Zukunftsinsel Rügen: Das visionärste Projekt der Kanzlerin

 (erschienen in Titanic 1/2016)

 

Angela Merkel gilt als nüchterne Pragmatikerin. Doch für ihren Wahlkreis Vorpommern-Rügen setzt sie sich mit einer Leidenschaft ein, die ans Obsessive grenzt. Kein Wunder – gilt doch gerade die idyllische Ostseeinsel unter Experten zunehmend als Blaupause für die Zukunft des gesamten Landes. Eine Reise in ein unaufhaltsam aufstrebendes Rügen.

 

Unsere Tour beginnt in der Ossenreyerstraße 29 mitten in der quirligen City von Stralsund. Hier hat Angela Merkel seit 1990 ihr Wahlkreisbüro. Längst gilt die Kanzlerin bei den Bürgern der Stadt als Legende. Noch diesen Sommer las sie in der Kinderbibliothek einem begeisterten Publikum die Geschichte „Eine Dose Kussbonbons“ vor. Unvergessen auch, wie sie 2011 im Ozeanum einen Pinguin segnete und zwei ältere Damen von ihrem Fischbrötchen abbeißen ließ. Alteingesessene behaupten sogar, sich an eine Bürgersprechstunde bei der volksnahen CDU-Politikerin erinnern zu können. Allerdings herrscht Uneinigkeit darüber, ob diese Sprechstunde in den späten 90ern oder Anfang der 2000er stattgefunden hat. Einig ist man sich nur, dass seitdem niemand Frau Merkel in ihrem Büro vorfinden konnte.              

Wir wollen es selbst wissen und klingeln. Als nach einer Minute der Türsummer ertönt, zucken wir zusammen. Auf dem Weg in den ersten Stock fragen wir uns, ob Frau Merkel hier ihren Ehemann postiert hat. Man hört ja nie etwas von ihm. Doch dann steht eine energische Frau vor uns, fragt, ob wir Journalisten sind und drückt jedem von uns eine Broschüre in die Hand. Obendrein bekommen wir CDU-Kugelschreiber geschenkt und dürfen uns aus einer Schale Apfelsinen nehmen.                                                  

 

„Ruhig zwei“, sagt die Frau. Offenbar sind wir ihr sympathisch.                            

Ehe wir uns versehen, stehen wir wieder auf der Straße. Auch wir konnten die Kanzlerin nicht antreffen. Und doch erfüllt uns noch für Stunden ein schwer zu beschreibendes Gefühl der Erhabenheit. Sicher ist: Die Apfelsinen werden wir zu Hause an einem gut sichtbaren Ort verwahren.     

 


Bevor wir den Rügendamm passieren, gönnen wir uns noch ein Matjes-Brötchen und eine Portion Kibbeling am Fischkutter „Angela“. Der Verkäufer im Matrosenkostüm versichert uns, das hier seien die Lieblingsfischbrötchen der Kanzlerin. Ob Frau Merkel in Stralsund wirklich so beliebt ist, fragen wir. Schon gerät der Fischmann ins Schwärmen: Eine ganz tolle und sehr patente Frau sei das. Letztes Jahr hätte sie beispielsweise für mangelernährte Kinder aus armen Stralsunder Familien einen Nikolaus organisiert. Der habe zwar ein wenig ausgesehen wie Frau Kunkel aus dem Wahlkreisbüro, bei den Kindern sei er aber super angekommen. Allein schon wegen der Apfelsinen. Dem Leichtmatrosen rinnt eine Träne aus dem Auge: „Ich selbst bete manchmal zu Merkel, wenn wieder alles zu viel wird. Das gibt mir die Kraft weiter zu machen.“ 

                                                           

Gerührt schließen wir die Hände um die Südfrüchte der Kanzlerin.

 


Wir fahren über die vor wenigen Jahren von Frau Merkel feierlich eingeweihte Rückenbrücke – ein Meisterwerk aus 180.000 Tonnen Beton, das mit dem Slogan „Ende der Staus für immer in Sicht“ auf den Weg gebracht wurde. Tatsächlich fließt dank der neuen Brücke der Verkehr in Stralsund weniger zäh und lässt deutlich mehr Autos in kürzerer Zeit nach Rügen fahren. Noch ganz benommen von der schwindelerregenden Architektur finden wir uns auf der anderen Seite beim schönen Örtchen Samtens am Ende einer Autoschlange wieder. Wagen steht an Wagen. Eine halbe Stunde lang geht nichts mehr. Für Manche gehört das gemeinsame Warten auf der B96 schon zum rügentypischen Urlaubsritual, aber die Kanzlerin ist eine Frau, die nicht nur A, sondern auch B sagt. In diesem Falle B96n. Die topmoderne, dreispurige Bundesstraße soll parallel zur bestehenden B96 verlaufen und so den Staupunkt bei Samtens zur Inselhauptstadt Bergen verschieben. Damit wäre schon einmal viel gewonnen. Doch noch ist die Beton-Trasse nicht fertig und das Geld alle. Schuld daran ist sicher das Trara, das die üblichen Wohlstand-Hippies um zwetschgenfarbene Zwergschnäpper und gemeinen Gnomenwurz veranstalten. Natürlich kommen auch wir wegen der unberührten Natur nach Rügen, aber was nutzen die schönsten Fleckchen, wenn man sie nicht auf breiten Straßen möglichst staufrei erreichen kann?

 


In der Rügenhauptstadt Bergen essen wir im „Tüffelhaus“ bürgerlich zu Mittag und besuchen dann ein regionales Wahrzeichen des Wende-Wandels. Hieß es früher „willst du sterben, geh nach Bergen“ sind die Einheimischen heute stolz auf „ihr“ Inselkrankenhaus, gehört es doch mittlerweile dem Sana-Klinikkonzern, einer Aktiengesellschaft mit Sitz im fernen Ismaning. Die Anteilseigener sind ausschließlich private Krankenversicherungen – ein zukunftsorientiertes Modell, das auch im restlichen Deutschland Schule machen könnte.        

Unser Rundgang lässt uns beeindruckt zurück: Wie hier mit dünner Personaldecke eine wachsende Zahl an „Health-Clients“ optimiert gemanaged wird, entlockt uns ein lautes „Chapeau!“. Eine besondere Rolle spielen dabei offenbar mit Bernstein und Sanddornlikör entlohnte Azubis, die pausbäckig und hochmotiviert ein Lächeln auf das Gesicht manches Operationsfehlers zaubern.                                                                        

Unweit des Krankenhauses erhebt sich das liebevoll restaurierte Phallussymbol zu Ehren des deutschlandweit gefeierten Patrioten Ernst Moritz Arndt. Zwar wirken dessen Ansichten über die Juden als „entartetes Volk“, das nicht in diese Welt passt und von dem der „germanische Stamm“ rein gehalten werden soll, heute ein wenig muffig, aber der auf Rügen geborene Dichter konnte schließlich nicht ahnen, dass einmal Nazis kommen und seine Ideen ohne das rechte Augenmaß umsetzen würden.                                                    

Von richtigen Faschisten hält man auf Rügen wenig, wie uns eine ältere Dame im Schatten des Ernst-Moritz-Arndt-Turms versichert. Die kämen heutzutage eh alle aus dem Morgenland. Deshalb und wegen der Sache mit der Umwelt hätte sich ihr Sohn den Nationalen Aktivisten Rügen angeschlossen. Das gäbe ihm Halt. Besser so, als dass er am Ende noch in den Rechtsradikalismus abdrifte.  

 


Abends erreichen wir erschöpft die Hafenstadt Sassnitz. Während sich die Touristen hauptsächlich auf die Seebäder Binz, Sellin und Göhren verteilen, geht es hier noch authentisch zu. In der traditionsreichen Fischerschenke „Fangfrisch“ nutzen wir die Gelegenheit, um mit Insulanern ins Gespräch zu kommen. Wir lernen allerdings nur Biggi und Dieter aus Biberach an der Riss sowie die Familie Kiebig aus Oldenburg kennen. Sie alle wollten hier Ossis in der laut Reiseführer „noch linksregierten“ Stadt gucken gehen, aber die einzige Einheimische im Raum ist die Kellnerin Soljanka Zuckowski. Ohne eine Miene zu verziehen erklärt uns die junge Dame, dass die Sassnitzer kein Geld haben, um hierher zu kommen. Wir schmunzeln. Da ist er – dieser kauzige Humor der Insulaner, für den man sie einfach lieben muss.

 


Als wir später an der Kaimauer eine Zigarette rauchen, haben wir weitere Gelegenheit, den speziellen Witz der Einheimischen zu goutieren. Ein biertrinkender Mann mit Wollmütze stellt sich uns als Kalle Kruse vor, die mandrillhafte Frau an seiner Seite als Heike Haun. Er sei Fischer gewesen, sie habe im Kreidewerk geschuftet. Wie viele andere seien sie seit Jahren arbeitslos. Wir machen den Spaß mit und fragen augenzwinkernd, ob denn heutzutage auf einmal weniger Heringe und Schollen in der Ostsee schwämmen. Ob man jetzt etwa auf Quallenfischer umsatteln müsste. Todernst spinnt der bärtige Zausel sein Seemannsgarn von hochsubventionierten High-Tech-Fangflotten und riesigen Trawlern, auf denen moderne Sklaven mit Schleppnetzen die Meeresböden leer fischen. Amüsiert hören wir zu. Allein das Plattdeutsch des Mützenträgers ist köstlich. Leider weiß der Insulaner nicht, wann es gut ist. Bald langweilt uns der sichtlich angetrunkene Klabautermann mit Hirngespinsten von bizarren EU-Verordnungen und Verschwörungstheorien von EU-Geldern, die bei korrupten afrikanischen Politikern landen, damit Fischereikonzerne vor Guinea-Bissau unkontrolliert fischen können.                                                                                

Wir klopfen dem guten Mann auf die Schulter. Guinea-Bissau – nicht schlecht. Auf so einen Namen muss man als Ossi erst einmal kommen. Als er merkt, dass wir ihm nicht auf den Leim gehen, ändert der falsche Fischer seinen Gesichtsausdruck und lässt die Katze aus dem Sack: In Wirklichkeit sei Rügen das Land, in dem Milch und Honig fließen. Seit der Wende mache der Tourismus die meisten Insulaner so reich, dass sie nur noch ihr Geld für sich arbeiten ließen.                                                                         
„Immobilien, Aktien, der ganze Schnickschnack“, sagt Kalle Kruse. Kurz darauf schnackt er etwas von „bannig die Hacken voll“ und lallt „Wat du drinkst an Bier un Koem, kann die keneen wech miehr nähm!“. Dann gießt sich Kruse kühlen Küsten-Koem hinter die Kiemen. Wir nicken andächtig. Plötzlich ergibt alles einen Sinn: Die Männer, die gemütlich auf den Wiesen stehen und ins Blaue starren. Die Frauen, die am helllichten Tag rauchend auf Treppenstufen sitzen. Die dekadent wirkenden jungen Männer, die im vergnügten „Hasch-Mich“ einem Farbigen nachlaufen. Die zahlreichen Gutshäuser, Schlösser und Herrensitze! Man hätte es sich denken können!                                                                

Bauernschlau wie die Rüganer sind, lassen sie sich ihren Reichtum nicht anmerken. Nach Art echter Millionäre decken sie sich in der Kleiderkammer ein, lassen sich ironisch gemeinte Ost-Frisuren schneiden und gönnen sich schon morgens einen Drink. Auffällig ist auch der Hang zur Selbstverwirklichung. So will Heike Haun eine Umschulung zur ganzheitlichen Golfplatz-Geomantin machen. Angeblich auf Anraten ihres Sachbearbeiters.       

In den nächsten Tagen werden wir viele kennenlernen, die ihre exzentrischen Steckenpferde als Maßnahmen des Jobcenters verbrämen: DDR-Erklärer, Humane Hüpfburg, Bingo-Bursche, Kalt-Mamsell, Öko-Künstler, Aalbändiger, Kostüm-Seeräuber, Erlebnis-Erdbeere, Strandkasper, Stauclown – der Einfallsreichtum der Insulaner lässt nur einen Schluss zu: sehr viel Muße und keinerlei existentielle Sorgen. Der Schlüssel zu solchen quasi-utopischen Zuständen liegt in der konsequenten Umsetzung einer Politik der ruhigen und unsichtbaren Hand, die sich nur dann blicken lässt, wenn die Interessen privater Investoren zu sehr ins Hintertreffen geraten oder das Geschrei zu groß wird. Wenn die Vermögen der Vermögenden wachsen, nutzt das unterm Strich allen. Nirgendwo sonst in Deutschland wird das so deutlich, wie auf Rügen.

 


Mit unserer letzten Station stellen wir uns einmal der dunklen Vergangenheit Rügens und besuchen die riesigen Klötze, die das NS-Regime am Strand von Prora als Urlaubsanlage hat bauen lassen. Wir staunen nicht schlecht, als wir in Block 1 weißgetünchte Wände und warme Lichter hinter neuen Fenstergläsern ausmachen. Eine große Schautafel lässt uns wissen: Findige Investoren haben einen Großteil der leerstehenden Blöcke gekauft und die Bausubstanz sanieren lassen. Wir geraten ins Träumen: Moderne Appartements in unmittelbarer Strandnähe. Sushi-Bars, Latte-Macchiato-Cafés, Wellnesstempel. Und dank des Denkmalschutzes winken satte Steuervorteile! Gerade an diesem ehemals düsteren Ort wird deutlich, welchen bewundernswerten Wandel Rügen durchlaufen hat: Wo es unter den größenwahnsinnigen Nationalsozialisten noch totalitär-protzend „Kraft durch Freude“ hieß, lächeln heute blonde Familien von riesigen Plakaten und laden zum international-verspielten „Fit for Fun“ für die oberen Zwanzigtausend ein. Und das sind auf Rügen eigentlich alle.

 


Es spricht sich zunehmend auch auf dem Festland herum: Die Zukunftsinsel Rügen verbindet das Beste aus der Biografie der Kanzlerin und damit aus zwei scheinbar so unterschiedlichen Welten. Nicht nur die junge Generation weiß die perfekte Mischung aus sozialistischer Entschleunigung und kapitalistischer Niemals-Mangel-Wirtschaft zu schätzen. In aller Ruhe mitten in der Woche auf den Kreidefelsen stehen und eine echte Coca-Cola trinken, während irgendwo in der Ferne das verhuschte Hupen des Rasenden Rolands erschallt und eine schwäbische Kleinfamilie über die bröckelnde Kante kippt  – mehr Glück geht vermutlich nicht. Höchstens noch dieses: zwei handwarme Bio-Apfelsinen der Kanzlerin unter dem Pullover auf der bloßen Brust durch einen germanischen Buchenwald spazieren tragen.