Mo

25

Aug

2014

Neue Romanveröffentlichung

"Helden in Schnabelschuhen"

Roman

Knaus-Verlag, August 2014

ISBN: 978-3813505610

 

Max und Katja sind Freunde. Mehr nicht. Gerade haben sie ihr Philosophiestudium abgeschlossen und wissen viel, nur nicht, wie es weitergeht. Katja will Philosophie ins Volk tragen. Max findet für einen Mann von Geist jegliche Lohnarbeit erniedrigend. Außerdem hofft der übergewichtige Griesgram noch immer auf den großen Durchbruch bei Katja.

 

Geldnot und Katjas Ambitionen führen die beiden in die Mittelalterband „Kobold“. Die sommerliche Deutschlandtour mit Loki, Dulzinea, Lukanor, Egil von Egelstein und Bärwolf von Hardtberg – genannt 50 Kupferlinge – führt sie zu hessischen Hochzeiten, Harzer Hitlerfans, lachhaften  Landkommunen, bayrischen Burgfesten, rheinischen Rollenspielern, dem rätselhaften Rabenvater  –  und an den Rand eines soliden Nervenzusammenbruchs. Aber schließlich setzt Max alles auf eine Karte.

 

“Eine der schönsten … nun ja … Liebesgeschichten, die ich seit langem gelesen habe: Sehr komisch, ehrlich und tiefsinnig. Und weil „Helden in Schnabelschuhen“ außerdem eines jener seltenen Bücher ist, die stark anfangen und dann immer besser werden, kann ich nur jeder und jedem empfehlen: Lies das!” (Marc-Uwe Kling)

 

 

 

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Mi

28

Mai

2014

Die Echsen wollen vögeln

Wer wirklich hinter den neuen Montagsdemos steckt

 (erschienen im Eulenspiegel 7/2014)

 

Montag auf dem Potsdamer Platz in Berlin. Sina Spielvogel (24) ist ganz aus dem Häuschen: So viele Menschen, die voller Einsatz für Friede, Freude und Eierkuchen demonstrieren – das erlebt sie sonst nur bei Facebook. Jetzt ist sie live dabei, hält ein Schild hoch. Aufschrift: „Nie wieder Grieg“. Sina schmunzelt. Da hat sie sich verschrieben. Und sie findet es cool, zu den eigenen Fehlern zu stehen. Außerdem: Wer sagt, dass man Krieg immer mit „K“ am Anfang schreiben muss? Wer legt so etwas überhaupt fest? Ihr Freund Felix erklärt uns: „Was wahr ist und was nicht, wird viel zu oft von den Mächtigen bestimmt. Wir bekommen zum Beispiel von Kindesbein an beigebracht, dass zwei und zwei gleich vier ist. Gesetzt den Fall, es käme in Wirklichkeit fünf heraus – würden wir jemand glauben, der uns das beweist?“

 

Gute Frage! Wie Sina und Felix sind einige der Anwesenden Querdenker. Manche auch Kreuz-und-Quer-Denker. Auf den ersten Blick scheint sie nicht viel zu verbinden: Zwischen unauffälligen Gestalten mit Friedenstauben-Button an der Jack-Wolfskin-Jacke und mückengesichtigen Studentinnen mit Dreadlocks unter den Achseln stehen gutgelaunte Jungspunde, die auf ihren Aluhüten laktosefreie Bio-Sardinen grillen. Ein Wut-Rentner versucht zu beantworten, worum es hier geht: „Um Frieden. Und darum, dass man über die aktuellen Grenzen des deutschen Reiches noch einmal diskutieren müsste.“

 

Auch für Sina und Felix steht Frieden im Mittelpunkt. Sie haben etwas gegen heimtückische Kondensstreifen, Hagelflieger und Wetterhexen, und sie prangern an, dass wenige Superreiche die Medien, die Märkte und die Media-Märkte beherrschen. Manches, was ihre Mitdemonstranten sagen, finden sie aber etwas weit hergeholt: Etwa, dass der Westen in der Ukraine eigene Machtinteressen verfolgt, in Kiew Faschisten mitregieren, oder dass der Kapitalismus und sein Finanzsystem fürs Allgemeinwohl gar nicht mal das Gelbe vom Ei seien.

 

„AfD, NSA, ESM, USA, BRD GmbH, GEZ, TTIP, FdH, NWO, UNO, Mau-Mau, Doppelkopf  — es ist alles so verwirrend“, sagt Sina.

    „Nein“, meint Felix. „Eigentlich ist es ganz einfach. Wenn du die Meinung der MSM um 180 Grad drehst, dann hast du die Wahrheit.“                                                                                          

 

MSM – damit meint Felix die Mainstreammedien. Viele hier vermuten, dass sie von Fernsehen, Radio und Presse nach Strich und Faden verarscht werden. Oder wie ist es zu erklären, dass man so gut wie nie etwas über die jüdische Weltverschwörung erfährt?  

 

Ein Raunen geht durch die Menge: Auf dem Podium poppt ein Andreas auf und redet über Zins und Zinseszins, dass selbst einem Mr. Dax schwindelig würde. Und er spricht auch über die Unterdrückung und Verzerrung der Wahrheit: „Wir haben keine Firewall im Hirn. Die Manipulation durch die Medien kann deshalb direkt ins limbische System eindringen.“ Der nüchternen Mahnung folgt tosender Applaus. Und Popp hat ja Recht: Weder haben wir eine Firewall im Hirn, noch einen ordentlichen Virenscanner, Browser oder Musikstreamingdienst. Die Meisten kommen mit ihrem Hirn noch nicht einmal ins Internet.                  

Nach Popp spricht Ken „Barbiegirl“ Jepsen. Gleich zu Beginn macht er eins unmissverständlicher klar: Seine Zielgruppe ist der Mensch. Welcher Mensch – das lässt er im Dunkeln, aber vermutlich ist Jutta von Dittfurth gemeint. Die hat laut Jebsen nur 4000 Facebook-Fans, er immerhin 110.000.                                                               

                 

Höhepunkt ist jedoch der spontane Auftritt eines vielleicht acht Jahre alten Mädchens. Sie bedankt sich bei Ihrer Mama. Denn durch diese grundgütige Frau wurde sie darüber aufgeklärt, dass böse Menschen unschuldigen Mais vergewaltigen, eine einzige Privatbank die ganze Welt beherrscht und Angela Merkel in Wirklichkeit eine Hure der US-Wirtschaft ist.                                

 

Die Menge ist begeistert. Interessante Gesprächsthemen machen die Runde: Bitcoins als sichere Geldanlage, Germanische Neue Medizin oder die spannende Hohlkopftheorie. Der zufolge ist der Kopf des Menschen hohl und beherbergt winzige Reichsflugscheiben vom Typ Haunebu, die vorzugsweise links blinken und dann rechts abbiegen.                                        

 

Auch Sina fühlt sich längst, als flögen kleine Scheiben durch ihren Kopf. So viele Informationen. Dabei ist sie nur gegen Krieg und dass die da oben Gift vom Himmel sprühen.  

 

Lars Mährholz – der 34jährige Initiator der neuen Montagsdemos – sieht aus wie eine Kreuzung aus Jesus Christus und einem drogensüchtigen Wikinger. Er versucht, Klarheit zu schaffen: „Ich sehe das wie unser Mitstreiter Jürgen Elsässer: Nicht links, nicht rechts, sondern vorwärts – das ist unsere Parole!“ Was hier manchmal wie Antisemitismus klinge, sei gar keiner. Eine semitische Sprache sprächen ja auch die Araber. Von denen säße aber kein einziger in der FED, der amerikanischen Federal Reserve Bank, die hinter allen Kriegen der letzten hundert Jahre stecke.

 

Sina fragt, ob sie denn dann was Falsche in Geschi gelernt hätte. Also ob Hitler und die Deutschen gar nicht Schuld hätten am 2. Weltkrieg. Mährholz lächelt weise: „Ich streite weder ab, dass es Adolf Hitler gegeben hat, noch dass es eine so schreckliche Sache wie den Holocaust gegeben hat. Es gab furchtbare Verbrechen auf diesem Planeten, und wer das leugnet ist einfach ein totaler Vollidiot. Aber ich glaube, dass die Geschichte nicht so einfach zu erklären ist. Und ich glaube, dass einigen Menschen auf dieser Welt ein paar Informationen fehlen."                                      

                       

Sina nickt. Den Eindruck hat sie auch. Aber wie kommt man an die nötigen Informationen, um die einzelnen Puzzleteile zu einer Gesamtschau zu verbinden? Sie könnte bei Wikipedia unter „Struktureller Antisemitismus“ nachlesen, aber Wikipedia gehört sicher längst zu den Mainstreammedien, die von einigen wenigen superreichen Juden kontrolliert werden.

 

Es gibt derzeit wohl niemanden, den Sina eher um Rat fragen sollte als David Icke. Der 62jährige Brite ist ehemaliger Fußballprofi, Publizist und einer der ganz wenigen Durchblicker, wenn es um die wahren Machtverhältnisse in der Welt geht. Der sympathische Zausel wohnt auf der Isle of Wight und begrüßt Besuch gerne mit selbstgekauftem Tee und augenzwinkernden Weisheiten: „Stellen Sie doch mal Altbekanntes in einen neuen Kontext! Sofort erweitert sich Ihr Bewusstsein. Nehmen Sie nur diesen traditionellen Berliner Reim:

 

Ick saß und aß

Klops

Auf einmal kloppt’s

Ick steh‘ auf und kieke

Wer steht draußen?

Icke!

 

Doch schnell wird er und es ernst: „Was haben Claudia Roth, Rothhändle, die amerikanischen Ureinwohner, also Rothäute, Rothaarige und Rothe Beete gemeinsam? Richtig: Sie werden alle von den Rothschilds kontrolliert. Der Witz ist, das auch alles andere von den Rothschilds kontrolliert wird – den Rothschilds und zwölf weiteren Familien.“ Icke plaudert aus dem Nähkästchen der Weltbeherrscher. Schwungvoll kommt er von den Bilderbergern zu den unterbelichteten Illuminaten, von den Weisen von Zion über die Les Humphrie Singers zu den Freimaurern ohne Schurz. Fragt man Icke, ob eine Weltverschwörung durch die Rothschilds nicht judenfeindliche Propaganda sei, schüttelt er sofort den Kopf: „Quatsch. Einer meiner besten Freunde ist Jude. Nämlich Jehova. Und die Rothschilds sind ja in Wirklichkeit echsenartige Formwandler aus der niederen vierten Dimension.“ Icke spricht mit glänzenden Wangen von Hybriden zwischen außerirdischen Reptoiden und Menschen. Zu Ihnen gehören Enoch Kohen (Helmut Kohl), Ariel Mechkel (Angela Merkel) und Judas Sassael (Jürgen Elsässer). Ja, genau jener Jürgen Elsässer, der auf den neuen Montagsdemos über die internationale Finanzoligarchie spricht. Auch Ken Jebsen (Ben Joffe), Andreas Popp (Abraham Schlopp) und Lars Mährholz (Levi Rosenholz) sind laut Icke verschwörerische Halbechsen.                                                                                   

 

Langsam kommt Licht ins Dunkel: Die Verwirrung, die die neuen Montagsdemos erzeugen, ist gewollt, hat Methode. So wie man Rosenkreuzer daran erkennt, dass sie behaupten, keine Rosenkreuzer zu sein, während die, die keine Rosenkreuzer sind, gerne behaupten, sie wären welche, so behaupten die echsenhaften Weltbeherrscher, sie seien gegen die Weltbeherrscher. Sie  treten als schmierige Deppen auf, um die Idee einer Weltverschwörung komplett lächerlich zu machen. Nur windelweiche Wirrköpfe folgen einem scheinbaren Spinner wie Levi Rosenholz. Raffiniert. Aber nicht raffiniert genug für Icke, der den Echsen-Umtrieben schon seit Jahrzehnten auf der Spur ist.                                            

 

„Sie haben keinerlei Empathie“, sagt Icke nachdenklich und zählt lustlos ein paar weitere Namen auf: Jürgen Trittin, Anne Will, Julia Timoschenko, Edward Snowden. „Und sie können jede x-beliebige Meinung annehmen.“

                                                                        

Die wahren Ziele der Reptilien seien nicht Geld und Macht, wie viele annehmen und wie es auch Judas „Tausend“ Sassael seinen Zuhörern weismacht. Echsen könnten mit Geld nichts anfangen und Macht sei für sie nur Mittel zum Zweck. Der Zweck aber sei sexueller Natur. Das läge bei einer höher entwickelten Kultur ja auf der Hand.                                                                                    

 

„Die Echsen wollen ficken“, sagt Icke. „Wo, wann, wie und mit wem sie wollen. Global und 24/7. Erst wenn die letzte Hütte für sie ein Gratis-Puff ist, sind sie’s zufrieden.“     

 

Wer Icke eine Weile unvoreingenommen zuhört, lernt in wenigen Stunden mehr über die Welt und den Menschen, als in einer ganzen Schullaufbahn. Auch Sina und Felix sind sich einig: „Wenn es diese notgeilen Reptoiden nicht gäbe, man müsste sie erfinden.“

 

Die Demo ist zu Ende. Die Menge versprengt sich. Viele sind zufrieden. Ein Teilnehmer sagt: „Dass wir nur so wenige sind, zeigt mir, dass wir richtig liegen.“ Ein Anderer meint: „Wir werden immer mehr. An der Sache muss also was dran zu sein.“                      

 

Im Hintergrund flainiert Ken Jebsen vorbei. Für eine flirrende Sekunde scheinen seine Gesichtszüge zu verschwimmen: ins Längliche, Grünstichige. Gleichzeitig schießt eine sehr lange, schmale Zunge aus Mährholzens Mund und schlingert lüstern durch die Luft. Der Organisator schaut sich um, hofft, dass es niemand gesehen hat. Dann lächelt er verschmitzt.

 

(Die kursiv gesetzten Passagen sind Originalzitate)

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Mi

22

Jan

2014

Der weibliche Weg zum Glück -- über biologische Forschung contra Gendertheorie

 

Weil gerade der Tagesspiegel eine brandneue Studie vorstellt, anhand derer Biologinnen und Biologen die Theorie aus den Angeln heben wollen, dass Geschlecht ein gesellschaftliches Konstrukt ist, möchte ich einen Artikel zum Besten geben, den ich zu einem Spiegel-Aufmacher aus dem Jahre 2008 verfasst habe. Darin wird eine vergleichbare, semi-seriöse Studie als heißer Scheiß ausgegeben. Hier meine semi-seriöse Anmerkung dazu:

 

Fast immer wenn ich gerade denke, dümmer geht es in Sachen Mediennarretei nicht mehr, kommt eine neue Ausgabe des Spiegel heraus und beweist: Oh wohl, es geht noch dümmer! Tatsächlich musste ich heute morgen am Kiosk zweimal hinsehen, als ich die neue Ausgabe sah: „Die Biologie des Erfolgs. Warum Frauen nach Glück streben – und Männer nach Geld.“ Der effektheischende Gedankenstrich vor „und Männer“ wäre gar nicht nötig gewesen, um zu verraten, dass hier eine neue journalistische Meisterleistung der Lektüre harrte. Natürlich kaufte ich das Blatt nicht, sondern las es in einem nahe gelegenen Café. Es gibt eine Faustregel: Erinnert das Titelbild einer Spiegel-Ausgabe an die Bildchen, mit denen die Zeugen Jehovas ihre Broschüren verzieren, dann geht es um etwas Religiöses – um Gott, Gene oder Geschlecht. Diesmal sitzen im orangefarbenen Rahmen ein nackter Mann und eine nackte Frau auf verschiedenen Planeten. Der Leitartikel baut erst einmal mächtig Spannung auf: Ja, es gehe um die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Das sei ein heißes Eisen. Ganz neue Erkenntnisse stünden da ins Haus, denn diesmal ginge es nicht um Stammtischgerede, diesmal wären es nicht die Ideen eines Bischof Mixa oder einer Eva Hermann, nein, diesmal hätte eine echte Wissenschaftlerin etwas Sensationelles beizusteuern. Susan Pinker, eine Entwicklungspsychologin der McGill-Universität in Montreal. Und nicht nur Wissenschaftlerin sei sie, nein, auch Feministin, und sie sei über ihre eigenen Studien-Ergebnisse erschrocken, da sie ja mit der Vorstellung groß gezogen worden sei, Männer und Frauen wären vollkommen gleich und würden nur durch Erziehung und Milieu in Rollenförmchen gepresst.

 

Pinker hat ein Buch geschrieben, das dieser Tage auch auf Deutsch erscheint: The Sexual Paradox: Men, Women and the Real Gender Gap. Pinkers These darin ist erfrischend simpel: Frauen entscheiden sich öfter gegen eine Karriere als Männer, weil sie biologisch anders zusammengerührt sind als diese. „Die weibliche Hirnaktivität bremst Ehrgeiz im Wettbewerb.“ Damit man sich diesen komplizierten Sachverhalt besser vorstellen kann, druckt der Spiegel die Graphik eines Gehirns ab. Verschiedene Zonen darin sind mit blauen oder roten Punkten markiert, je nachdem ob das entsprechende Areal bei Frauenhirnen größer oder kleiner ist als bei Männerhirnen. So ist der Hypothalamus, der unter anderem die sexuelle Aktivität steuert, beim Mann größer. Das Areal das „für Gefühl zuständig ist“, ist bei der Frau größer. Der Spiegelartikel zeigt sich jedoch erstaunlich skeptizistisch: Es sei nicht sicher, ob die Größe eines Hirnareals irgendetwas über seine Dominanz oder Wirkung aussage, aber bei Ratten sei es schon so, dass es da so etwas wie Zusammenhänge gäbe. Also vermutlich. Und die Karriereentscheidungen von Ratten sind schon ein durchaus lohnendes Forschungsthema.

 

Ein anderer Forscher wird mit zwei spektakulären Experimenten zitiert. Baron-Cohen, ein britischer Psychologe und Direktor des Autismus-Forschungszentrums ARC in Cambridge, hielt männlichen und weiblichen Säuglingen, die je gerade einen Tag alt waren, abwechselnd ein Mobilé und ein menschliches Gesicht vor die halb-blinden Äuglein. Tatsache: Die Mädchen reagierten stärker auf das Gesicht, die Buben mehr auf das Mobilé. „Frauen und Technik passen schlecht zusammen“, weiß auch Frau Pinker.

 

Noch eindrucksvoller erschient mir aber die zweite Versuchsanordnung des Baron-Cohen: Grünen Meerkatzen wurden diverse Spielzeuge dargeboten, und siehe da: die Männchen schnappten sich Spielzeuglaster und Bälle, die Weibchen Stoffpuppen. Und da rede noch einmal jemand von Sozialisation! Ich selbst habe eben einen Test gemacht und bei den verschieden geschlechtlichen Zwillings-Babys meiner Nachbarn ein Pendel ausgepackt. Ohne zu wissen, welches Baby in welcher Wiege lag, schwang mein Pendel über der rosafarbenen Wiege im bauchig-harmonischen Kreis, über der blauen im männlich-markanten Quadrat.

 

Der Spiegel-Artikel verfolgt keine einheitliche Linie, plötzlich schlägt die muntere Betrachtung nämlich einen Haken, indem Susan Pinker mit folgender Aussage zu ihren hochmodernen Tomographen-Erkenntnissen über Männer- und Frauenhirne zitiert wird: „Meist sind die Unterschiede innerhalb eines Geschlechts deutlich größer als die zwischen Mann und Frau.“ Aber dann, so befiehlt es mir mein männlich-analytisches Gehirn zu denken, dann erklären diese Hirnstudien doch gar nichts. So möchte sich Pinker allerdings auch nicht verstanden wissen. Im „Spiegel-Gespräch mit der Entwicklungspsychologin Susan Pinker über die Irrtümer der Frauenbewegung und den weiblichen Weg zum Glück“ äußerst sich Pinker so: „Diese [biologischen] Unterschiede können eine enorme Bedeutung bekommen. Denken Sie nur an all die männlichen Geschäftsführer und die wenigen weiblichen. Um Geschäftsführer zu werden, muss man sehr getrieben sein und aggressiv. Vermutlich ist dabei Testosteron im Spiel.“ Potzblitz! Nicht nur, die vielleicht unterschiedlich großen Hirnbereiche, die eventuell bei Ratten, Schlüsse zulassen, die dann natürlich sehr reduktionistisch sind und mit vielen anderen Faktoren in Beziehung gesetzt werden müssten – nein, auch noch das gute, alte Testosteron, das vermutlich die Männer zur Karriere treibt. Mit derart bahnbrechenden Überlegungen empfiehlt sich Frau Pinker bereits jetzt für den Nobelpreis (der genetisch bedingt bisher zu 95% an Männer ging).

Und es ist ja eine bekannte Tatsache, dass sich alte Männer, deren Testosteronspiegel sinkt, kaum noch für Karriere interessieren und am liebsten in einen „Frauenberuf“ wie Bibliothekarin, Krankenschwester oder Klofrau wechseln möchten.

 

Susan Pinker will ja eigentlich nur spielen und meint es gar nicht böse, wie der vor sich hin irrende Artikel zu verstehen gibt. Sie wolle nicht leugnen, dass Frauen im Berufsleben oft diskriminiert würden und vieles an sozial erlerntem Verhalten liege, nur eben die Biologie, die spiele ja vielleicht auch irgendeine Rolle.

 

Nach Belegen, dafür gefragt, dass Frauen lieber mit Menschen zusammenarbeiten als Männer, antwortet Pinker: „70% aller Promotionsarbeiten im Fach Psychologie werden in den USA von Frauen verfasst.“  Einer derart zwingenden Beobachtung kann sich wohl niemand entziehen. Denn klar: Nichts ist so gesellig, nichts entspricht so sehr dem, was man unter „was mit Menschen“ versteht, wie eine Doktorarbeit zu verfassen. 

 

Geschrieben wurde der putzige Artikel, der versucht, alles richtig zu machen und den Anschein erweckt, tatsächlich etwas zu bieten, was nicht alle Jahre wieder daher gelallt wird, von vier Menschen, bei denen ich mir nicht vorstellen mag, dass sie älter als 18 Jahre sind, klingen sie doch wie von einer neuen Kinderbuch-Gang: Katja Thimm, Samiha Shafy, Nils Klawitter und Beate Lakotta.

 

In der gleichen Spiegel-Ausgabe kommt übrigens auch noch Großmeister Paulo Coelho zu Wort: „Wir stehen an einem Scheideweg. Die Frage ist, ob wir den Weg des Weiblichen, der Spiritualität gehen wollen.“ Der bauernschlaue Coelho hat natürlich erkannt, was auch in dem lustigen Pinker-Artikel zu lesen steht: „Tatsächlich bestimmen typisch weibliche Themen wie Moral, soziale Verantwortung, Gerechtigkeit und Einfühlungsvermögen derzeit auffallend die Management-Literatur.“

 

Bevor ich mich gleich wegen der Aussage „typisch weibliches Thema Moral“ übergebe, muss ich mich aber doch noch kurz freuen: Eine Welt, in der erwachsene Menschen Forschungsgelder darauf verwenden, grünen Meerkatzen Spielzeug vorzulegen, um nach geschlechtlichen Präferenzen zu fahnden, mag zwar durch und durch bekloppt sein, aber sie ist auch sehr, sehr lustig. Und: wo so was bezahlt werden kann, das ist bestimmt genug Geld für alle da!

 

P.S.: Nicht, dass ich jedes konstruktivistische Geblödel, dass unter "Gender-Studies" firmiert, ernst nehme, aber was da aus der "biologischen" Ecke kommt, ist, wenn es zu Soziologie aufgebläht wird, nicht nur in der Regel denkerischer Unfug, es atmet auch den Geist des Reaktionären, der echte oder angebliche biologische Unterschiede heranzieht, um menschengemachte Ungerechtigkeiten zu bagatellisieren.

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Sa

04

Jan

2014

"Ferkel im Wind" Premiere

Nachdem sich die Lesebühne "Der Kleingeist" diesen Sommer nach über acht Jahren wegen -- wie sagt man? -- künstlerischen Differenzen aufgelöst hat, ging monatelang ein Murren, Klagen und Heulen durch jene Gassen Bonns, in denen die Feinsinnigen wandeln. Doch wisset, ihr, die ihr mühselig und beladen seid und schon zu lange ohne erquickende Lachtränen überdauern musstet: Nächsten Samstag ersteht aus der Asche des Alten das Neue. Was dem Einen der Phönix aus der Asche, ist der Anderen das Ferkel im Wind -- Symbol und Fakt, Legende und Wahrheit, grobe Narretei und tiefe Einsicht, ganz wie unsere* Dichtung, die über die Jahre noch dichter geworden ist.  


Die Premiere findet statt am 11. Januar um 22.00 Uhr im

Euro Theater Central, das noch einige wenige Karten zu

10 oder 8 Euro bereithält.

 

Premierengast ist Katinka Buddenkotte.

 

 

Und hier sehen Sie mehr vom Ferkel im Wind.

 

 

(* Christian Bartel, Olaf Guercke, Francis Kirps und ich)

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Fr

13

Sep

2013

Evil dead -- damals und heute

Magister Nachit faltet zufrieden die Hände auf seinem Wanst. Die Kinoleinwand ist schwarz geworden, gleich beginnt der Film. Ich sitze gutgelaunt neben dem prächtigen Frankomarokkaner, einem ausgewiesenen Connaisseur des Obskuren, Schattenhaften, Grotesken und beizeiten schlichtweg Widerwärtigen. Wer sonst hätte mich an einem Fronleichnamsabend in das Kölner Cinedom begleitet, um den Film „Evil Dead“ zu sehen, einen Streifen, dessen amerikanisches Verleihplakat mit folgendem dämlichen Slogan wirbt: The most terrifying film you will ever experience.

 

Obwohl in Köln seit vielen Tagen zum ersten Mal die Sonne ballert, ist der Kinosaal rappelvoll. Außer Magister Nachit und mir gibt es nur sehr wenige Zausel mittleren Alters, darunter eine Frau, die wie eine resolute Finanzbeamtin aussieht, für die Gary Larson eine Brille entworfen hat. Und direkt hinter uns sitzt ein Mittvierziger-Paar, bei dem der Mann die verkrampft-unterwürfige Schein-Normalität des Ex-Junkies ausstrahlt. Das restliche Publikum besteht aus Menschen in der Blüte ihrer Jugend. Allein in der Reihe vor mir zähle ich sieben Baseballkappen und acht XXL-Eimer mit Popcorn.

 

Gleich neben mir hat sich eine vierköpfige Clique niedergelassen, bei der es sich vielleicht um Berufsschüler, vielleicht auch um Studenten handelt. Da scheinen mir heutzutage die Übergänge fließender als zu meinen Unitagen. Das Mädchen, das gleich neben mir sitzt, sagt: „Ich habe keinen Bock auf den verfickten Kack, ich scheiß mir jetzt schon in die Hose.“ Vermutlich doch eine Studentin, schließlich hat sie zwei Sätze gesprochen, ohne „Alter“ zu sagen. Ich bescheide dem guten Kind, dass es sich gerne einscheißen dürfe, aber auf unkontrolliertes Kreischen, namentlich in mein Ohr, bitte verzichten möge. Die junge Dame sieht mich interessiert an. Auch der junge Mann neben ihr wirkt überdurchschnittlich aufmerksam. Nach einer kurzen Pause füge ich hinzu: „Genaugenommen bin ich auch gegen das Einscheißen.“ „Geht klar!“, sagt das Mädchen souverän in das Gelächter ihrer Clique. Und schon geht es los.

 

Bei „Evil Dead“ handelt es sich um das Remake des Films „The Evil Dead“ aus dem Jahre 1981, der in Deutschland als „Tanz der Teufel“ beschlagnahmt wurde und bis heute indiziert ist. Also ein Film mit gutem Ruf unter Horrorfilmfreunden. Ich hatte das Glück im Alter von 13 Jahren über einen älteren Freund an eine ungeschnittene VHS-Version des Werkes zu gelangen. Der billig gedrehte Film hatte bei mir den Effekt eines unrund verlaufenden LSD-Trips mit Langzeitwirkung, weswegen ich „Tanz der Teufel“ in kurzer Folge noch zwei weitere Male ansah, nicht ohne zwei Gleichaltrige mit reinzuziehen.

 

Die Handlung ist schnell erzählt: Fünf junge Menschen, zwei Männer und drei Frauen, suchen eine Hütte im Wald auf und beschwören zufällig eine dämonische Macht, die nacheinander in die Mädels rauscht und in diesen Wirtskörpern nur zur Ruhe gebracht werden kann, wenn diese vollständig zerstückelt werden. Gut, das klingt jetzt weder nach komplexer Dramaturgie, noch nach einem Kultklassiker des emanzipatorischen Frauenkinos, aber das Inferno, das da 1981 von ein paar Filmstudenten für 90.000 Dollar entfesselt wurde – mit toller, eigenwilliger Kameraführung, sehr eigenständiger und effektiver Tonspur sowie einem soliden „over-the-top“-Ansatz in Sachen Terror und Gewalt – ja, diese grausam-komische Dämonen-Entfesselung gehört bis heute zu den Perlen rustikaler Unterhaltung und kann auch in unseren Tagen Pubertierenden auf der Suche nach einem Initiationsritus uneingeschränkt empfohlen werden. Klar, man kann als junger Mensch auch coole Skitouren, einen aufregenden Surfurlaub, Petting oder Interrail machen, aber es ist nun einmal nicht jedem alles im gleichen Maße möglich.

 

Ich möchte das anhand meiner eigenen Person ein wenig verdichtet illustrieren: In der Mittelstufe fand ich mich eines Tages auf dem Schulhof zwei Gruppen Jugendlicher gegenüber. Die eine Gruppe bestand aus gut gewachsenen, cool gekleideten Teenagern, die gut in der Schule waren, ohne als Streber zu gelten, und die in ihrer Freizeit viel Sport machten, geile Musik auflegten und mit anderen netten Teenagern ausgingen und coole Projekte und interessante Reisen für die Zeit nach dem Abi planten. Die Jugendlichen dieser Gruppe tranken morgens frischgepresste Säfte in lichtdurchfluteten Küchen, während ihre schönen Eltern in weißen Bademänteln dasaßen und ihnen sanftmütig lächelnd das dichte Haar zerwuschelten. Mein Blick wanderte zur anderen Gruppe: Da standen anorektische Scheidungskinder, aufgeschwemmte Trauerklöße, blasse Bettnässer, stotternde Hampelmänner in schwarzen Rüschenhemden, neurotische Weltverbesserer in Hosen aus Sackleinen, depressive Drogen-Diven und giggelnde Pickel-Geeks. Ich sah, dass mir aus der ersten Gruppe jemand zuwinkte: „He, komm ruhig zu uns, Anselm. Passt schon.“ Das hatte nett, aber nicht zwingend geklungen. Die Frischsaft-Teenager kamen ganz offensichtlich auch bestens ohne mich klar. In der zweiten Gruppe sagte niemand etwas. Es lud mich auch keiner ein, aber die verstohlenen Blicke sprachen Bände: Man wollte mich. Man wollte mich unbedingt. Ich hatte damals zwei Leitsätze: 1. Ein Mann muss da hingehen, wo er gebraucht wird, und 2. Better to rule in hell than to serve in heaven.

 

Eine folgenschwere Entscheidung, wie ich 25 Jahre später, nicht ohne einen Anflug von Melancholie bemerken möchte. Die Zugehörigkeit zur beta-Gruppe brachte mich zwangsläufig in die Gesellschaft von Rollenspielern, Protoalkoholikern, Borderlinerinnen, Missbrauchsopfern, Freizeitsatanisten, Computersüchtigen und Horrornerds. Man kann behaupten, dass ich jahrelang hauptberuflich uncoole Hobbies gesammelt und ausgeübt habe, und für keines bin ich so sehr angefeindet worden wie für mein Faible für missgelaunt-metzgernde Misanthropen-Machwerke. So stellte mich beispielsweise ein Religionslehrer vor der versammelten Klasse als verkommenes Subjekt dar, nur weil ich behauptete, die vom ihm frech aus meinem Ranzen gefischte VHS-Kassette mit der Aufschrift „Tanz der Teufel“ enthalte die Fortsetzung von „Dirty Dancing“. Am Ende hackte zum Glück eine Krähe der anderen kein Auge aus. Pater Wenzel übersah, dass ich im Klassenzimmer mit solchen Filmaufnahmen Handel trieb. Ich hing im Gegenzug nicht an die große Glocke, dass mein älterer Bruder ihn im Südfrankreichurlaub einmal mit Frau Engel, der guten Fee des Internats, in pärchenhafter Pose vorgefunden hatte.

 

Schwerer wog, was der Horrorfilmfimmel kurz darauf mit sich brachte: Die Eltern eines Freundes verboten ihm nach zwei Ermahnungen den Umgang mit mir. Später konnte ich das ein bisschen verstehen. Ich erfuhr, dass sie ihren Sohn manchmal mit einer Reitgerte schlugen. Wenn er auch noch mit mir Horrorfilme gesehen hätte, wäre das sicher zu viel Grausamkeit für einen Heranwachsenden gewesen. Anderes Ungedeih brachte mir meine Passion noch in meiner Studienzeit: Eine Kunststudentin der anthroposophischen Alanusschule brach eine Affäre mit mir ab, als sie meine kleine, aber monothematische Filmsammlung entdeckte. Mir waren damals allerdings Frauen mit Freude am Horror ohnehin lieber.

 

Ob hier und heute im Kölner Cinedom die junge Dame im Sitz neben mir allerdings eine solche Horrorfrau ist oder wird, bleibt abzuwarten. Offenbar ist sie nicht ganz freiwillig zum Teufelstanz erschienen, sondern wurde von ihrem Freund oder gleich der ganzen Clique genötigt, sich das finstere Treiben anzusehen. Und es dauert auch nur 35 Sekunden, da brennt auf der Leinwand bereits eine blondgelockte Frau, die gleichzeitig ihrem Vater dämonische Schweinereien ins Gesicht grunzt. Dieser Vater hat gerade eben mit den gequälten Worten „Ich liebe dich“ den Scheiterhaufen in Brand gesteckt. Man muss da jetzt die einzelnen Zusammenhänge nicht verstehen. Die Welt der Dämonen trotzt dem apollinischen Logos mit chthonischem Chaos. Auf jeden Fall ist die Szene effektiv inszeniert.

 

Ich linse vorsichtig zu dem Mädchen im Nachbarsitz. Sie sitzt mit verschränkten Armen da und schaut mit leicht gesenktem Kopf auf die Leinwand. Sie scheint alles im Griff zu haben. Anders sieht das beim vermeintlichen Ex-Junkie hinter mir aus. „Boh, hohoho!“ lacht er laut in den Saal. Er wird dieses Lachen ab jetzt noch 76 Mal erklingen lassen, manchmal garniert mit einem: „Ey, haste gesehen? Krass.“ Die Frau neben ihm sagt gar nichts. Vielleicht ist sie nicht seine Freundin, sondern eine Sozialarbeiterin im Dienst.

 

Redselig sind hingegen die Kappenträger in der ersten Reihe. Vor allem ein gutgelaunter Speckkopf lässt sich keine Pointe entgehen. „Achtung Sonnenbrand“, sagt er, als es gerade still genug im Kino ist, das Hexenmädchen aber noch brutzelt. Kein Spitzenwitz, aber dem Buben geht es anders als der Hexe: Er muss erst mal warm werden. Etwas später wird eine junge Frau im Wald bei der Hütte von tückischem Geäst festgehalten, derweil eine dämonische Erscheinung einen meterlangen Wurm auskotzt, der sich langsam den Weg in die Scheide des armen Mädchens bahnt. Das klingt jetzt etwas wirr und etwas eklig, ist aber geradlinig und steril inszeniert, die Szene im Original hatte da mehr Potenzial, eine Psychose auszulösen oder zumindest Alice Schwarzer in Talkshows zu treiben.

 

Als das windige Wurmwesen schließlich in seinem wimmernden Wirt verschwunden ist, wird es auf der Leinwand und im Publikum kurz still. Genau jetzt kann der Lümmel aus der ersten Bank vier Worte trocken platzieren: „Hä, in die Muschi?“ Solides Timing und zu recht ein Lacherfolg bei seinen Kumpels. Auch ich fühle mich heiter, ja beinahe gelöst, und sage, in seine Richtung gebeugt: „Das Ding ist da rein, wo du raus gekommen bist.“ Der Dickwanst dreht sich zu mir um und sagt mit nachdenklichem Blick: „Stimmt.“ Teufel, denke ich, diese Kids von heute sind wirklich abgebrüht.

 

So geht es nun von Szene zu Szene: Bei jeder Gräueltat lacht der Ex-Junkie ein kehliges Männerlachen oder sagt: „Ja, geil, und jetzt noch das Bolzenschussgerät.“ Der Kappenbengel begnügt sich mit trockenen Onelinern und das Mädchen neben mir sitzt mit verschränkten Armen da. In der Mitte des Films schlägt ein nerdiger Mann seiner besessenen Freundin mit einem Waschbecken Rücken und Kopf zu Klump. Das dauert ungefähr eine halbe Minute, ist klangtechnisch nachvollziehbar gestaltet und sorgt für einen überraschenden Effekt: Der Kehlenlacher hinter mir hält sich bedeckt und der Whopper sagt zur Abwechslung einmal nichts. Es scheint, als ob der Film die Grenze dessen überschritten hat, was der Kappenlümmel für witztauglich hält. Ich bewundere die Sensibilität des jungen Mannes in diesem scheinbar unsensiblen Kontext und stelle mir plötzlich seine Wimpern lang und zart vor.

 

Sicherheitshalber schaue ich noch einmal zu der jungen Frau neben mir. Sie hat noch immer die Arme vor der Brust verschränkt, schaut jetzt aber weniger ängstlich, sondern trotzig-schmollend. Vielleicht so, wie ich in einem Musical sitzen würde. Es gibt noch einigen Buhei auf der Leinwand, bei dem eine Kettensäge, ein Teppichmesser und eine Nagelschusspistole die Handlung vorantreiben. Besagte Nagelschusspistole wird vom Nerd benutzt, um einem anderen Dämon in Frauengestalt heimzuleuchten. Die Nägel, die den Körper der unheiligen Sebastiana durchbohren, machen der entfesselten Furie jedoch nicht viel aus. Wer kennt das nicht: Ein Pärchenstreit verleiht den Beteiligten oft ungeahnte Kräfte und Schmerztoleranz. Wie auch immer: Als die Nägel alle sind und sich die Dämonin in halbseidener Absicht über den armen Brillenträger zu beugen droht, ruft der Junge neben dem Kappenwhopper: „Ey, wirf du Sau!“ Und tatsächlich: Der Nerd wirft das Nagelschussgerät und kann sich gerade noch wegrollen.

 

Ich finde, Filme wie Evil Dead haben pädagogisches Potenzial. Jugendliche, die sonst vielleicht nicht viel zu melden haben, können sich einmal als wirkmächtig erleben, weil hier eine Leinwandfigur empathisch gerufene Ratschläge gleich umsetzt. Zugegeben, für das Gefühl der Wirkmächtigkeit sind Computerspiele noch viel besser geeignet. Aber noch sind Herr Nachit und ich ja im Kino. The Witcher 2 – Assassins of Kings wollen wir erst später spielen. Nach 91 Minuten ist der derbe, aber nicht originell gefilmte Spuk vorbei. Die psychedelische Wirkung des Originals kann die wesentlich teurere Produktion bestenfalls in einigen wenigen Momenten erreichen. Die meisten eingesetzten Mittel -- vor allem die Tonspur -- sind ermüdend konventionell. Man kennt diese Art von Geisterbahngewummer längst in- und auswendig. Andererseits erweitert der Film die ursprüngliche Story durch eine Drogenrahmengeschichte gar nicht mal blöd, und der Wille zu teils wirklich grimmigen Darstellungen ist auch anerkennenswert.

 

Kaum, dass der Abspann läuft, dreht sich die junge Dame zu mir und fragt: „Und, war das jetzt ein guter Horrorfilm?“ Ich überlege. Jetzt nichts Falsches sagen, vielleicht ist das gute Kind ja für den Horror noch nicht verloren. „Mittel“, sage ich weise. „Also ich fand ihn voll Scheiße“, sagt die junge Dame, ohne ihren Freund anzusehen. „Ja“, gebe ich zu. „Wenn man diese Art von Filmen nicht mag, dann war das eine ganz schöne Scheiße.“ Magister Nachit indes faltet schon wieder sehr vergnügt die Hände über seinem Bauch.

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Do

11

Jul

2013

Peinliche Gedichte überschätzter Dichter

Auf deine Lider senk ich Schlummer

 

von Gottfried Benn

Auf deine Lider senk ich Schlummer,
auf deine Lippen send ich Kuß,
indessen ich die Nacht, den Kummer,
den Traum alleine tragen muß.

 

Um deine Züge leg ich Trauer,
um deine Züge leg ich Lust,
indes die Nacht, die Todesschauer
weben allein durch meine Brust.

 

Du, die zu schwach, um tief zu geben,
du, die nicht trüge, wie ich bin -
drum muß ich abends mich erheben
und sende Kuß und Schlummer hin.

 

 -------------------------------------------------------

 

Meine Version:

 

Auf deine Lider leg ich Hummer,
in deine Lippen schieb ich Nuss,
indessen ich das Steak, den Lummer,
doch ganz alleine essen muss.

 

Um deine Züge leg ich Flower,
auf deine Ziege leg ich Lauch,
indes die Wurst, die Brüh-Krakauer,
wandert allein in meinen Bauch.

 

Du, die zu schwach, um Fleisch zu essen,
du, die nicht äße, was ich ess -
drum können wir es gleich vergessen,
Ach Veggie-Girl: Das gäb nur Stress.

 

 

 

 

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So

09

Jun

2013

Sexism - only ugly chicks complain about it

Durch Bonn scharwenzelte jüngst eine laut Augenzeugen sehr attraktive junge Dame, auf deren T-Shirt der oben stehende Satz abgedruckt war. Andere Gören tragen -- meistens zur Karnevalszeit --  auf knapperen Leibchen knappere Sprüche mit ähnlicher Idee: "Fuck me". Das ist sicher nett gemeint und soll Buben wie Männern dabei helfen, sich zu entspannen. Es soll sich nicht jeder karpfig starrende Jüngling oder Lustgreis wie ein Geächteter fühlen, weil er sich wünscht, ein hübsches Mädchen gar unsittlich zu berühren, ohne sie vorher zu heiraten. Und das in Bonn! Auch die T-Shirt-Trägerin kann sich entspannen: Wenn jemand sie aufgrund ihrer Schauwerte anbaggert, muss sie sich nicht persönlich angegriffen fühlen, sondern kann das als Kompliment werten und trotzdem nein sagen. Komplexe, aber vermutlich freundlich gemeinte Kommunikation im 21. Jahrhundert. Und, wenn die junge Dame mal alt und somit für viele unattraktiver wird -- vielleicht wird sie sich dann als ugly chick auch über Sexismus beschweren. Denkbar.

 

Der fiese Gedanke hinter dem Sprüchlein ist so alt wie der fiese reaktionäre Kampf gegen emanzipatorische Bestrebungen. Daher war ich etwas verblüfft, von einem Kollegen einen halbstündigen Lesebühnentext ausgehend von diesem Stammtischdarwinismus zu hören. Den Inhalt des Textes würde ich so skizzieren: In Deutschland existiert eine Meinungsdiktatur, die alles, was nicht pc ist, brandmarkt. Es gibt kaum Sexismus -- so behauptet der Autor, er habe schon öfter rassistische, aber so gut wie nie sexistische Bemerkungen gehört und wisse auch gar nicht so genau, was Sexismus überhaupt sei --- aber einen haarsträubenden, völlig übrzogenen Kampf dagegen, der solche Blüten treibt, wie die Forderung der Piratin Lena Rohrbach nach Toiletten für Transsexuelle. Schließlich vergleicht der Lesebühnenleser diese von ihm beschworene Anti-Sexismus-Diktatur mit dem "3. Reich". Man dürfe bestimmte Dinge nicht mehr sagen, sagt der Autor und sagt dann eine halbe Stunde lang bestimmte Dinge. Darunter den schönen Satz: "Ich habe noch nie einen Sexisten getroffen." Er beschwert sich wortreich, dass man ihm seine Meinung nicht lassen wolle und stellt alle, die anderer Meinung sind, als gehirngewaschene Opfer der pc-Diktatur hin.

Oha, denke ich. Was ist da schon wieder los? Wenn intelligente Menschen so einen hanebüchenen Schmu predigen, dann vermute ich eine persönliche Betroffenheit von einem unbewussten Konflikt. Der sexuelle Drang ist und bleibt ein wilder Gaul - mal reiten wir ihn, meist reitet er uns.

 

Zumindest denke ich mir während der Lesung in pädagogischer Absicht zwei neue T-Shirt-Sprüche aus:

 

Racism - only lazy negroes complain about it

 

Violence - only the weak complain about it

 

Aber ob das echte Augenöffner sind? Erst zu Hause fällt mir der T-Shirt-Spruch ein, der -- trotz holpernder Metrik -- den Lesebühnentext treffender zum Onliner destilliert:

 

Feminism - only insecure guys complain about it

 

 

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Di

02

Apr

2013

"Hell" als eBook

Seit wenigen Tagen kann "Hell" auch als eBook auf etwelche Lesegeräte geladen werden.

 

Zum Beispiel bei den Bösen: Amazon.

 

Oder den Miesen: Apple.

 

Oder den Undurchsichtigen: eleboo.

 

Wir empfehlen: Hardcover per Mail beim Erzeuger bestellen.

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Di

05

Mär

2013

"Hell" im Handel

 

Seit dem 1. März ist mein erster Roman im Handel erhältlich. Geschrieben habe ich das Buch "Hell" vor acht Jahren und es seitdem einige Male überarbeitet, wobei die finale Version die kürzeste ist.  Wer sich für das Buch interessiert, bestellt es am Besten per Mail über mich oder im kleinen, gut geführten Buchladen um die Ecke. 

 

 

 

 

Der Klappentext: Thomas Hell scheint keine Ziele im Leben zu haben. Er ist Mitte zwanzig, intelligent und schlagfertig, aber er braucht Großteile seiner Energie, um sich psychisch im Gleichgewicht zu halten. Dabei kann Thomas nicht sagen, ob mit ihm etwas nicht stimmt oder mit der Welt um ihn herum. Als er die sarkastische Informatikerin Sophie kennenlernt, glaubt er, in ihr die große Liebe und die Lösung seiner Probleme gefunden zu haben. Doch die junge Frau verschwindet mit einem Mal spurlos. Thomas macht sich auf eine immer verzweifeltere Suche, die ihn zu Sophies undurchsichtigem Bruder, dem vermüllten Haus ihrer Mutter und schließlich tief hinein in ein monströses Kaufhaus führt, von dem Thomas hoffte, es nie wieder betreten zu müssen.


Was als tragikomische Liebesgeschichte beginnt, entwickelt sich zu einem unberechenbaren Thriller, der existenzielle Fragen aufwirft. Ein unkonventioneller Roman - unterhaltsam, tiefgründig und skurril.

 

Eines jener raren Bücher, die man nicht mehr aus der Hand legen kann: ein spannender, ungewöhnlicher Thriller, der aufs Großartigste die Grenzen unserer Vorstellungskraft auslotet. Dass es so etwas aus deutscher Feder gibt! Wer gerne Haruki Murakami liest, wird dieses Buch lieben. (Jess Jochimsen)

 

 

 

Die Termine für "Hell"-Lesungen stehen unter "Termine". Ich werde demnächst auf der Leipziger Buchmesse, in Dresden, Berlin, Bonn, Soest, München, Köln, Hamburg und noch einmal in Köln lesen.

 

 

Eine erste Rezension findet sich hier: www.myslam.net

 

 

 

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Mi

12

Dez

2012

Warum Jesuitenprovinzial Stefan Kiechle dem ehemaligen AKO-Rektor Pater Schneider nicht sein Vertrauen aussprechen sollte

 

Da ich im Blog "Unheilige Macht - der Jesuitenorden und die Missbrauchskrise" von einem Pater gefragt wurde, warum Betroffene, die sich im Eckigen Tisch Aloisiuskolleg organisiert haben, kein Verständnis dafür haben, dass Pater Schneider als Seelsorger in Göttingen eingesetzt wird und vom Jesuitenprovinzial Stefan Kiechle dessen volles Vertrauen ausgeprochen bekommt, habe ich hier für alle Interessierten ein kleines Dossier eingestellt, dass Heiko S. und ich zusammen erstellt haben. Für hilfreiche Ergänzungen und unter Umständen gebotene Richtigstellungen wäre ich dankbar.

 

Solange missbräuchliche Taten und unterlassenes Eingreifen im Orden bagatellisiert werden und keine für die Opfer ersichtlichen Konsequenzen haben, kann von ernsthafter Aufklärung keine Rede sein.

 

 

1. Pater Schneiders Funktionen und Verantwortlichkeiten am Aloisiuskolleg

1968 – 1973 Studienbegleitende pädagogische Hilfskraft am Aloisiuskolleg

1974 – 1977 Hauptamtlicher Erzieher und Religionslehrer am Aloisiuskolleg

1980 Promotion

1984 – 2006 Internatsleiter

2007 – 2010 Rektor

 

Pater Stüper war von 1985 bis 1992 Schuldirektor und bis 2006 Erzieher und Mitarbeiter am Internat des AKO. In den Jahren 1993 bis 2006 war Stüper formell ein Untergebener seines Vorgesetzten Pater Schneider, in Sachen Internatsleitung formell ab 1984.

 

Über die hierarchische Beziehung hinaus, unterhielten Pater Stüper und Pater Schneider eine enge persönliche Beziehung. Hierfür sollen zwei Zitate von Dritten angeführt werden: Jesuiten-Provinzial Gerhartz äußerte bereits 1974: „Seine (Stüpers) Schwächen werden zum Teil ausgeglichen durch die Anwesenheit des Erziehers Schneider, mit dem sich P. [„Georg“] gut versteht und viel bespricht, der einen Großteil des Internats faktisch leitet und überall angesehen ist.“ (S.189).

 

Theo Schneider war sehr bald von Pater Stüper als Seelenverwandter entdeckt und als Freund gewonnen worden. Als Trio bündelten wir seither unsere Kräfte, um effektiv zusammenzuwirken.Diese erfolgreiche Teamarbeit mit Freunden bleibt für mich das Schönste, das ich in meinem ganzen Berufsleben erfahren durfte. (Aus: Dr. Christian Eschweiter, (Anm. ehem. Lehrer und Leiter des „Ako-Pro-Seminar e.V.). in „In memoriam Pater Ludger Stüper SJ“, S. 4, bei http://www.christian-eschweiler.com)

 

2. Pater Stüper als Täter am AKO der Jahre 1968 bis 2007

Frau Zinsmeister liegen für ihren Abschlussbericht Angaben von 36 Personen vor, die Pater Stüper („Georg“) betreffen. Da sich im Zinsmeisterbericht keine Jahreszahlen der Taten, sondern nur grobe Angaben zum Schuleintritt wiederfinden, lassen sich die Berichte der

Betroffenen zeitlich nicht eindeutig zuordnen. Die Berichte umfassen einen Zeitraum von 1968 bis 2007/2008. Frau Zinsmeister formuliert: „Wir müssen davon ausgehen, dass es eine Vielzahl von (Alt) Schülerinnen und Schülern gibt, die sich nicht gemeldet haben, obwohl sie Grenzverletzungen erlitten haben.“

 

Laut dem Zinsmeisterbericht umfassen Aussagen zu Stüper:

 

FKK, Saunabesuche mit ausgewählten Schülern

Duschen (Einseifen von Unterstuflern am ganzen Körper)

Fotografieren (Nötigung zu Halbakt- und Aktaufnahmen)

rektales Fiebermessen (als Schulleiter bei nackten Unterstuflern, die dabei gestreichelt wurden)

entwürdigende Erziehungsmaßnahmen und gravierende Ehrverletzungen

Freiheitsbeschränkungen

Gesundheitsgefährdung

Persönlichkeitsrechtsverletzung

Gewalt gegen Sachen

körperliche Gewalt

psychische Gewalt

erhebliche (strafbare) sexuelle Handlungen

sexuellen Missbrauch

erzwungenen Oralverkehr

 

3. Pater Schneiders Haltung und Stellungnahmen gegenüber Pater Stüper im Abschlussbericht von Frau Raue (27. 5. 2010)

 

Auf S. 11 wird berichtet, dass Stüper in den Sammelduschen gelegentlich mit erigiertem Penis gesehen wurde und Schüler von oben bis unten einseifte, die sich nicht dagegen wehren konnten. Pater Schneider äußert dazu (S. 13) lediglich, dass es sich beim Duschen, um eine "sinnvolle pädagogische Maßnahme" handelt, "um alle Schüler zur Sauberkeit anzuhalten".

 

Auf S. 12 wird ein Fall erwähnt, bei dem Eltern 1995 den Verdacht auf Missbrauch äußern. Es findet eine Einigung mit der Schule statt, von einer Anzeige nehmen die Eltern Abstand.

 

Auf S. 14 wird Pater Schneider zitiert, der behauptet, "niemals von irgendjemandem wegen irgendwelcher Missstände angesprochen worden zu sein." [Offensichtlich eine Falschaussage, siehe vorhergehenden Punkt]

 

Auf S. 14 wird Pater Schneider zum Thema "Fotografieren" zitiert. Er äußert sich dahingehend, dass viele Fotos einen "künstlerischen Anspruch" gehabt hätten und das Fotografieren "nie heimlich geschehen" sein soll. [Woher weiß Pater Schneider, dass so etwas nie heimlich geschehen ist? Will er damit andeuten, dass Pater Stüper keine Geheimnisse vor ihm hatte?!]

 

Ebenfalls auf S. 14 äußert Schneider, er habe Stüper "einmal überrascht", als der auf der Terrasse seines (Stüpers? Schneiders? Raue schreibt für eine Juristin recht unklar) Büros einen Jungen nackt (Raue meint: einen nackten Jungen) fotografiert habe. Da habe er ihn zurecht gewiesen. Das Fotografieren habe "Anlass zu Missinterpreationen" gegeben.

 

Auf S. 14 äußerst sich Pater Schneider dahingehend, dass ihm Pater Stüper ein Vorbild gewesen sei.

 

Auf S. 14 wird berichtet, dass sich Pater Stüper in einem Gespräch mit Frau Raue als "pädophil" bezeichnet. Pater Schneider, der offenbar zugegen war - hier ist der Bericht wieder schwammig - äußert im März bzw. April 2010 (der Bericht nennt zwei Gesprächstermine) "Aus heutiger Sicht hätte er das damalige Gespräch zum Anlass nehmen müssen, um für die Vergangenheit Klarstellungen zu erreichen". [Aus heutiger Sicht!]

 

4. Pater Schneiders Haltung und Stellungnahmen gegenüber Pater Stüpers Fehlverhalten sowie seine Rolle allgemein im Abschlussbericht von Frau Prof. Zinsmeister (15.2.2011)

 

„Der Altschüler berichtet, auf einer gemeinsamen Autofahrt Anfang der 70er Jahre Pater „Hans“ auf das gemeinsame Duschen mit Pater „Georg“ angesprochen zu haben, der geantwortet habe, dieses sei normal, ob es ihn stören würde.“(S. 62)

 

„In dieser Zeit sei Pater Schneider „Hans“ als Erzieher auf der Stella* tätig gewesen. Ihm und seinen Mitschülern sei klar gewesen, dass er anschließend die Nachfolge von Pater „Georg“ antreten werde. Er ginge davon aus, dass Pater „Hans“ das Verhalten Pater „Georgs“ mitbekommen habe.“ (S.66)

 

Prof. Zinsmeister:„Pater Schneider war Pater „Georg“ jahrzehntelang eng verbunden. Er wurde uns von Altschülern, Mitgliedern und Ordensmännern als Pater „Georgs“ engster Vertrauter genannt. Damit drängte sich zu Beginn 2010 mit Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Pater „Georg“ vielen die Frage auf, ob Pater Schneider von diesen gewusst und Pater „Georg“ gegebenen-falls sogar gedeckt hat. Zu den Berichten, denen zufolge er selbst grenzverletzend gehandelt oder an Grenzverletzungen Pater „Georgs“ mitgewirkt haben soll,“(S. 177)… berichtet Prof. Zinsmeister unter anderem:

 

Berichterstatter 13.: „Der Schüler erinnert zwei Situationen, bei denen nur wenige Jungen beteiligt waren, die von Pater „Georg“ aufgefordert worden seien, sich auszuziehen. Bei einer dieser Situationen sei Pater „Hans“ anwesend gewesen. (…) Der Altschüler schildert, diese Aktionen nicht als unbehaglich empfunden zu haben. Er sei neidisch gewesen, als er zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr dazu gehört habe.“ (S. 69)

 

„Der Altschüler schildert, Pater „Hans“ und Pater „Georg“ seien nachts in die Zimmer

der Jungen gekommen, um heimliche Fotoaufnahmen zu machen.“ (S. 69)

 

Bewertung Prof. Zinsmeister:

„Soweit Pater „Georg“ und Pater „Hans“ nachts heimlich Fotoaufnahmen gefertigt haben, erfüllt dies keinen Straftatbestand. Eine Persönlichkeitsrechtsverletzung läge wegen der Heimlichkeit der Aufnahmen jedoch vor“. (S. 125)

 

Berichterstatter 15. „Beide (Anm. Stüper und sein Opfer) seien auf die Pferdekoppel gegangen und Pater „Georg“ habe ihn aufgefordert, sich in bestimmte Posen zu setzen bzw. zu stellen. Er habe fotografiert und den Schüler aufgefordert, die Hose auszuziehen und sich erneut zu positionieren.(…) Der Altschüler gibt an, dass Pater „Hans“ einige Male zum Fotografieren an der Pferdekoppel hinzugekommen sei. Pater „Georg“ habe Pater „Hans“ aufgefordert, das gute Aussehen des Schülers zu bestätigen, was Pater „Hans“ getan habe.“(S. 70)

 

Bewertung Prof. Zinsmeister: „Eine Grenzverletzung ist darin zu sehen, von strafbarem Verhalten kann nicht ausgegangen werden. Die berichtete Anwesenheit von Pater „Hans“ bei einigen der Situationen stellt keine eigene Grenzverletzung dar.“ (S. 126) [Dennoch wäre Schneider Zeuge einer Grenzverletzung gewesen, gegen die er nicht vorgegangen ist und der er das Kind aussetzte.]

 

Prof. Zinsmeister geht nicht in die Details eines FKK Urlaubs der Patres mit Kindern, sie stellt fest: „Die Verschiebung der fachlich angemessenen Grenzen zwischen professioneller Nähe und Distanz zeigt sich auch daran, dass scheinbar nicht mehr hinterfragt wurde, ob es angemessen war, dass Pater „Georg“ – später gemeinsam mit Pater „Hans“ – zum einen überhaupt mit einigen auserwählten Schülern in Urlaub gefahren ist und zum anderen diese Urlaube teilweise an FKK-Stränden verbracht der mit den mitreisenden Jungen nackt gebadet, gesonnt oder sauniert hat.“ (S. 118)

 

„Diese Auswahl (Anm: der Schüler für den FKK-Urlaub) habe Pater „Georg“ alleine getroffen und nicht mit ihm besprochen. Sein Part sei es gewesen, sich um die gesamte Organisation der Reise, die Route, die Ausrüstung etc. zu kümmern“ so Schneider auf Seite 179.

 

5. Die Rolle von Pater Schneider in der Bewertung von           Frau Prof. Zinsmeister

Prof. Zinsmeister formuliert, es werde „deutlich, dass unter der Ära Pater „Georgs“ am Aloisiuskolleg eine Verschiebung der Grenzen, wie sie oben unter „Täterstrategien“ erläutert wurde, stattgefunden hat, die an nachfolgende Schülergenerationen tradiert wurde. Schülern, die eine Grenzüberschreitung wahrnahmen und die versuchten, sich dagegen zu wehren (Anbehalten der Badehose zum Duschen, Bedecken der Genitalien …) wurde vermittelt, sie seien prüde und ihre Wahrnehmung damit falsch. Durch das Zurschaustellen von Fotografien wenig oder gar nicht bekleideter Jungen wurde die Grenzverschiebung dokumentiert und zementiert.“ (S. 118)

 

Schneider hat also die Täterstrategie „Verschiebung der Grenzen“ wenigstens toleriert, und mitgetragen, dagegen vorgegangen ist er nicht.

 

Prof. Zinsmeister bewertet Schneiders Verantwortung in Hinblick auf Stüpers Fotografieren: „Pater Schneider verfügte aufgrund seines Studiums über Kenntnisse in Psychologie und Pädagogik. Er hätte erkennen können, dass Jungen in diesem Alter weder in der Position sind, noch ein so ausgereiftes Selbstbewusstsein haben, einer gemeinhin als autoritär gefürchteten Respektsperson den Gehorsam zu verweigern oder auch nur eine Bitte abzuschlagen. Er sah das Fotografieren aus gutem Grund für grenzverletzend an. Mit wiederholter Diskussion (Anm. mit Stüper) wurde für ihn erkennbar, dass er Pater „Georg“ nicht mit Argumenten vom Fotografieren abzuhalten vermochte, sondern dafür lediglich den Vorwurf der „Prüderie“ und „Verklemmtheit“ erntete.“(S. 180)

 

[Pater Schneider hat also sehenden Auges die Kinder Grenzverletzungen ausgesetzt. Hatte er keinerlei Überlegungen über den Sinn und Zweck dieser Fotos angestellt? Dass der Grund des Fotografierens von Pater Schneider nicht als harmlos wahrgenommen wurde, zeigt neben seinen bisher dokumentierten Reaktion auch ein RBB-Fernsehinterview vom Februar 2010. Die Formulierung „ich habe ihn gewarnt, nicht so ein Risiko einzugehen“ klingt anders, als beispielsweise „ich habe ihm gesagt, dass er die Kinder nicht benutzen und entwürdigen darf“. Während bei einer Aussage wie der zweiten Interesse am Wohl der Kinder deutlich geworden wäre, klingt erstere nach Überlegungen zum Täterschutz.

(http://www.rbb -online.de/kontraste/ueber_den_tag_hinaus/terrorismus/kindesmissbrauch_.html )

 

Für Zinsmeister ist die Verantwortung klar: „Zwischen 1989 – 1997, dem Zeitraum, in dem diese Gespräche (Anm. mit Stüper) stattgefunden haben sollen, war Pater Schneider Internatsleiter und damit in der Verantwortung, grenzverletzendes Verhalten eines Internatserziehers zu unterbinden. Er hätte sich als Internatsleiter folglich nicht mit Diskussionen begnügen dürfen, das Fotografien der Jungen endgültig unterbinden müssen.“ (S. 180)

 

Prof. Zinsmeister kommt zum Schluss: „In Bezug auf Pater Schneider ist abschließend festzustellen, dass er zwar positive Kenntnis davon hatte, dass Pater „Georg“ mehrmals das Eigentum von Schülern zum Fenster hinaus geworfen, Schüler geohrfeigt und ihnen rektal Fieber gemessen hatte. Er wusste des Weiteren, dass sich Pater „Georg“ nackt mit Schülern duschte, gibt aber an, dies als normal empfunden und selbst ab und an so gehandhabt [!] zu haben. Uns liegen keine Berichte vor, wonach Pater Schneider zugegen gewesen sein soll, wenn Pater „Georg“ Fieber maß oder Jungen einseifte. Er gibt an, von Handlungen wie dem Einseifen oder jedweden sexuellen Berührungen nichts gewusst zu haben. Insgesamt gewannen wir in den beiden Gesprächen, die wir mit Pater Schneider führten, den Eindruck, dass Pater Schneider nicht nur dem Aloisiuskolleg, sondern auch Pater „Georg“ und dessen Pädagogik aufs Engste verbunden ist.(!) Es scheint für ihn unvorstellbar, dass Pater „Georg“ sich Jungen jemals aus sexuellen Motiven heraus genähert oder deren Grenzen in einem ihm bislang unbekannten Maß verletzt haben könnte. Ihm war es wichtig, seine positiven Erfahrungen mit Pater „Georg“ zu schildern. Pater Schneider haben die vierzig Jahre an Pater „Georgs“ Seite zweifellos sehr stark geprägt.(!) Im Gegensatz zu vielen unserer Ansprechpartner im Orden und Kolleg stand er auch dessen Führungsstil nicht erkennbar kritisch (!) gegenüber. Ob die Einschätzung einiger Gesprächspartner, wonach Pater Schneider auch noch als Internatsleiter und Kollegsrektor in Teilen Pater „Georgs“ Adlatus geblieben sei, zutrifft, können wir nicht beurteilen. Unserer Einschätzung nach vermochte Pater Schneider aber im Laufe der Jahre allenfalls ein geringes Maß an kritischer Distanz (!)zu seinem Mitbruder zu entwickeln, der ihn auf seinen eigenen Lebensweg so lange begleitet und maßgeblich geprägt hat. Um als Internatsleiter und Kollegsrektor Pater „Georg“ in seine Grenzen zu verweisen, hätte Pater Schneider jedoch eine sehr weitreichende kritische Distanz und Entschiedenheit entwickeln müssen.“ (S. 188 f.)

 

[In ihrer Untersuchung vom Anfang 2011 sieht Zinsmeister also bei Schneider „allenfalls ein geringes Maß an kritischer Distanz“ zu einem Mann, der Kinder Jahrzehnte lang missbraucht hat, während er selbst für deren Schutz verantwortlich war. Mehr noch, sie stellt fest, dass die Person Schneider von einem Missbrauchstäter maßgeblich geprägt wurde.]

 

6. Widersprüche bei Umgang mit Aktfotografien/Halbakten

Frau Raue mahnte im Jahr 2007 an, die Knabenfotografien müssten vernichtet werden, um Persönlichkeitsrechte nicht zu gefährden. Pater Schneider sicherte ihr zu, zu überwachen, dass Pater Stüper dies tut. Im Jahr 2010 tauchten dann etliche Kartons mit solchen Fotos in Pater Schneiders Besitz auf. In Hinblick auf die Vernichtung von Beweisbildern, berichtet Prof. Zinsmeister von folgendem Widerspruch: „Pater Schneider hat Frau Raue später bestätigt, er sei bei der Vernichtung der Bilder dabei gewesen und diese Angabe 2010 in einer öffentlichen Erklärung für Schüler, Eltern, Lehrer und Kollegen nochmals wiederholt. Im Gespräch mit uns gibt Pater Schneider an, er habe die Vernichtung der Bilder nicht direkt verfolgt, sondern sich im Nachbarzimmer aufgehalten und dort den Schredder gehört. Er sei anschließend ins Zimmer gekommen und habe festgestellt, dass die Schatulle leer war. Da Frau Raue als Expertin in Sachen Missbrauch mit der Vernichtung der Bilder die Angelegenheit für erledigt betrachtet habe, habe er keinen Grund gesehen, aus dem Verhalten Pater „Georgs“ weitergehende Schlüsse auf mögliche Missbrauchshandlungen zu ziehen“ (S.187)

In diesem Zusammenhang spricht Pater Schneider öffentlichkeitswirksam von einer Mediation, die 2007 mit einem betroffenen Schüler stattgefunden haben soll, Bonner Generalanzeiger, 09.02.2010 (http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=loka&itemid=10490&detailid=697174).

Frau Raue stellt richtig: „Es habe aber kein Mediationsverfahren stattgefunden, widerspricht sie. Die Kontrahenten hätten nie an einem Tisch gesessen.“ Bonner Generalanzeiger, 09.03.2010.http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=loka&itemid=10490&detailid=710183

 

Laut Frau Zinsmeister tauchten 2010 im Rahmen der Untersuchung am AKO 739 Fotos von Schutzbefohlenen im Nachlass Pater Stüpers auf. Darunter 255 Bilder, auf denen Kinder in "auffälliger" Weise, d.h. halb oder vollständig entkleidet bzw. aus einer aus anderen Grüdnen als erotisch interpretierbaren Weise abgebildet sind.

 

7. Pater Schneiders Stellvertreter findet kein Gehör

Durch das Buch Sacro Pop von Miguel Abrantes wurde 2004 ein Skandal in Bad Godesberg losgetreten, Prof. Zinsmeister berichtet, hierüber habe der Kollegsrat beraten: „Der damalige stellvertretende Internatsleiter Dr. Haep (Anm: selbst Akoschüler, in der Zeit Stüper/Schneider) hingegen berichtet, er selbst und andere hätten in diesen Sitzungen darauf hingewiesen, dass sich verschiedene im Buch beschriebene Verhaltensweisen der Figur des „Pater Steinfels“ – z.B. das Fotografieren und rektale Fiebermessen – durchaus mit der Wirklichkeit deckten. (…) Er habe darum auf der Kollegsratssitzung auch bei den Verantwortlichen darauf gedrängt, bestimmte Verhaltensweisen Pater „Georgs“ zu unterbinden und die Fotos in der Stella Rheni abzuhängen. Er habe aber kein Gehör gefunden …“ (S. 183). [Die Verantwortlichen 2004 waren Internatsleiter Schneider und Rektor Werner.]

 

„Dass Pater „Georg“ auch nach 2006 noch aushilfsweise auf der Stella Rheni tätig war, wurde uns von Pater Schneider bestätigt. Auch Dr. Haep gibt an, Pater „Georg“ habe 2007 noch vereinzelt auf der Stella übernachtet, dies sei aber ohne Absprache mit ihm geschehen. Er habe Pater Schneider als dem zuständigen Oberen erklärt, dass dies nicht in Frage komme. Er selbst sei Pater „Georg“ gegenüber nicht weisungsbefugt gewesen.“ so berichtet Prof. Zinsmeister. (S. 185)

 

Zinsmeister“ liegen Berichte von Altschülern vor, wonach Pater „Georg“ auch 2007/2008 noch Duschaufsicht geführt und Schüler medizinisch versorgt haben soll. Allerdings hatten die Berichterstatter nicht genau datiert, in welches der beiden Jahre diese Ereignisse genau fielen.“ (S. 185)

„Und warum durfte ein in Verdacht geratener Pater bis 2007 im Internat und bis Anfang 2009 auf dem Ako-Gelände bleiben? "Da habe ich ganz auf Pater Schneider vertraut", sagt Raue nachdenklich.“ Bonner Generalanzeiger 09.03.2010 http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=loka&itemid=10490&detailid=710183

 

8. Pater Schneiders Entschuldigungen

Aus einer öffentlichen Erklärung im Juni 2010: „Aus heutiger Sicht gebe ich klipp und klar zu, dass es geboten gewesen wäre, dem Verhalten von Pater („Georg“) näher nachzugehen und ggf. Handlungen rigoroser zu unterbinden, selbst wenn sie nur Gegenstand von bloßen Missverständnissen hätten sein können. Heute weiß ich, dass ich nachdrücklich auch bei ihm hätte unterbinden müssen, was mein eigener Kompass für mich als richtig anzeigte, was möglicherweise Jugendlichen schadete, auch wenn sie das zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu artikulieren wagten, wie starke unabhängige Erwachsene das für sich tun. Dass ich dies nicht getan habe, war ein gravierender Fehler. Heute – nach vielen Gesprächen mit Betroffenen - erkenne ich im Übrigen auch, wie unterschiedlich Situationen nicht nur aus der Perspektive von damals und heute, sondern wie verschieden schon damals ein und derselbe Vorgang, das gleiche Verhalten, die gleiche Situation (wie des gemeinsamen Duschens oder Schwitzens in der Sauna, das Fotografieren des in Umrissen als nackt erkennbaren Jungen im Gegenlicht durch Pater „Georg“) von Betroffenen und Dritten empfunden werden können: vom einem als völlig normal und nicht weiter bemerkenswert, vom anderen vielleicht als deutlicher Übergriff, der noch nach Jahren als verletzend empfunden werden mag. Dies hätte ich früher und sensibler wahrnehmen und im Zweifel den Empfindsameren Rechnung tragen müssen.“ (siehe Zinsmeisterbericht S. 188)

 

Im Göttiner Tageblatt vom 8.10.2011 findet sich zum wiederholten Male die Formulierung, er, Pater Schneider, habe eingeräumt, nicht rechtzeitig die Aufklärung von Vorwürfen eingeleitet zu haben und sich bei den Opfern entschuldigt. [Eine alberne Ausage, die wohl den Eindruck hervorrufen soll, Pater Schneider habe sich durchaus um Aufklärung bemüht, nur eben nicht ganz so prompt. Manchmal vergehen drei Jahrzehnte wie im Fluge.]

 

Im gleichen Artikel formuliert Pater Schneider er sei für Gespräche offen. und: "Es gibt auch einzelne Gespräche mit Opfern." [Es gibt... Sicher richtig und juristisch unangreifbar.]

 

Abschließend räsoniert Schneider in dem Interview: "Ich habe noch keine Antwort darauf gefunden, wieso sich die Kritik auf meine Person konzentriert."

 

9. Pater Schneiders Verhalten seit dem öffentlichem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle im Februar 2010

 

-        Pater Schneider hat sich nie öffentlich von Pater Stüper distanziert.

-        Trotz seiner Beteuerung in einem Pfarrbrief der Göttinger Gemeinde St. Michael ist dem „Eckigen Tisch“ kein Betroffener bekannt, mit dem Pater Schneider je versöhnlichen Kontakt gesucht hätte.

-        Allerdings liegen mehreren Betroffenen Rechtsanwaltschreiben im Auftrag von Pater Schneider vor. Darin wird mit hohen Geldstrafen gedroht, falls noch einmal öffentlich behauptet würde, Pater Schneider sei ein Mitwisser.

-        Bei einem Treffen des Eckigen Tischs in Oberdollendorf ließ sich Pater Schneider durch Frau Raue entschuldigen. Der zurückgetretene Rektor wolle lieber einigen Schülern Nachhilfe geben, um sie auf ihre Abiturprüfungen vorzubereiten.

 

Wenn pädagogische Versager wie Pater Schneider das volle Vertrauen des Ordens genießen und Menschen seelsorgerischen Rat geben dürfen, dann setzen die Jesuiten ihren pädagogischen und seelsorgerischen Anspruch weiterhin erstaunlich niedrig, ja: schwindelerrregend niedrig im Vergleich zum aufgeblasenen Image.

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*Stella Rheni, neoklassizistisches Schloss in dem Pater Stüper als einziger Ordensmann / teilweise einziger Erwachsener wohnte. http://de.wikipedia.org/wiki/Aloisiuskolleg#Stella_Rheni

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So

25

Nov

2012

Kubareisebericht in der "Titanic"

In der aktuellen Titanic findet sich ein völlig unvoreingenommener Bericht, den ich über meinen einmonatigen Aufenthalt auf Kuba geschrieben habe. Das Forschungsteam bestand mit Edith S., Anna S., Marko S. und Martin W. aus vier international renommierenden Experten für Revolution, Rum und Radau. Wichtige Hinweise kamen auch von den IT-Experten und Weltenbummlern Hilma T. und Elmar G. Mein besonderer Dank geht aber an die Familie Ribas, deren Reis mit Bohnen mir heute noch zu denken gibt.

 

Der Reisebericht findet sich in einer minimal längeren Fassung auch hier unter der Rubrik "Satire", allerdings ohne das eindrucksvolle Fotomaterial, an dem sich die Titanic mit einem Honorar von steinbrückschen Ausmaßen die exklusiven Rechte sichern konnte.

 

 

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Fr

16

Nov

2012

Balzac zur Finanzwelt

Gerade eben habe ich im ersten Teil von "Glanz und Elend der Kurtisanen" (Honoré de Balzac um 1840) folgende interessante Passage gefunden:

 

"Obwohl die Finanzpolitik des berühmten [Bankier-] Hauses Nucingen anderswo erläutert ist, mag es doch auch hier nicht unnötig sein, zu bemerken, dass so beträchtliche Vermögen in all den kommerziellen, politischen und industriellen Revolutionen unseres Zeitalters nicht erworben, gesichert, vergrößert und bewahrt werden können, ohne dass anderswo riesenhafte Kapitalverluste vor sich gehen oder, wenn man das so sagen will, den Vermögen vieler Einzelner Abgaben auferlegt werden. Es kommen sehr wenig neue Werte zum Gesamtvermögen der Erde dazu: Jedes neuerworbene Vermögen bringt neue Ungleichheit in der allgemeinen Besitzverteilung mit sich. Was der Staat einhebt, gibt er zurück, aber was ein Haus Nucingen an sich zieht, das behält es. An diese großen Verbrechen reichen die Gesetze aus dem Grunde nicht heran, aus dem Friedrich der Große ein Jaques Collin [Meisterverbrecherfigur bei Balzac] oder ein Mandrin [ein französischer Räuberhauptmann und Volksheld] geworden wäre, wenn er statt in Schlachten um Länder zu kämpfen, ein Schmuggler gewesen oder in Wertpapieren spekuliert hätte. Die europäischen Staaten zu zwingen, dass sie Anleihen zu zehn oder zwanzig Prozent aufnehmen, diese zehn oder zwanzig Prozent durch die Gelder der Bevölkerung hereinzubringen, sich der Rohstoffe zu bemächtigen und dadurch im Großen Erpressungen an den Industrien auszuüben, dem Gründer eines Geschäfts einen Strick hinzuwerfen und ihn gerade so lange über Wasser zu halten, bis man sein schon ersticktes Unternehmen an sich gerissen hat, kurz, alle diese gewonnen Geldschlachten machen zusammen die hohe Politik des Geldes aus. [...] Bei uns stammt das Übel von der politischen Gesetzgebung her: Die Verfassung hat die Herrschaft des Geldes proklamiert, und der Erfolg ist der höchste Maßstab dieses entgötterten Zeitalters geworden. Die Korruption der höheren Stände ist jedoch, trotz aller blendenden Gewinne und ihrer Scheinrechtfertigungen, noch unendlich widerwärtiger als die erbärmliche und gleichsam persönliche Korruption der niederen Klassen, von der wir ein paar Einzelheiten als komisch und zugleich furchtbar in diese Erzählung aufnehmen. Die Ministerien, die vor jedem wirklichen Gedanken erschrecken, haben die Komik von heute von der Bühne verbannt. Die bürgerliche Gesellschaft, die heute weit weniger liberal ist als selbst Ludwig XIV., zittert davor, ihre Hochzeit des Figaro zu erleben; sie verbietet, den politischen "Tartüff" aufzuführen und würde sicherlich auch nicht zulassen, dass man "Turcaret" spielte, denn die Turcarets sind ja jetzt am Ruder. Von nun an werden die Komödien zu Erzählungen, und das Buch, das weniger rasch, aber sicherer wirkt, ist die Waffe des Dichters geworden."  

 

 

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Mi

07

Nov

2012

Neues vom Verblödungszusammenhang. Heute: Das süße Pony

 

Das Titelblatt des "Express", einer im Köln-Bonner Raum feilgebotenen Boulevardzeitung, ziert heute diese Schlagzeile:

 

"Unfassbar! Süßes Pony geköpft -- und verfüttert?"

 

Damit fasst der "Express" ein ganz heißes Eisen an: Gewalt gegen Tiere. In Zukunft sind weitere schockierende Aufmacher denkbar, die dann aber vielleicht für weniger Interesse sorgen:

 

"Grauenhaft! Drolliges Ferkelchen zu Bio-Spießbraten verarbeitet -- und gegessen?"

 

"Bestie Mensch! Niedliche Hahnenküken geschreddert -- nur weil sie keine Eier legen?"

 

"Geht's noch? Putziges Kalb der eigenen Mutter entrissen -- und nach Wien verschleppt?"

 

"Schock-Statistik: Sterben bei uns jährlich 56 Millionen Schweine durch Menschenhand -- bloß wegen Wursthunger?"

 

Mir geht das kopflose Pony nicht mehr aus dem Kopf. Welcher Sadist mag da seine abartigen Triebe hemmungslos ausgelebt haben? In was für einer Welt leben wir eigentlich? Ach!

 

Auf den Schrecken erst einmal ein Glas warme Milch.

 

 

 

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Do

13

Sep

2012

Judith Butler und der Vernichtungsantisemitismus - ein kleiner Überblick

 

Am Montag den 27.8. äußerte der Zentralrat der Juden in Deutschland Protest gegen die bevorstehende Verleihung des Adorno-Preises der Stadt Frankfurt an die amerikanische Philosophin Judith Butler. Es sei empörend, dass in Butler ausgerechnet jemand geehrt werde, der zum Boykott gegen Israel aufrufe und Organisationen wie Hamas und Hisbollah als legitime soziale Bewegungen bezeichne, erklärte Generalsekretär Stephan J. Kramer in Berlin. Unter anderem bezeichnete er die jüdische Philosophin als „eine bekennende Israel-Hasserin“.

 

Vorausgegangen war der Protestäußerung ein gegen die Preisvergabe gerichteter Artikel in der Jerusalem Post am 26.8. Den Auftakt zur Anti-Adorno-Preis-für-Butler-Kamapgne druckte jedoch eine linke Wochenzeitung in Deutschland. Nachdem am 31.5. die Stadt Frankfurt Judith Butler als diesjährige Trägerin des Adorno Preises bekanntgegeben hatte, erschien am 3.6. in der jungleworld ein Artikel von Thomas von der Osten-Sacken mit dem Titel "Adorno Preis für Hamas Fan".  Am 23.7. kartete von der Osten-Sacken noch polemischer und kontextloser nach. Am 8.8. erschien auf dem Blog der antideutschen "Gruppe Morgenthau" ein langer Text, der Butler Antisemitismus unterstellt und erklärt, dieser sei ein direktes Produkt ihrer politischen und ethischen Ansichten. Der vielfach verlinkte Blogeintrag formuliert:

 

"Denn anders als Brumlik meint, steht Butlers Engagement gegen Israel und die USA im Namen einer Weltinnenpolitik, die jüdisches Leben erneut der Gefahr der Vernichtung aussetzt, durchaus in Zusammenhang mit ihren theoretischen Überlegungen."

 

Am 10.9. erscheint in der WELT ein Artikel Alan Poseners, der bereits im Titel die Marschrichtung vorgibt: "Judith Butler ist so borniert wie Ulrike Meinhoff". 

 

Am 11.9., dem Tag der Preisverleihung, postet die "Gruppe Morgenthau" unter dem Titel "Hinter dem Ruf nach kommunikativer Verständigung verschanzen sich die Vollidioten" eine Replik auf die Ansicht einiger Zeitungsredakteure, man müsse eben diskutieren, und auf Butlers Gesprächsangebote zu dem Thema:

 

"Bei so viel Konstruktivität meldete sich die vom Ernstnehmen ihrer eigenen Worte völlig verschreckte Butler erneut zu Wort, zeigte sich tief verletzt und rief zu vielen weiteren Gesprächen über den zum Kolloquiumsthema verniedlichten Vernichtungsantisemitismus."

 

Seit der Bekanntgabe der Preisträgerschaft sind es zwei stetig wiederholte Behauptungen, die Judith Butler, die seit vielen Jahren gegen Gewalt, Sexismus, Rassismus und auch Antisemitismus schreibt und spricht, als "Hamas Fan" und schließlich als Befürworterin eines "Vernichtungs- antisemitismus" brandmarken sollen: Zum einen, dass sie Hamas und Hisbollah gutheiße, zum anderen, dass sie Israel boykottiere. Die erste Behauptung speist sich aus einer Antwort Butlers auf die Frage einer Studentin, ob Hamas und Hisbollah der globalen Linken zuzurechnen seien. Butler bejahte, und fügte hinzu, dass diese Einschätzung keinesfalls bedeute, eine kritische Haltung gegenüber diesen Organisationen aufzugeben. Eine Videoaufnahme aus der Veranstaltung findet sich auf der Homepage der New Yorker Zeitung The Algemeiner. Butlers entsprechende Antwort ist ab Minute 16.20 zu verfolgen.

 

Was den Boykott angeht, äußert sich Butler auf dem Blog Mondoweiss wie folgt: "I do support the Boycott, Divestment, and Sanctions movement in a very specific way. I reject some versions and accept others. For me, BDS means that I oppose investments in companies that make military equipment whose sole purpose is to demolish homes. It means as well that I do not speak at Israeli institutions unless they take a strong stand against the occupation. I do not accept any version of BDS that discriminates against individuals on the basis of their national citizenship, and I maintain strong collaborative relationships with many Israeli scholars."

 

Längere Stellungnahmen von Butler finden sich unter anderem in der Frankfurter Rundschau und auf dem Blog Mondoweiss.

 

Auch wenn mein eigener Standpunkt in dieser Übersicht klargeworden ist, möchte ich jede und jeden ermuntern, sich anhand der verlinkten Artikel eine eigene Meinung zu bilden.

 

 

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Mi

01

Aug

2012

Zehn Fragen zu einem Anti-Blasphemie-Gesetz

Der Schriftsteller Martin Mosebach hat es im Juni nicht ohne Ranküne in eine artikelbedürftige Zeitung hinein formuliert: Besser wär's, Blasphemiker lebten gefährlich. Im Juli hat der Philosoph Robert Spaemann einer anderen Zeitung erklärt, dass die Strafe für Religionsbeleidigung etwa das Doppelte dessen betragen müsse, was auf Beleidigung von Menschen stünde, und heute stellte eine dritte Zeitung Seitenplatz für die Ansicht des Bamberger Erzbischofs Ludwig Schick zur Verfügung, Gotteslästerung solle künftig unter Strafe gestellt werden, denn: "Wer die Seele der Gläubigen mit Spott und Hohn verletzt, der muss in die Schranken gewiesen und gegebenenfalls auch bestraft werden."

 

Hier stellen sich einige Fragen:

 

1. Wenn Gott die absolute Wahrheit ist, können Menschen ihn dann beleidigen?

 

2. Wenn Gott nicht beleidigt werden kann, warum sollte jemand, der fest an ihn glaubt, beleidigt sein, wenn ein Ungläubiger über ihn spottet? Entspricht ein solches Beleidigtsein der Haltung eines spirituellen Menschen oder eher der eines Kleinkindes, das überall rumerzählt "Mein Papa ist der Beste" und dann tief getroffen ist, weil jemand sagt: "Nö, der stinkt" oder "Nein, meiner ist besser" oder "dein Papa soll per Sintflut einmal fast die ganze Menschheit ermordet haben"?

 

3. Gibt es Religionsbeleidigung? Müsste es nicht richtig heißen: Beleidigung religiöser Menschen, durch Jemanden, der nicht an das Gleiche glaubt wie sie und dies spöttisch zum Ausdruck bringt? Oder bedeutet der Begriff: Beleidigung denkender Menschen durch bestimmte Lehren und Praktiken einer Religion?

 

4. Warum soll die Beleidigung einer Religion in etwa doppelt so hoch bestraft werden wie die eines Menschen? Gehören nicht allein zum Christentum nominell über zwei Milliarden Menschen? Warum also kein etwa um zwei Milliarden höheres Strafmaß? Gerät hier nicht ein altersmilder Spaemann in bedenkliche Nähe zur Diktatur des Relativismus?

 

5. Was könnte ein Blasphemiegesetz bringen? Darf ich dann als Muslim wegen "Religionsbeleidigung" klagen, wenn Menschen Allah verspotten, indem sie ihn in eine Trinität aufsplittern und Jesus als seinen Sohn bezeichnen? Darf ich als Gnostiker klagen, wenn die Irrlehre von der Leiblichkeit Gottes verbreitet wird? Darf ich als Satanist klagen, wenn wieder einmal Witze über mich und meinen Herren und Meister gerissen werden? Darf ich als fundamentalistischer Atheist klagen, wenn die Evolutionslehre als intelligent design verhohnepiepelt wird? Und wie soll ich als Anhänger der Church of Scientology die jüngste Berichterstattung über Glaubensbruder Tom Cruise interpretieren?

 

6. Warum haben die Gläubigen laut Erzbischof Schick zusammen nur eine einzige Seele? Atman/Brahman-Spekulation in der Kirchenprovinz Bamberg?

 

7. Geht es den Freunden eines Anti-Blasphemie-Gesetzes wirklich um die zarten Gefühle aller religiös Musikalischen, oder um die Deutungshoheit und weltliche Macht ihrer jeweiligen Wahrheitstruppe?

 

8. Was hat Jesus über weltliche Macht gesagt? Ach so...

 

9. Welchen Verbrechens haben die Hohepriester Jesus noch einmal bezichtigt, um ihn umbringen lassen zu können? (Mk 14, 55ff)

 

10. Was sagt Jesus selbst über Gotteslästerung? Ach so...

 

 

 

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Sa

21

Jul

2012

Volker Surman über die GEMA

Kollege Volker Surmann (Satyr Verlag) hat einen beeindruckend informativen und detaillierten Artikel über die GEMA und ihr neues Tarifsystem geschrieben, den ich allen Interessierten sehr ans Herz legen möchte.

 

 

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Do

19

Jul

2012

Und noch zwei Artikel über den Fantapapst

Auch ich wurde gebeten, etwas über das Titanic-Cover der Juliausgabe beizusteuern. Mein sowohl milde tastender als auch latent paternalistischer Sermon findet sich bei "Christ und Welt".

 

Mehr noch möchte ich allerdings die Ausführungen des hochgeschätzten Kollegen Heiko Werning den Interessierten an ihre Herzen legen. Er findet sich in dem empfehlenswerten Blog Reptilienfonds, den Heiko zusammen mit Jakob Hein betreibt.

 

Was bei all dem Mediengetöse um einen angepissten Papst nicht untergehen sollte, ist, dass die Untersuchung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, mit der sich die Deutsche Bischofskonferenz vor einem Jahr als aufklärungswillig gebrüstet hat, stillschweigend abgeblasen wurde, weil das Netzwerk katholischer Priester und der Fantapapst da einen Riegel vorgeschoben haben: http://kath.net/detail.php?id=37361.

 

Es wäre ja auch zu doof gewesen, wenn beim Untersuchen der archivierten Briefwechsel in den Diözesen das Offenkundige noch offenkundiger geworden wäre: Dass die Priester, die sexualisierte Gewalt verüben (bzw. verübt haben) zwar eine Minderheit bilden, dabei aber von Ihren Oberen gedeckt werden/worden sind und sich unter Mitbrüdern aufhalten, die durch die Bank beide Augen zudrücken bzw. zugedrückt bekommen.

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Mo

09

Jul

2012

Fünf Fragen zur Finanzkrise

In den letzten drei Monaten habe ich versucht, mir eine Meinung über die Finanzkrise zu bilden, die für manche vor allem eine  Euro-Krise, für andere vor allem eine Bankenkrise, wieder für andere vorrangig eine (Staats-)Schuldenkrise und in mancher Lesart auch alles zusammen bzw. eine Kapitalismuskrise ist. Die Entstehung der Krise habe ich, so will es mir scheinen, in groben Zügen verstanden, nicht aber, was die Regierung zu ihrer Lösung (sowohl akut als auch nachhaltig) plant.

 

Am Freitag den 29.6., einen Tag nach der Niederlage der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen die italienische, wurde im Bundestag namentlich über die Ratifizierung eines Europäischen Stabilitätsmechanismus' (ESM) und eines europäischen Fiskalpaktes abgestimmt. 493 Pro-Stimmen standen 106 Contra-Stimmen gegenüber. Außerdem gab es 5 Enthaltungen. Sogenannte Top-Ökonomen liefern sich hitzige Debatten in den großen Tageszeitungen. Manche halten die Verträge für "alternativlos", um größeres Unheil zu verhindern. Andere betrachten sie als "demokratisch nicht legitimiert" und als Grundsteine für eine drastische Verschlimmerung der Situation. Nimmt man die Online-Kommentarbereiche der Süddeutschen, der FAZ, des Spiegels, des Tagesspiegels, des Handelsblattes und der ZEIT zum Maßstab, ist die überwältigende Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger gegen die Ratifizierung der beiden Verträge und befürchtet große Nachteile für die Mehrheit der (deutschen) Bevölkerung.

 

Ich würde gerne wissen, ob ich Proteste gegen ESM und Fiskalpakt unterstützen sollte, oder nicht. Ich habe fünf Fragen formuliert, die mir als Kompass im Informationsdschungel dienen sollen:

 

1. Wer hat Schulden?

 

2. Bei wem?

 

3. Warum?

 

4. Was soll gemäß Fiskalpakt und ESM mit diesen Schulden geschehen?

 

5. Warum?

 

Ich würde mich sehr über Unterstützung bei der Beantwortung dieser Fragen freuen. Natürlich sind zu einer Frage oft mehrere Antworten möglich und nötig, je nachdem welches Land oder Phänomen betrachtet wird. Ebenfalls dankbar bin ich für Hinweise zur Verbesserung der Fragen und für neue Fragen. Wer meine Mailadresse hat, kann mir gerne an diese mailen. Anderen steht das Kontaktformular dieser Homepage oder der Kommentarbereich dieses Blogs zur Verfügung. Im besten Fall kann ich in ein paar Wochen ein paar plausible Beiträge zu einer Übersicht zusammenstellen.

 

Herzliche Grüße,

 

Anselm Neft 

 

 

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Do

14

Jun

2012

Heute möchte ich herzlich Herrn Hartmann-Meister danken

Seit der Bundeswehrrede vom Freiheits-Gauck am Dienstag (12.6.2012) fühlte ich mich noch unruhiger als sonst. Ein seitenlanges Essay wider die Fiesheit wucherte in meinem Hirnkasterl, bis ich eben die Ausführungen von Konrad Hartmann-Meister auf Telepolis gelesen habe. Da steht, schwungvoll formuliert, alles, was mir durch den Kopf gegangen ist, und noch einiges mehr. Danke, Herr Hartmann-Meister, Sie haben mir Arbeit abgenommen. Jetzt kann ich kurz aufatmen und mich dann einer anderen Fiesheit zuwenden.

 

 

 

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Do

05

Apr

2012

Anselm Neft: Was geschrieben werden muss

Was geschrieben werden, was wirklich noch geschrieben werden muss:

 

Nix.

 

(Lyrisches Frühlingsgedicht, gewidmet Günter Grass und seinen Kritikern am 5.4. 2012)

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Do

29

Mär

2012

Paradoxe Anforderungen: Zugezogene in Berlin

Aus einem Kneipengespräch in Berlin:

Einheimischer: "Wat willste eijentlich hier? Wir ham schon jenug Schwaben."

Ich: "Ich zieh ja bald weg." 

Einheimischer: "Wie? Wat willste denn woanders? Is doch allet Scheiße außer Berlin."

 

Aus einem anderen Kneipengespräch, zwei Jahre davor: 

Einheimischer: "Aus Bonn? Dit is doch erbärmlich. Und wo wohnste jetz?"

Ich: "Ich wohn in der Nähe vom Kollwitzplatz in Prenzlauerberg."

Einheimischer: "Ach du meine Jüte. Da sind doch nur Yuppies."

Ich: "Ja, ich zieh auch nächsten Monat um. In den Rollbergkiez in Neukölln."

Einheimischer: "Und dann wird das da auch bald gentrifidingsbums. Wegen so Kunsttypen wie dir auf der Jagd nach billigen Mieten. So fängt's immer an."

 

 

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Mo

14

Nov

2011

Integrationspreis für Rapper Bushido

Eine Gardinenpredigt, gehalten am 12.11.2011 im Euro Theater Central, Bonn.

 

Diesen Donnerstag fand in Wiesbaden die große Bambi-Preisverleihung statt. Einer der 18 Preisträger war Rapper Bushido, bürgerlich Anis Fenchel Youssef Monchichi. Er erhielt den Integrations-Bambi, was schon im Vorfeld für Unmut sorgte. „So geht es nicht“, sagten Menschen von Frauenrechtsorganisationen, den Grünen oder Homosexuellen-Vereinen wie dem „Warmen Wiesbaden“. Im Internet wurde zu Protesten aufgerufen. Auch der hessische SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel zeigte im Gespräch mit dem Hessischen Rundfunk klare Kante: „Bei mir wird sich keine Hand rühren.“ Was immer er damit sagen wollte.

 

Bei der Preisverleihung selbst geht es dann aber friedlich zu. Es wird brav geklatscht, als der Quoten-Kriminelle auf die Bühne darf, um seinen Bimbo, entschuldigung, Bambi entgegen zu nehmen. Es wird aber auch brav geklatscht, als ein anderer Preisträger, Peter Plate von Rosenstolz, Kritik äußert: „Nichts gegen das Recht auf eine zweite Chance, aber jemanden, der frauenfeindliche, schwulenfeindliche und letzten Endes menschen- verachtende Texte gesungen hat, so einen Musiker auszuzeichnen, das finde ich nicht korrekt.“

 

Der Burda-Verlag, in dessen Namen der Preis ausgelobt wird, veröffentlichte jedoch bereits vor der Verleihung ein Statement, um die Entscheidung trotz fragwürdiger Songpassagen im Oeuvre des – ich zitiere – „polarisiernden Künstlers“ zu begründen: „Musik ist eine Kunstform, der bewusste Tabubruch ein Stilmittel des Raps“.

 

Es ist also soweit: Nachdem uns Bushido schon viele Jahre aus den Kopfhörern missmutiger Buben mit monotonen Geräuschkulissen belästigt hat, nachdem er ein rührseliges Ghetto-Kid-Drama in die Kinos gebracht und sich kurz darauf mit Plagiatsvorwürfen als Trendsetter empfohlen hat, steuert er nun mit dem Bambi auch noch etwas zur nervigsten Debatte des Jahrzehnts bei: Das Gelaber um die politische Korrektheit. „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“, rufen die unerschrockenen Kämpfer für Denk- und Redefreiheit, wenn sie jemand darauf hinweist, dass das, was sie da gerade sagen, Menschen wegen ihres Geschlechts oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit herabsetzt. Und tatsächlich, wo kämen wir hin, wenn man sich nicht mehr gegenüber anderen erhaben fühlen könnte. „Die Türken sind faul und nehmen uns die Arbeit weg“, mutmaßt in ganz eigener Logik der von der Globalisierung ins Knie gefickte Arbeiter. „Die Deutschen sind Scheiß-Kartoffeln“, äußert der türkische Gemüsehändler, der von der gleichen Globalisierung ins gleiche Knie gefickt wird. „Männer sind potentielle Vergewaltiger“, fühlt sich die Primitiv-Feministin plötzlich irgendwie besser, „Frauen haben einen niedrigeren IQ, aber einen höheren EQ als Männer“, kontert die seriöse Focus-Spiegel-Bunte-Forschung, während der von seiner Mutter aufgezogene Bushido schon munter rappt: „Ihr Tunten werdet vergast“. Und dann kommt das gebildete Bürgerkind und sagt zu all diesen Menschen: „Das, was ihr da äußert, sind fragwürdige chauvinistische Stereotypen, die den Geist des Reaktionären und damit des Kryptofaschistischen in sich tragen, in welchem Menschen nicht als gleichwertige Individuen, sondern in archaischer Weise als in Raster einzuordnende Mitglieder eines Stammes, einer Kaste oder eines Geschlechts betrachtet werden, wobei die kapitalistische Ausbeutung solcher Hierachien bedarf, um ihre Aneignung von minder eingestufter und daher schlecht entlohnter Arbeitskraft ideologisch zu verbrämen.“ Oder kurz gefasst: „Ich bin klüger als ihr, also was Besseres. Bätsch!“ Jeder ist in diesem unkorrekten oder korrekten Zirkus also besser als irgendjemand anders, auf den er oder sie herab schauen kann.

 

Was machen wir nun aber mit Bushido und seinem Bambi? In meinem Regal befinden sich unter anderem CDs von Slayer, Cannibal Corpse, Autopsy und Clit-Eater, deren Songtexte rund um Frauenfolter, Babyverstümmelung, Christenverhöhnung und Konzentrationslager Bushidos Hörprodukte in etwa so brutal erscheinen lassen wie eine Benjamin Blümchen Kassette. Wenn mir in jungen Jahren jemand gesagt hat, das, was ich da höre, sei stumpfer, gewalttriefender, menschenverachtender Rotz, dann habe ich geantwortet: Ja. Und wenn jemand meinte, das müsste verboten werden, dann meinte ich: Von mir aus. Und wenn etwas tatsächlich indiziert gewesen ist, wie in meiner Jugend z.B. der Film „Tanz der Teufel“, dann habe ich erst recht versucht, an den Krempel heran zu kommen. Mir war völlig klar, dass Frauenfoltern und Babyverstümmeln irgendwie nicht so richtig okay ist. Und ich war mir sicher: Die Burschen von Autopsy oder die Macher von „Tanz der Teufel“ wissen das auch. Geistige Gesundheit heißt für mich, den verschiedenen Facetten der eigenen Person gerecht zu werden, ohne gegen sich oder andere ungerecht zu werden.

Irgendwas ist bei Bushido aber anders. Kreisen wir das Phänomen einmal intuitiv ein: Hätte ich Kinder und sie würden mit Slayer-T-Shirts durch die Gegend hopsen, würde ich zwar nicht sagen: Cool, ich komm mit aufs nächste Konzert. Nein, ich würde meine Rolle als Erziehungsberechtigter spielen und sagen: Hu, das sind aber fiese Bilder und grausame Texte. Eijeijei, ein Song über Auschwitz ist keine gelungene Partymusik, ihr verrohten Früchte meiner Lenden. Aber insgeheim würde ich denken: Das wird sich schon ausgehen. Wären meine fiktiven Kinder hingegen Bushido-Fans, zerbräche ich mir den Kopf. Nicht, weil ich selbst diese Art von Rap nicht höre und auch nicht, weil Ärsche, Schwänze, Fotzen, Blut und Keilerei in holprigen Metren und schiefen Reimen zur Sprache gebracht werden. Es sind zwei andere Dinge, die mir bei Bushido auf den Sack gehen: Zum einen versucht er, seine brutalisierte Attitüde nicht als alltagsferne Parallelwelt, sondern als echten Lebensstil zu verkaufen und sich selbst als Vorbild, vor dem man Respekt haben soll. Hier müsste doch schon was auffallen: Sich ständig über andere respektlos äußern, dann aber Respekt einfordern, ist die Haltung von Größenwahnsinnigen, mit denen man nichts zu tun haben will. Slayer oder Marilyn Manson laufen nicht durch die Gegend und erzählen in Interviews, das andere Metal-Musiker samt und sonders Schwuchteln, Fotzen und Nutten sind, die mal ihre Eier lecken können. Sie wissen, dass man sich bei allem „bad boy“-Image nicht vollkommen zum Horst machen muss und seinen Minderwertigkeitskomplexen jenseits der Bühne eben nicht die Zügel schießen lässt. 

Ja, die Masche, permanent anderen die Männlichkeit abzusprechen, um selbst als männlicher dazustehen, gilt selbst in der wenig coolen Metal-Szene mit ihren durchschaubaren Männlichkeits-Symbolen, den bösen Gesichtern und den prätentiösen Posen als uncool. Bis zu Bushido hat sich das jedoch nicht herum gesprochen. Also erzählt er größtenteils nichts anderes, als dass er super ist, ganz einfach deshalb, weil andere Scheiße sind.

Die zweite Sache, die mich an Bushido ankotzt, ist mit dieser ersten verknüpft: Die zu dieser Selbstbezogenheit gehörende Wehleidigkeit. Das kann man jungen Leuten, die eh schnell einen Hang zu ichbezogener Heulerei entwickeln, doch nicht zumuten. Viele Eltern wissen ja gar nicht, was dieser rappende Jammerlappen alles von sich gibt. Im Folgenden ein paar Songauszüge, die ich keinesfalls lange suchen musste. Los geht es mit einer Strophe aus

„Schmetterling“:

Du bist mein Schatz - Ich lieb dich wie mein eigenes Leben
Ich vergesse die ganze Welt
Und seh nur uns zwei im Regen
Uns zwei wie wir nur noch uns zwei haben
Schenk dir 1000 weiße Tauben, wenn wir uns heiraten [Alternativvorschlag: 1000 weiße Tauben und 100 schwarze Raben]
Du hast nicht gewusst, dass ich ein Rapper bin
Doch ich wusste damals schon, du bist mein Schmetterling“

 

Heiraten will er. Und 1000 weiße Tauben verschenken, die dann die ganze Wohnung voll kacken. Dabei war seine Existenz am Rande der Gesellschaft, bei den Aussätzigen und hart Gezeichneten, der Schmetterlings-Frau erst verborgen: Sie wusste nicht, dass er...oh Gott...ein Rapper ist.

Und weiter:
“Wie eine Träne im Meer
Komm ich mir vor, wenn ich dran denke
Was wär, wenn dein Segen nicht wär“

Wie eine Träne im Meer? Wohl eher wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Nein, kein Zweifel, da haben die Sittenwächter recht: So etwas gehört in kein Kinderzimmer! Da hilft es auch nicht, dass der Deutsch-Tunesier mit dem Rap-Tourette in „Gangbang“ behauptet:

 

„Herzlich willkommen auf dem Asphalt, er singt dir ein Lied
Guck zum Horizont, was willst du Kind hier
Zwischen Männern die mit Hero und Koks Ticken
Wir sind die drei, die euch Zecken in den Zoo schicken
Die euch so ficken, bis ihr euer Blut kotzt
Ich bin Berliner, der nicht redet, sondern zuboxt
Deine ganze Familie sind Taschenspieler
Ich werd zu 90% morgen Waffendealer
Ich werd's so machen wie der Cowboy im Western
Ich trink nur noch Whisky und fick deine Schwestern“

 

Ja, was denn jetzt? Labern oder boxen? Waffendealer oder Cowboy? Vielleicht zu 90% Waffendealer und zu 10% Cowboy, wobei er dank des Nur-noch-Whiskey-Trinkens gar nicht mehr zu deinen Schwestern kommt, die ja jeder klassische Cowboy im Minutentakt flachlegt.

 

Oder nehmen wir einen Auszug aus dem grandios betitelten „Du bist ein Mensch“, einem Song, den Bushido mit Xavier Naidoo zusammen gesungen hat. Spätestens hier sollten bei Erziehungsberechtigten alle Alarmglocken läuten:

 

Warum führen wir Krieg, warum töten wir hier?
Manchmal wird mir klar, ich hab Böses in mir.
Viel böses passiert, es war schön und gut,
doch warum wird aus Öl nur Blut?
Warum sind wir stur, gehn über Leichen?
Kinder werden geboren, hungern, verzweifeln.
Die Reichen werden reicher und Arme bleiben arm,
ich stelle mir die Frage „was haben sie getan...“ [ja nix, deshalb sind sie ja arm, ‚tschuldigung, kleiner Scherz, der sich gerade anbot]

Warum hat man Angst, Angst vor der Zukunft?
Warum schlägt die Hilflosigkeit nur in Wut um?
Das sind wir Menschen voller Kummer und Sorgen,
doch Gott schenkt uns ein Morgen“

 

So was will ich noch nicht einmal mit Wandergitarre im Zeltlager der christlichen Jugend Sackeifel-Nord hören und schon gar nicht von einem Cowboy-Rapper. Aber es kommt noch schlimmer: Bei „Sieh in meine Augen“ bricht die ganze Heulerei eines gebeutelten Egos aus dem depperten Rap-Egomanen heraus:

 

Okay, man sagt die Augen sind der Spiegel meiner Seele [nicht nur deiner, du Solipsist]
Und deswegen ist es dunkel an dem Ort, an dem ich lebe [die Kausalität wirkt zwar nicht zwingend, aber geschenkt].
In dem kleinen Platz hier drinnen ist es Herbst [das glaube ich sofort, wenn er damit sein manisch-depressives Hirnkasterl meint],
und an die Wand schreibe ich mit Blut einen Vers:
Flieg, wenn du fliegen kannst, lieb, wenn du lieben kannst,
weil du nie kriegst, was du kriegen kannst“

 

Es ist bekannt, dass Bushido Ghostwriter hat, aber wer zum Teufel liefert dem armen Mann gegen gutes Geld eine solche Ware? Das ist doch in fünf Minuten beim morgendlichen Bierschiss entstanden.

 

Und weiter:

„Ich hab Blasen an den Füßen, weil ich barfuss geh'.
Wenn ich laufe, weine ich Salz, denn dieser Pfad tut weh.

Und nur, weil ich höflich bin, sage ich weiter guten Tag.

Ich brauche ein Pflaster für die Seele, weil ich nicht verbluten mag.“

 

Okay, jetzt reicht es. Allein das finale Wörtchen „mag“, dass nach Prenzlauerberg-Mädchen mit Traumfänger und "irgendwas mit Kunst oder Menschen" [und am Ende doch PR] klingt, disqualifiziert diesen Rap vollständig. Ich würde meinen Kindern klipp und klar verbieten, diesen Flachwichser in meinen vier Wänden Salz weinen zu lassen. Bushido, herhören, wir alle weinen Salz, nicht nur du. Kapiert? Und wenn dich die Blasen stören, dann zieh dir halt was an deine verweichlichten Mauken, herrgottsakrament.

 

Und kurz danach rappt der Bambi-Mann dann wieder so was:

 

„Neben mir sieht alles whak aus, weil keiner auf den Dreck bounct
Born to Kill, du machst alles chill,
wenn ich rappe, weiß ich ganz genau, deine Stadt steht still.
Ich bin elitär und auf keinen Fall dein Kumpel.
Berlin wird wieder hart, denn wir verkloppen jede Schwuchtel.“

 

Was soll man dazu noch sagen? Von Emo-Berlin zu Aggro-Berlin und im Schweinsgallop auf zur nächsten Peinlichkeit einer Rap-Vortäuschung:

 

"Zeiten ändern dich":

„Um ohne Vater aufzuwachsen, musst du hart sein.
Er war ein Kämpfer, und zwar seit Tag eins.
Er wollt kein Mitleid, und auch kein Mitgefühl,
und jetzt schau ihm in die Augen, denn nur ein Blick genügt,
und du siehst Hass, Schmerz, und du siehst Leid pur,
und seine Jahre vergehen, wie auf ner' scheiß Uhr.“

 

Nein, nein, nein: Um ohne Vater aufzuwachsen, musst du nicht hart sein, du musst nur ohne Vater aufwachsen. Und dass du kein Mitleid und der Vollständigkeit halber auch kein Mitgefühlt willst, du Gefühlsterrorist, wage ich zu bezweifeln, wenn du den armen Songhörer in den Augen deines Protagonisten „Leid pur“ sehen lässt. Angus Young kämen bestimmt die Tränen. Vielleicht würde er zusammen mit Lemmy und dir ein Benefiz-Konzert für alle armen Rapper machen, die Blasen an den Füßen haben, weil sie barfuß gehen. Vielleicht würden sie aber auch mit Alice Cooper sagen: „No doubt, you are stressing out, that ain't what rock `n´ roll’s about” und vermaledeite Freierscheiße – sie hätten Recht. Aber diese Art von Rap ist eben nicht Rock `n´ Roll, diese Art von Rap ist Schlager für Menschen, die zu feige sind, Schlager zu hören.

 

“Zeiten ändern dich” endet übrigens so:

 

„Mir tut so vieles heute unfassbar Leid.
Ich musste mich verändern, um was zu sein.
Ich wollte, das Mama stolz auf mich ist.
Heut ist sie stolz, Zeiten ändern dich!“

 

Da lässt der in Bonn gebürtige Ghetto-Homie endgültig die Katze aus dem Sack: Er wollte was sein, auf dem Affenfelsen nicht ganz unten sitzen. Wegen Mama. Und da wundert es auch nicht, wenn der ehemalige Koranschüler zwar ganz unberechenbar („äh Fotze, äh Adolf Hitler und so“) provozieren, aber auch von allen lieb gehabt werden will und bei der Bambi-Verleihung sagt: „Ich weiß nicht, ob ich den Preis verdient habe. Die Jury sagt, ich habe ihn verdient“. Ja verfickt noch mal, seit wann interessiert einen harten Rapper, was die Jury sagt, du obrigkeitsgläubiger, von Peter Maffay auf der Bühne gelobter, in Talkshows rumstotternder Verräter deiner Zunft?!

 

Oh man, wie mir diese Typen auf die Nüsse gehen. Sie behaupten, dass auszusprechen, was gewagt, provokant oder tabubrechend ist, und wenn sich dann jemand beschwert, heulen sie rum, man hätte sie missverstanden, oder man wolle ihnen das Reden verbieten, dabei wollten sie nur Respekt und keiner schwulen Fotze was zu leide tun. Überall diese Eiertänzer und Waschlappen. Das sind doch keine Vorbilder für unsere Jugend! Nehmen wir mal Thilo Sarrazin, der bis heute mit diesem beleidigten Gesichtsausdruck in jeder Talkshow, die ihn noch reinlässt, den Unverstandenen gibt, dessen Buch man nicht oder nicht richtig gelesen habe und der allen Ernstes behauptet, er sei bei einem medial ausgeschlachteten Bummel aus Kreuzberg heraus gemobbt worden, ja „verjagt wie ein geprügelter Hund.“ In der Zeitung „Die Welt“ schwadroniert er gar von einem wachsenden Menschenauflauf und peinlicherweise sieht man in dem Aspekte-Beitrag zu diesem Quatsch, dass es sich bei dem hetzenden Mob um genau zwei Menschen handelt, die als maulendes Hänflingspärchen den missverstandene Buch-Millionär auffordern, aus Kreuzberg zu verschwinden. Der hat kurz davor einen seiner total leicht misszuverstehenden Sätze zu Protokoll gegeben: „Das Beleidigtsein des Orientalen ist eine Kampfhaltung, mit der er unangenehme Diskussionen wegwischt.“ Dabei ist natürlich das Beleidigtsein des Okzidentalen auch nicht von Pappe: Nehmen wir zum Beispiele diese anonym schreibenden Gestalten im Blog „politically incorrect“, die gegen den Mainstream sein wollen, aber sofort aufschreien, wenn jemand nicht ihrer Meinung ist. Oder wo wir beim wackeren Kampf gegen den verblödeten Mainstream sind: Nehmen wir den Papst, der sich von der Diktatur des Relativismus bedroht fühlt, und damit die Demokratie meint, die für seine Kirche die Steuern eintreibt, in der aber seine Kirche mit ihrer Diktatur des Absoluten nicht mehr die erste Geige spielt. Und dann spricht sich der unbequeme Denker gegen die Verweltlichung der Kirche aus, muss aber doch im Bundestag als religiöses Oberhaupt salbadern und in einem intellektuellen Salto mortale erklären, dass wir der katholischen Kirche ja die Aufklärung und die Menschenrechte verdanken (auch wenn der Vatikanstaat neben Weißrussland der einzige Staat in Europa ist, der die Menschenrechtskonvention nicht unterzeichnet hat, vermutlich weil heutzutage „Menschenrechte“ auch „Frauenrechte“ beinhalten).

 

Ach, ich rede mich in Rage, und ich tu es gerne. Also: Ratzepappi, der Entweltlichte, muss natürlich ein Massen-Event im Olympiastadion veranstalten, seine ins Jenseits schielende Kirche zu großen Teilen von extrem irdischer Einkommenssteuer finanzieren lassen (und nicht allein von Kirchensteuer, aber weil das kaum einer weiß, zahlen auch die Ausgetretenen und Atheisten lustig für den Mummenschanz) und eine nicht besonders transzendental entrückte Vatikan-Bank unterhalten.

 

Aber Schluss mit dem alten Mann, der eh bald stirbt und dem nächsten Jubelgreis und Taschenspieler für die geistig und oft auch sonstig Armen Platz macht. Und ehrenhalber muss ich sagen, dass Herr Ratzinger tatsächlich noch ein geistreicher Zeitgenosse ist, verglichen mit seinen Claqueren wie diesen Matusseks, die ganz mutig das „katholische Abenteuer“ wagen, das natürlich rein zufällig ein trendiger Bestseller wird, wobei Matussek von katholischer Theologie noch weniger Ahnung hat, als der Durchschnitts-Frömmler, der das irgendwie voll schlau findet, was Benedikt der XVI. da wieder gesagt hat, und wenn man dann fragt, was genau, antwortet: „Ja, irgendwie so das Ganze.“

 

Was gehen mir diese Typen auf die Nüsse, die irgendwelche Menschengruppen abwerten und sich dann beschweren, wenn sich diese Gruppen oder irgendwelche anderen Leute beschweren. Diese Hobbydemokraten, die Redefreiheit für sich fordern und nicht wollen, das andere ihre Redefreiheit nutzen. Nehmen wir diese Lesebühnenautoren und Poetry Slammer, die ungefähr 15 Jahre nach Max Goldt und 30 Jahre nach Eckhard Henscheid und der damaligen Titanic-Crew erkannt haben, dass sogenannte Linksspießer und Gutmenschen auch eine ordentliche Zielscheibe für Spott abgeben, und dass beim Kabarett- und Lesebühnenpublikum ein süffisant ausgebreitetes 68er-bashing und eine gesalzene „konservative“ Provokation ein größeres Hallo erzeugt, als beispielsweise das Verlesen des kommunistischen Manifest. Und dann provozieren sie so ein bisschen und plötzlich ruft ein Linksspießer „Buh“ und sie können nächtelang nicht schlafen, weil sie so fertig gemacht wurden. „Mensch“, jaulen die verkannten Menschenfreunde in ihre Kissen: „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“. Ja, klar, darf man. Und man wird da ja wohl auch noch buhen dürfen. Oder besteht da plötzlich die Gefahr einer Traumatisierung einer Seele, die ein Pflaster braucht, weil sie nicht verbluten mag? Diese verzogenen, jeder billigen Anerkennung hinterher hechelnden Anti-Mainstream-Mainstream-Gören wollen alles: Spiel, Spaß und Schokolade. Also die Aura der Rebellion, den Jubel aller und dann, wenn sie beim Stöckchenkampf aufs Maul kriegen, einen Kuss von Mama und am Ende doch wieder den größten Pudding. Diese Art von Rebellion hört natürlich immer sofort auf, wenn sich damit kein wirtschaftlicher Erfolg erzielen lässt. Diese Querdenker sind da so flexibel wie Mama Merkel, die uns alle lieb hat und mühelos den Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg verkündet, wenn sich plötzlich die Gesetze der Physik verändern, weil in Japan ein Kernkraftwerk havariert. Dieses ehemalige Kohlzäpfchen, das den Mindestlohn kategorisch ablehnt um 17 Monate später eine „Lohnuntergrenze“ einzufordern, die natürlich so beschissen ist, dass es sich gar nicht lohnt auf Hartz IV zu verzichten, wenn man mal ökonomisch denkt, was aber offenbar die Normalbevölkerung lassen soll, egal ob sie in Deutschland oder Griechenland die Lobby-Scheiße und Fähnchen-im-Wind-Marotten ihrer Volksvertreter ausbügelt.

 

So, ganz ruhig, jetzt muss ich noch irgendwie wieder auf Bushido zurückkommen, diesen dackelblickigen, warmduschenden Fußföhner und Abschiedswinker, der ganz zahm geworden ist, seit er mit Geld und Preisen und einem Job als Integrationsbeauftragter der Nation ruhig gestellt wurde. Meine Meinung zu dem Preis? Ich finde, dieser Mann hat einen lächerlichen, nach einer Kinderfilmfigur benannten Fernsehpreis und eine Laudatio von Peter Maffay redlich verdient. Es geschieht ihm Recht. Und gerne soll er demnächst mit Till Brönner und Sarah Conner „Deutschland sucht die Supernutte“ moderieren, denn da weiß er dann, wovon er spricht.

 

Amen.

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So

03

Jul

2011

Die Verschwörung der Volltrottel

Auch dieses Jahr sind lesenswerte (tragi-)komische Bücher erschienen: Zum Beispiel "Zivildienstroman" von Christian Bartel, "Papa ante Palma" von Stefan Keller, "Tag der geschlossenen Tür" von Rocko Schamoni, "In Afrika" von Heinz Strunk oder natürlich die Sponti-Witze-Sammlung "Empört euch!" von Stéphane Hessel, die sich ungefähr so flott liest, wie sie geschrieben worden sein dürfte.

 

Den Vogel schießt in der komischen Disziplin jedoch für mich seit Jahren ein Buch aus den frühen 60ern ab, das ich im Common-Reader-Blog vorstelle. Vielleicht gelingt es mir so, die eine oder den anderen über Umwege zum Lachen zu bringen. 

 

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Mi

04

Mai

2011

Hermann Hesse Novelle freiwillig wieder gelesen

Neulich habe ich auf der Suche nach literarischer Verarbeitung gnostischer Gedankengebilde noch einmal Hermann Hesses Demian gelesen. Über spätantike, frühbarocke, mittelpubertäre oder prä-postmoderne Gnosis habe ich nichts Neues erfahren können, durchaus aber ein paar schummrige Stunden in der Gedankenwelt Hesses verbracht, deren skizzenhafte Verarbeitung im Blog "common reader" des interessierten Lesers wie der interessierten Leserin harrt.  

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So

19

Dez

2010

Teatro Grottesco

Wer sich vor dem abgeschmackten Spektakel der Weihnacht in die beruhigende Welt gut abgehangener Schrecken flüchten will, wird vermutlich in dem pessimistischen Horrorautoren Thomas Ligotti einen kundigen Reiseleiter finden. Eine Rezension seines Erzählbandes "Teatro Grottesco" findet sich hier:

 

http://common-reader.de/2010/12/im-herzen-des-schreckens/

 

Hier ein Zitat des missmutigen Autors, das anziehen oder vergrätzen mag:

 

"The human phenomenon is but the sum of densely coiled layers of illusion
each of which winds itself on the supreme insanity that there are persons of any kind when all there can be is mindless mirrors laughing and screaming as they parade about in an endless dream."
 

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Sa

20

Nov

2010

Neues Satire-Blog

Seit Anfang Oktober stelle ich wöchentlich eine kleine Satire bei

"Kaotic Nerd News" ein.  Es handelt sich um ein neues Blog der Software-Firma tarent. Entsprechend haben die Satiren einen zumindest losen Bezug zur IT. 

 

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Mi

22

Sep

2010

Die Einsamkeit der Träumenden - eine Buchrezension

Eine kurze, enthusiastische Rezension des Buches "Revolutionary Road" von Richard Yates findet sich seit gestern in dem Blog "Common Reader".

 

Wer ausführlicher über Yates und seine Werke lesen möchte, dem sei das Essay von Stewart O'Nan "The Lost World of Richard Yates" in der Zeitschrift "Boston Review" empfohlen. Während ich nur in ein mittlerweile schon oft erschalltes Horn stoße, hat Stewart O'Nan mit seinem leidenschaftlichen Aufsatz 1999 viel dazu beigetragen, den großartigen Yates der Vergessenheit zu entreißen.

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So

29

Aug

2010

Philomena Ellenhub - ein Salzburger Bauernroman

Auf dem Blog "Common Reader" habe ich eine Rezension des epischen Bauernromans "Philomena Ellenhub" eingestellt:

 

http://common-reader.de/2010/05/johannes-freumbichler-philomena-ellenhub/

 

Das lesenwerte, wenn auch weitschweifige Buch, das eine Frau von der Jugend bis ins mittlere Alter zusamt ihrer bäuerlichen Umwelt porträtiert, erschien 1937. Der Verfasser Johannes Freumbichler ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Bekannter wurde sein Enkel Thomas Bernhard. 

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Mo

19

Apr

2010

Kindesmissbrauch als gesamtgesellschaftliches Phänomen - eine Buchrezension

Auf dem Buchrezensions-Blog "common reader" stelle ich den autobiographischen Roman "Fast eine Kindheit" von Hans-Georg Behr vor. Darin werden viele Arten von missbräuchlichem Umgang mit einem Kind als gesellschaftlicher Alltag beschrieben. Neben Drill, Prügelstrafe, sexuellen Übergriffen und Mutter-Sohn-Verstrickung, nimmt die Darstellung eines katholischen Internats viel Raum ein. Behr zeichnet ein genaues, bedrückendes und differenziertes Bild von schuldhaft erlebter Sexualität, durch die Generationen weitergereichtem Missbrauch, Bespitzelung, Misstrauen, Hierachie und Sozialdarwinismus, die sich hinter der Maske der Frömmigkeit zu einem seelenzerstörenden System verbinden.

Das Buch spielt in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, also in der Zeit, in der Pater Stüper (Aloisiuskolleg) aufwuchs und Pater Statt (Canisiuskolleg) geboren wurde. 

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Fr

26

Mär

2010

Pater Stüper - ein Traum

Meine Gymnasial-Zeit habe ich auf dem Aloisius-Kolleg in Bonn-Bad-Godesberg verbracht, einer jener Schulen, die zur Zeit wegen Missbrauchsfällen in den Medien sind. Der damalige Schulleiter, Pater Ludger Stüper, war dafür bekannt, leidenschaftlich gerne Knaben zu fotografieren, am liebsten nackt. Auf dem Schulhof wurde von seinem riesigen Penis gesprochen, den manche Internatsschüler sahen, wenn sie beim Duschen vom nackten Ober-Pater gemustert wurden oder als "Auserwählte" mit ihm und Pater Theo Schneider, seiner rechten Hand, einen Segeltörn mit FKK-Einlagen machten. All das war damals kein Geheimnis. Wir Nicht-Internatsschüler fanden die Geschichten seltsam und anzüglich und misstrauten den Jesuiten noch mehr. Schlaflose Nächte hatten wir jedoch nicht, und unseren Eltern konnten wir schon unsere eigenen Sorgen oft nicht anvertrauen, wie dann die der schnöseligen Internatsschüler?
2004 veröffentlichte Miguel Abrantes Ostrowski ein Buch über seine Internatszeit am AKO, in dem er einige der bekannten Vorfälle zu lümmelhaften Anekdoten verdichtete. Interessiert hat sich außerhalb der "AKO-Familie" kaum jemand für dieses Buch, bis Pater Klaus Mertes angestoßen durch zwei Betroffene an dessen Schule Canisius-Kolleg in Berlin im Januar 2010 mit Nachdruck die Aufdeckung von Missbrauchsfällen an eben dieser Jesuiten-Schule vorantrieb.

Miguel Abrantes Ostrowski meldete sich erneut zu Wort und bekräftigte in Zeitung und Fernsehen, dass auch am AKO einige Erzieher ihr Amt gegenüber den Heranwachsenden missbraucht haben. Wie zu erwarten, solidarisierten sich nun viele ehemalige AKO-Schüler mit den Tätern. Christoph Pilars de Pilar wertet die Vorwürfe gegen Pater Stüper als "Rufmord an einem honorigen Mann" (Generalanzeiger am 13.2.2010). Bereits am 12.2. wurde auf Orden-online ein Brief von de Pilar veröffentlicht, der die Vorwürfe als Lügen abtun soll. Kurz darauf drückten rund 500 ehemalige Akoschüler und Schülereltern der Schule ihre Verbundenheit in einem offenen Brief aus. Auch Martin Lohmann zeigte sich in der Freien Welt solidarisch mit der Schule und nannte Pater Schneider einen der "Feinsten und Sensibelsten".

Ein vergleichbares Verhalten ist oft in Kleinfamilien zu beobachten. Ein Kind wird vom Vater (oder auf andere Weise von der Mutter) missbraucht und die Mutter solidarisiert sich mit dem Vater. Es heißt: Das Kind trägt die Schuld für die Vorfälle, oder hat sie erfunden, um Aufmerksamkeit zu bekommen, oder zumindest übertrieben, denn es sei doch alles nicht so schlimm. Wir ekeln und fürchten uns vor den Opfern. Wir köpfen die Überbringer schlechter Nachrichten. Wir hassen die, deren Narben daran erinnern, dass wir lügen. 

Vor eingen Nächten hatte ich folgenden Traum: Ich laufe durch Bad Godesberg, am Fuße des Hügels, auf dem das Aloisiuskolleg thront. Nun bin ich erwachsen, stärker und freier. Ich sehe Pater Stüper auf mich zukommen. Ich plane, ihm ohne Vorwarnung in die Fresse zu schlagen. Als ich näher komme, bemerke ich, dass er noch sehr kräftig und vital wirkt. Ich denke: Einfach schnell zuschlagen, das schaffst du. Dann tauchen plötzlich Männer in meinem Alter auf - breitschultrig, stiernackig, in schwarzen Anzügen. Sie stellen sich schützend um den Pater. Ich denke: Ich mach's trotzdem, ich muss nur ganz, ganz schnell sein. Dann stehe ich vor Pater Stüper. Sein Blick auf mich ist hart und abschätzig. Ich gebe ihm die Hand und bin kurz froh, dass er sie nimmt.

In Verbundenheit nur mit den Betrogenen, Missbrauchten, Enttäuschten, Entmachteten, Ausgenutzten, Übergangenen und Ungehörten.

Anselm Neft

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Mi

10

Mär

2010

Leipziger Buchmesse

Dieses Jahr lese ich viermal aus fünf Büchern auf der Leipziger Buchmesse. Mehr unter Termine.

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Do

25

Feb

2010

Ein Gespräch mit Helene Hegemann

Zur Zeit liege ich fiebernd auf durchgeschwitzter Matratze. Ab und an erscheint mir Helene Hegemann und streicht mir das Haar aus der Stirn. Dabei unterhalten wir uns auch. Hauptsächlich über ihr Buch Axolotl Roadkill. Ein Protokoll unserer Gespräche findet sich hier:

 

http://common-reader.de/2010/02/mehr-als-ein-schlauer-madchenstreich/


P.S.: Die Axolotl-Idee hat sie aus meiner Geschichte "Der Ring, das Kind, die Krokodile" (Die Lebern der Anderen, Ullstein Januar 2010) geborgt. Aber das ist okay.

 

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Di

19

Jan

2010

"Die Lebern der Anderen" ist erschienen

In diesen Tagen ist mein Buch "Die Lebern der Anderen" bei Ullstein erschienen und kann im Buchhandel, bei Amazon oder mir persönlich erworben werden.

 

Es handelt sich um einen auch für mich undurchsichtigen Mix aus Beobachtungen, Erfahrungen und Halluzinationen, die sich im Laufe der letzten vier Jahre zu einem teils fröhlichen, teils grotesken Kurzgeschichten-Zyklus verdichtet haben.

 

Der Plot lässt sich so zusammenfassen: Ein Bursche vom Land sucht sein Glück ausgerechnet in Berlin und wundert sich: 1-Euro Jobs, Vampire im Hinterhaus und ein Winter, der alles tiefgefriert, was nicht in der Nähe eines Kohleofens steht. Aber der wackere Ich-Erzähler findet auch die große Liebe, das Jessner-Eck und Gott in den Rillen einer Tischplatte.

 

Die Buchpremiere findet am 11.2 zusammen mit dem Liedermacher Jan Koch im Klub der Republik statt. Am 28.1. proben Jan und ich bereits vor Publikum, und zwar im ORI in der Friedelstraße in Neukölln. 

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Di

19

Jan

2010

Neues Blog für Buchrezensionen

Ein neues Blog ist online. Darin besprechen Menschen, die leidenschaftlich gerne lesen, belletristische Bücher. Ins Leben gerufen wurde "the common reader" von der Bloggerin Madame Modeste. Zur Zeit schreiben dort "casino", "engl", Isabel Bogdan, "Kaltmamsell", Mek, "Percanta" und ich über Bücher, die begeistern, aufwühlen, nerven, abstoßen, verwirren oder andere Anlässe bieten, Worte über sie zu verlieren.  

 

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Sa

05

Dez

2009

"Götter, Gurus und Gestörte" ist erschienen

Christian Bartel und ich haben ein Buch mit Kurzgeschichten zusammengestellt. Thema: Religion. Das Ergebnis dieses Unterfangens ist diese Woche im Satyr-Verlag erschienen, und wäre ich die Bibel, würde ich sagen: Und der Herr sah alles an und sprach: Nicht schlecht.

Was enthält der prächtige Band im Einzelnen? Dies:

Ahne plaudert mit Gott über das Böse in der Welt.

Anonyma hadert mit missionierenden Atheisten.

Alexander Bach nähert sich auf dem Fahrrad den edlen Wahrheiten Buddhas.

Christian Bartel erklärt die Entstehung des Black Metal und berichtet von türkischen Freidenkern.

Martin Betz findet Gott unter Bauarbeitern.

Nico Czaja schickt einen listigen brasilianischen Waldgeist in die Großstadt.

Eugen Egner orakelt in einer seiner apokryphen Apokalypsen von Dreck und Kuchen.

Horst Evers versucht sich an einem Gottesbeweis.

Christian Gottschalk entwickelt sich vom Christen zum Agnostiker zum Nihilisten zum Hedonisten und wieder zurück.

Uli Hannemann tut im grimmen Winter ein Werk der Nächstenliebe.

Nils Heinrich errichtet der blasphemischen Bärbel ein Denkmal.

Jess Jochimsen erlebt sein ganz privates Pfingstwunder.

Sylvia Jungenkrüger erlebt einen fröhlichen Ramadan in Kuala Lumpur.

Florian Kalff würdigt jesuitische Erzieher und preist der Eifel herbe Weiten.

Francis Kirps lässt Odins Ross Sleipnir über alle acht Beine stolpern.

Peter Köhler bittet indische Gurus zum Tanz.

Thomas Lienenlüke entwickelt Patchwork-Religiosität konsequent zur marktfähigen Geschäftsidee weiter.

Sheila Mysorekar und Philipp Schäfer unterziehen größere und kleinere Religionen einem "Stiftung Warentest".

Anselm Neft erleidet den Fluch der Hammelhexe.

Talita Oliveira unterhält sich mit Allah über den Kauf von Unterhosen.

Jakob Reil ruft die Weltglaubensmeisterschaften aus.

Jochen Reinecke bastelt Gott.

Lea Streisand sucht spirituelle Vorbilder, erlebt aber nur den Fall der Mauer.

Volker Surmann ringt in der ostwestfälischen Provinz mit Gott, dem Tod und einem Hund.

Sabine Trinkaus gewährt intime Einblicke in den Himmel.

Ella Carina Werner lehrt uns das richtige Beten.

Franziska Wilhelm zelebriert mit schwererziehbaren Jugendlichen Krippenspiele im ostdeutschen Örtchen Stotternheim.

Lino Wirag präsentiert die barocken Derbheiten des heiligen Anselmus.

 

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