Die Echsen wollen vögeln

 

Wer wirklich hinter den neuen Montagsdemos steckt

 (erschienen im Eulenspiegel 7/2014)

 

Montag auf dem Potsdamer Platz in Berlin. Sina Spielvogel (24) ist ganz aus dem Häuschen: So viele Menschen, die voller Einsatz für Friede, Freude und Eierkuchen demonstrieren – das erlebt sie sonst nur bei Facebook. Jetzt ist sie live dabei, hält ein Schild hoch. Aufschrift: „Nie wieder Grieg“. Sina schmunzelt. Da hat sie sich verschrieben. Und sie findet es cool, zu den eigenen Fehlern zu stehen. Außerdem: Wer sagt, dass man Krieg immer mit „K“ am Anfang schreiben muss? Wer legt so etwas überhaupt fest? Ihr Freund Felix erklärt uns: „Was wahr ist und was nicht, wird viel zu oft von den Mächtigen bestimmt. Wir bekommen zum Beispiel von Kindesbein an beigebracht, dass zwei und zwei gleich vier ist. Gesetzt den Fall, es käme in Wirklichkeit fünf heraus – würden wir jemand glauben, der uns das beweist?“

 

Gute Frage! Wie Sina und Felix sind einige der Anwesenden Querdenker. Manche auch Kreuz-und-Quer-Denker. Auf den ersten Blick scheint sie nicht viel zu verbinden: Zwischen unauffälligen Gestalten mit Friedenstauben-Button an der Jack-Wolfskin-Jacke und mückengesichtigen Studentinnen mit Dreadlocks unter den Achseln stehen gutgelaunte Jungspunde, die auf ihren Aluhüten laktosefreie Bio-Sardinen grillen. Ein Wut-Rentner versucht zu beantworten, worum es hier geht: „Um Frieden. Und darum, dass man über die aktuellen Grenzen des deutschen Reiches noch einmal diskutieren müsste.“

 

Auch für Sina und Felix steht Frieden im Mittelpunkt. Sie haben etwas gegen heimtückische Kondensstreifen, Hagelflieger und Wetterhexen, und sie prangern an, dass wenige Superreiche die Medien, die Märkte und die Media-Märkte beherrschen. Manches, was ihre Mitdemonstranten sagen, finden sie aber etwas weit hergeholt: Etwa, dass der Westen in der Ukraine eigene Machtinteressen verfolgt, in Kiew Faschisten mitregieren, oder dass der Kapitalismus und sein Finanzsystem fürs Allgemeinwohl gar nicht mal das Gelbe vom Ei seien.

 

„AfD, NSA, ESM, USA, BRD GmbH, GEZ, TTIP, FdH, NWO, UNO, Mau-Mau, Doppelkopf  — es ist alles so verwirrend“, sagt Sina.

    „Nein“, meint Felix. „Eigentlich ist es ganz einfach. Wenn du die Meinung der MSM um 180 Grad drehst, dann hast du die Wahrheit.“                                                                                          

 

MSM – damit meint Felix die Mainstreammedien. Viele hier vermuten, dass sie von Fernsehen, Radio und Presse nach Strich und Faden verarscht werden. Oder wie ist es zu erklären, dass man so gut wie nie etwas über die jüdische Weltverschwörung erfährt?  

 

Ein Raunen geht durch die Menge: Auf dem Podium poppt ein Andreas auf und redet über Zins und Zinseszins, dass selbst einem Mr. Dax schwindelig würde. Und er spricht auch über die Unterdrückung und Verzerrung der Wahrheit: „Wir haben keine Firewall im Hirn. Die Manipulation durch die Medien kann deshalb direkt ins limbische System eindringen.“ Der nüchternen Mahnung folgt tosender Applaus. Und Popp hat ja Recht: Weder haben wir eine Firewall im Hirn, noch einen ordentlichen Virenscanner, Browser oder Musikstreamingdienst. Die Meisten kommen mit ihrem Hirn noch nicht einmal ins Internet.                  

Nach Popp spricht Ken „Barbiegirl“ Jepsen. Gleich zu Beginn macht er eins unmissverständlicher klar: Seine Zielgruppe ist der Mensch. Welcher Mensch – das lässt er im Dunkeln, aber vermutlich ist Jutta von Dittfurth gemeint. Die hat laut Jebsen nur 4000 Facebook-Fans, er immerhin 110.000.                                                               

                 

Höhepunkt ist jedoch der spontane Auftritt eines vielleicht acht Jahre alten Mädchens. Sie bedankt sich bei Ihrer Mama. Denn durch diese grundgütige Frau wurde sie darüber aufgeklärt, dass böse Menschen unschuldigen Mais vergewaltigen, eine einzige Privatbank die ganze Welt beherrscht und Angela Merkel in Wirklichkeit eine Hure der US-Wirtschaft ist.                                

 

Die Menge ist begeistert. Interessante Gesprächsthemen machen die Runde: Bitcoins als sichere Geldanlage, Germanische Neue Medizin oder die spannende Hohlkopftheorie. Der zufolge ist der Kopf des Menschen hohl und beherbergt winzige Reichsflugscheiben vom Typ Haunebu, die vorzugsweise links blinken und dann rechts abbiegen.                                        

 

Auch Sina fühlt sich längst, als flögen kleine Scheiben durch ihren Kopf. So viele Informationen. Dabei ist sie nur gegen Krieg und dass die da oben Gift vom Himmel sprühen.  

 

Lars Mährholz – der 34jährige Initiator der neuen Montagsdemos – sieht aus wie eine Kreuzung aus Jesus Christus und einem drogensüchtigen Wikinger. Er versucht, Klarheit zu schaffen: „Ich sehe das wie unser Mitstreiter Jürgen Elsässer: Nicht links, nicht rechts, sondern vorwärts – das ist unsere Parole!“ Was hier manchmal wie Antisemitismus klinge, sei gar keiner. Eine semitische Sprache sprächen ja auch die Araber. Von denen säße aber kein einziger in der FED, der amerikanischen Federal Reserve Bank, die hinter allen Kriegen der letzten hundert Jahre stecke.

 

Sina fragt, ob sie denn dann was Falsche in Geschi gelernt hätte. Also ob Hitler und die Deutschen gar nicht Schuld hätten am 2. Weltkrieg. Mährholz lächelt weise: „Ich streite weder ab, dass es Adolf Hitler gegeben hat, noch dass es eine so schreckliche Sache wie den Holocaust gegeben hat. Es gab furchtbare Verbrechen auf diesem Planeten, und wer das leugnet ist einfach ein totaler Vollidiot. Aber ich glaube, dass die Geschichte nicht so einfach zu erklären ist. Und ich glaube, dass einigen Menschen auf dieser Welt ein paar Informationen fehlen."                                      

                       

Sina nickt. Den Eindruck hat sie auch. Aber wie kommt man an die nötigen Informationen, um die einzelnen Puzzleteile zu einer Gesamtschau zu verbinden? Sie könnte bei Wikipedia unter „Struktureller Antisemitismus“ nachlesen, aber Wikipedia gehört sicher längst zu den Mainstreammedien, die von einigen wenigen superreichen Juden kontrolliert werden.

 

Es gibt derzeit wohl niemanden, den Sina eher um Rat fragen sollte als David Icke. Der 62jährige Brite ist ehemaliger Fußballprofi, Publizist und einer der ganz wenigen Durchblicker, wenn es um die wahren Machtverhältnisse in der Welt geht. Der sympathische Zausel wohnt auf der Isle of Wight und begrüßt Besuch gerne mit selbstgekauftem Tee und augenzwinkernden Weisheiten: „Stellen Sie doch mal Altbekanntes in einen neuen Kontext! Sofort erweitert sich Ihr Bewusstsein. Nehmen Sie nur diesen traditionellen Berliner Reim:

 

Ick saß und aß

Klops

Auf einmal kloppt’s

Ick steh‘ auf und kieke

Wer steht draußen?

Icke!

 

Doch schnell wird er und es ernst: „Was haben Claudia Roth, Rothhändle, die amerikanischen Ureinwohner, also Rothäute, Rothaarige und Rothe Beete gemeinsam? Richtig: Sie werden alle von den Rothschilds kontrolliert. Der Witz ist, das auch alles andere von den Rothschilds kontrolliert wird – den Rothschilds und zwölf weiteren Familien.“ Icke plaudert aus dem Nähkästchen der Weltbeherrscher. Schwungvoll kommt er von den Bilderbergern zu den unterbelichteten Illuminaten, von den Weisen von Zion über die Les Humphrie Singers zu den Freimaurern ohne Schurz. Fragt man Icke, ob eine Weltverschwörung durch die Rothschilds nicht judenfeindliche Propaganda sei, schüttelt er sofort den Kopf: „Quatsch. Einer meiner besten Freunde ist Jude. Nämlich Jehova. Und die Rothschilds sind ja in Wirklichkeit echsenartige Formwandler aus der niederen vierten Dimension.“ Icke spricht mit glänzenden Wangen von Hybriden zwischen außerirdischen Reptoiden und Menschen. Zu Ihnen gehören Enoch Kohen (Helmut Kohl), Ariel Mechkel (Angela Merkel) und Judas Sassael (Jürgen Elsässer). Ja, genau jener Jürgen Elsässer, der auf den neuen Montagsdemos über die internationale Finanzoligarchie spricht. Auch Ken Jebsen (Ben Joffe), Andreas Popp (Abraham Schlopp) und Lars Mährholz (Levi Rosenholz) sind laut Icke verschwörerische Halbechsen.                                                                                   

 

Langsam kommt Licht ins Dunkel: Die Verwirrung, die die neuen Montagsdemos erzeugen, ist gewollt, hat Methode. So wie man Rosenkreuzer daran erkennt, dass sie behaupten, keine Rosenkreuzer zu sein, während die, die keine Rosenkreuzer sind, gerne behaupten, sie wären welche, so behaupten die echsenhaften Weltbeherrscher, sie seien gegen die Weltbeherrscher. Sie  treten als schmierige Deppen auf, um die Idee einer Weltverschwörung komplett lächerlich zu machen. Nur windelweiche Wirrköpfe folgen einem scheinbaren Spinner wie Levi Rosenholz. Raffiniert. Aber nicht raffiniert genug für Icke, der den Echsen-Umtrieben schon seit Jahrzehnten auf der Spur ist.                                            

 

„Sie haben keinerlei Empathie“, sagt Icke nachdenklich und zählt lustlos ein paar weitere Namen auf: Jürgen Trittin, Anne Will, Julia Timoschenko, Edward Snowden. „Und sie können jede x-beliebige Meinung annehmen.“

                                                                        

Die wahren Ziele der Reptilien seien nicht Geld und Macht, wie viele annehmen und wie es auch Judas „Tausend“ Sassael seinen Zuhörern weismacht. Echsen könnten mit Geld nichts anfangen und Macht sei für sie nur Mittel zum Zweck. Der Zweck aber sei sexueller Natur. Das läge bei einer höher entwickelten Kultur ja auf der Hand.                                                                                    

 

„Die Echsen wollen ficken“, sagt Icke. „Wo, wann, wie und mit wem sie wollen. Global und 24/7. Erst wenn die letzte Hütte für sie ein Gratis-Puff ist, sind sie’s zufrieden.“     

 

Wer Icke eine Weile unvoreingenommen zuhört, lernt in wenigen Stunden mehr über die Welt und den Menschen, als in einer ganzen Schullaufbahn. Auch Sina und Felix sind sich einig: „Wenn es diese notgeilen Reptoiden nicht gäbe, man müsste sie erfinden.“

 

Die Demo ist zu Ende. Die Menge versprengt sich. Viele sind zufrieden. Ein Teilnehmer sagt: „Dass wir nur so wenige sind, zeigt mir, dass wir richtig liegen.“ Ein Anderer meint: „Wir werden immer mehr. An der Sache muss also was dran zu sein.“                      

 

Im Hintergrund flainiert Ken Jebsen vorbei. Für eine flirrende Sekunde scheinen seine Gesichtszüge zu verschwimmen: ins Längliche, Grünstichige. Gleichzeitig schießt eine sehr lange, schmale Zunge aus Mährholzens Mund und schlingert lüstern durch die Luft. Der Organisator schaut sich um, hofft, dass es niemand gesehen hat. Dann lächelt er verschmitzt.

 

(Die kursiv gesetzten Passagen sind Originalzitate)