Die schönste Blume des Allgäus

(zuerst erschienen in: "15. open mike", Allitera-Verlag 2007) 

 

 

Mitte des 19. Jahrhunderts war der Südwesten Deutschlands eine wilde Gegend. In harten Wintern kamen Wölfe und Bären in die Dörfer, so ausgehungert wie die Menschen, die dort lebten. Damals reiste niemand zum Vergnügen ins Allgäu, und wenn sich doch einmal nach Bergkristallen suchende „Venedigermännle“ in diesen Landstrich wagten, so war zuvor eine Messe zum Heil ihrer Seelen gelesen worden, denn wilder als die Wölfe gebärdete sich der Allgäuer. Reisende sagten ihm nach, Pferde bei lebendigem Leibe einzumauern, Fremde jedoch auszuplündern und in Felsschluchten zu werfen. So unfreundlich der Allgäuer mit Pferden verfuhr, so herzlich zeigte er sich gegenüber seinen Milchkühen, den Königinnen des Allgäus, die er zu bestimmten Tagen in festlichem Putz von der Alm trieb. Sie bekamen bessere Kost als die Kinder, durften sich im ganzen Haus frei bewegen und wurden getauft, gesegnet, bekränzt und im Gottesdienst besungen.

 

Wer eine Kuh beschimpfte, ihr drohte oder sie schlug, musste mit Strafen rechnen, unter denen das Zerteilen des rechten Ohres zum Schlitzohr noch eine harmlose darstellte. Umgekehrt galt: wer einer Kuh in der Osternacht das Leben rettete, der wurde kugelsicher und durfte sich etwas wünschen. Arm hieß, wer keine oder wenige Kühe hatte, wer viele Kühe besaß, hieß reich. Der Besitzer vieler prämierter Herdebuchtiere galt als besonders reich, und das war im Ostallgäu der Nesselwanger Bauer Karl Hirnbichler. Naturgemäß hatten sich alle Burschen von Nesselwang und Umgebung  eine Heirat mit seiner einzigen Tochter in den Kopf gesetzt, denn Elsbeth Hirnbichler brachte nicht nur viele Kühe mit in die Ehe, sondern molk obendrein wie keine Zweite. Gleichgültig welche Kuh man ihr zuführte – Elsbeth zog derart meisterlich an den sich zögerlich hingebenden Zitzen, dass eine Milchkuh, die es gewöhnlich auf sieben Liter am Tag brachte, leicht zehn oder mehr in die blechernen Eimer gab. Elsbeth presste aus dem störrischsten Höhenvieh den letzten Tropfen heraus. Sie molk derart einfühlsam und zugleich fordernd, dass nach einer solchen Behandlung eine völlig leere, vergeistigte Kuh zurückblieb.

 

Die ledigen Burschen hielten Elsbeth Blumensträuße oder bunte Bänder vom Wochenmarkt hin, zogen sie auf dem Tanzboden fest an sich oder machten Komplimente, wobei man sich da von den Allgäuern dieser Tage keine Großartigkeiten erhoffen durfte.

Nur dem Weitnauer waren solche Tändeleien fremd. Von klein auf war ihm klar gewesen, dass man Kühe haben muss, um noch mehr Kühe bekommen zu können. Sein Wissen ums Vieh war groß. Der Weitnauer schnapselte nicht, er gaigelte nicht und von Tabaksdosen hielt er sich fern. Wo andere drei Kartoffeln aßen, aß er zwei, wo andere um fünf Uhr aufstanden, war er um vier auf den Beinen. Und während sich die gewöhnlichen Burschen in Liebeleien verstrickten, die Bänder und Naschzeug und vielleicht ein Messer mit Hirschhorngriff zum Angeben und Herzeritzen kosteten, trug der Weitnauer die Lederhosen seines Oheims auf und führte beständig Listen seiner Einnahmen und Ausgaben. Er hätte als der sicherste Anwärter auf die Hand der Hirnbichler gegolten, wäre da nicht der Unsinn gewesen.

 

Willi Unsinn sah trotz seiner trockenen Haut auf eine Weise gut aus, dass die Nesselwanger und erst recht die Nesselwangerinnen bei seinem Anblick vom Glauben an eine bessere und schönere Welt erfüllt wurden. Auch die Kühe schienen in seiner Gegenwart ihr Bestes geben zu wollen. Hatte er auch weniger Tiere als der Weitnauer, so waren doch zwei darunter, deren Milch mit einem Fettgehalt von viereinhalb Schöpfern Rahm pro Eimer alle Rekorde schlug. Viermal im Jahr kam der Milchprüfer und viermal im Jahr hatte der Unsinn am Ende den besten Fettzettel. Den Weitnauer machte es rasend, wenn der Unsinn, der sich um nichts kümmerte, diesen Fettzettel halb aus der Brusttasche schauen ließ, gerade so, dass der Weitnauer, der sich um alles kümmerte, sehen konnte, dass die unsinnschen Kühe wieder die fettigste Milch gegeben hatten. Weil sich der Unsinn mehr im „Hirsch“ bei Schnaps und Gaigelspiel als bei seinen Kühen antreffen ließ und er obendrein das Akkordeon flinker spielte als jeder andere, sagte man ihm Kräfte nach. Die älteren Frauen sprachen nach dem Kirchbesuch darüber, dass er den Leib Christi nicht zerkaue, sondern im Mund aus der Kirche heraustrage. Eine Hebamme aus Guggemoos wollte ihn gar in der Mainacht auf dem Grünten getroffen haben, einem verwunschenen Berg, auf dem das alte Volk einen Tanzplatz gehabt haben soll. Allerdings fragte sich so mancher Nesselwanger, was die Guggemooserin selbst in der fraglichen Nacht dort zu schaffen gehabt haben mochte.

 

Der Weitnauer sprach nie schlecht über den Unsinn, setzte den Dörflern aber durch geschickte Andeutungen Grillen in den Kopf, bis diese damit hausieren gingen, der Unsinn rühre seiner Milch vor den Prüfungen ein Hexenkraut unter, das die Milch auffette. Tatsächlich aber machte der Unsinn gar nichts mit seiner Milch, wohl aber mit der Milch des Weitnauer. In den Nächten, bevor der Prüfer kam, schlich er sich zum Weitnauer-Hof und pisste seine Schnapsblase in die Milchbottiche, dass es schäumte. Manche Kinder bekamen in den Folgetagen von dieser Milch einen Schwips, was aber niemandem auffiel außer ihnen selbst.

 

Der Weitnauer wiederum mischte dem Futter für die Unsinnkühe hin und wieder Mutterkorn bei, wovon manche der Tiere eigen wurden. Wer die Milch der Unsinnskühe trank, erlebte beizeiten sonderbare, aber nicht immer unangenehme Gesichte.

 

Der Elsbeth war allerdings die Mutter Gottes schon erschienen, bevor der Weitnauer damit begonnen hatte, das Futter seines Rivalen mit wirkmächtigen Pilzen zu vergiften. Von Kindesbein an traf Elsbeth die heilige Jungfrau auf dem Dachboden, in der Speis, bei der Quelle am Kreuzweg und zwischen den Kühen des Vaters mitten am Tag. Unmissverständlich hatte ihr Maria, auf einem Braunvieh reitend, zu verstehen gegeben, dass auch sie, die Elsbeth, rein zu bleiben habe. Dabei hatten die sieben Schwerter im heiligen Herzen geblitzt, dass es der kleinen Elsbeth selbst ins Herz schnitt. Ohne große Umwege war der Wille der Gottesmutter über die Jahre der Wille der Elsbeth geworden. Frühzeitig machte sie sich ein Bild von den Männern, und dieses Bild war nicht schön. Die einen hatten außer Fettzetteln nichts im Kopf, die anderen holten ungefragt und plötzlich hinter den Hecken ihre Glieder hervor und präsentierten sie wie der Pfarrer Birnmoser die Monstranz beim Fronleichnamszug. Am Hintern hatten sie Haare, auf den Zähnen Belag, und ihre Hände waren nie sauber und fein wie die von den Holzheiligen in der Kirche, von denen die Mutter Gottes alle anderen an Schönheit übertraf.

 

Elsbeth hätte nicht sagen können, wen sie abstoßender fand: den Unsinn, mit seinen allen Frauen zufunkelnden Augen, die sofort das Funkeln einstellten, wenn er sich unbeobachtet glaubte, oder den Weitnauer, dem sich manchmal ein nicht zu versteckender Ekel in die Mundwinkel grub, wenn sie ihm begegnete.

 

Der alte Hirnbichler hätte sich und seiner Tochter eine Heirat gerne erspart. Da er aber keine weiteren Nachkommen hatte, und dem Allgäuer – trotz aller Paradiesreden des Birnmoser – das wahre Leben nach dem Tode in den Kindern und Kindeskindern greifbar wird, musste die Elsbeth gebären, und das hatte mit rechten Dingen, also in einer Ehe vonstatten zu gehen.

 

Um die von Paarungswut und Kuhgier aufgeheizten Dorfburschen und ihre habsüchtigen Eltern zu beruhigen, verkündete der Hirnbichler am Gründonnerstag nach dem 21. Geburtstag seiner Tochter, dass derjenige Elsbeth zur Frau bekommen solle, der ihr bis Karsamstag um Mitternacht die schönste Blume gebracht habe. Welche die schönste Blume sei, dürfe seine Tochter ganz alleine entscheiden, die er als kluge und verständige Tochter kenne, die nicht enterbt werden wolle.

 

So schwärmten Karfreitag in aller Herrgottsfrühe Dutzende junger Männer aus, die meisten auf der Suche nach einem üppigen Edelweiß auf möglichst hohem Gipfel. Der Weitnauer aber war wieder einmal viel früher aufgestanden als alle anderen, und als der Unsinn mitten in der Nacht den Hof verließ, lauerte der Weitnauer bereits hinterm Mist und folgte ihm. Weit und federnd schritt der Unsinn mit wippendem Rucksack zwischen Weideland und Flachsfeldern aus, was dem kurzbeinigen Weitnauer bald zu schaffen machte.

 

Die ersten Hähne krähten von Nesselwang und Rainen her überkreuz, als der Unsinn am Fuß des Grünten in einem Stollen der still gelegten Erzminen verschwand. Dem Weitnauer nässte der Schweiß den Kragen, als ihm Geschichten der Mume Hilda einfielen, die den Grünten als einen von Höhlen durchzogenen Schlupfwinkel des alten Volkes  beschrieben, jener dunkelhäutigen Wesen, die durch erobernde Schwaben vor Jahrhunderten  ins Unwegsame vertrieben worden waren. Welche Art Blume in den Tiefen des Berges wachsen sollte, war dem Weitnauer rätselhaft, und doch trat er sich selbst überwindend ins Innere des Berges. Ein paar Schritte und das Rund des Eingangs war den bang zurückblickenden Augen auf die Größe eines Iltiskopfes geschrumpft.

 

Die feuchten, enger aneinander rückenden Wände bedrückten den Weitnauer, als presse sich im Stubendunkel etwas buttrig Riechendes an ihn. Ekel verklebte seine Poren und sein Denken wurde derart schwammig, dass er wie im Traum dem Fackellicht des Unsinn durch die Stollen folgte, geradewegs hinein in den zweitsonderbarsten Moment seines Lebens: Als verfolge ihn die riesige Milchkuh seiner kindlichen Alpträume, hallte von den Stollenwänden ein Hufschlagen wieder. Plötzlich verschwand das Fackellicht, nur um nach sechs Atemzügen Meter tiefer wieder aufzuleuchten und zu verharren. Ein Scharren und Rücken klang aus der Tiefe und mischte sich mit kehligen Lauten, wie sie nur das kleine Volk im ewigen Höhlendunkel ausstoßen konnte. Dem Weitnauer zog ein Schauer vom Nacken bis zum Steiß und blieb dort wie ein Eiszapfen stecken.  

Fünf Gebete an Sankt Mang später kam das Fackellicht dem Weitnauer wie aus dem Nichts entgegen. Tatsächlich strich der Schein der Fackel über den halben Weitnauer. Der Unsinn aber, der in diesen Höhlen mit einigem rechnete, nicht aber mit dem Weitnauer, sah nur Felsgestein und ging seines Weges.

Vielleicht war die Rückkehr in die bekannte Welt der Luft und der Wiesen der glücklichste Augenblick im Leben des Ernst Weitnauer, aber das entging ihm, weil er schon nach seinem Messer griff und dem Unsinn auf dem Feld hinterher stürzte, mitten hinein in den sonderbarsten Moment seines Lebens: Der Unsinn ließ sich tatsächlich einholen, obwohl er sich schon frühzeitig umdrehte und die Gelegenheit zur Flucht gehabt hätte. Fast spöttisch sah er den verschwitzten Weitnauer an, wie er mit seinem Messer herumfuchtelte und drohte: „Rucksch des it glei raus, was dir die Kloine geabe händ, sonscht verstich i di!“

„Du koizar Siach, du kählar Sauhund“, entgegnete der Unsinn und zückte seinerseits ein Messer, kürzer, breiter und mit Hirschhorngriff. Ein Bussard kreiste am Himmel, hatte aber anderes im Blick als die beiden Männer, die in wenig geübten Schritten umeinander herumschlichen, jeder sein Messer weit vor sich gehalten.

„I verzell iberall, dass du beim alte Volk warsch, du Satanas.“

„Wie willsch des mache, mit am durchgschnittene Hals?“

„Was händ se dir geabe?“

„Des dätsch gean wisse, gell?“

Noch beim „gell“ stieß der Unsinn unvermittelt zu, der Weitnauer aber war ausgeschlafen genug, zur Seite auszuweichen und so fest auf den stoßenden Arm zu schlagen, dass der Unsinn die Klinge fallen ließ. Bevor aber der Weitnauer in die offene Flanke seines Rivalen stechen konnte, hatte sich der Unsinn gedreht und ihm ins Gesicht geschlagen. Es gab noch ein paar erfolglose Stiche und schlecht platzierte Schläge, dann lagen die beiden im Feld und rangen mit den Armen. Anfangs lag der Weitnauer oben, bekam seine Messerhand aber nicht frei. Dann ging ein Ruck durch den Männerknäuel und der Unsinn drehte sich auf den Weitnauer, das Gesicht so nah an seinem, dass sich die beiden nicht in die Augen sehen konnten und das lockige Haar des Unsinns dem Weitnauer über die Wange strich. In diesem Moment wuchs dem Weitnauer das Geschlecht derart, dass es dem Unsinn nicht entgehen konnte. Lederhose an Lederhose rutschten die Männer übereinander, schmerzhaft ineinander verkeilt, nach altem und frischem Schweiß riechend, bis der Weitnauer nicht wusste, wie ihm geschah und er den Unsinn küsste, auf die vollen Lippen, die gar nicht rau, sondern ein bisschen feucht waren und sofort ein Stück auseinander wichen. Er war sich sicher, dass er am Oberschenkel keine Taschenuhr, sondern das ebenfalls hart gewordene Glied des Unsinn fühlte. Zunächst suchten die Zungen der Männer beieinander Halt wie betrunkene Bauern beim Tanz, dann ergab sich aber ein schöner Rhythmus, in dem sie in Kreisbewegungen umeinander schlugen. Der Weitnauer keuchte ungeheuer, als er dem Unsinn schließlich das Hemd vom Leibe fingerte und die kleinen braunen Brustwarzen in seinen Mund sog. Der Bussard hatte immer noch besseres zu tun, als dabei zuzusehen, wie sich die Männer aus den Hosen zogen und gegenseitig ihr Geschlecht betasteten, bevor sie es ungestüm, so wie sie es sonst mit sich selbst zu tun pflegten, in den Händen hochzogen und nieder pressten.

Am Ende zitterte und heulte der Weitnauer und stieß den Unsinn von sich, der sich den letzten Rüttler selbst verpassen musste, um seine Spannung in drei kleiner werdenden Bögen ins Feld zu schießen. Danach redeten die beiden Männer kein Wort miteinander, an diesem Tag nicht und an keinem nachfolgenden. Sie gingen zurück ins Dorf, den Buckel des Grünten hinter sich, der wie ein gebrochener Rücken in der Morgensonne lag.

 

Der Unsinn brachte der Elsbeth das, was der Weitnauer für eine Gabe des alten Volkes hielt, eine von Bernstein umhüllte, unbekannte Blume. Jeder im Dorf war der Ansicht, dass der Unsinn mit diesem Schmuckstück die Hand der Elsbeth verdient hatte, auch wenn hinter seinem Rücken getuschelt wurde, und mancher sich wunderte, warum der Weitnauer am Wettkampf gar nicht erst teilgenommen hatte. Die Hochzeit fand noch vor dem Johannistag statt, an dem man den Weitnauer erhängt in seiner Scheune fand. Den Unsinn zog man kein Jahr später tot aus einem Milchbottich voller Schnaps. Die Elsbeth aber hat sich zunehmend für die Mutter Gottes gehalten und dem alten Hirnbichler keinen einzigen Nachkommen geschenkt.

 

Die Nachfahren des Bussards kreisen jedoch bis heute mit starrem Blick über dem Allgäu.