Boulevard der Wahnwichtel

(erschienen in Christ & Welt 30.12.2014)


Was die Islamisierung des Abendlandes, die jüdische Weltverschwörung und die Unterwanderung durch außerirdische Echsenmenschen gemeinsam haben

 

Viele der 19 Pegida-Forderungen sind Common Sense. Wer ist schon für Sharia-Gerichte in Deutschland? Dass sie verboten sind, dürften die meisten – auch muslimischen – Deutschen begrüßen. Gesetzliche Realität ist das ohnehin. Wenn ein paar Islam-Hipster in von Mutti mit „Scharia-Police“ bedruckten Müllmannwesten durch Wuppertal flanieren, wird das als illegale Amtsanmaßung geahndet und von der Kanzlerin scharf verurteilt. In Punkt drei des 19-Punkte-Programms heißt es: „Pegida ist für dezentrale Unterbringung der Kriegsflüchtlinge und Verfolgten, anstatt in teilweise menschenunwürdigen Heimen!“ Eine zentrale Unterbringung von Kriegsflüchtlingen ist ohnehin für niemanden erste Wahl.

Wenn die europäischen Patrioten aber nur das fordern, was eh umgesetzt ist oder worüber sich durchaus sinnvoll debattieren lässt – warum dann die ganze Aufregung? Ganz einfach: Wer gegen die Islamisierung des Abendlandes protestiert, behauptet damit, dass diese Islamisierung stattfindet oder mit großer Wahrscheinlichkeit stattfinden könnte. Sonst wären die Demos so sinnlos wie Aufmärsche gegen die Abschaffung der Weihnachtsmärkte.

 

Hinter dem Begriff „Islamisierung“ verbirgt sich ein geschlossenes Gedankengebäude der neuen Rechten. Es stand schon, bevor in Dresden die ersten Pegida-Demonstranten aufmarschierten. Seit Jahren machen Internet-Blogs wie „Politically incorrect“ (pi-news) Stimmung gegen eine gefühlte Überfremdung, gegen die „Islam-Lobby“; Muslime oder Menschen, die irgendwie so aussehen, werden zu Feinden der  Gesellschaft erklärt. Besonders perfide ist dabei die Behauptung, die vielen deutschen Muslime, die sich von dem Chauvinismus eines politischen Islam oder den reaktionären Ansichten der rund 7000 deutschen Salafisten distanzieren, täuschten gemäßigte Ansichten in Wirklichkeit nur vor; tatsächlich aber seien sie Radikale, die den Westen unterwerfen wollen. Dabei berufen sich die „Islamkritiker“ auf den Begriff „Taqiyya“ (arabisch: Furcht, Vorsicht), ein Prinzip, das es dem Muslim gestatte, sich im Feindesland zu verstellen. Ein solcher Generalverdacht zementiert ein eindeutiges Freund-Feindbild, ohne überprüft werden zu können. Zwar heißt es in Pegida-Forderung Nummer 10: „Pegida ist für den Widerstand gegen eine frauenfeindliche, gewaltbetonte politische Ideologie, aber nicht gegen hier lebende, sich integrierende Muslime!“ Aber warum muss eigens eine Bewegung für Forderungen gegründet werden, die eh von der großen Mehrheit in unserem Land unterstützt werden?

 

Es gibt Fakten und es gibt die Interpretation der Fakten. Wenn ein Hagelschauer mein Bohnenbeet verwüstet, ist das ein Faktum. Ich kann es verschieden interpretieren: Ich kann zum Beispiel sagen, es handelte sich um ein zufälliges meteorologisches Ereignis. Ich kann auch sagen, ein Hexenzauber habe den Hagel auf mein Beet gelenkt, schuld sei eindeutig die alte, halbwahnsinnige Witwe nebenan. Wenn wir sie nicht unschädlich machen – wer weiß, was dann noch alles passiert? Der Interpretation von Fakten kommt also eine große Bedeutung zu, weil sie zu nützlichen, unnützlichen oder zerstörerischen Handlungen führen kann. Eine entscheidende Frage ist also: Wie unterscheide ich vernünftige von unvernünftigen Interpretationen?

 

Die Interpretation mit der Hexe ist attraktiv. Sie bietet eine spannende Story, arbeitet mit dem konkreten Bild der seltsamen Witwe von nebenan und bietet eine emotional befriedigende Erklärung dafür, warum mir so etwas Schlechtes passiert: Ein böser Mensch hat das absichtlich verschuldet, und ich kann etwas dagegen tun, indem ich den schlechten Menschen bekämpfe. Es ist verführerisch, so zu denken, denn niemand von uns ist gerne dem Zufall ausgeliefert. Schauen wir uns aber diese Interpretation genauer an, sollten sich Zweifel einstellen. Wie kann ich überprüfen, ob die Alte wirksam Hagelschauer auf Beete zaubern kann? Gut, ich könnte sie verhören und schließlich foltern lassen, aber unter der Folter würde sie vermutlich auch gestehen, dass sie eigentlich ein vom Mars kommender Schweinswal ist und Massenvernichtungswaffen im Irak versteckt hat. An sichere Fakten komme ich so nicht. Ein ernstzunehmender Beleg wäre, wenn die angebliche Hexe vor Zeugen einen Hagelschauer auf ein von ihr bestimmtes Feld heruntergehen ließe. Ein Wissenschaftler würde da sogar eine ganze Versuchsreihe machen, bevor er vorsichtig von einem halbwegs gesicherten Ergebnis spricht. Kann ich den Zusammenhang von Hexerei und Hagelschauer aber nicht überprüfen, dann sollte ich sehr, sehr vorsichtig sein, gerade wenn ich wirklich Lust habe, jemandem den Hals umzudrehen, weil meine Bohnen im Eimer sind.

 

Gehe ich dieser Interpretation nämlich nach, öffne ich die Tür zu einem unvernünftigen Denken, das schnell außer Kontrolle gerät und zu den schrecklichsten Handlungen führt. Was mache ich, wenn die angebliche Hexe getötet wurde und der nächste Hagelschauer kommt? Anstatt zu sagen: „Ups, geirrt!“ muss jetzt natürlich eine neue Hexe her. Vielleicht brauche ich bald auch Hexen, wenn ich Erektionsprobleme habe oder mein Kind stottert. Plötzlich zeigt mich ein Nachbar an, ich hätte gehext. Der Beweis? Seine Hühner wurden von einer unbekannten Krankheit dahingerafft. „Moment“, will man dann rufen, „das ist doch Blödsinn!“ Aber jetzt ist es zu spät, denn der Blödsinn hat sich längst in den Köpfen der Gemeinschaft breitgemacht. Jetzt ist alles möglich. Vielleicht sind ja auch die meisten scheinbar frommen Christen längst Hexen bzw. Muslime, die sich verstellen, um das Abendland zu unterwandern.

 

Führende Nationalsozialisten haben gewusst, dass Menschen anfällig für genau diese Art von wahnsinnigem Denken sind. Sie haben uralte Klischees und Vorurteile über Juden so oft wiederholt, bis sie auf viele Menschen wie Fakten wirkten. Es gab ja tatsächlich reiche jüdische Bankiers – und eine schlimme Wirtschaftskrise, die vielleicht irgendwie mit diesen Bankiers zusammenhing. Es gab die Protokollen der Weisen von Zion, die den Plan einer jüdischen Weltverschwörung zu dokumentieren vorgaben. Sie stellten sich zwar als Fälschung heraus, aber das hält bis heute manche Verschwörungstheoretiker nicht davon ab, mit diesen Protokollen Gedankengebäude zu begründen, die sich kaum unterscheiden von denen der Hexenjäger. Die Nazis hatten kein Problem damit, die Juden gleichzeitig als kapitalistische Wucherer und als bolschewistische Linke zu diskreditieren und zu verfolgen. Wenn man die Logik zugunsten von Vorurteil und Ressentiment aufgegeben hat, dann geht alles.

 

Woher ich weiß, dass die Protokolle der Weisen von Zion eine Fälschung sind, fragt der Verschwörungstheoretiker. Ich weiß es nicht zu 100%, so wie ich auch nicht genau weiß, wie ein Hagelschauer entsteht und warum er da oder dort niedergeht. Das Allermeiste weiß ich nicht und kann es auch nicht mal eben mit den eigenen Sinnen überprüfen. Kreist die Erde wirklich um die Sonne? Gibt es die Antarktis wirklich? Was ist mit der Mondlandung? Ich muss das Meiste aber auch nicht 100% wissen, weil es für mich nicht handlungsrelevant ist.

 

Wollte ich aber gegen Hexen oder gegen den Glauben an die Antarktis mobil machen, bräuchte ich sehr starke und überprüfbare und kritisch belastbare Argumente. Wenn ich sage, die Medien und die etablierten Wissenschaften lügen und täuschen uns, müsste ich mindestens ein Fakten-As im Ärmel haben. Sonst würden mich Menschen, die ihre Vernunft gebrauchen, zu Recht als Spinner bezeichnen. Aber für den Spinner ist das nur ein weiterer Hinweis darauf, dass die Verschwörung schon im vollen Gange ist. Das ist das Schöne an unüberprüfbaren Hirngespinsten: Sie sind kritikresistent.


Unter etlichen Weihnachtsbäumen liegt dieses Jahr ein Buch aus dem auf Verschwörungstheorien spezialisierten Kopp-Verlag. Udo Ulfkotte hat mit „Gekaufte Journalisten“ mal wieder einen alarmistischen Bestseller veröffentlicht. Darin betreibt er im großen Stil, was er den „Mainstreammedien“ vorwirft: Absichtlich falsch interpretierte Zitate, aus dem Kontext gerissene und verdrehte Informationen, falsch gelesene Statistiken. Stefan Niggemeier hat sich die Zeit genommen, einige der Fehlschlüsse des Buches zusammenzutragen; das vernichtende Ergebnis hat er am 24.10. 2014 auf www.krautreporter.de veröffentlicht. Überzeugte Anhänger der „Lügenpressen“-Theorie wird das nicht beeindrucken, auch wenn sie selbst im Ulfkotte-Buch die Fehler nachprüfen könnten. Sie fühlen sich wohl auf dem Boulevard der Wahnwichtel Was sind schon Fakten, wenn sie nicht zu meiner Interpretation passen?

 

„Lügenpresse, Lügenpresse!“, rufen die Pegida-Anhänger. Dass der Begriff von Adolf Hitler und anderen Nazis verwendet wurde, um die eigenen Lügen als Wahrheit darzustellen, stört die patriotischen Europäer ebenso wenig wie die Tatsache, dass Neonazis an ihren Umzügen teilnehmen. Zu behaupten, sämtliche großen Tages- und Wochenzeitungen lügen vorsätzlich, weil sie nicht die jüdische oder die islamische oder die satanistische Weltverschwörung in meinem Sinne thematisieren, ist wichtiger Bestandteil einer sich gegen Kritik immunisierenden Verschwörungstheorie. Doch woher bezieht der Verschwörungstheoretiker von Welt seine Informationen, wenn nicht aus den großen Tages- und Wochenzeitungen?

 

Er liest „Compact“, die „Deutschen Wirtschaftsnachrichten“ oder „pi-news“. Und woher haben diese Anti-Mainstream-Formate ihre Informationen? Aus den „Mainstreammedien“. Die Fakten oder Kommentare werden hier lediglich in einen anderen Zusammenhang gestellt. Besonders heimtückisch funktioniert ein Blog wie pi-news, der alles aufführt, was sich Muslime in Deutschland oder andernorts zu Schulden kommen lassen. Bei etwa 1,5 Milliarden Muslimen weltweit ein Kinderspiel. Man denke sich einen solchen Blog einmal über Juden oder über Frauen, spätestens dann ahnt man, wie Hetze funktioniert, die sich selbst ganz unschuldig als reine Faktensammlung ausgibt.

 

Und wenn dann ein Anders Breivik in Norwegen 77 „Gutmenschen“ abschlachtet – ausgehend von genau jenen Verschwörungstheorien vom islamisierten und von Schwulen und Emanzen nicht verteidigten Abendland, wie sie pi-news und der Bonner Akif Pirincci mit manischer Verve nähren und verbreiten –, waschen diese Hetzer ihre Hände in Unschuld. Sie haben nur den ideologischen Hintergrund geliefert. Für die Umsetzung sind andere zuständig.

 

Verschwörungstheorien entziehen sich der rationalen Überprüfbarkeit und öffnen das Tor für jedweden Unsinn, auch gefährlichen. Und genau das bezwecken hasserfüllte Drahtzieher. Wer ihre Ansichten nachplappert, weil er mit gesellschaftlichen Entwicklungen unzufrieden ist, sollte sich genau überlegen, ob er damit die Situation nicht schlimmer macht.

 

Das ProNRW-Mitglied Melanie Dittmer hat PEGIDA-Demos auch für Bonn ins Leben gerufen. Auf einer DÜGIDA-Demo in Düsseldorf sagte sie am 8.12., dass die Spartaner die Muslime in der Reconquista in Griechenland zurückgedrängt hätten. Je nachdem, welche Phase der Reconquista Frau Dittmer meint, existierten die spartanischen Krieger schon etwa 1200, 1400 oder 1600 Jahre nicht mehr. Aber vielleicht haben das spartanerfeindliche Echsenmenschen vom Planeten David Icke bei Wikipedia absichtlich falsch eingetragen und niemand außer Frau Dittmer hat’s gemerkt? Wer weiß, wer weiß! Im youtube-Mitschnitt ihrer Rede sagt sie auch: „Ich hoffe, ihr kommt nächsten Montag nach Bonn. Bonn ist eine Studentenstadt und etwas schwieriger als Düsseldorf.“ Und die Düsseldorfer Patrioten jubeln ihr zu.

 

(erschienen in Christ & Welt 30.12.2014)

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