Kauf dich unglücklich - Einkaufstörungen nehmen in Deutschland rapide zu

 

(erschienen in der taz am 21.2.2007)  

 

Essstörungen sind als Krankheitsbild in aller Munde. Nun belegt eine Studie der Uni Heidelberg, dass bei einer wachsenden Zahl von Menschen die Probleme bereits beim Einkauf der Lebensmittel beginnen.

 

Holger H. ist völlig erschöpft: „Ich habe versucht einzukaufen, es war wieder einmal eine Katastrophe. Beim Einkauf spaltet sich mein Wesen in Supermarkt-Es, Supermarkt-Ich und Supermarkt-Überich. Das Es will sich voll stopfen. Egal womit. Das Überich möchte der Pyramide gesunderer Ernährung folgen. Sie wissen schon: 40% Getreide, Reis, Nudeln, 30% Obst und Gemüse usw. Außerdem möchte mein Überich nach  hohen ethischen Standards leben. Das Ich möchte es mal wieder allen Recht machen, auch dem Geldbeutel.“

                                                                       

Holger H. ist laut Dr. Vera Wurlitzer kein Einzelfall: „Die Kameras in den Supermärkten zeichnen bei einer wachsenden Zahl von Kunden Routen auf, die an den Schwänzeltanz der heimischen Biene erinnern“ sagt die Ökotrophologin. „Manche gehen zehnmal oder öfter zu einem bestimmten Produkt, kaufen am Ende aber doch nichts.“

                                                                        

Als Grund dafür nennt Dr. Wurlitzer ein steigendes Wissen um Herkunft und Wirkung der Lebensmittel. Ob Gammelfleisch Skandal oder Fairtrade-Debatte – der pflichtbewusste Bürger sei „völlig durch den Wind.“ Dr. Wurlitzer weiß bereits von einigen psychosomatischen Krankheitsbildern: „Es gibt Menschen, die bekommen von ALDI-Produkten Akne, sogar, wenn es sich um Placebos handelt. Es ist bekannt, dass LIDL-Arbeiterinnen in Tschechien nur auf´s Klo dürfen, wenn sie ihre Tage haben, und auch dann nur, wenn sie deutlich sichtbare `Menstruations-Stirnbänder´ tragen. Gerade deutsche Kunden reagieren darauf, indem sie bereits beim Anblick eines „LIDL-ist-billig“-Schildes Blasen- druck verspüren.“ Die meisten Leiden gäbe es aber im Zusammenhang mit dem Kauf von Fleisch- und Wurstwaren.

                                                                        

Melanie F. isst nichts, was ein Gesicht hat. Bärchenwurst kommt ihr nicht auf den Teller. Davon abgesehen mag sie am liebsten Fleisch. Die Haltung und Tötung der Tiere findet sie aber in der Regel „nicht so supi“. Als „uncool“ bezeichnet sie die Qualität einiger Fleisch-Abfall-Gemische wie z.B. der „Original Berliner Currywurst“.

                                                                        

„Am liebsten würde ich ja mit den Tieren sprechen, um zu wissen, ob sie ein gutes Leben hatten. An manchen Theken bin ich bereits als `Wurstflüsterin´ verschrien.“

                                                                          

Biofleisch ist der fröhlichen Filialleiterin aber nicht nur zu teuer, sie misstraut auch den Biosiegeln. „Mittlerweile ist ja alles Bio. Die Nachfrage steigt, die Kriterien werden schwammiger. Außerdem sagt mein Freund immer: Das ist alles ein Riesenhoax. Und der muss es wissen. Der ist Unternehmensberater.“

                                                                          

Holger H. ringt vor so manchem Regal mit sich: Fairtrade oder nicht, das ist seine Frage. Verbessert er die Lebensbedingungen wildfremder Menschen tatsächlich oder beruhigt er nur sein Erste-Welt-Gewissen, während er gleichzeitig dem liberalen Welthandel eine subtilere Form der Ausbeutung ermöglicht? Er zeigt uns das kürzlich ins Deutsche übersetzte Buch „Unfair trade“ von Jean-Pierre Boris und sieht dabei sehr müde aus.

                                                                           

Laut Dr. Wurlitzer reagieren die Menschen auf ihre Einkauf-Überforderung ganz unterschiedlich: „Während manche Kompromisse suchen, leben andere fast nur noch von Wasser aus eigener Quelle und so genannter `Lichtnahrung´. Eine dritte Gruppe lässt alle Skrupel fahren.“

                                                                                                                                                

Wie Torsten „Nazgul“ W.: „Kauf gesund, kauf lecker, kauf fair, kauf stilvoll – drauf geschissen! Ich brauch´s hart, ich brauch´s dreckig. Ich ess fast nur noch Billigeintöpfe aus der untersten Regalreihe. Die Apokalypse in Dosen. Endgerichte. Die Abfälle der Chappi-Produktion, zusammengerührt in hausgroßen Zubern von schwitzenden Orks im Lande Mordor, wo die Schatten drohen. Leider kann ich nicht soviel kaufen, wie ich kotzen möchte.“

 

Welche der drei Gruppen am Ende Stil prägend für das deutsche Konsumverhalten wird, bleibt laut Dr. Wurlitzer abzuwarten. Sie sieht die Zukunft in Produkten wie `vie´ von Knorr, dass Passanten zur Zeit an jedem Bahnhof aufgeschwätzt wird. Dr. Wurlitzer dazu: „Ein Plastikfingerhut voll Saft, nicht teurer als ein Mensaessen, der 50% ihres Tagesbedarf ans Obst und Gemüse deckt. Das Produkt erfüllt die Bedürfnisse aller drei Gruppen: Gesund, billig und schmeckt zum Kotzen.“