen nicht länger eine Mördergrube machen. „Yo soy un charlatán“ gab er weinend zu Protokoll und brach zusammen. Dann erklärte er kraft seines Amtes die Katholische Kirche für ein monströses Hirngespinst und befahl allen Priestern, den Unfug sofort einzustellen. Viele Rabbiner, Imame, griechisch-orthodoxe Priester, evangelische Pfarrer und barfüßige Bettelmönche aus dem Kaukasus folgten seinem Beispiel. „Was hat es noch für einen Sinn?“, fragte Rabbi Zalman Druck von der Großen Synagoge in Jerusalem. „Jetzt wo dieser Bengel es ausgeplaudert hat, ist der ganze Zauber dahin. Und vielleicht ist es auch besser so.“ Weniger einsichtig zeigte sich das Oberhaupt des tibetischen Buddhismus. Seine lukrative Vortragsreise werde er jetzt nicht abbrechen, ließ der Dalai Lama die Presse wissen. Viele seiner schönsten Weisheiten behielten ihre Gültigkeit, zumal er eh so gut nie von Gott, ewigem Leben oder Spaghetti rede.  

Krahwinkel zeigte sich von den raschen Konsequenzen völlig erschlagen. „Wow“, begann sein erstes Posting nach drei Tagen Funkstille. „Jahrtausende voller großer Geister. Und dann komme ich und… bämmm! Kann’s selbst noch nicht fassen. Naja, das Penicillin gab’s ja auch Jahrtausende lang nicht.“ Obwohl Krahwinkel weltweit von vielen Atheisten wie ein neuer Messias verehrt wird, will der praktizierende Naturwissenschaftler bodenständig bleiben. „Klar“, verrät er uns, „ich gehöre zu einer verschworenen Minderheiten von hellen Köpfen, die gegen ein Heer von Trotteln angegangen sind, aber das liegt an meiner DNA. Die habe ich mir nicht ausgesucht.“ Auf die Frage, was er an Religionen ablehne, ist der Chemiker um eine Antwort nicht verlegen: „Das Schwarz-Weiß-Denken. Hier die Guten, da die Bösen. Es ist doch Schwachsinn, die Welt in Gläubige und Ungläubige zu unterteilen. Und diese dämlichen Vereinfachungen. Religioten müssen immer alles total vereinfachen.“ Krahwinkel will seine Ansichten ausschließlich auf Vernunft und Fakten und überprüfbare Methoden gründen. „Ich habe alles von Richard Dawkins gelesen. Da merkt man gleich, dass das ein empirisch arbeitender Naturwissenschaftler ist, zum Beispiel wenn er glasklar und nüchtern formuliert: Religion ist ein Virus aus der Bronzezeit.“ 

Krahwinkel macht sein Erfolg Mut. Nun möchte er richtig losmissionieren. Denn noch immer liefen da draußen verblödete Vollhonks herum, die an Allah, den Osterhasen, Globuli oder an den Aufstieg des Hamburger SV glauben. Der bekennende Atheist zeigt stolz die Aufkleber mit dem durchgestrichenen Fisch und seinen Jutebeutel mit dem Aufdruck „Atheist“ sowie seinen Charles-Darwin-Altar. „Propheten sind durch die Bank Neurotiker“, sagt er ernst, „wenn nicht gleich komplette Bordercollies, oder wie das heißt.“ Allein das müsse laut Krahwinkel den Milliarden gehirngewaschener Deppen zu denken geben, die er noch zu heilen gedenke. Als wir anmerken, dass „Deppen“ etwas hart klingt, sagt er entschuldigend: „Ich meine das gar nicht böse. Das ist eben der Dunning-Kruger-Effekt: „Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist.“

 

Zum Abschluss des Gespräches wünschen wir dem jungen Mann alles Gute für seinen Lebensweg auf den Spuren Feuerbachs. Er sieht uns verdattert an. „Feuerbach? Wer ist Feuerbach?“ Wir wollen es gerade erklären, da verschwinden wir samt Bielefeld und Krahwinkel in einer Raum-Zeit-Falte.