Berufswunsch Penner – Kinder finden Armut zunehmend cool

                                                                                                            

(erschienen auf welt-online am 20.11.2007) 

 

Wollten Umfragen zufolge anfangs des Jahrhunderts noch viele Kinder Schauspieler oder „irgend etwas mit Krieg“ werden, so geben nun mehr als die Hälfte der Sechs- bis Zehnjährigen Berufe an, die wenig profitabel erscheinen. Mit 27% an Platz drei einer Liste, die das IKARUS (Institut für Kinderarmut und Sozialabbau) vergangene Woche veröffentlichte, steht nun wieder der gute, alte Lokführer. „Die kriegen nicht viel“, meint Angelina (8) „und arbeiten auch kaum.“  30% nannten geschlechtlich differenziert als Berufswunsch „Gangsta“ bzw. „Prostituierte“, während der erste Platz mit 34% an „Penner“ ging. „Wie meine Eltern, nur ohne Wohnung“, strahlt Gandalf (7), als er seinen Berufswunsch erläutern soll.

 

Es ist offensichtlich, dass sich bei den Jüngsten ein neuer Trend durchsetzt. In ist, wer arm ist. Markenklamotten und ausuferndes Konsumverhalten sind für die Kids von heute Schnee von gestern. „Um in der Klassengemeinschaft anerkannt zu werden, sollte man schon aufs Pausenbrot verzichten können“, meint Dr. Rütli, Security-Guard einer Neuköllner Grundschule. „Kleidung aus der Kleidersammlung und ein möglichst heruntergekommenes Elternhaus sind weitere must-haves für trendbewusste Kinder“, weiß der promovierte Schwarzgurtträger. „Manche drängen ihre Eltern zum Drogenkonsum, wenn Freunde zu Besuch sind, oder wenigstens zu einer Schlägerei im Schlafzimmer.“

 

Dabei haben nicht alle Kinder die gleichen Startbedingungen. „Ich hatte einfach Glück“, gibt sich Lale (9) bescheiden. „Als Tochter von Einwanderern, die noch nicht einmal deutsch können, brauchte es nicht viel, um im Klassenverband ganz oben anzukommen. Später gehe ich auf die Hauptschule, dann kann eigentlich nix mehr schief gehen.“

 

Schwerer haben es da die Kinder von Eltern, die unverschuldet zu Geld gelangt sind und ihren Nachwuchs lieber in einer gesicherten Position, als auf der Straße sehen wollen. Auseinandersetzungen sind vorprogrammiert. „Früher oder später werden meine Eltern akzeptieren, dass ich nun einmal nicht Rechtsanwalt oder Professor sondern Hartz-IV-Empfänger werden möchte“, äußert sich Marc-Aurel (10) stoisch zu der Situation bei sich zuhause. Er gehört zur wachsenden Zahl der DINKs (Double-Income-Negating-Kids). „Reich sein ist spießig, arm sein ist sexy“ meint auch Anne-Sophie (7) in Anlehnung an ein großes Bürgermeisterwort. Sobald wie möglich will das allein erziehende Kind zweier Eltern aus Charlottenburg in den Wedding ziehen, um dort bei den „richtig coolen Typen abzuhängen“.

 

„Die Kids sind einfach am Puls der Zeit“, meint Pfarrer Notkerl, der jüngst mit seiner Broschüre „Armut – pro und contra“ auf sich aufmerksam machte. „Sie richten ihre Bedürfnisse ganz instinktiv an der gesellschaftlichen Atmosphäre aus. Wir Großen können von den Kleinen lernen. Wenn wir nicht werden wie sie, gleichen wir Kamelen, die durch ein Nadelöhr wollen. Das Christentum hat die Armut immer verehrt.“

 

Schwierigkeiten könnten jedoch Organisationen wie das Deutsche Kinderhilfswerk machen. Präsident Thomas Krüger sieht in der Kinderarmut keinen Trend sondern ein strukturelles Problem, das sofort mit einem nationalen Pakt bekämpft werden muss. Die Politiker reagierten auch umgehend und beschlossen im Bundestag die Diäten der Abgeordneten um 9,4% zu erhöhen. „Immerhin“, so ein anonym bleiben wollender Volksvertreter, „kommt einiges an Mehrausgaben auf die Besserverdienenden zu: Kameras, Stacheldraht, Tretminen, Kampfhunde, Wärter. Wenn in ein paar Jahren der ganze Rotz vor der Tür steht, sollte man gewappnet sein.“