Fünf Fragen zur Finanzkrise

In den letzten drei Monaten habe ich versucht, mir eine Meinung über die Finanzkrise zu bilden, die für manche vor allem eine  Euro-Krise, für andere vor allem eine Bankenkrise, wieder für andere vorrangig eine (Staats-)Schuldenkrise und in mancher Lesart auch alles zusammen bzw. eine Kapitalismuskrise ist. Die Entstehung der Krise habe ich, so will es mir scheinen, in groben Zügen verstanden, nicht aber, was die Regierung zu ihrer Lösung (sowohl akut als auch nachhaltig) plant.

 

Am Freitag den 29.6., einen Tag nach der Niederlage der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen die italienische, wurde im Bundestag namentlich über die Ratifizierung eines Europäischen Stabilitätsmechanismus' (ESM) und eines europäischen Fiskalpaktes abgestimmt. 493 Pro-Stimmen standen 106 Contra-Stimmen gegenüber. Außerdem gab es 5 Enthaltungen. Sogenannte Top-Ökonomen liefern sich hitzige Debatten in den großen Tageszeitungen. Manche halten die Verträge für "alternativlos", um größeres Unheil zu verhindern. Andere betrachten sie als "demokratisch nicht legitimiert" und als Grundsteine für eine drastische Verschlimmerung der Situation. Nimmt man die Online-Kommentarbereiche der Süddeutschen, der FAZ, des Spiegels, des Tagesspiegels, des Handelsblattes und der ZEIT zum Maßstab, ist die überwältigende Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger gegen die Ratifizierung der beiden Verträge und befürchtet große Nachteile für die Mehrheit der (deutschen) Bevölkerung.

 

Ich würde gerne wissen, ob ich Proteste gegen ESM und Fiskalpakt unterstützen sollte, oder nicht. Ich habe fünf Fragen formuliert, die mir als Kompass im Informationsdschungel dienen sollen:

 

1. Wer hat Schulden?

 

2. Bei wem?

 

3. Warum?

 

4. Was soll gemäß Fiskalpakt und ESM mit diesen Schulden geschehen?

 

5. Warum?

 

Ich würde mich sehr über Unterstützung bei der Beantwortung dieser Fragen freuen. Natürlich sind zu einer Frage oft mehrere Antworten möglich und nötig, je nachdem welches Land oder Phänomen betrachtet wird. Ebenfalls dankbar bin ich für Hinweise zur Verbesserung der Fragen und für neue Fragen. Wer meine Mailadresse hat, kann mir gerne an diese mailen. Anderen steht das Kontaktformular dieser Homepage oder der Kommentarbereich dieses Blogs zur Verfügung. Im besten Fall kann ich in ein paar Wochen ein paar plausible Beiträge zu einer Übersicht zusammenstellen.

 

Herzliche Grüße,

 

Anselm Neft 

 

 

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Kommentare: 15
  • #1

    Elmar (Montag, 09 Juli 2012 22:09)

    1. Wer hat Schulden?
    Alle ausser Deutschland
    2. Bei wem?
    Bei Deutschland
    3. Warum?
    Vom mehr Geldausgeben (an Deutschland) als einnehmen
    4. Was soll gemäß Fiskalpakt und ESM mit diesen Schulden geschehen?
    Die werden übernommen oder bebürgt, wenn das Schuldnerland verspricht so zu werden wir Deutschland
    5. Warum?
    Damit alle Länder so reich werden wie Deutschland.

  • #2

    Friederike (Dienstag, 10 Juli 2012 19:35)

    1. Wer hat Schulden?
    Alle mehr als eigentlich gut für sie wäre, vor allem die südeuropäischen Staaten, aber auch Deutschland.
    2. Bei wem?
    Vor allem bei privaten Anlegern und Banken, die Schuldscheine der Regierungen gekauft haben.
    3. Warum?
    Weil die Regierungen seit Jahrzehnten über ihre Verhältnisse leben und private Sparer und Finanzinstitutionen flüssig genug waren, um Geld bereit zu stellen.
    4. Was soll gemäß Fiskalpakt und ESM mit diesen Schulden geschehen?
    Laut Fiskalpakt sollen die Schulden in den nächsten Jahren kontinuierlich zurückgefahren werden. Der ESM ist dafür da, um in Notlage geratene Regierungen und/oder Finanzsektoren zu stützen. So sollen Zahlungsausfälle einzelner verhindert werden, die potenziell die gesamte Eurozone "anstecken" können, und/oder Kreditklemmen vermieden werden, die ebenfalls die gesamte Wirtschaft des Euroraumes in die Bredouille bringen können.
    5. Warum?
    Weil wir mittlerweile eine Währung und einen Wirtschaftsraum haben und damit Probleme kaum noch isoliert behandelt werden können. Die Ansteckungsgefahr für alle ist sehr hoch.

  • #3

    Ephraim (Dienstag, 10 Juli 2012 21:15)

    http://www.phoenix.de/content/504320

    hier sind einige begründete Ansichten, hauptsächlich zu 4., nicht leicht, ich mußte es mehrmals sehen, mit Pausen und bin mir nicht bei allem sicher.

    Interessanterweise vor seinem 0815-Appell in den Zeitungen

  • #4

    Ephraim (Dienstag, 10 Juli 2012 21:18)

    heißt nicht, daß ich zustimme, meiner Ansicht nach wird die Frage nach der möglichen Katastrophe, falls Länder aus € raus, auch nicht beantwortet, aber der Rest scheint zumindest durchdacht zu sein

  • #5

    Anselm (Mittwoch, 11 Juli 2012 17:32)

    Liebe Friederike,

    was du schreibst, ist wohl genau das, was Kanzlerin Merkel zusammenfassend sagen würde, wenn sie nach Gaucks Schelte erklärend zum einfachen Volk zu sprechen hätte. Dabei stellen sich allerdings noch ein paar Fragen:

    Was heißt "alle haben Schulden"? Gibt es denn niemanden, der nur Gläubiger ist?

    Was heißt "Die Regierungen haben über ihre Verhältnisse gelebt?" Welche Fehler wurden begangen? Wenn meine Informationen stimmen, ist die griechische Regierung seit Jahren ein Sauhaufen, aber Spanien und Italien haben im letzten Jahrzehnt nicht schlecht gewirtschaftet. Auch Irland stand bis vor wenigen Jahren sehr gut da. Was ist passiert? Und warum kommen in den bisherigen Antworten die Begriffe Subprime-Krise, faule Kredite in Billionenhöhe, Immobilienblase, Deregulierung des Finanzmarktes nicht vor ;0)?

    Herzliche Grüße,

    Anselm

    Herzliche Grüße,

    Anselm

  • #6

    Anselm (Mittwoch, 11 Juli 2012 17:47)

    Lieber Ephraim (?),

    vielen Dank für den Link zu dem Sinn-Interview. Ich hatte das bereits gesehen, aber es stimmt durchaus, dass man es sich zweimal ansehen kann und dabei die Fragen eher mehr als weniger werden.
    Herzliche Grüße,

    Anselm

  • #7

    Christian (Mittwoch, 11 Juli 2012 23:46)

    Guten Tag.
    Ich begrüße diese Neftsche Initiative zur Meinungsbildung sehr und habe versucht, ein paar Zahlen & Fakten zum Thema zusammenzutragen. Ich würde sagen, auf Grundkursniveau. Zu den ganz heißen Dingern von ESM & Fiskalpakt bin ich aber nicht mehr gekommen. Fehleinschätzungen bitte ich zu berichtigen.
    Herzlichen Gruß und verspäteten Glückwunsch an Anselm, Christian

    1. Wer hat Schulden?
    Verschuldet sind alle Staaten außer Liechtenstein. (sogar Luxemburg, aber die bloß aus Daffke). Griechenland ist mit 162 %, Deutschland immerhin mit 81,7% seines Brutto-Inland-Produktes verschuldet. (SPIEGEL). Die Staatsverschuldung der USA liegt bei knapp über 100 %. (Die Presse)
    Die in der EU ursprünglich vereinbarte Maastricht-Schulden-Grenze liegt bei 60 % im Verhältnis zum BIP.
    Die Frage, ob das Niveau der Schulden als krisenhaft oder im Bereich üblicher Kreditaufnahme einzustufen ist, wird aber eher nicht in Maastricht, sondern am Finanzmarkt beantwortet. Entsprechend können sich dort nur als solvent geltende Staaten mit Geld zu vergleichsweise günstigen Konditionen eindecken.
    Eine wichtige Rolle spielen dabei die (privatwirtschaftlich organisierten) Rating-Agenturen. Ob diese Agenturen lediglich Überbringer der Botschaft oder wegen ihrer Verflechtung mit (hauptsächlich US-amerikanischen) Finanzhäusern auch Akteure mit eigener Agenda sind, wird auf den beiden Seiten des Atlantiks sehr unterschiedlich bewertet. Old Schäuble sprach neulich gar von einer Oligarchie, deren Macht gebrochen werden müsse (aus dem Gedächtnis zitiert).
    Allerdings ist auch die US-Wirtschaft mittlerweile von Standard & Poor´s heruntergestuft worden.
    Es bleibt allerdings die Tatsache, dass die Agenturen hochriskante Papiere während der US-Immobilien/Finanzkrise lange Zeit als gute Kapitalanlage einstuften. Nach Meinung etwa von Dennis Snower (Präsident des Instituts für Weltwirtschaft) haben sie dabei „vollkommen versagt“.

    2. Bei wem?
    Die deutschen Schulden stecken zum Großteil in festverzinslichen Wertpapieren, die man auch als Privatmann bei der bundeseigenen Finanzagentur kaufen kann. Die meisten Anleihen werden allerdings von der Agentur an ein Bieterkonsortium aus 32 Banken auktioniert, die die Papiere ihrerseits an Pensionsfonds, Versicherungen und Vermögensverwalter weiterreichen. Gläubiger ist also mittelbar jeder, der Geld auf einer Bank hat.

    3. Warum?
    Staaten machen Schulden, um Investitionen (z.B. Landsknechte mieten) zu tätigen, die aus dem laufenden Steueraufkommen nicht zu finanzieren sind, und dieses Geld in Unternehmungen zu stecken (z.B. die Nachbarstadt überfallen), deren Rendite (z.B. Nachbarstadt ausplündern) höher sind, als die Zinsen, die man für diese Schulden bezahlen muss.
    Die heutigen „frühkapitalistischen Staaten“ (M. Miegel) Europas machen Schulden, um den Wettbewerbsvorteil (mittels Bildung, Infrastruktur, Subventionen, Investitionsanreize etc.) zu halten bzw. auszubauen, allerdings auch um Sozialleistungen zu finanzieren.
    Grund für die als krisenhaft wahrgenommene Verschuldung ist also je nach ideologischer Ausrichtung der Kommentatoren entweder die „Todesspirale des Wohlfahrtsstaates“ (R. Samuelson), also der Ausbau von Sozialleistungen (inkl. Bildung, Gesundheit, Transfereinkommen etc.) oder aber - im Falle Deutschlands- die Wiedervereinigung, die Absenkung des Spitzensteuersatzes, bzw. der Körperschaftsteuer in den 1990ern sowie die jüngste Sozialisierung von Bankenverlusten.
    Der Umfang, in welchem die konsumtiven Ausgaben zur Staatsverschuldung betragen, wird -wie alles andere auch- heftig diskutiert. Befürworter des Sozialstaates verweisen auf den seit Jahren stagnierenden Anteil der Sozialausgaben am BIP, er liegt (angeblich) bei 30 %.

    Einige Links:

    http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/handwoerterbuch-politisches-system/40380/staatsverschuldung?p=all

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/umstrittene-rating-agentur-us-boersenaufseher-ueberpruefen-standard-poor-s-a-780161.html

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/debatte-staatsschulden-sind-gar-nicht-so-uebel-11079913.html

    http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/schuldenkrise-in-europa-wir-leben-nicht-ueber-unsere-verhaeltnisse-1.1226463

    http://blog.zeit.de/herdentrieb/2010/07/21/ich-kann-beim-besten-willen-keinen-schuldenberg-erkennen_2065

    http://www.cicero.de/kapital/unternehmensgewinne-reichensteuer-warum-fliessen-kredite-bergauf/47868?seite=1

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/essay-das-janusgesicht-der-staatsschulden-1999357.html

  • #8

    Anselm (Donnerstag, 12 Juli 2012 16:13)

    Lieber Christian,

    danke für die drei Antworten und die Glückwünsche. Wenn ich 1. und 2. bei Friederike und Christian richtig zusammen lese, dann habe ich als Staatsbürger Neft (Bewohner eines etwas über Gebühr verschuldeten Deutschlands) Schulden beim Privatanleger Neft (ja, ich habe ein Bankkonto und sogar eine Rentenversicherung, halte allerdings nicht wissentlich deutsche Staatsanleihen). Eine interessante Situation! Mal sehen, wie ich mich einige. Aber sind so die ersten drei Fragen schon zufrieden stellend beantworten? Der Ausdruck „der Staat hat Schulden“ suggeriert, dass es da eine von uns Einzelpersonen abgesonderte Entität gibt. Was aber heißt es für die Einzelpersonen, die den Staat bilden, dass der Staat Schulden hat? Jaja, ich weiß: pro Kopf 20.000 Schulden. Aber wem schulde ich das Geld und warum? Bei den Gläubigern dürfte es doch so ähnlich sein, wie bei der Vermögensverteilung in Deutschland: 1 % der Bürger verfügt über 23% des Vermögens, bzw. 10% über 61% (Bundeszentrale für politische Bildung 2008, http://www.bpb.de/wissen/U4CJQA,0,0,Verm%F6gensverteilung.html1).
    Oder ganz einfach: Die Ärmeren sind bei den Reichen verschuldet (inner- wie interstaatlich). Oder sehe ich das falsch? Der Fiskalpakt soll nun die Ärmeren zum Sparen und besser wirtschaften anhalten, damit die Reicheren nicht schmollen und auch weiterhin Geld verleihen, das die Ärmeren zum besseren Wirtschaften benötigen. Gleichzeitig werden die toxischen Papiere aus spekulativen Finanzgeschäften, von denen einige wenige sehr fett profitiert haben, in einer europäischen Bad Bank namens ESM verstaatlicht. Ich bitte um Hinweise auf die etwaige Irrigkeit meiner Ansichten.

    Den von Christian verlinkten Cicero-Artikel finde ich sehr erhellend. Erstaunlich, aber hier muss ich diese Zeitschrift einmal loben!

  • #9

    Lüchterich (Montag, 16 Juli 2012 14:54)

    1. Alle. Jeder bei jedem.Ich schulde meinem Vermieter jedem Monat das Geld, dass er seiner Bank schuldet, die es den Investoren schuldet, die mir mein monatliches Gehalt nicht auszahlen. Das nennt sich wahlweise Kapitalismus, Geldkreislauf oder Irrenhaus.
    2. s.o.
    3.weil die Briten vor Jahrhunderten das System der Nicht-mehr-Wert-gebundenen-Schuldverschreibungen erfunden haben, um ihren Kolonialhandel zu finanzieren. Seither dreht sich das Karussell zyklisch immer schneller und bricht ebenso zyklisch zusammen, weil es an irgend einer Stelle einen Karussellfahrer vom Pferd reisst und an dieser Stelle dann der Geldkreislauf unterbrochen ist.
    4. Der Wert der im Finanzsystem gehandelten Geldbeträge überschreitet den Wert der in der Welt vorhandenen realen Werte und Dienstleitungen um ca das 30fache. Das Geld das verliehen wird, ist in hohem Maße fiktiv. Die Schulden sind es auch. Wenn man nun neue Schuldenkreisläufe aufmacht, besteht eine Chance, den fiktiven Gehalt der Schulden noch weiter zu erhöhen. Das ist zwar irrational, funktioniert aber erstaunlich gut. Idee ist, den zwangsläufig folgenden Zusammenbruch zeitlich zu strecken und/oder noch ein paar Jahre herauszuzögern. Pipi Langstrumpf singt an dieser Stelle "ich male mir die Welt, widewidewie sie mir gefällt...."
    Das ist im übrigen kein Europroblem, wie man uns einreden will, sondern ein Kapitalismusproblem. Den Amis, Japanern, Chinesen etc. gehts nicht anders. Stell Dir mal vor, Du bist China, hast den Amis XX Billionen Dollar geliehen und kriegst sie nicht zurück. Hihi...
    5. Warum?
    In der materialistischen Philosophie gibt es das sogenannte Kartoffeltheorem. Das besagt in etwa "jetzt sind die Kartoffeln auf dem Tisch, jetzt werden sie auch gegessen". Heißt: Was einmal da ist, geht in der Regel nicht mehr von alleine weg. Wenn Du dich bekleckert hast, hast Du einen Fleck auf dem Hemd. Und zwar genau solange, bis du es wäschst.
    Mit dem Geld ist das genauso.
    Also: Entweder so lange kleckern, bis Du die ganze Marmelade aufgegessen hast, oder das Hemd ausziehen und nackt durch die Welt laufen oder keine Marmelade mehr essen - was allerdings nur so lange sinnvoll ist, wie man sich nicht wahlweise mit roter Grütze oder Nutella bekleckert.

  • #10

    Anselm (Donnerstag, 19 Juli 2012 22:12)

    Von einem Mann namens Jobst kamen diese Antworten:

    http://pekoe.de/Schulden/

  • #11

    Modeste (Freitag, 20 Juli 2012 06:43)

    Ich habe das alles auch nicht ganz verstanden, stele es mir aber folgendermaßen vor:

    1. Wer hat Schulden?

    Alle. Das ist auch eigentlich kein Problem. Die Probleme für die Zahlungs- und damit Handlungsfhähigkeit eines Staates entstehen erst dann, wenn ein Staat die Rückzahlungen (also die Raten) nicht mehr bewältigen kann, weil das Verhältnis von Einnahmen und Ausgaben dauerhaft nicht stimmt und die Rücklagen aufgebraucht sind. Hier kommt nun der nun der Markt ins Spiel: Wenn der Markt (also die Gesamtheit der Händler und Analysten) annimmt, ein Staat sei bald nicht mehr zahlungsfähig, wird die weitere Kreditaufnahme mit höheren Zinsen beaufschlagt, um das Risiko einzupreisen. Hohe Zinsen führen nun wiederum dazu, dass die Raten sehr schnell steigen. Da der Staat nicht so schnell höheren Einnahmen generieren kann, führt der Zinsaufschlag schnell zur Zahlungsunfähigkeit.

    2. Bei wem?

    Hauptsächlich bei den Banken, denn diese kaufen Staatsschuldverschreibungen, also in Deutschland Bundesschatzbriefe. Deutlich weniger Schuldpapiere halten Versicherungen, v. a. private Rentenversicherungen und Versorgungswerke (nicht die öffentliche DRV), Lebensversicherungen und Fonds. Ein kleiner Teil der Schuldverschreibungen ist aber auch in privater Hand.

    3. Warum?

    Die Staaten haben sich aus demselben Grund verschuldet wie Private: Sie wollten mehr leisten, als ihre Einnahmen (v. a. Steuern und Abgaben) hergeben. Das kann in bestimmten Situationen gerechtfertigt sein. In einer Wirtschaftskrise etwa ist es linken Ökonomen zufolge für den Staat sinnvoller, Schulden zu machen und durch Investitionen Geld unter die Leute zu bringen oder Strukturverbesserungen zu finanzieren (ein Flughafen für eine strukturschwache Gegend, eine Universität ...), als durch Steuererhöhungen die Nachfrage weiter zu schwächen.

    Dass nun einige der Staaten Probleme haben und andere nicht, liegt zm einen an der unterschiedlichen Schuldentragungsfähigkeit der Staaten, zum anderen natürlich an der unterschiedlichen Höhe der Schulden.

    Ein Beispiel für eine unzureichende Schuldentragungsfähigkeit ist Griechenland: Hier übersteigen die Ausgaben die Einnahmen in einem solchen Maße, dass dauerhaft kein ausgeglichener Haushalt erreichbar ist. Griechenland muss also Ausgaben verringern ("sparen") und Einnahmen erhöhen (Steuern erhöhen und eintreiben).

    Ein Beispiel für eine überhöhte Schuldenlast ist etwa Irland: Hier haben die Banken zu viele Kredite an Private (Unternehmen und natürliche Personen) vergeben, die diese nicht zurückzahlen konnten. Die Banken hätten wegen dieser Zahlungsausfälle Insolvenz anmelden müssen. Damit dies nicht eintritt, sind die Staaten eingesprungen. Die Banken sind damit wieder liquide, aber die Schulden hat jetzt der Staat.

    4. Was soll gemäß Fiskalpakt und ESM mit diesen Schulden geschehen?

    Staaten in Zahlungsschwierigkeiten sollen über den ESM Kredite aus einem Fonds erhalten, der aus Mitteln anderer Mitgliedstaaten gespeist wird. Diese haben das Geld zwar auch nicht, gelten aber als kreditwürdiger und erhalten so günstigere Zinsen, die sie weitergeben können. Damit dieser Mechanismus nicht zu einem dauerhaften Vehikel der Staatsfinanzierung wird, soll der Fiskalpakt über die dort vereinbarten Regeln dafür sorgen, dass solider gewirtschaftet wird.

    5. Warum?

    Im Wesentlichen geht es um zwei Aspekte:

    Wie oben dargestellt, haben die Staaten die meisten Schulden bei Banken. Stellt nun also ein Staat seine Zahlungen mangels Mittel ein, so reißt dies unmittelbar riesige Löcher in die Bilanzen der Banken. Einige Institute würden voraussichtlich insolvent. Dies hätte ausgesprochen negative Auwirkungen auf die Gesamtwirtschaft, da die Banken für die Funktionsfähigkeit der Realwirtschaft essentiell sind.

    Darüber hinaus fürchtet insbesondere die Bundesrepublik den wirtschaftlichen Zusammenbruch in anderen Mitgliedstaaten. Zum einen fallen Unternehmen und öffentliche Hand in diesen Staaten dann als Nachfrage für deutsche Exportgüter aus. Zum anderen würde eine Destabilisierung des Euro möglicherweise zum Ende der Gemeinschaftswährung führen. In diesem Fall bekäme Deutschland die Mark wieder. Diese würde an den Währungsmärkten (ähnlich dem Franken) schnell aufgewertet, so dass deutsche Güter für Handelspartner aus dem Ausland teurer würden. Dies würde die Nachfrage gerade in den besonders arbeitsmarktrelevanten Bereichen Fahrzeug- und Maschinenbau, aber auch Pharma, einbrechen lassen.

    ... aber wie gesagt: Ich verstehe nicht viel von diesen Dingen.

  • #12

    Jobst (Mittwoch, 01 August 2012 05:07)

    Der Mann namens Jobst hat seine Antwort etwas erweitert. Die Bausteine, aus denen so jeder seine Gedanken zusammenbastelt sind doch von recht verschiedener Art. Daher zur Substanz der Schulden, dem Geld ein paar Sätze mit noch wenig didaktischer Raffung.
    Wem Wortsalat schmeckt sei eingeladen:
    http://pekoe.de/Schulden

    Beste Wünsche, Jobst

  • #13

    Elvira (Samstag, 15 September 2012 18:59)

    Bin gerade auf Hochzeitsreise in Griechenland und stieß beim Surfen auf diesen äußerst lehrreichen Beitrag. Als jemand, der sein Teenage in einer Hyperinflation verbracht hat, kann ich nur sagen: Geld ist nur bedrucktes Papier. Unlängst las ich im Standard, dass Deutschland Griechenland Unsummen an Reparationen schuldet. Darauf einen Ouzo. Danach google ich Kartoffeltheorem.
    Herzlichst,
    Frau Vau

  • #14

    Anselm (Mittwoch, 19 September 2012 10:17)

    Liebe Elvira,

    über das Thema "Reparationszahlungen", die tatsächlich nicht erfolgt sind, gab es ein interessantes Interview im Deutschlandradio:

    http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1135445/

    Interessant auch für eine umfassendere Perspektive auf die Situation in Griechenland:

    http://odysseusdg.blogspot.de

  • #15

    DWR (Sonntag, 09 Dezember 2012 01:24)

    marxistische Perspektive:

    http://doku.argudiss.de/?Kategorie=KuA#432