Wer sind hier eigentlich die Bösen?

(erschienen in taz, 27.08.2014)

 

 

Ukrainisches Parlament oder Separatisten, Israel oder Palästina, Microsoft oder Apple, die da oben oder das faule Pack, Alice Schwarzer oder Jörg Kachelmann, Amazon oder die Bücher selbst – immer mehr Menschen fragen sich, wer eigentlich die Guten und wer die Bösen sind. Nun hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Ergebnis einer Mammut-Studie vorgelegt und weltweit für Verblüffung gesorgt.

 

Vergangenen Donnerstag präsentierte die WHO im großen Konferenzraum in  Kopenhagen das Ergebnis ihrer Studie „Wer nun wirklich die Bösen auf der Welt sind“. Ein internationales Forscherteam hatte über einen Zeitraum von zehn Jahren 500.000 Menschen in allen 193 Staaten der Erde danach befragt, ob sie sich selbst oder jemand anderen als „böse“ – im Sinne von: moralisch schlechten Maximen folgend – bezeichnen. Während sich nur aufgerundete 0,1 % selbst als böse deklarierten, gaben 99,7% an, einen oder mehrere böse Menschen zu kennen. Wurden jedoch diese „Bösen“ selbst gefragt, ergab sich ein anderes Bild. So bezeichneten beispielsweise 45% der deutschsprachigen Studienteilnehmer den Bankmanager Josef Ackermann als böse, er selbst nannte sich aber „einen verdammt guten Bankmann“ und untermauerte dies mit teils sehr hohen Zahlen.

 

Ähnlich verwirrend fiel das Ergebnis bei Menschen mit unterschiedlichen Ernährungsstilen aus. 51% der in Deutschland befragten Vegetarier nannten Fleischesser „nicht lieb“ (also böse), während 75% der Veganer vor allem Vegetarier als abgrundtief schlechte Menschen titulierten. Die Mehrheit der Fleischesser nannte vor allem Veganer böse, weil diese die Probleme der Welt auch noch nicht gelöst hätten und ihnen ständig so ein schlechtes Gewissen machten. 

 

88% der befragten Käßmannianer bezeichneten Nicht-Pazifisten als böse. In einem „Vergeltungsschlag mit Augenmaß“ bezeichneten 33 bis 45% der Gauckisten Pazifisten als „so selbstgerecht und dumm, dass es schon böse sei“.

 

Noch deutlicher fielen die Zahlen bei außereuropäischen politischen und religiösen Gruppen aus. Während sich beispielsweise 100 % der befragten ISIS-Mitglieder als gut bezeichnete, bezeichneten die gleichen 100% alle Nicht-Isis-Mitglieder als böse.   Und köpften anschließend den WHO-Interviewer.

 

Interessante Zahlen auch bei StraftäterInnen: So gaben rund 99% der Steuerhinterzieher an, gut zu sein, aber „leider mal einen dummen Fehler gemacht“ zu haben, den auch ganz viele andere machten, die man bei Bedarf gerne nennen könne. Das gleiche gaben Mörderinnen, Vergewaltiger und  Zechpreller zu Protokoll.

 

Weniger selbstkritisch zeigten sich Menschen, die sich an Kindern vergangen hatten. Während 99,5% von ihnen angaben, es nur gut gemeint zu haben, gaben 99,4% ihrer Partner, Freunde und Kollegen an, die „mutmaßlichen Missbrauchstäter“ hätten es nur gut gemeint. Böse seien allenfalls die undankbaren Kinder gewesen. 

 

Ob die Kinder sich selbst tatsächlich als böse ansahen, wurde nicht ermittelt, da für die Studie nur Volljährige befragt wurden. Die Begründung der Studienleitung lautete: Moralisch oft noch wirre Minderjährige neigten phasenweise zu unverhältnismäßigen Selbstbezichtigungen.

 

Ebenfalls ausgeschlossen wurden psychisch kranke Menschen, darunter Akif Pirincci, Ronald Schill und eine lautstark auftretende Gruppe Bielefelder Satanisten, deren 13 Mitglieder sich als „teuflisch“ böse bezeichneten, denen ein Psychiater aber lediglich ein extrem niedriges Selbstwertgefühl attestierte. Auch fielen die „gnostisch-linkshändigen“ Handlungen der Satanisten nicht aus der bundesdeutschen Norm: Einer der „Luziferianer“ hatte mal ein Tier gegrillt, ein zweiter war an Heiligabend bei einer Prosituierten gewesen und hatte sie „Mutti“ genannt (und umgekehrt), ein dritter hatte eine Schallplatte von Karel Gott rückwärts abgespielt. 

 

Vorangegangen war der Studie die Untersuchung: „Das Böse als Gesundheitsrisiko des 21. Jahrhunderts.“ Da sich darin das Böse als zweitgrößtes Gesundheitsrisiko gleich nach dem Tod entpuppt hatte, gab die WHO auf der Suche nach den Verursachern die Folgestudie in Auftrag. Das Ergebnis muss jedoch als unbefriedigend bezeichnet werden.

So zog das Forscherteam in Kopenhagen ein resigniertes Fazit. Prof. Dr. Cyrill Topbottom formulierte: „Mehr als 200 Jahre nach der Aufklärung hätten wir wohl nicht nach gut und böse fragen sollen.“ Seine Kollegin Prof. Dr. Natascia Underdown pflichtete ihm bei: „Warum von böse sprechen, wenn unvernünftig, emphatiefrei oder stumpf viel differenzierter klingt. Es hätten bestimmt viel mehr Menschen zugegeben, dass sie strohdoof sind.“

 

Einen interessanten Gedanken äußerte der schwedische Soziologe und Schären-Schamane Sören Strömblad: „Womöglich sind nicht wir Menschen Schuld am Bösen, sondern die Natur, die uns hervorbringt.“ Allerdings habe ihm die Natur per Wolken-Formations-Tanz zu Protokoll gegeben, er möge sich an Gott wenden, der sie geschaffen habe. Der anwesende Gottesspezialist Josef Ratzinger meldete sich mit Wissen aus erster Hand: Gott bezeichne sich zu 100% als gut. Der Teufel jedoch herrsche in jenem Raum, aus dem sich Gott zurückziehe. Ein aus Bielefeld angereistes Satans-Medium ließ von Luzifer ausrichten, dem sei so, aber Schuld sei natürlich Gott. Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins wollte an Gottes Stelle sprechen, aber dann gab es Häppchen und Sekt.