"Das Buch der Wunder" von Stefan Beuse (Rezension)

„Alles umgibt dich, immer, nur auf einer anderen Ebene. Sieh es dir an, ich schreib alles in dieses Heft. Alles, was du wissen musst. Aber sei vorsichtig. Vertrau keinem außer dir selbst, und achte auf das, was dir begegnet. Wünsch mir Glück. Ich küsse und umarme dich hundertmal. Gezeichnet: Penny, Königin des Dschungels, nach Diktat verreist, lalala.“

 

 

 

Ist ein Leben ohne Wunder ein lebenswertes Leben? Wenn die Welt und die Lebewesen darin nichts als Uhrwerke sind, deren Ticken vollständig festgelegt und wissenschaftlich erschöpfend vermessbar ist – was bleibt uns dann zu glauben, zu hoffen und zu lieben? Dieser Frage scheint Beuses Buch anfangs nachzugehen.

 

Die Figurenkonstellation ist ein wenig exemplarisch: Tom ist ein an Forschung und Wissenschaft interessierter Junge. Er erklärt seiner phantasievollen Schwester Penny, dass die grüne Flaschenglasscherbe eben kein Smaragd und die Maus im Garten wirklich tot ist – da hilft auch kein aus Scherben um den Nager herum errichtetes „Haus aus Licht“. Der Vater der beiden repariert Uhren. Von ihm hat Tom seine Leidenschaft für die nüchterne, unbestechliche Wissenschaft und das Buch „Welt der Wissenschaft“.  Es gehört zu einem Schuber mit zwei Bänden, aber die „Welt der Wunder“ hat der Vater nie angerührt. Die Mutter hingegen neigt einem verflachten Christentum zu, mehr halbherzige Traditionspflege und formelhafter Trost, als Glaube (also die Fähigkeit entschlossen und mit dem ganzen Wesen an einer großen Geschichte mitzuspinnen). Der Vater verschließt sich mehr und mehr und begeht schließlich Selbstmord. Die Mutter heiratet drei Jahre später einen Langweiler und zieht mit den Kindern in eine besonders ordentliche Reihenhaussiedlung. Die nüchterne Wissenschaft führt zu Depression und Tod, ein nur behaupteter Glaube in die Sterilität.

 

Anders die Kinder: Penny ist humorvoll, kreativ und durch einen naiven Glauben an die Macht der Phantasie wunderbar geborgen. Tom ist neugierig und aufrichtig und will durch wissenschaftliche Forschung hinter den Schleier der Illusionen sehen, dahin gehen, wo noch keiner gewesen ist, wie Neil Armstrong, der als erster Mensch den Mond betrat.

 

Das erste Drittel hat mir besonders gut gefallen: In einer klaren, unaufdringlich poetischen Sprache nähert Beuse sich mit großer Einfühlungsgabe dem Wissendrang und der Fabulierlust zweier Kinder auf dem Weg in die Jugend. Offenheit, Staunen und Entdeckerlust zeichnen beide aus. Während Tom jedoch lieber die Welt als möglichst objektives Phänomen erkunden und ent-decken will, erschafft Penny ihre hemmungslos subjektiven Welten. Hingebungsvoll und hinreißend beschreibt Beuse eine diese Gegensätze spielerisch überwindende und verbindende Liebe zwischen Bruder und Schwester. Objektives und subjektives Universum, Wissenschaft und Mystik versöhnen sich im Begriff der Frequenzen: Jedes Lebewesen sendet und empfängt in einem bestimmten Frequenzbereich. Wer seine Frequenz verändert, verändert seine Wahrnehmung der Welt und so verändert sich die Welt für ihn. Das Ganze ist das Wahre: die Summe aller Frequenzbereiche.

 

Die Ereignisse sind aus Toms Perspektive erzählt, Penny aber ist für mich der magische Charakter. Als sie nach etwa 60 Seiten weitgehend aus der Geschichte verschwindet, verliert diese an Kraft. Auf verschlungenen Pfaden sucht Tom nach ihr. Zunächst in (krankheitsbedingten) Visionen, schließlich (viele Jahre später) im Aufeinandertreffen mit einem jungen Mädchen. Dazu flicht Beuse noch einen anfangs sehr spannenden Krimiplot ein, der sich ebenfalls über viele Jahre erstreckt, die in kurzen Sprüngen abgehandelt werden. Zwei Kriminalbeamte ermitteln das vorübergehende Verschwinden Toms. Jahre später (der Vermisste ist längst wieder aufgetaucht) ist eine der beiden Beamtinnen noch immer an Tom und seiner Schwester interessiert. Diese Entwicklung ist weder allzu glaubwürdig noch für den Roman zwingend nötig und offenbart eine Schwäche des Buches: Zu viele Motive hängen zu lose miteinander zusammen: das Dschungelbuch und die Wölfin Rakscha, ein verwunschener Waldsee (eine instabile Zone wie in „Stalker“), ein in die Grube fallender Pastor, ein hundezerfetzender Dämon, eine Autoimmunerkrankung namens Lupus erythematodes, eine Plastikfigur von Neil Armstrong, der Song „row, row, row your boat“, das Buch der Wunder (ein von Penny geschriebenes Heft), die „Welt der Wunder“ (der oben erwähnte Ergänzungsband zu „Welt der Wissenschaft“), eine Reinkarnation Pennys in einem zweiten „Haus aus Licht“. Durch diese hohe Zahl auf kleinem Raum werden die einzelnen Motive abgeschwächt und der Zusammenhang zwischen Alltagswelt und dem Wunderbaren wirkt hin und wieder ein wenig beliebig. Es scheint so, als habe Beuse die 220 Seiten des Romans aus einem viel längeren Text destilliert, in dem die einzelnen Bestandteile mehr Raum hatten, sich zu entfalten und zu verzahnen.

 

Dennoch ist die Lektüre auch über das erste Drittel hinaus lohnend: Die Fabulierlust, die durch den Kontrast mit einer konzentrierten Sprache nicht gezähmt sondern verdichtet wird, verleiht auch späteren Episoden dieser faszinierend eigenwilligen Erzählung Kraft. Die genauen und humorvollen Skizzen von einem Filmset oder aus einer Werbeagentur, in der Tom als Erwachsener arbeitet, zeigen Beuses Talent mit wenigen Worten viel auszudrücken und seine Leser zu unterhalten, ohne ihren Intellekt gering zu schätzen. Im stimmigen, gut vorbereiteten Finale finden zentrale Motive des Buches zusammen und erzeugen noch einmal jenes Staunen, das Antrieb und Wirkung dieses Romans ist.

 

Ist ein Leben ohne Wunder lebenswert? Diese Frage beantwortet Beuse ziemlich früh, indem er den Vater in den Selbstmord schickt und das Wunderbare als Wirklichkeit (also Wirkung) in eine realistisch (wenn auch sozial weitgehend konturlos) gezeichnete Welt einführt. Dämonen wüten in Wäldern und erinnern uns daran, nicht vor uns und unseren Ängsten wegzulaufen. Und Häuser aus Licht, und seien sie nur Teil einer Illusionsmaschine der Werbewelt, spiegeln das kindliche Vertrauen in die Alleinheit wieder: Wir gehen nicht verloren, wir ändern nur unseren Frequenzbereich.

 

 

Stefan Beuse: Das Buch der Wunder. Mairisch Verlag 2017, gebundene Ausgabe, 224 Seiten, 18 Euro

 

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Die letzte Nacht von Schnellroda

Theaterstück in drei Akten

 

(wenn nicht durch * gekennzeichnet, handelt es sich ab „dramatis personæ" um Originalzitate aus dem Gesprächsband „Tristesse droite. Die Abende von Schnellroda“ (hrsg. von Ellen Kositza und Götz Kubitschek)

 

 

Dramatis personæ

 

Götz Kubitschek: Jahrgang 1970, Löwe, im Kern ein Menschenfreund, aber das weiß keiner.

 

Ellen Kositza: Wurde 1973 im Sternzeichen des Schützen geboren. Kositza ist vor allem Hausfrau. Kositza heißt Ziege.

 

Martin Lichtmesz: Wurde 1976 in Wien geboren. Die Sonne stand in den Fischen. Wie Ernst Jünger und Alain de Benoist zählt er sich zur Bruderschaft der Katzenliebhaber.

 

Thorsten Hinz: Jahrgang 1962. Im Sternbild des Skorpion geboren ist er zumeist freundlich.

 

Dr. Erik Lehnert: Ist Jahrgang 1975. Ihn empört das Ansinnen, sich selber zu beschreiben. Doch immerhin lässt sich dieses feurige Temperament mit seinem Sternzeichen entschuldigen; nämlich dem des Löwen!

 

Raskolnikow: 1975, Nordostbrandenburg. Vaterloser Bastard, cholerischer Tunichtgut, verfressener Faulpelz. Wie alle simplen Geister liebt er die Ordnung.

 

Nils Wegner: Erblickte an einem Herbstabend des Jahres 1987 im niedersächsischen Achim das Licht der Welt. Er schätzt Rotwein und Tabak und alberne Witzbildchen im Internet.

 

Außerdem: Akif Pirinçci, Udo Ulfkotte und der Chor der Antifanten

 

 

 

Erster Akt

 

In einer klirrend kalten Raunacht auf dem Rittergut Schnellroda (Haupstraße 24, 06268 Albersroda) streiten sieben Rechtsextreme darüber, was sie sind.* In der Bibliothek ist es ziemlich kühl, aber es gibt eine scharfgewürzte Kürbissuppe, frischgebackenes Brot, Wurstplatte vom Dorfmetzger, Bier und schweren Rotwein.

 

Lichtmesz: „Rechtsintellektueller“, das hört sich dämlich an.

 

Lehnert: Was hast’n gegen intellektuell?

 

Lichtmesz: Es ist einfach minderwertig, ein Intellektueller zu sein.

 

Wegner: Ich hätte jetzt statt „Intellektueller“ eher so den klassischen germanistischen poeta vates vorgeschlagen … wenn man das ganz klassisch, germanistisch-faschistoid sieht…

 

Raskolnikow (das Gesicht durch den Widerschein des Kaminfeuers markant illuminiert): Also Leute, die darüber diskutieren, ob sie Intellektuelle sind, sind bestimmt Intellektuelle.

 

Kubitschek (schwäbelnd): Genau.

 

Lehnert: Ich meine, wir würden den Leuten ja auch sagen, was sie tun sollen.

 

Raskolnikow: Aber wir gehen nicht von der Anthropologie aus, die die Liberalen haben!

 

Lehnert: Nee, wir gehen davon aus, dass der Mensch sowieso gesagt bekommen muss, was er tun soll.

 

Kubitschek: Genau.

 

Lichtmesz: Also, wenn ihr wollt, das ich etwas sage, dann müsst ihr mir das Wort erteilen.

 

Kubitschek: Nö.

 

(längere Pause, Lichtmesz schnorrt, dann raucht er, Kositza raucht auch.)

 

Kubitschek (nach Räuspern, zögerlich): Ich finde den Begriff der Traditionskompanie gut. Man bewahrt bestimmte Traditionselemente und bildet einen Verband, ganz gezielt, im Stile einer Kompanie.

 

Kositza: Ich find‘ den Begriff, mal vom Nichtzutreffen abgesehen, auch überhaupt nicht schön.

 

Kubitschek: Ich find‘ den sehr schön.

 

Lehnert: Kompanie ist französisch.

 

Kositza (äffender Ton): Traditionskompanie … da denk‘ ich an Älplervereine, Hut mit Gamsbart, Loden, festgelegte Fröhlichkeit.  

 

Lichtmesz: Also, wenn ihr wollt, das ich etwas sage, dann müsst ihr mir das Wort erteilen.

 

Kubitschek: Sag was.

 

Lichtmesz: Okay, okay, dann sag ich jetzt auch was. Aber ihr müsst mir Zeit lassen, ihr bringt mich durcheinander, wenn ihr jetzt reinredet oder blöde Witze macht.

 

Kubitschek: Sag was.

 

Lichtmesz: Mir geht’s im Grunde genauso wie der Ellen.

 

Kubitschek: Das liegt halt daran, dass du maximal mit der Sanitätstasche durchs Bundesheer gekrochen bist. Für mich ist ne Kompanie was Angetretenes.

 

Kositza (herablassend, amüsiert*): Das sagst du als Ein-Mann-Kaserne? Wo ist denn hier eine Kompanie?

 

Kubitschek (erregt*): Jetzt sag ich dir eins, jetzt unterbreche ich dich. Das Wort Traditionskompanie verweist auf meinen pädagogischen Anteil.

 

Lichtmesz: Jetzt mal rein gesprächstechnisch. Mir fällt zu allem was ein, was ihr sagt.

 

Wegner (zaghaft*): Wenn ich darf, würde ich gern auf das Argument der (malt Anführungszeichen) Kreativität eingehen…

 

Kubitschek: Nö.

 

Lichtmesz (entrückt*): Traditionskompanie … Das Wort ist blau, das ist pelzig, das ist wie ein Stein.

 

Kubitschek: Leise, da entsteht ein Sonett…

 

Lehnert (bereits lallend*): Eine Sache noch: Du hast angesetzt mit Preußen und Dienst, und dem zweiten Typ, denen, die was setzen. Das würde mich interessieren, was schwebt dir vor?

 

Kubitschek: Das ist ein großes Fass, das können wir nachher gerne aufmachen. Es ist ambivalent. Auf der einen Seite glaube ich, dass wir sehr dienstfähig sind. Auf der anderen Seite glaub ich … dass wir alle Setzer sein müssen.

 

Lehnert: Aber das ist ja der Punkt. Vielleicht würden wir selbst in der Welt, die unseren Vorstellungen am ehesten entspräche, trotzdem nicht klar kommen.

 

Kubitschek (defensiv*): Ich glaub schon, dass es Phasen …

 

Lehnert (jäh angriffslustig): Dann würde mich mal die Phase interessieren, in der du dich eingefügt hättest.

 

Kubitschek: Also. Lasst uns mal…

 

Lehnert (stärker lallend, aggressiv*): Woran mach ich’s fest, wann der Zeitpunkt ist, die radikale Entscheidung zu treffen: Jetzt kommt’s drauf an.

 

Kubitschek: Also…

 

Lehnert (sehr laut und unklar artikulierend*): So nach dem Motto: Waffe hab‘ ich im Schrank, und wenn’s knallt, dann geh ich. Sozusagen den Moment abzupassen, wenn’s grad ‚ noch nicht knallt, aber sozusagen den ersten Schuss, naja…

 

Kubitschek: Laßt uns morgen über diesen Punkt reden.

 

Lichtmesz (schief im Stuhl sitzend, ebenfalls lallend*): Jetzt muss ich eine Geschichte erzählen … Es gab Forscher, die ein Affenrudel beobachtet haben. Menschenaffen, Schimpansen oder so. Und im Rudel gab’s so ein paar Schimpansen, die quasi die „Depressiven“ waren. Die waren wenig aktiv, standen am Rand, haben nicht so laut geplärrt und geschrien und kopuliert und so weiter, die waren im Vergleich zu den pausbäckigen Schimpansen also die Dysfunktionalen. Die Forscher haben dann genau diese, die aus der Reihe gefallen sind, aus der Herde isoliert, damit nur die Pausbäckigen übriggeblieben. Und ein Jahr später war die ganze Herde, tot, ausgelöscht, vernichtet, von ihren natürlichen Feinden.

 

Kositza: Also sind wir systemstabilisierend?

 

Eine Gesprächspause. Ein Scheit knackt im Ofen. Lichtmesz sackt erschöpft nach vorne.

 

Kubitschek: Wer stabilisiert den Martin, bis er sein Bett bezogen hat?

 

 

 

Zweiter Akt (in memoriam Dr. Udo Ulfkotte)

 

Der folgende Abend. Draußen. Es ist längst dunkel. Ein schneebedecktes Feld im Mondlicht. Im Hintergrund kahle Bäume. Von links kommen nach und nach gegen den eisigen Wind gebeugte Gestalten in Winterkleidung auf die Bühne. Ihnen voran: Akif Pirinçci. Weiterhin vorne zu erkennen: Udo Ulfkotte und … Charlotte Roche. Ein paar der Gestalten ziehen Bollerwagen auf denen Waffen liegen: Äxte, Schwerter, Knüppel, auch Luftgewehre.*

 

Pirinçci: Verschissene Fickfotzen, verdammte.*

 

Ulfkotte: Herr Pirinçci, ich bitte Sie!*                                                     

 

Pirinçci: Kack-Sachsen-Acker hier. Was müssen diese rechtsversifften Ziegenficker auch in so einem inzest-degenerierten Ossi-Hartzer-Nest hausen? (Wendet sich nach hinten): Kommt jetzt, ihr asozialen Antifanten! Bambule machen, oder wie ihr Kiffkinder das nennt. .. (Die Antifanten johlen)*              

 

Ulfkotte: Bitte, beruhigen Sie sich doch. Hier! (Reicht Pirinçci einen Flachmann. Geistesabwesend greift dieser danach, trinkt, spricht dann weiter…)*

 

Pirinçci: Mein lieber Dr. Ulfkotte, dich hamse doch auch verarscht.*

 

Ulfkotte (weinerlich, aus Uhu-Augen hinter Brillengläsern): Einfach das Manuskript zurückgeschickt und alle Rechtschreib- und Logikfehler mit Rotstift markiert. Von Ihnen wurden ja wenigstens zwei Bücher gedruckt, Herr…*

 

Pirinçci (unwirsch): Jetzt hör mal auf mit diesem Scheiß „Herr Pirinçci“ hier, Herr Pirinçci“ da.*

 

Ulfkotte (servil): Sehr wohl.*

 

Pirinçci: Diese magersüchtige Kositza-Fotze hat mich als Pädo beschimpft, was ja lustig gewesen wäre, wenn mich ihr blödes Götzmännchen nicht aus dem Haus geworfen hätte. Von wegen Finger weg von meiner Tochter usw. Ja, Scheiße, ich dachte, die wäre schon 18. Musser es halt dranschreiben an die Muschi: Finger weg. Bin erst 16 und Privateigentum der Kubitschek-Kositza-GbR.*

 

Ulfkotte (weinerlich): Bitte, nicht immer die gleiche Geschichte. Und dann noch in diesem Gossenjargon.*

 

Ein Antifant: He Jungs, da sind Häuser. (Zeigt aus dem Bühnenbild). Und da, das muss das Rittergut sein.*

 

Pirinçci (hört gar nicht hin): Dabei habe ich da nur mal kurz hin gefasst, um zu sehen, ob das Echtpelz ist, von wegen Tierschutz und so. (Knufft Ulfkotte in die Seite): Verstehste? Kunstpelz ist echt. Nee?*

 

Der Chor der Antifanten (grölend): Wir wollen jetzt Bambule machen. Schlagt die Nazis bis sie lachen!*

 

Ulfkotte (ängstlich): Nicht so laut. Die könnten uns hören, und es sind mindestens sieben. Plus nochmal sieben Kinder und Hofgesinde!*

 

Pirinçci: Scheiß dich nicht ein, Udo. Schnapp dir einen Basi und dann ran an die Scheiben des altehrwürdigen Gemäuers.*

 

 

 

Dritter Akt

 

Kerzen brennen, Kaffee und Gebäck stehen auf dem Tisch, es gibt Grog und Konfekt. Man wartet. Nach einigen Minuten schlendert Lichtmesz herein und nimmt Platz.

 

Kubitschek: Martin, bist du fit?

 

Lichtmesz: Voll. Bin vorhin durch den Wald gejoggt, hab ein Wildschwein gerissen, mit bloßen Händen.

 

Raskolnikow (niedergeschlagen und mehr zu sich selbst): Also ich hab‘ keine Hoffnung, dass es in Deutschland oder Europa wieder so wird wie im Mittelalter.

 

Kositza (an Raskolnikow gewandt): Also: Was bedeutet Ihnen das Volk? Ist es Ihnen Wurst?

 

Raskolnikow: Ja.

 

Kubitschek: Ich guck mir Leute an, die sind so entsetzlich zugerichtet. Ob sichtbar mit Ringen und Gehängen und durchschossenen Ohren oder keine Ahnung was, bis hin zur letzten Gülle, die aus dem Maul tropft… Die Fremdheit den eigenen Leuten gegenüber ist sehr hart…

 

Kositza: Der Abstieg ist doch mit Händen zu greifen.

 

Lichtmesz: Es gibt keine irdische Hoffnung mehr.

 

Lehnert: Irdische oder jüdische?

 

Lichtmesz: Irdische.

 

Kubitschek: Hab jüdisch verstanden.

 

Lehnert: Ich auch, haha!

 

Lichtmesz: Die Identitären in Deutschland haben freilich auch nichts gerissen….Aber diese AfD-Rhinozerosse haben erst recht nichts bewirkt, außer dass sich das konservative Lager wieder mal selbst zerlegt und weichgespült hat.

 

Kubitschek (fährt kaum hinhörend dazwischen*): Das ist eine Kette von Zurücksetzungen … Als dann die Sezession zehn Jahre alt wurde, da hätte man locker mal eine ganze Seite in der FAZ vollpinseln können, hat aber keiner gemacht. Oder über den Verlag mal eine ganze Seite, oder wenigstens ein paar Rezensionen, wo doch ständig Besprechungsexemplare angefordert werden. Und wenn ich jetzt Weißbooks oder Cookbooks oder so heißen und schwule Lyrik aus Brasilien verlegen würde, dann hätte ich auch längst eine ganze Seite.

 

Kositza: Ich glaub, der Götz wäre auch froh, wenn es im Börsenblatt des Buchhandels auch über ihn ein dreiseitiges Portrait gibt wie von allen kleinen, feinen, unabhängigen Verlagen.

 

Kubitschek: Es ist leicht, etwas zu zerschlagen, aber schwer, etwas aufzubauen. Aber das, was uns im Moment umgibt – da muss ich sagen, etwas mehr Armut, etwas mehr Lust zur Veränderung und etwas mehr Zorn wären mir lieber als diese warme Badewanne, in der unser Volk ertrinkt.*

 

In diesem Moment ertönt ein lauter Knall. Die Sieben fahren zusammen. Angespannte Stille. Dann: Noch ein Knall, splitterndes Glas.*

 

Lichtmesz (schaut aus dem Fenster*): Der Ulfkotte, der kann’s kaum erwarten, ich finde das ziemlich ulkig, der sitzt schon im Startloch mit Survival-Pack.

 

Lehnert: Hehehehe. Gut!

 

Die Geräusche aus dem Erdgeschoss werden lauter und zahlreicher. Jetzt hört man neben berstenden Fenstern und splitterndem Mobiliar auch den…*

 

Chor der Antifanten:  Wir werden jetzt Bambule machen. Schlagt die Nazis bis sie lachen.*

 

Kubitschek (ängstlich*): Jetzt waren wir doch gerade auf der Ebene des Schabernacks.

 

Wegner (springt auf, greift sich ein Zierschwert von der Wand*): Standhalten.

 

Lichtmesz: Logo, logo, logo.

 

Raskolnikow (zeigt betrunken gestikulierend auf den hereinstürmenden Pirinçci*): Das ist Charlotte Roche!

 

Lichtmesz: …da entsichere ich meine Browning.

 

Kubitschek: Nein, nein, nicht durchdrehen, trotz allem nicht.

 

Pirinçci schnappt sich als erstes Hinz und schallert ihm eine, dass es kracht.*

 

Hinz: Erbaulich!

 

Pirinçci: Halt das Fressbrett, Brillenkasper.*

 

Hinz (vorwitzig*): Achtung, das war Ironie!

 

Hinz bekommt noch eine gepfeffert und geht zu Boden. Hinter Pirinçci stürmen bewaffnete Antifanten in den Rittersaal. Ein Schuss fällt. Wegner sackt von Lichtmesz getroffen zusammen.*

 

Wegner (perplex*): Also bitte!

 

Kositza (beugt sich zu dem Getroffenen. Blut läuft aus seinem Mund. Sie diagnostiziert kühl*): Erstverschlimmerung.

 

Lichtmesz (kleinlaut*): Aber das fire war mehr friendly.

 

Es kommt zu einem brutalen Handgemenge, in dessen Verlauf Kubitschek, Kositza und Lehnert aus dem Fenster geworfen werden. Mit verdrehten Gliedmaßen liegen sie im Schnee. Lange ist es still. Dann irgendwann bewegt sich…

 

Kubitschek: Das ist eine ungeheure Höhe von der wir runtergefallen sind.

 

Lehnert (röchelnd*): Man darf den Weltgeist nicht unterschätzen.

 

Kubitschek: Na, vor solcher Größe siedeln wir uns mal am besten irgendwo in der Bezirksliga an, aber mit Aufstiegspotential. Gut?

 

Lehnert: Gut.

 

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2016. Ein Mut machender Jahresrückblick.

 

 

Obwohl es nun wirklich alt genug ist, möchte ich 2016 in Schutz nehmen. Mir persönlich bedeutet das Jahr viel mehr als Terror, Trump und Trottel. Deshalb habe ich ein paar gute Nachrichten aus dem Jahr 2016 zusammengestellt. Und dabei sind meine persönlichen Köstlichkeiten noch nicht einmal aufgeführt.

 

Ich beginne mit dem Dezember 2015. In diesem Monat veröffentlichte Amnesty International Deutschland in seinem Magazin dieses Interview mit Steven Pinker. Darin legt der Evolutionsbiologe dar, dass die Menschen immer friedlicher werden und immer weniger Menschen durch Krieg und Gewaltverbrechen sterben. Und Pinker kann auf etliche Studien, Erhebungen und Untersuchungen verweisen.  Zwei Beispiele: 1. Die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) zählte 1993, zu Beginn ihrer Erfassungen, 63 Kriege und bewaffnete Auseinandersetzungen auf der Welt. 2013 und 2014 kamen die Hamburger Forscher auf jeweils 31 – der niedrigste bisher ermittelte Wert. 2. Das Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, sinkt. Zwischen 2003 und 2013 sind, relativ zur Größe der Weltbevölkerung, Morde seltener geworden, Vergewaltigungen ebenfalls und Raubüberfälle auch. Einbrüche – in Deutschland derzeit ein großer Grund zur Sorge – sind im globalen Maßstab besonders stark zurückgegangen, dasselbe gilt für Autodiebstähle.

 

Außerdem: Die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, ist sehr stark gesunken: Lebten 1990 noch 1,9 Milliarden Menschen von weniger als 1,25 Dollar am Tag – die Definition der Weltbank für extreme Armut –, dürften es in diesem Jahr unter 800 Millionen sein. Da die Weltbevölkerung gewachsen ist, ist der Anteil der Armen noch stärker gefallen: von 47 Prozent (1990) auf 14 Prozent (2015).

 

Und heiter weiter: Ab Anfang des Jahres gilt die Selbstverpflichtung der Firma Intel. Die Computerfirma verzichtet nach mehreren Zwischenschritten mittlerweile auf alle Rohstoffe (vor allem Tantal, aber auch Wolfram, Zinn und Gold) aus Zentralafrika, da mit deren Kauf Milizen und Söldner in Bürgerkriegen finanziert werden. Die Initiative begann 2008 und ist zum Jahresbeginn 2016 komplett umgesetzt.

 

Im Januar präsentiert Deutschlandradio Wissen die Forschungsergebnisse des Ökonomen Max Roser. Roser beschäftigt sich in Oxford mit Lebensstandards. Sein Schluss: Uns geht es besser denn je.

 

Im Februar konnten zumindest die PhysikerInnen samt interessierten Laien jubeln: Am 11. Februar konnten Forscher des US-Observatoriums Ligo etwas bekannt gegeben, was in Fachkreisen sofort als Sensation gehandelt wurde: Ihr gigantisches Messgerät hatte Wellen aus dem Weltall eingefangen, wie es sie laut Albert Einstein geben müsse. Der hatte diese Gravitationswellen schon im Jahr 1916 beschrieben – nur nachweisen konnte sie bis zum Jahr 2016 niemand. Zufällig gelang das genau 100 Jahre später.

 

Im März 2016 veröffentlicht die Ärztezeitung eine Spendenstudie für Deutschland im Jahr 2015. Das Ergebnis: Die Deutschen spenden mehr als je zuvor.

 

Im April findet sich im Handelsblatt ein Artikel über die Erfolgsgeschichte der EinDollarBrille. Hintergrund: Mehr als 150 Millionen Menschen auf der Welt bräuchten eine Brille, und noch einmal 550 Millionen zumindest eine Lesebrille, aber sie können sich keine leisten. Kinder können nicht lernen, Eltern können nicht arbeiten und für ihre Familien sorgen. Die EinDollarBrille besteht aus einem leichten, flexiblen Federstahlrahmen. Sie wird von den Menschen vor Ort selbst hergestellt und verkauft. Die Materialkosten: rund 1 US-Dollar. Die Idee stammt von dem Lehrer Martin Aufmuth.

 

Großartig ist auch die Geschichte des „Waldmachers“ Tony Rinaudo, der entdeckt hat, wie sich verödete Gebiete in Afrika auf sensationelle Weise begrünen lassen. Der Schweizer Tagesanzeiger berichtet im Mai darüber.

 

Juni: Sommerpause.

 

Juli: Es könnte eine kleine medizinische Sensation sein. Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen verkünden einen Durchbruch bei der Frage, wodurch Multiple Sklerose ausgelöst wird. Außerdem: Immer neue Erkenntnisse im Kampf gegen Krebs und Aids. Und Erfolge im Kampf gegen die Malaria. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass viele von uns noch entscheidende  medizinische Verbesserungen gerade im Kampf gegen fiese Krankheitsbilder wie Krebs erleben werden.

 

August: Große, dreisprachige Umfrage unter Flüchtlingen zu ihrem Bild von Deutschland von der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft. Ergebnis: Die übergroße Mehrheit der Flüchtlinge fordert eine klare Trennung von Staat und Religion und bekennt sich ausdrücklich zur Demokratie. Allerdings liegt bei vielen Flüchtlingen ein anderes Demokratie-Verständnis zu Grunde. Das Wertebild vieler Flüchtlinge ist in Bezug auf Ehe, Sexualität und Familie konservativ und ähnelt in zentralen politischen Teilen am ehesten dem der AfD-Anhänger und anderer rechtspopulistischer Bewegungen. Anders als von Rechtspopulisten behauptet, meinen die meisten Flüchtlinge, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben sollten.

 

Am 2. September veröffentlicht die Evangelische Kirche Deutschland das Ergebnis von repräsentativen Umfragen zum Thema „Hilfe für Flüchtlinge“. Die Befragungen wurden zwischen dem November 2015 und August 2016 durchgeführt. Ergebnis: Trotz Anschlägen und Dauerfeuer der rechten Hetzer (vor allem in den sozialen Medien): Die Deutschen wollen Menschen in Not helfen. Drei von vier Deutschen können sich einen persönlichen Beitrag zur Flüchtlingshilfe vorstellen. Die Zahl der in der Flüchtlingshilfe Engagierten  ist 2016 weiter gestiegen (November 2015: 10,9 Prozent, Mai 2016: 11,9 Prozent).

 

Oktober:  Australien verbietet Tierversuche für Kosmetika. (In Indien werden seit Juni 2013 keine Tierversuche für Produkte und Rohstoffe in der Kosmetik geduldet.) Auch interessant: In Ruanda sind seit 2006 Plastiktüten komplett verboten. Wird eine gefunden, soll sie recycelt werden. Ruanda hat sich das Ziel gesetzt, in naher Zukunft ganz plastikfrei zu sein.

 

Noch etwas Erfreuliches aus dem Monat Oktober: Der Kampf gegen den Klimawandel könnte dank eines Versehens einen großen Schritt weiter gekommen sein. US-Forscher haben durch Zufall eine Methode entdeckt, mit der sich CO2 in Ethanol umwandeln lässt, das als Treibstoff genutzt werden kann – kostengünstig und ohne großen Aufwand.

 

November: Ganz wichtig: Kuscheln hilft gegen Novemberblues. so der Leipziger Haptikforscher Martin Grunwald laut Unsere Kirche – der Zeitung mit der guten Nachricht.

Kommentar von Schallblech, 18. November 2016, 11:19 Uhr: „Was ist neu daran? ;) Interessant ist nur, daß Blechbläser ähnliche Erfahrungen machen, außer, dass der Atem eher tiefer wird. Also: Kuscheln oder Posaune üben!“

 

Dezember: Kurz vor seiner Amtsübergabe an Donald Trump erklärt Obama Gebiete in der Arktis von der Größe Spaniens und 31 Unterseecanyons im Atlantik zu Schutzzonen. Für diese Gebiete dürfen keine neuen Lizenzen für Öl- und Gasbohrungen vergeben werden. Damit sollen die einzigartigen und vielfältigen Ökosysteme sowie die Interessen der Ureinwohner geschützt werden, hieß es aus dem Weißen Haus. Der Schritt Obamas erfolgte in Kooperation mit Kanadas Premier Justin Trudeau, dessen Regierung ebenfalls einen Stopp entsprechender Lizenzen für arktische Gewässer verhängte.

 

Noch was: In Dresden trifft sich Pegida. Aus Dresden stammt auch die Organisation Friends of Dresden, die einen „Internationalen Friedenspreis“ vergibt. Dieses Jahr ging der Preis an Domenico Lucano, den Bürgermeister des italienischen Örtchens Riace. Der Bürgermeister von Riace schuf mit dem »Dorf des Willkommens« ein einzigartiges Projekt des Miteinanders von Italienern und Flüchtlingen. Seit 18 Jahren werden hier in großer Zahl Migranten aufgenommen und mit Wohnung, Arbeit sowie Sprachunterricht in das Dorfleben integriert. Von derzeit 1800 Bewohnern Riaces kamen 550 als Flüchtlinge, belebten das Dorf und verhinderten die Schließung der örtlichen Schule. Inzwischen kommen aus aller Welt Besucher nach Riace, um sich dieses Maßstäbe setzende Modell im Umgang mit Migranten anzuschauen.

 

Noch ein Nachtrag: Auch die Superreichen können sich 2016 (mal wieder) freuen (harharhar), konnten sie doch ihr Gesamt-Vermögen im Jahr 2016 um 237 Milliarden Dollar steigern. Ob damit alle etwa 2000 Milliardäre gemeint sind oder nur die Top-50 oder Top-100 ist dem etwas fischigen Artikel leider nicht zu entnehmen.

 

Abschließend noch ein paar weitere aufmunternde Links. Die NZZ präsentiert einen positiven Jahresrückblick. Hier finden sich in einem etwas älteren Artikel 20 Gründe, warum das Leben heute besser ist denn je. Und hier kommt Medizinprofessor Hans Rosling zu Wort: Die Welt wird besser und keiner glaubt es.

 

So, danke, euch allen ein citrus-frisches Jahr 2016 voller guter Ideen und Taten, und tschüss!

 

P.S.: Vielleicht sollte ich das Cortison absetzen. Das Zeug macht hammer-high.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Große Bücher aus kleinen Verlagen: "Kriechtiere" von Frank Brendel

Der sehr kleine Hamburger Verlag Punktum verfügt über ein überschaubares, professionell

gestaltetes Programm. Dazu zählt das 220 Seiten schlanke Roman-Debut von Frank Brendel,

das bereits 2015 als "Das Feld" vom Autor im Eigenverlag herausgegeben wurde.

Patricia Paweletz und Gabi Schnauder von Punktum-Bücher haben ein gutes Gespür bewiesen,

als sie diese Perle in ihr Verlagsprogramm aufnahmen. Zwar bringt die alltagsnahe Sprache das

Beschriebene nicht eigens zum Leuchten, aber dafür finden sich auch keine Manierismen und

Stilbrüche. Die unpoetische aber klare Sprache dient  als unkomplizierter, vertrauenswürdiger Führer

in die Textwelt. In dieser finden vier Personen an einem Flughafen zusammen. Weil durch den Ausbruch

eines isländischen Vulkans der Flugverkehr eingestellt worden ist, teilen sich der schmierige Lars Kleinschmidt,

die introvertierte Inga Zager, der Nerd Matthias Sobiel und die zugleich toughe und traumatisierte  Yasmin Halabi

einen Mietwagen.  Auf ihrer nächtlichen Fahrt geraten sie immer weiter vom Weg ab und schließlich in ein riesiges

Maislabyrinth, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.

 

"Kein Wunder, dass die Uhr stehen geblieben war, überlegte Sobiel. Wie sollte sie auch messen, wie lange man von A nach B braucht, wenn es hier überhaupt kein B gab? Stattdessen nur eine unendliche Anzahl von identischen A's ... Eine Sinnestäuschung? Ein bizarres Experiment? Ein Hinterhalt? Ein Fluch?"

 

Das Buch ist Klasse! Es richtet sich lässig zwischen U und E und Genres wie Thriller, Roadmovie und Drama ein.

Frank Brendel meistert souverän sowohl die zahlreichen Perspektivwechsel, als auch die Rückblenden,

in denen die vier Charaktere immer greifbarer werden. Dabei wahrt der Autor eine warmherzige Distanz zu seinen

Figuren. Brendel bedient weder sentimentale Stimmungen noch die Lust am oberflächlichen Verurteilen. Auch

Kleinschmidt, der zunächst am wenigsten zur Sympathie einladende Charakter, kam mir zunehmend näher und wuchs 

dabei aus der Eindimensionalität des Blödmanns zu einem Menschen, wie er nun einmal jetzt nicht anders sein kann.

 

Neben der gelungenen Polyperspektive und dem reifen Menschenbild sehe ich die große Stärke Brendels in seinem

Zugang zur Welt, die er als großes, staunenmachendes Wunder beschreibt . Die innere wie die äußere Wirklichkeit sind bei Brendel durch Aufklärung und Wissenschaften nicht kleiner und geheimnisloser geworden. Im Gegenteil: Der magische Realismus geht hier Hand in Hand mit einem großen, teilweise nerdigen Interesse an wissenschaftlichen Phänomenen, ohne durch weltanschauliche Eindeutigkeit platt zu werden. Es mag sein, dass manche Leser Ausführungen zu Tiefsee, Quantenmechanik oder dem Materieerhalt im Universum langweilig finden, ich finde sie toll. Und wenn Brendel am Ende einer zunehmend unheimlichen Reise die Hoffnung quasi-wissenschaftlich als selbstverständliche Kostbarkeit des Universums definiert, dann stellt er sich in eine an den guten Möglichkeiten der Menschen interessierte Tradition, die von Paulus bis zu den Humanisten reicht und mir bleibt zu sagen: Guter Autor, gutes Buch, mehr davon!

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Schock in der Sesamstraße: Elmo hat Trump gewählt

Grobi, Bibo und Kermit stehen mit hängenden Schultern auf dem Bordstein. Sie können es immer noch nicht fassen. Schlimm genug, dass der Demagoge Donald Trump zum künftigen Präsidenten der USA gewählt wurde. Seit gestern müssen die Drei eine weitere Horrornachricht verdauen – im scheinbar liberalen Biotop der Sesamstraße haben nicht alle Puppen die Demokratin Clinton gewählt.   

                                

„Es ist nicht zu fassen“, ächzt Grobi aufgebracht. „Da spaziert er gestern über den Markt und singt mit seinem Falsett my candidate has won. Ohne rot zu werden! Gut, Elmo ist ja auch schon rot.“                                 

 

„Klar, Hillary hat nicht das Charisma eines Obama oder Bernie“, quakt Kermit, „und ja, sie ist ein Falke, aber he, ich bitte euch, Trump?! Das geht  gar nicht!“ Auch der große gelbe Bibo lässt die Flügel hängen. „Was sind das nur für Puppen, die einen größenwahnsinnigen Hetzer wählen?“, sagt er nachdenklich. „Gerade hatten wir ja alle eine Erklärung. Kermit, Bert und Susanne Klickerklacker meinten, es sind die wirtschaftlich Abgehängten, der ungebildete White Trash auf dem Land. Ich, Lulatsch und Mumpitz dachten, es sind die weißen rassistischen Männer“, fasst der große Vogel die Debatte zusammen. Grobi mischt sich ein: „Das Krasse ist: Auf Elmo trifft nichts davon zu. Absolut nichts. Er hat einen guten Abschluss, verdient gut, er ist nicht weiß und er ist kein Mann.“   

 

„Vielleicht ist er Sexist“, gibt Kermit zu bedenken. „So einer wählt lieber einen Demagogen als eine Frau. Es wurde ja verdächtig viel auf dieser Power-Zicke rumgehackt.“               

 

Ganz in der Nähe hebt sich der Deckel einer Mülltonne. Der plötzlich heranwehende Geruch treibt den Puppen Tränen in die Augen. „Sexist?“ ruft Oskar aus der Mülltonne. „Unser Elmo?“                                       

 

„Du hast nicht gewählt“, schnaubt Kermit. „Halt dich da raus.“                                                                      

 

„Also erstens haben Krümelmonster und Schlemihl auch nicht gewählt. Zweitens rede ich, wann und was ich will. Und drittens: Elmo kennt noch nicht mal den kleinen Unterschied. Wie soll er da Sexist sein?“        

 

„Fair enough“, sagt Kermit.                                                                                            

 

„Noch was“, grummelt Oskar. „Graf Zahl hat auch Trump gewählt. Hab gehört wie er in seinem Schloss in der

Wahlnacht El Trumpo gerufen und gelacht hat. Vorher hat er natürlich die Wahlstimmen laut nachgezählt.“ Der Tonnendeckel schließt sich. Kurz ist es still in der Sesamstraße.     

                                                               

„Graf Zahl“, flucht Grobi und ballt die flauschige Faust. „Typisch politisch inkorrekter Zigeunerbaron… äh, ich meine Adeliger mit Migrationshintergrund.“                

 

„Graf Zahl? Das ergibt Sinn“, wirft Bibo ein. „Der war doch immer gegen die Globalisierung.“                                                                                               

 

„Dabei wäre er ohne die gar nicht hier“, sagt Grobi.                                        

         

„Eben“, sagt Bibo. Kermit schaltet sich ein: „Moment Freunde. Mir hat der Graf vor Wochen erzählt, seine Untoten-Altersvorsorge bestehe aus Credit Default Swaps gegen saudische Staatsanleihen.“                                                                                      

 

„Und was hat das mit Trump zu tun?“, fragt Grobi mit brüchiger Stimme. Kermit kratzt sich am Kopf: „Also. Trump steht für Deregulierung der Finanzmärkte, Fracking und keine Unterstützung für die Jihadisten in Syrien und die pro-saudischen Kämpfer im Jemen. Das könnte sich für Graf Zahl rechnen. Moment! Wen haben wir denn da?!“                              

                                         

Sichtlich gut gelaunt flaniert Elmo die Sesamstraße hinunter, auf den „Lippen“ den berüchtigten Elmo’s Song. Grobi, Bibo und Kermit tauschen tiefe Blicke aus. Dann springt Grobi auf, stößt Professor Hastig zur Seite, spurtet zu Elmo und packt den flauschigen Wicht am Schlafittchen: „Elmo, du Hirni.“ Er schüttelt die Puppe. „Wieso verdammmichnochmal hast du Trump gewählt! Spuck’s aus!“     

                     

„Hä?“, quäkt Elmo. „Ich kann machen was ich will. Das nennt sich Demokratie, du Grobian!“ Doch Grobi schüttelt weiter und brüllt: „Der Trump, der Fascho, der schafft die Demokratie vielleicht ab, du Muppet!“        

 

„Hey! Donald ist einer von uns“, fistelt Elmo. „Ein Leben für’s Showbiz, die Haare schön und nie laaaaaangweilig!“           

                                                                           

„Es geht doch nicht um Haare“, wütet Grobi. „Es geht um Inhalte, du klimawandelleugnende Puppe aus Kinderarbeit in der 3. Welt.“  

                                          

„Blablabla, du linksdrehende Fair-Trade-Bio-Hanf-Handpuppe der korrupten Elite. Ich lass mir von keinem was sagen“, ertönt Elmos hohes Stimmchen. „Wieso meinst du, du hast mehr Recht als ich? Wir sind doch alle gleich viel wert, gell? Jede Stimme muss gehört werden. Das sagt ihr liberalen Marionetten doch immer.“                

 

„Weil, weil, weil… Ich einfach Recht habe“, schreit Grobi. Jetzt nähern sich auch Kermit, Bibo und andere besorgte Puppen dem Zentrum des Spektakels. „Du solltest auf die Älteren hören, auf die Gebildeteren, die gefestigten Humanisten. Die Profis! Die, die über ihren Tellerrand schauen und nicht nur an Investment denken wie der Graf.“ Der ansonsten blaue Grobi schillert rötlich.  

                                                

„Nö!“, sagt Elmo und reißt sich los. Pfeifend schreitet er die Sesamstraße hinunter. Während Grobi ihm schwer atmend nachschaut, hebt sich ein weiteres Mal der Deckel der Mülltonne: „Das ist der schöne, jugendfrohe Anfang der Tyrannei“, zitiert Oskar aus der Mülltonne Platon. Es stinkt gewaltig.  

 

 

 

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Zum Hören auf Weblesungen: "Brief an meine ungeborene Tochter"

Dank des für die Literatur in Hamburg fulminant umtriebigen Rüdiger Käßner existiert nun diese Aufnahme eines

seltsamen Textes von mir:

 

http://www.literaturinhamburg.de/Weblesungen.php

 

Bei den Weblesungen gibt es noch über 800 andere Texte zu erhören.

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Tier oder Gott. Ein Gespräch mit Frédéric Valin in "Der Freitag".

Heute findet sich in der Wochenzeitung "Der Freitag" ein Gespräch, dass der Autor Frédéric Valin mit mir über meinen Roman "Vom Licht" geführt hat. Es ist die immer noch lange Kurzfassung eines dreistündigen Gesprächs.
 
Tier oder Gott
Anselm Neft ergründet das Totalitäre und Tragikomische in der menschlichen Suche nach dem Sinn
 
Eine verlassene Ecke in Oberösterreich. Adam, Anfang 20, sitzt im Dachgeschoss eines Selbstversorgerhofs und lässt seine Kindheit Revue passieren. Zusammen mit der drei Jahre älteren Manda wurde er aus einem Heim adoptiert und von den radikalen Gnostikern Norea und Valentin aufgezogen. Eine Schule hat er nicht besucht, kaum einmal andere Menschen
zu Gesicht bekommen. Jetzt, nach Jahren religiösen Hausunterrichts, versucht Adam, nachzuvollziehen, wie er der wurde, der er ist, und was er tun kann, um trotzdem weiterzuleben. In seinem neuen Roman Vom Licht erzählt Anselm Neft eindrucksvoll und sprachgewaltig von einer fragilen Selbstvergewisserung.
 
der Freitag: Herr Neft, Religion hat momentan in der westlichen Literatur keinen sehr hohen Stellenwert, insbesondere nicht ihr mystischer Anteil. Und Sekten sind besonders übel beleumundet. Auch bei mir. In Ihrem Roman wirkt die Spiritualität in ihrer Ernsthaftigkeit aber auf mich gleichermaßen unwirklich und anziehend.
 
Anselm Neft: Es ist nicht meine Absicht, Werbung für die Gnosis oder Aussteigersekten zu machen. Im Grunde wissen ja alle, wie schlimm Sekten sein können, und die, die es noch nicht wissen, brauchen nicht mich, um das herauszufinden. Dazu gibt es schon genug anderes. Die Ablehnung gegenüber Religion insgesamt, wie sie zum Beispiel die New Atheists
praktizieren, geht mir allerdings zu weit, und zwar nicht zuletzt aus ganz pragmatischen Gründen. Wenn man Religion generell lächerlich macht, kann man – beispielsweise in der islamischen Welt – sehr schwer vermitteln. Zu sagen, die Gemäßigten machen ja erst mal nichts so Schlimmes, aber im Kern sind die genauso bekloppt wie die Terroristen – das ist kein konstruktiver Ansatz. Wenn alle Religionen immer scheiße sind, dann fallen die Differenzen weg und damit das humane Element. Ich halte den neuen Atheismus in seiner hemdsärmeligen Variante also für unkonstruktiv. Aber er ist auch lustig. Der Autor des Bestsellers Gotteswahn, Richard Dawkins, beispielsweise verweist gern auf den Dunning-Kruger-Effekt, also dass in einem Bereich inkompetente Leute ihre eigene Inkompetenz verkennen und den Wissensvorsprung anderer nicht mehr anerkennen können. Natürlich spricht er über sich selbst. Die Pointe entgeht ihm, das macht das Ganze besonders komisch.
 
Der Freitag: Ihr Buch wirkt völlig aus der Zeit gefallen, wie ein Traum. Der Schriftsteller und Kritiker Dietmar Dath sagte, es sei wahr und fantastisch zugleich.
 
Neft: Das ist eine Beschreibung, mit der ich sehr glücklich bin. Mir ging es nicht darum, nur abzubilden, was ist, sondern auch um die Frage, welche Mythen die Realität strukturieren und das Begehren hervorbringen, das dann wieder Wirklichkeit formt. Das wirkt entrückt, ist aber hoffentlich nah dran an der Quelle, aus der sich unsere Wirklichkeit speist.
 
Der Freitag: Die Frage, ob es sinnvoll ist, nach dem Sinn zu suchen, bleibt am Ende unentschieden.
 
Neft: Mich hat interessiert, wie es kommt, dass man über Sinn nachdenkt, was ja bedeutet, sich selbst und die eigene Prägung in Frage zu stellen. Und mich hat interessiert, wohin eine solche Auseinandersetzung führt. Es klingt nach einer steilen These: Aber in der Suche nach Sinn liegt bereits etwas Totalitäres. Der Wunsch, den Menschen, so wie er jetzt ist, zu verbessern und eigentlich zu überwinden. Ob durch religiöses Streben, Heldenkult,
Faschismus, den Posthumanismus aus dem Silicon Valley oder vielleicht auch den im Veganismus angestrebten hundertprozentigen Gewaltverzicht – es ist typisch menschlich, das Menschsein überwinden zu wollen. Tiere kennen das nicht, jedenfalls vermutlich nicht. Sie sind einfach das, was sie sind, und kämpfen nicht dagegen an. Das Bedürfnis, entweder Tier oder Gott zu sein, das Verletzliche zu überwinden, nicht zwischen Himmel
und Erde zu stehen, sondern unverrückbar zu sein – dieses Bedürfnis ist ein tragikomisches. Es gibt für mich in der Auseinandersetzung mit diesen Fragen keine finale Antwort, aber etwas Erdendes, etwas Melancholisches.
 
Der Freitag: Ihr Protagonist Adam versucht, den Sinn durch Schreiben zu ergründen; gleichzeitig aber misstraut er den Worten, sie zerfließen ihm unter der Hand.
 
Neft: Ja, das ist die Tragik des Schriftstellers. Mich hat das Schreiben an Vom Licht, vorsichtig ausgedrückt, in einen Zustand leichter Melancholie versetzt, weil es mir ähnlich ging wie Adam: Man versucht, mit Worten zu knacken, was durch Worte entstanden ist. Das ist ein absurder Prozess, weil Selbstvergewisserung oft eher Selbstvernebelung ist, aber dennoch einer, der angesichts der Alternativen am meisten taugt. Ich denke, wir kommen nicht drumherum, die Scheiße, die andere und wir selbst mit Worten anrichten, durch andere Worte wieder neu zu rahmen und dadurch neue Sinneinheiten zu stiften. Eine Evolution der Kultur, die aber kein Ziel haben muss, außer ständig neuen Quatsch zu
fabrizieren und zu verhindern, dass es noch schlimmer wird.
 
Der Freitag: Und daraus entsteht dann der absurde Humor.
 
Neft: Ja. Ich mag die nihilistische Perspektive, wenn sie nicht auf einen Kulturpessimismus, sondern auf Humor hinausläuft; wie bei Beckett zum Beispiel. Ich finde auch "Vom Licht" auf bestimmte Weise lustig. Adam macht einen riesigen Klimbim mit Worten, und am Ende merkt er, dass man damit alles und nichts begründen und ganze Welten erschaffen und wieder zerstören kann. Der Prozess ist unterhaltsam, aber das ist nicht der Weg, eine für sich selbst richtungsgebende Wahrheit zu entdecken. Am Ende zieht Adam eine Konsequenz und verabschiedet sich von der Sprache.
 
Der Freitag: Was ihn aber in die Autonomie führt, was ihn unabhängig macht von Norea, ist sein Begehren, das sich einerseits inzestuös manifestiert…
 
Neft: Das halte ich geradezu für stilbildend in Sekten.
 
Der Freitag: … andererseits aber auch durch die Lektüre de Sades, des brutalsten Aufklärers.
 
Neft: Dass der Marquis de Sade der Brutalste der Aufklärer war, mag für seine Schriften gelten. Tatsächlich aber zeigte er sich praktisch als Humanist. Robespierre berief de Sade als Revolutionsrichter, und im Rahmen dieser Tätigkeit sollte er natürlich auch Todesurteile aussprechen. De Sade aber weigerte sich, weil ihm Töten aus politischen Gründen pervers vorkam; dafür wäre er beinahe seinerseits auf dem Schafott gelandet. Aber ich denke nicht, dass die Lektüre von de Sade Adam ausbrechen lässt. Es ist eher sein Wille, zu leben und sich zu entfalten.
 
Der Freitag: Die Zieheltern sind Gnostiker, die die Aufklärung hinter sich gelassen und sich aus der Welt genommen haben. Adam selbst kommt am Ende über die Worte zur Entscheidung,
dass er was tun muss, und zieht in die Welt hinaus; oder vielmehr: Er kämpft sich in die Welt hinein.
 
Neft: Ja, diese Lesart gefällt mir. Die Zieheltern sind nicht trotz, sondern gerade wegen der Aufklärung religiös geworden. Ihr Wappenspruch wäre ein „Credo quia absurdum“. Für sie gehören, wie Wittgenstein sagte, Tatsachen alle zur Aufgabe, nicht zur Lösung; diese Einsicht nehmen sie als Freibrief. Wir könnten sie postfaktische und damit absolut zeitgemäße Menschen nennen.
 
Der Freitag: Heute manifestiert sich das Postfaktische ja vor allem in rechtsgerichteten Bewegungen, die einer ressentimentgeladenen Weltsicht nachspüren. Ihre Anhänger werden sich in dem Buch allerdings nicht wiederfinden. Was Trump, Petry, Pegida und so weiter auszeichnet, ist ja gerade ihr selbstsicherer Auftritt; davon sind Norea und Valentin weit entfernt.
 
Neft: Das sollten wir den Lesern überlassen, welche Parallelen sie entdecken. Ich kann nur vermuten, dass Valentin und Norea womöglich gerissener, konsequenter und ein bisschen offensichtlicher depressiv, verzweifelt, auch suizidal sind als der übliche Populist. Sie haben weiter gedacht, sie glauben nicht an eine immanente Lösung: Hedonismus, Faschismus, Kommunismus – das ist für sie alles Quatsch, da es nur unter irdischen, also begrenzten, vergänglichen, höchst störanfälligen Bedingungen auf den Weg zu bringen ist. Ihre Kritik setzt am Körper an, am Dasein an sich. Adam ist durch sie geprägt. Wenn er leben will, muss er sich gedanklich, emotional und physisch gegen diese Positionen behaupten.
 
Der Freitag: Und der erste Schritt dazu ist das Schreiben.
 
Neft: Ja.
 
Der Freitag: Das rehabilitiert die Kultur wieder.
 
Neft: Wir werden da also nie ganz rauskommen. (lacht und bestellt
eine Linsensuppe).
 
Das Gespräch führte Frédéric Valin
der Freitag | Nr. 44 | 3. November 2016
 
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Interview in einer Zeitschrift für Eperimentelles

Die Novelle -- Zeitschrift für Experimentelles führte mit mir ein bodenständiges Interview zum Thema "Bedingungsloses Grundeinkommen".

 

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Radiobeitrag über die alte Frage "Unterhaltung oder Literatur?"

Im Literaturradio Bayern  wurde Anfang August dieses kleine Feature gesendet. Thema: Warum gibt es inbesondere auf dem deutschsprachigen Buchmarkt die Trennung zwischen ernsthafter Literatur und Unterhaltung? Welchen Kriterien unterliegt sie? Was bedeutet dies für Autoren, die mit ihren Werken weder klar in die eine noch in die andere Schublade passen? Tanja Steinlechner, Autorin und Lektorin und Betreiberin der Autorenschule "Schreibhain" hat für ihren Beitrag das Autorenduo "Ule Hansen", die  Autorin Henrike Spohr, die Literaturagentin Gesa Weiss und mich befragt.

 

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Sex für Anfänger -- zur Verfilmung von 50 Shades of Grey

 

Das Handwerk des Satirikers ist ein fragwürdiges. Anstatt sich mit dem Wahren, Schönen und Guten zu befassen, wühlt er wie eine Sau im Dreck, um die fiesesten Klumpen heraus zu zerren und so lange zu bearbeiten, bis sie feinziseliert vor den Augen der Weltöffentlichkeit liegen und lauthals belacht werden können. Während also andere an diesem Karnevals-Donnerstag bei erlesenem Sonnenschein als Pilz, Politesse oder Pandabär durch die Straßen irrlichtern und gutgelaunte Alkoholiker und Sexsüchtige ihre Passionen als Brauchtumspflege ausleben können, sitze ich in einem kleinen zugigen Kino und sehe mir „50 Shades of Grey“ an. Ich hebe den Altersdurchschnitt deutlich. Der zu zwei Dritteln gefüllte Raum gehört der Jugend. Ob die vielen Mädchen und vereinzelt eingestreuten Jungen tatsächlich um die 16 Jahre alt sind, wie ich glaube, oder doch ein paar Jahre  älter, kann ich ohne Ausweiskontrolle nicht ergründen. Ich setze mich in die erste Reihe und zücke Stift und Kladde. Das wirkt sicher seriös.

 

Bereits die Werbung hat es in sich. Gleich zweimal wird ein Produkt namens Vagisan eingeblendet. Wer diese Feuchtcreme nutzt, braucht kein Gleitgel mehr. Ein Mädchen in der Reihe hinter mir sagt: „Ey, personalisierte Werbung für dich, Julia!“ Ob hier noch jemand Pornosan kennt, das heiße Phantasietonikum unserer heißlebigen Zeit? Egal. Skizzieren wir lieber die Handlung von „50 Shades of Grey“: Ein romantischer, intelligenter Backfisch namens Anastasia Steele lernt durch ein Interview für die Uni-Zeitung den 27jährigen Milliardär Christian Grey kennen und findet ihn atemberaubend, wie er da so souverän und semi-charmant in seinem riesigen Hochglanzbüro im Chefsessel sitzt. Anastasia ist gekleidet wie eine Zeugin Jehovas und gibt Christian vielleicht gerade deshalb das Gefühl, erkannt zu werden. Als er sagt Die Menschen, die mich gut kennen, sagen, ich habe kein Herz, sagt sie: „Ich glaube irgendwie nicht, dass es Menschen gibt, die Sie gut kennen.“ Volltreffer!

 

Es entspinnt sich eine verkorkste Liebesgeschichte, in der früh Sätze fallen wie: „Ich bin nicht der Richtige für dich. Es ist besser du gehst.“ Oder auch „Du triffst den Hagel auf den Nopf!“ (Nein, das denke ich mir nicht aus.) Klar, dass die Studentin durch diese rätselhafte Angebotsverknappung richtig Feuer fängt. Sie will mit Christian schlafen, aber er sagt: „Ich schlafe nie mit jemandem, ich ficke.“ Und damit ist der Kernkonflikt bereits auf den Punkt gebracht. Sie will mit ihm schlafen, er will sie ficken. Wer kennt das nicht? Kaum beginnt man eine Intimbeziehung führt man schillernde Dialoge:                         

 

Er: „An dieser Lippe würde ich gerne knabbern.“                                                                       

Sie: „Warum tust du es nicht?“                        

Er: „Ich werde dich nicht berühren. Nicht ohne deine schriftliche Einwilligung.“

 

Moderne Beziehungen sind ja ein komplexer Prozess, in dem zwei Individuen einen gemeinsamen modus vivendi aushandeln. Okay, du darfst ab jetzt kontrollieren, mit wem ich wann was mache, dafür verhalte ich mich zwischen 15.00 und 22.00 Uhr wie ein trotziges Kleinkind. Und wenn ich dir jeden ersten Samstag im Monat ins Gesicht spritzen darf, dann komme ich Weihnachten mit zu deinen Eltern. Bei der Uni-Absolventin und dem jungen Self-Made-Milliardär ist es nicht anders. Sie treffen sich zu einem verrucht ausgeleuchteten Businessmeeting bei Weißwein und Sushi und gehen einen von Christian aufgesetzten Vertrag durch. Anastasia unterschreibt ihn nicht. Vertragspunkte wie „Analfisting“ und „Genitalklammern“ streicht der kleine Frechdachs sogar einfach durch. Als Christian ihr sein Spielzimmer zeigen will, fragt sie: Ist da deine X-Box drin? Nein, es ist keine X-Box da drin. Da drin sind Peitschen und Handschellen und ein dunkelrot bezogenes Bett. Christian möchte der Dominante sein, Anastasia soll die Subdominante sein – so wird für ihn Musik draus. Sie fragt, was sie davon hat. Er antwortet: „Mich.“                                                                                 Teufel, denke ich, der Kerl hat es raus.                                               

Kurz darauf ergänzt er: „Wenn du einwilligst, meine Sklavin zu sein, dann bin ich dir treu ergeben.“ Damit bringt Christian das traditionelle Mann-Frau-Arrangement lässig auf den Punkt. Gerade die Anhänger abrahamitischer Religionen sollten hier aufhorchen und "50 Shades of Grey" als inspirierende Aufforderung begreifen: Anstatt sich wegen dröger Detailfragen in Zwistigkeiten zu verzetteln, sollten sich Christen, Juden und Moslems solidarisieren und auf eine gemeinsame Kernkompetenz fokussieren: Frauen klein halten.

 

Vielleicht haben die Kapitalisten längst den besseren Mythos zur Hand, um Mann und Weib gefügig zu machen und bis tief hinein ins persönliche Begehren zu formen: Was kümmert die Jungfrau von heute das Paradies, wenn sie als Alpha-Weibchen reüssieren kann? Ganz so leicht ist es mit den Mädels allerdings nicht. Anastasia hat ihren eigenen Kopf. Darin wuchert die Frage: Ist Mr. Rich auch Mr. Right? Zunächst denkt sie sich: Schwamm drüber, das wird schon. Sie lässt sich von Christian entjungfern und ein bisschen herumkommandieren und auch mal väterlich den Hintern versohlen. Das ist konventionell gefilmt, aber für Hollywoodverhältnisse nicht besonders künstlich, dämlich oder pornografisch. Erotisch ist das auch nicht: Christian mit den kurzen Daumen und der Ausstrahlung eines verklemmten Serienmörders ist einfach zu abtörnend. Fehlende natürliche Autorität muss der lurchhafte Muskelmann mit dem zerissenen Innenleben ständig mit Geld und Manipulationstricks (vom überteuerten Geschenk über unangemeldetes Aufkreuzen bis zur herzergreifenden Kindheitsgeschichte) ausgleichen. Ganze Generationen von Machos schütteln pikiert mit dem Kopf.

 

Als Christian in seinem Spielzimmer zur Peitsche greift und damit sechsmal aufs Gesäß seiner Herzensdame drischt, die jeden Schlag mitzählen soll, reißt ihr der Geduldsfaden und sie macht Schluss. Er versucht, sie umzustimmen, aber sie geht und der Film ist aus. Vorher hat Christian noch erzählt, dass er der Sohn einer Crackhure ist, im Alter von vier Jahren in bessere Verhältnisse adoptiert wurde und mit 15 ein Verhältnis zu einer Freundin seiner Mutter hatte. In diesem war er der Sexsklave. Seltsamerweise sagt er Anastasia, dass er sich frei und geborgen fühlte, wenn er die Kontrolle abgab. Man fragt sich, warum er  sich diese Freiheit und Geborgenheit nun versagt. Aber geschenkt. Einigen wir uns darauf, dass der junge Mann, der eine sehr ernste und froschhafte Variante des frühen David Hasselhoff verkörpert, einfach nicht aus seiner Haut heraus kann. Sein sexueller Fetisch – wenn auch anfangs aufregend für das unerfahrene Mauerblümchen – ist Anastasia auf lange Sicht zu festgefahren, unpersönlich und lässt ihr zu wenig Entwicklungsmöglichkeiten. Da Christian ein zwanghafter und übergriffiger Kontrollfreak mit Angst vorm Kuscheln ist, vermag er Anastasia trotz etlicher Baumarkt-Utensilien auf lange Sicht nicht zu fesseln.                          

 

In meiner Kladde habe ich acht Minuten Blümchensex und knapp fünfzehn Minuten seichte Bondage- und SMS-Szenen notiert. Nichts, was man nicht mit der ganzen Familie gucken könnte. Antifeministisch ist der Film auch nicht. Im Gegenteil – das, wogegen sich Feministinnen unter anderem wehren – männliche Kontrollwut und erotischer Egozentrismus – werden hier liebevoll pathologisiert. Auch ein smarter, gutaussehender Milliardär beißt mit dieser Vollmeise bei einer freundlichen Dame aus der Mitte der Bevölkerung nach kurzer Zeit auf Granit. Vorher darf sie ein bisschen in ihren Unterwerfungsphantasien schwelgen und davon träumen, zu den 1% zu gehören, die den Rest der Welt in den Allerwertesten ficken. Hoffen wir, dass es keinen zweiten Teil gibt, indem Anastasia es sich anders überlegt.

 

Lohnt es sich, den Film zu gucken? Wer „Neuneinhalb Wochen“ zu aufregend fand, oder den eigenen Kindern schonend beibringen will, warum Papi und Mami jetzt nicht mehr zusammenleben, ist mit der ansprechend gefilmten und solide geschauspielerten Kinoversion von „50 Shades of Grey“ womöglich gut beraten. Ich fand den Film teils zäh und teils unterhaltsam. Im Großen und Ganzen ist das typische Hollywood-Romanzen-Konsumenten-Pornographie mit Luxushotels, feschen Autos und Hubschrauberflügen. Erfrischend wird es, wenn die neugierige, junge Frau, dem in sich gefangenen Fetischisten Paroli bietet. Da wäre eine starke Komödie drin gewesen, stattdessen hagelt es ernst gemeinte Dialogsegmente wie „Wir sollten miteinander reden.“ Oder: „Wieso lässt du mich nicht an dich ran?“ Oder: „Die größte Angst, ist die in deinem Kopf.“ Von der kleinen Angst im Arsch redet allerdings niemand.                                   

Extrem wache Chronisten der Gegenwart – qui, c’est moi – werden auch aus dem labbrigen Kelch dieser cineastischen Sumpfblüte soziologischen Nektar zu saugen wissen. Wenn weltweit 100 Millionen Leser und vor allem Leserinnen diese schlichte, unblutige und kaum noch metaphorische Dracula-Variante goutieren, heißt es, einmal genauer hinzusehen. Was wird hier über Mann-Frau-Beziehungen im 21. Jahrhundert erzählt?                           

1. Die Anforderungen sind gestiegen. Für eine Frau reicht es heutzutage nicht mehr, jung und gutaussehend zu sein. Sie muss auch aufgeschlossen und klug sein. So sagt Anastasia ganz am Anfang wie nebenbei: „Ich habe ein Navi und einen Durchschnitt von 1,0.“ Für die Männer kommt’s noch dicker: Christian Grey hat nicht nur ein paar Milliarden, etliche Autos und Hubschrauber, er hat auch ein Sixpack, kann melancholische Klavierstücke spielen, weiß, das Thomas Hardy nicht der Kompagnon von Stan Laurel gewesen ist und vermag ein rührendes Kinderschicksal ins Feld zu führen. Und trotz alle dem bekommt er am Ende einen Korb, weil er im Bett schwächelt.                                                                       

 

2. Nähe-Distanz-Fragen und unterschiedliche Auffassungen von Romantik dominieren die moderne Zweierbeziehung, die sich im traditionellen Dreieck aus Macht, Sex und Ökonomie ihr behagliches Plätzchen suchen möchte. „Warum Liebe weh tut“ heißt ein postmoderner Klassiker. Darin untersucht die israelische Soziologin Eva Illouz heutige Liebesbeziehung anhand von Begriffen des Tauschs zwischen ungleichen Marktteilnehmern. Anders als in der Romantrilogie suggeriert die Verfilmung des ersten Teils von „50 Shades of Grey“: Bei allem Geld und aller Macht ist Christian mit seinem Zwang, alles zum Ding machen zu müssen, selbst eine defekte Ware, die jeder umtauschen würde, der keinen kompatiblen Dachschaden hat.

 

3. Geschäftsverträge werden auch im Privatleben immer wichtiger.                             

 

4. Weibliche Unterwürfigkeit ist eigentlich eine prima Sache für Menschen, die das wilde, freie Sexualleben überfordert. Die Frau kann kaum was falsch machen. Sie liegt oder kniet rum, wie ihr aufgetragen wird, und der Mann ist verantwortlich für die Show. Der Mann wiederum braucht keine Angst zu haben, dass die Frau mit eigenen, vielleicht sogar spontanen Sexeinfällen die ganze Stimmung zu Nichte macht. Der Mann minimiert seine Angst davor, nicht zu begehren, in dem er seine Masturbationsphantasien ungestört nachstellen kann. Die Frau minimiert ihre Angst, nicht begehrt zu werden, indem sie zur willen- und verantwortungslosen Puppe wird. Alles ausgehandelt nach Regeln, die im wilden Dickicht der Erotik Sicherheit geben. Sexuellen Anfängern, wie zum Beispiel Teenagern*, Salafisten-Imamen oder anderweitig Beeinträchtigten, ist der gezeigte reaktionär-geschlechtsspezifische Sadomasochismus als leichter Einstieg zu empfehlen. Man muss es ja nicht gleich übertreiben wie die Protagonistin in Lars von Triers „Nymphomaniac“. Dieser Film hat zwar mit „50 Shades of Grey“ nur eine sehr geringe Schnittmenge was intellektuelle Komplexität, Ästhetik, Tiefe der Figurenzeichnung, ironische Brechung und Realitätssättigung angeht. Es gibt aber doch eine nicht unerhebliche Gemeinsamkeit: Beide Filme blicken ohne zu urteilen auf problematische Seiten der Sexualität. Wer sucht sich schon aus, was ihn oder sie kickt?

 

Ich gehe vergnügt aus dem Kino. Mein Sexualleben ist reicher und aufregender als das eines gestählten 27jährigen Multimilliardärs, den viele Millionen Leserinnen in ihren harmlosen Phantasien heraufbeschwören. Und das ist für die nachmittägliche Dreckwühlerei eines Teilzeit-Satirikers doch allemal ein erfreuliches Ergebnis.

  

 

* Der Philosoph Adam Phillips behauptet in seinem lesenswerten Essay "Sane Sex", dass die meisten von uns sich gerade sexuell nie ganz von der Pubertät erholen.  

 

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Der weibliche Weg zum Glück -- über biologische Forschung contra Gendertheorie

 

Weil gerade der Tagesspiegel eine brandneue Studie vorstellt, anhand derer Biologinnen und Biologen die Theorie aus den Angeln heben wollen, dass Geschlecht ein gesellschaftliches Konstrukt ist, möchte ich einen Artikel zum Besten geben, den ich zu einem Spiegel-Aufmacher aus dem Jahre 2008 verfasst habe. Darin wird eine vergleichbare, semi-seriöse Studie als heißer Scheiß ausgegeben. Hier meine semi-seriöse Anmerkung dazu:

 

Fast immer wenn ich gerade denke, dümmer geht es in Sachen Mediennarretei nicht mehr, kommt eine neue Ausgabe des Spiegel heraus und beweist: Oh wohl, es geht noch dümmer! Tatsächlich musste ich heute morgen am Kiosk zweimal hinsehen, als ich die neue Ausgabe sah: „Die Biologie des Erfolgs. Warum Frauen nach Glück streben – und Männer nach Geld.“ Der effektheischende Gedankenstrich vor „und Männer“ wäre gar nicht nötig gewesen, um zu verraten, dass hier eine neue journalistische Meisterleistung der Lektüre harrte. Natürlich kaufte ich das Blatt nicht, sondern las es in einem nahe gelegenen Café. Es gibt eine Faustregel: Erinnert das Titelbild einer Spiegel-Ausgabe an die Bildchen, mit denen die Zeugen Jehovas ihre Broschüren verzieren, dann geht es um etwas Religiöses – um Gott, Gene oder Geschlecht. Diesmal sitzen im orangefarbenen Rahmen ein nackter Mann und eine nackte Frau auf verschiedenen Planeten. Der Leitartikel baut erst einmal mächtig Spannung auf: Ja, es gehe um die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Das sei ein heißes Eisen. Ganz neue Erkenntnisse stünden da ins Haus, denn diesmal ginge es nicht um Stammtischgerede, diesmal wären es nicht die Ideen eines Bischof Mixa oder einer Eva Hermann, nein, diesmal hätte eine echte Wissenschaftlerin etwas Sensationelles beizusteuern. Susan Pinker, eine Entwicklungspsychologin der McGill-Universität in Montreal. Und nicht nur Wissenschaftlerin sei sie, nein, auch Feministin, und sie sei über ihre eigenen Studien-Ergebnisse erschrocken, da sie ja mit der Vorstellung groß gezogen worden sei, Männer und Frauen wären vollkommen gleich und würden nur durch Erziehung und Milieu in Rollenförmchen gepresst.

 

Pinker hat ein Buch geschrieben, das dieser Tage auch auf Deutsch erscheint: The Sexual Paradox: Men, Women and the Real Gender Gap. Pinkers These darin ist erfrischend simpel: Frauen entscheiden sich öfter gegen eine Karriere als Männer, weil sie biologisch anders zusammengerührt sind als diese. „Die weibliche Hirnaktivität bremst Ehrgeiz im Wettbewerb.“ Damit man sich diesen komplizierten Sachverhalt besser vorstellen kann, druckt der Spiegel die Graphik eines Gehirns ab. Verschiedene Zonen darin sind mit blauen oder roten Punkten markiert, je nachdem ob das entsprechende Areal bei Frauenhirnen größer oder kleiner ist als bei Männerhirnen. So ist der Hypothalamus, der unter anderem die sexuelle Aktivität steuert, beim Mann größer. Das Areal das „für Gefühl zuständig ist“, ist bei der Frau größer. Der Spiegelartikel zeigt sich jedoch erstaunlich skeptizistisch: Es sei nicht sicher, ob die Größe eines Hirnareals irgendetwas über seine Dominanz oder Wirkung aussage, aber bei Ratten sei es schon so, dass es da so etwas wie Zusammenhänge gäbe. Also vermutlich. Und die Karriereentscheidungen von Ratten sind schon ein durchaus lohnendes Forschungsthema.

 

Ein anderer Forscher wird mit zwei spektakulären Experimenten zitiert. Baron-Cohen, ein britischer Psychologe und Direktor des Autismus-Forschungszentrums ARC in Cambridge, hielt männlichen und weiblichen Säuglingen, die je gerade einen Tag alt waren, abwechselnd ein Mobilé und ein menschliches Gesicht vor die halb-blinden Äuglein. Tatsache: Die Mädchen reagierten stärker auf das Gesicht, die Buben mehr auf das Mobilé. „Frauen und Technik passen schlecht zusammen“, weiß auch Frau Pinker.

 

Noch eindrucksvoller erschient mir aber die zweite Versuchsanordnung des Baron-Cohen: Grünen Meerkatzen wurden diverse Spielzeuge dargeboten, und siehe da: die Männchen schnappten sich Spielzeuglaster und Bälle, die Weibchen Stoffpuppen. Und da rede noch einmal jemand von Sozialisation! Ich selbst habe eben einen Test gemacht und bei den verschieden geschlechtlichen Zwillings-Babys meiner Nachbarn ein Pendel ausgepackt. Ohne zu wissen, welches Baby in welcher Wiege lag, schwang mein Pendel über der rosafarbenen Wiege im bauchig-harmonischen Kreis, über der blauen im männlich-markanten Quadrat.

 

Der Spiegel-Artikel verfolgt keine einheitliche Linie, plötzlich schlägt die muntere Betrachtung nämlich einen Haken, indem Susan Pinker mit folgender Aussage zu ihren hochmodernen Tomographen-Erkenntnissen über Männer- und Frauenhirne zitiert wird: „Meist sind die Unterschiede innerhalb eines Geschlechts deutlich größer als die zwischen Mann und Frau.“ Aber dann, so befiehlt es mir mein männlich-analytisches Gehirn zu denken, dann erklären diese Hirnstudien doch gar nichts. So möchte sich Pinker allerdings auch nicht verstanden wissen. Im „Spiegel-Gespräch mit der Entwicklungspsychologin Susan Pinker über die Irrtümer der Frauenbewegung und den weiblichen Weg zum Glück“ äußerst sich Pinker so: „Diese [biologischen] Unterschiede können eine enorme Bedeutung bekommen. Denken Sie nur an all die männlichen Geschäftsführer und die wenigen weiblichen. Um Geschäftsführer zu werden, muss man sehr getrieben sein und aggressiv. Vermutlich ist dabei Testosteron im Spiel.“ Potzblitz! Nicht nur, die vielleicht unterschiedlich großen Hirnbereiche, die eventuell bei Ratten, Schlüsse zulassen, die dann natürlich sehr reduktionistisch sind und mit vielen anderen Faktoren in Beziehung gesetzt werden müssten – nein, auch noch das gute, alte Testosteron, das vermutlich die Männer zur Karriere treibt. Mit derart bahnbrechenden Überlegungen empfiehlt sich Frau Pinker bereits jetzt für den Nobelpreis (der genetisch bedingt bisher zu 95% an Männer ging).

Und es ist ja eine bekannte Tatsache, dass sich alte Männer, deren Testosteronspiegel sinkt, kaum noch für Karriere interessieren und am liebsten in einen „Frauenberuf“ wie Bibliothekarin, Krankenschwester oder Klofrau wechseln möchten.

 

Susan Pinker will ja eigentlich nur spielen und meint es gar nicht böse, wie der vor sich hin irrende Artikel zu verstehen gibt. Sie wolle nicht leugnen, dass Frauen im Berufsleben oft diskriminiert würden und vieles an sozial erlerntem Verhalten liege, nur eben die Biologie, die spiele ja vielleicht auch irgendeine Rolle.

 

Nach Belegen, dafür gefragt, dass Frauen lieber mit Menschen zusammenarbeiten als Männer, antwortet Pinker: „70% aller Promotionsarbeiten im Fach Psychologie werden in den USA von Frauen verfasst.“  Einer derart zwingenden Beobachtung kann sich wohl niemand entziehen. Denn klar: Nichts ist so gesellig, nichts entspricht so sehr dem, was man unter „was mit Menschen“ versteht, wie eine Doktorarbeit zu verfassen. 

 

Geschrieben wurde der putzige Artikel, der versucht, alles richtig zu machen und den Anschein erweckt, tatsächlich etwas zu bieten, was nicht alle Jahre wieder daher gelallt wird, von vier Menschen, bei denen ich mir nicht vorstellen mag, dass sie älter als 18 Jahre sind, klingen sie doch wie von einer neuen Kinderbuch-Gang: Katja Thimm, Samiha Shafy, Nils Klawitter und Beate Lakotta.

 

In der gleichen Spiegel-Ausgabe kommt übrigens auch noch Großmeister Paulo Coelho zu Wort: „Wir stehen an einem Scheideweg. Die Frage ist, ob wir den Weg des Weiblichen, der Spiritualität gehen wollen.“ Der bauernschlaue Coelho hat natürlich erkannt, was auch in dem lustigen Pinker-Artikel zu lesen steht: „Tatsächlich bestimmen typisch weibliche Themen wie Moral, soziale Verantwortung, Gerechtigkeit und Einfühlungsvermögen derzeit auffallend die Management-Literatur.“

 

Bevor ich mich gleich wegen der Aussage „typisch weibliches Thema Moral“ übergebe, muss ich mich aber doch noch kurz freuen: Eine Welt, in der erwachsene Menschen Forschungsgelder darauf verwenden, grünen Meerkatzen Spielzeug vorzulegen, um nach geschlechtlichen Präferenzen zu fahnden, mag zwar durch und durch bekloppt sein, aber sie ist auch sehr, sehr lustig. Und: wo so was bezahlt werden kann, das ist bestimmt genug Geld für alle da!

 

P.S.: Nicht, dass ich jedes konstruktivistische Geblödel, dass unter "Gender-Studies" firmiert, ernst nehme, aber was da aus der "biologischen" Ecke kommt, ist, wenn es zu Soziologie aufgebläht wird, nicht nur in der Regel denkerischer Unfug, es atmet auch den Geist des Reaktionären, der echte oder angebliche biologische Unterschiede heranzieht, um menschengemachte Ungerechtigkeiten zu bagatellisieren.

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Evil dead -- damals und heute

Magister Nachit faltet zufrieden die Hände auf seinem Wanst. Die Kinoleinwand ist schwarz geworden, gleich beginnt der Film. Ich sitze gutgelaunt neben dem prächtigen Frankomarokkaner, einem ausgewiesenen Connaisseur des Obskuren, Schattenhaften, Grotesken und beizeiten schlichtweg Widerwärtigen. Wer sonst hätte mich an einem Fronleichnamsabend in das Kölner Cinedom begleitet, um den Film „Evil Dead“ zu sehen, einen Streifen, dessen amerikanisches Verleihplakat mit folgendem dämlichen Slogan wirbt: The most terrifying film you will ever experience.

 

Obwohl in Köln seit vielen Tagen zum ersten Mal die Sonne ballert, ist der Kinosaal rappelvoll. Außer Magister Nachit und mir gibt es nur sehr wenige Zausel mittleren Alters, darunter eine Frau, die wie eine resolute Finanzbeamtin aussieht, für die Gary Larson eine Brille entworfen hat. Und direkt hinter uns sitzt ein Mittvierziger-Paar, bei dem der Mann die verkrampft-unterwürfige Schein-Normalität des Ex-Junkies ausstrahlt. Das restliche Publikum besteht aus Menschen in der Blüte ihrer Jugend. Allein in der Reihe vor mir zähle ich sieben Baseballkappen und acht XXL-Eimer mit Popcorn.

 

Gleich neben mir hat sich eine vierköpfige Clique niedergelassen, bei der es sich vielleicht um Berufsschüler, vielleicht auch um Studenten handelt. Da scheinen mir heutzutage die Übergänge fließender als zu meinen Unitagen. Das Mädchen, das gleich neben mir sitzt, sagt: „Ich habe keinen Bock auf den verfickten Kack, ich scheiß mir jetzt schon in die Hose.“ Vermutlich doch eine Studentin, schließlich hat sie zwei Sätze gesprochen, ohne „Alter“ zu sagen. Ich bescheide dem guten Kind, dass es sich gerne einscheißen dürfe, aber auf unkontrolliertes Kreischen, namentlich in mein Ohr, bitte verzichten möge. Die junge Dame sieht mich interessiert an. Auch der junge Mann neben ihr wirkt überdurchschnittlich aufmerksam. Nach einer kurzen Pause füge ich hinzu: „Genaugenommen bin ich auch gegen das Einscheißen.“ „Geht klar!“, sagt das Mädchen souverän in das Gelächter ihrer Clique. Und schon geht es los.

 

Bei „Evil Dead“ handelt es sich um das Remake des Films „The Evil Dead“ aus dem Jahre 1981, der in Deutschland als „Tanz der Teufel“ beschlagnahmt wurde und bis heute indiziert ist. Also ein Film mit gutem Ruf unter Horrorfilmfreunden. Ich hatte das Glück im Alter von 13 Jahren über einen älteren Freund an eine ungeschnittene VHS-Version des Werkes zu gelangen. Der billig gedrehte Film hatte bei mir den Effekt eines unrund verlaufenden LSD-Trips mit Langzeitwirkung, weswegen ich „Tanz der Teufel“ in kurzer Folge noch zwei weitere Male ansah, nicht ohne zwei Gleichaltrige mit reinzuziehen.

 

Die Handlung ist schnell erzählt: Fünf junge Menschen, zwei Männer und drei Frauen, suchen eine Hütte im Wald auf und beschwören zufällig eine dämonische Macht, die nacheinander in die Mädels rauscht und in diesen Wirtskörpern nur zur Ruhe gebracht werden kann, wenn diese vollständig zerstückelt werden. Gut, das klingt jetzt weder nach komplexer Dramaturgie, noch nach einem Kultklassiker des emanzipatorischen Frauenkinos, aber das Inferno, das da 1981 von ein paar Filmstudenten für 90.000 Dollar entfesselt wurde – mit toller, eigenwilliger Kameraführung, sehr eigenständiger und effektiver Tonspur sowie einem soliden „over-the-top“-Ansatz in Sachen Terror und Gewalt – ja, diese grausam-komische Dämonen-Entfesselung gehört bis heute zu den Perlen rustikaler Unterhaltung und kann auch in unseren Tagen Pubertierenden auf der Suche nach einem Initiationsritus uneingeschränkt empfohlen werden. Klar, man kann als junger Mensch auch coole Skitouren, einen aufregenden Surfurlaub, Petting oder Interrail machen, aber es ist nun einmal nicht jedem alles im gleichen Maße möglich.

 

Ich möchte das anhand meiner eigenen Person ein wenig verdichtet illustrieren: In der Mittelstufe fand ich mich eines Tages auf dem Schulhof zwei Gruppen Jugendlicher gegenüber. Die eine Gruppe bestand aus gut gewachsenen, cool gekleideten Teenagern, die gut in der Schule waren, ohne als Streber zu gelten, und die in ihrer Freizeit viel Sport machten, geile Musik auflegten und mit anderen netten Teenagern ausgingen und coole Projekte und interessante Reisen für die Zeit nach dem Abi planten. Die Jugendlichen dieser Gruppe tranken morgens frischgepresste Säfte in lichtdurchfluteten Küchen, während ihre schönen Eltern in weißen Bademänteln dasaßen und ihnen sanftmütig lächelnd das dichte Haar zerwuschelten. Mein Blick wanderte zur anderen Gruppe: Da standen anorektische Scheidungskinder, aufgeschwemmte Trauerklöße, blasse Bettnässer, stotternde Hampelmänner in schwarzen Rüschenhemden, neurotische Weltverbesserer in Hosen aus Sackleinen, depressive Drogen-Diven und giggelnde Pickel-Geeks. Ich sah, dass mir aus der ersten Gruppe jemand zuwinkte: „He, komm ruhig zu uns, Anselm. Passt schon.“ Das hatte nett, aber nicht zwingend geklungen. Die Frischsaft-Teenager kamen ganz offensichtlich auch bestens ohne mich klar. In der zweiten Gruppe sagte niemand etwas. Es lud mich auch keiner ein, aber die verstohlenen Blicke sprachen Bände: Man wollte mich. Man wollte mich unbedingt. Ich hatte damals zwei Leitsätze: 1. Ein Mann muss da hingehen, wo er gebraucht wird, und 2. Better to rule in hell than to serve in heaven.

 

Eine folgenschwere Entscheidung, wie ich 25 Jahre später, nicht ohne einen Anflug von Melancholie bemerken möchte. Die Zugehörigkeit zur beta-Gruppe brachte mich zwangsläufig in die Gesellschaft von Rollenspielern, Protoalkoholikern, Borderlinerinnen, Missbrauchsopfern, Freizeitsatanisten, Computersüchtigen und Horrornerds. Man kann behaupten, dass ich jahrelang hauptberuflich uncoole Hobbies gesammelt und ausgeübt habe, und für keines bin ich so sehr angefeindet worden wie für mein Faible für missgelaunt-metzgernde Misanthropen-Machwerke. So stellte mich beispielsweise ein Religionslehrer vor der versammelten Klasse als verkommenes Subjekt dar, nur weil ich behauptete, die vom ihm frech aus meinem Ranzen gefischte VHS-Kassette mit der Aufschrift „Tanz der Teufel“ enthalte die Fortsetzung von „Dirty Dancing“. Am Ende hackte zum Glück eine Krähe der anderen kein Auge aus. Pater Wenzel übersah, dass ich im Klassenzimmer mit solchen Filmaufnahmen Handel trieb. Ich hing im Gegenzug nicht an die große Glocke, dass mein älterer Bruder ihn im Südfrankreichurlaub einmal mit Frau Engel, der guten Fee des Internats, in pärchenhafter Pose vorgefunden hatte.

 

Schwerer wog, was der Horrorfilmfimmel kurz darauf mit sich brachte: Die Eltern eines Freundes verboten ihm nach zwei Ermahnungen den Umgang mit mir. Später konnte ich das ein bisschen verstehen. Ich erfuhr, dass sie ihren Sohn manchmal mit einer Reitgerte schlugen. Wenn er auch noch mit mir Horrorfilme gesehen hätte, wäre das sicher zu viel Grausamkeit für einen Heranwachsenden gewesen. Anderes Ungedeih brachte mir meine Passion noch in meiner Studienzeit: Eine Kunststudentin der anthroposophischen Alanusschule brach eine Affäre mit mir ab, als sie meine kleine, aber monothematische Filmsammlung entdeckte. Mir waren damals allerdings Frauen mit Freude am Horror ohnehin lieber.

 

Ob hier und heute im Kölner Cinedom die junge Dame im Sitz neben mir allerdings eine solche Horrorfrau ist oder wird, bleibt abzuwarten. Offenbar ist sie nicht ganz freiwillig zum Teufelstanz erschienen, sondern wurde von ihrem Freund oder gleich der ganzen Clique genötigt, sich das finstere Treiben anzusehen. Und es dauert auch nur 35 Sekunden, da brennt auf der Leinwand bereits eine blondgelockte Frau, die gleichzeitig ihrem Vater dämonische Schweinereien ins Gesicht grunzt. Dieser Vater hat gerade eben mit den gequälten Worten „Ich liebe dich“ den Scheiterhaufen in Brand gesteckt. Man muss da jetzt die einzelnen Zusammenhänge nicht verstehen. Die Welt der Dämonen trotzt dem apollinischen Logos mit chthonischem Chaos. Auf jeden Fall ist die Szene effektiv inszeniert.

 

Ich linse vorsichtig zu dem Mädchen im Nachbarsitz. Sie sitzt mit verschränkten Armen da und schaut mit leicht gesenktem Kopf auf die Leinwand. Sie scheint alles im Griff zu haben. Anders sieht das beim vermeintlichen Ex-Junkie hinter mir aus. „Boh, hohoho!“ lacht er laut in den Saal. Er wird dieses Lachen ab jetzt noch 76 Mal erklingen lassen, manchmal garniert mit einem: „Ey, haste gesehen? Krass.“ Die Frau neben ihm sagt gar nichts. Vielleicht ist sie nicht seine Freundin, sondern eine Sozialarbeiterin im Dienst.

 

Redselig sind hingegen die Kappenträger in der ersten Reihe. Vor allem ein gutgelaunter Speckkopf lässt sich keine Pointe entgehen. „Achtung Sonnenbrand“, sagt er, als es gerade still genug im Kino ist, das Hexenmädchen aber noch brutzelt. Kein Spitzenwitz, aber dem Buben geht es anders als der Hexe: Er muss erst mal warm werden. Etwas später wird eine junge Frau im Wald bei der Hütte von tückischem Geäst festgehalten, derweil eine dämonische Erscheinung einen meterlangen Wurm auskotzt, der sich langsam den Weg in die Scheide des armen Mädchens bahnt. Das klingt jetzt etwas wirr und etwas eklig, ist aber geradlinig und steril inszeniert, die Szene im Original hatte da mehr Potenzial, eine Psychose auszulösen oder zumindest Alice Schwarzer in Talkshows zu treiben.

 

Als das windige Wurmwesen schließlich in seinem wimmernden Wirt verschwunden ist, wird es auf der Leinwand und im Publikum kurz still. Genau jetzt kann der Lümmel aus der ersten Bank vier Worte trocken platzieren: „Hä, in die Muschi?“ Solides Timing und zu recht ein Lacherfolg bei seinen Kumpels. Auch ich fühle mich heiter, ja beinahe gelöst, und sage, in seine Richtung gebeugt: „Das Ding ist da rein, wo du raus gekommen bist.“ Der Dickwanst dreht sich zu mir um und sagt mit nachdenklichem Blick: „Stimmt.“ Teufel, denke ich, diese Kids von heute sind wirklich abgebrüht.

 

So geht es nun von Szene zu Szene: Bei jeder Gräueltat lacht der Ex-Junkie ein kehliges Männerlachen oder sagt: „Ja, geil, und jetzt noch das Bolzenschussgerät.“ Der Kappenbengel begnügt sich mit trockenen Onelinern und das Mädchen neben mir sitzt mit verschränkten Armen da. In der Mitte des Films schlägt ein nerdiger Mann seiner besessenen Freundin mit einem Waschbecken Rücken und Kopf zu Klump. Das dauert ungefähr eine halbe Minute, ist klangtechnisch nachvollziehbar gestaltet und sorgt für einen überraschenden Effekt: Der Kehlenlacher hinter mir hält sich bedeckt und der Whopper sagt zur Abwechslung einmal nichts. Es scheint, als ob der Film die Grenze dessen überschritten hat, was der Kappenlümmel für witztauglich hält. Ich bewundere die Sensibilität des jungen Mannes in diesem scheinbar unsensiblen Kontext und stelle mir plötzlich seine Wimpern lang und zart vor.

 

Sicherheitshalber schaue ich noch einmal zu der jungen Frau neben mir. Sie hat noch immer die Arme vor der Brust verschränkt, schaut jetzt aber weniger ängstlich, sondern trotzig-schmollend. Vielleicht so, wie ich in einem Musical sitzen würde. Es gibt noch einigen Buhei auf der Leinwand, bei dem eine Kettensäge, ein Teppichmesser und eine Nagelschusspistole die Handlung vorantreiben. Besagte Nagelschusspistole wird vom Nerd benutzt, um einem anderen Dämon in Frauengestalt heimzuleuchten. Die Nägel, die den Körper der unheiligen Sebastiana durchbohren, machen der entfesselten Furie jedoch nicht viel aus. Wer kennt das nicht: Ein Pärchenstreit verleiht den Beteiligten oft ungeahnte Kräfte und Schmerztoleranz. Wie auch immer: Als die Nägel alle sind und sich die Dämonin in halbseidener Absicht über den armen Brillenträger zu beugen droht, ruft der Junge neben dem Kappenwhopper: „Ey, wirf du Sau!“ Und tatsächlich: Der Nerd wirft das Nagelschussgerät und kann sich gerade noch wegrollen.

 

Ich finde, Filme wie Evil Dead haben pädagogisches Potenzial. Jugendliche, die sonst vielleicht nicht viel zu melden haben, können sich einmal als wirkmächtig erleben, weil hier eine Leinwandfigur empathisch gerufene Ratschläge gleich umsetzt. Zugegeben, für das Gefühl der Wirkmächtigkeit sind Computerspiele noch viel besser geeignet. Aber noch sind Herr Nachit und ich ja im Kino. The Witcher 2 – Assassins of Kings wollen wir erst später spielen. Nach 91 Minuten ist der derbe, aber nicht originell gefilmte Spuk vorbei. Die psychedelische Wirkung des Originals kann die wesentlich teurere Produktion bestenfalls in einigen wenigen Momenten erreichen. Die meisten eingesetzten Mittel -- vor allem die Tonspur -- sind ermüdend konventionell. Man kennt diese Art von Geisterbahngewummer längst in- und auswendig. Andererseits erweitert der Film die ursprüngliche Story durch eine Drogenrahmengeschichte gar nicht mal blöd, und der Wille zu teils wirklich grimmigen Darstellungen ist auch anerkennenswert.

 

Kaum, dass der Abspann läuft, dreht sich die junge Dame zu mir und fragt: „Und, war das jetzt ein guter Horrorfilm?“ Ich überlege. Jetzt nichts Falsches sagen, vielleicht ist das gute Kind ja für den Horror noch nicht verloren. „Mittel“, sage ich weise. „Also ich fand ihn voll Scheiße“, sagt die junge Dame, ohne ihren Freund anzusehen. „Ja“, gebe ich zu. „Wenn man diese Art von Filmen nicht mag, dann war das eine ganz schöne Scheiße.“ Magister Nachit indes faltet schon wieder sehr vergnügt die Hände über seinem Bauch.

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Balzac zur Finanzwelt

Gerade eben habe ich im ersten Teil von "Glanz und Elend der Kurtisanen" (Honoré de Balzac um 1840) folgende interessante Passage gefunden:

 

"Obwohl die Finanzpolitik des berühmten [Bankier-] Hauses Nucingen anderswo erläutert ist, mag es doch auch hier nicht unnötig sein, zu bemerken, dass so beträchtliche Vermögen in all den kommerziellen, politischen und industriellen Revolutionen unseres Zeitalters nicht erworben, gesichert, vergrößert und bewahrt werden können, ohne dass anderswo riesenhafte Kapitalverluste vor sich gehen oder, wenn man das so sagen will, den Vermögen vieler Einzelner Abgaben auferlegt werden. Es kommen sehr wenig neue Werte zum Gesamtvermögen der Erde dazu: Jedes neuerworbene Vermögen bringt neue Ungleichheit in der allgemeinen Besitzverteilung mit sich. Was der Staat einhebt, gibt er zurück, aber was ein Haus Nucingen an sich zieht, das behält es. An diese großen Verbrechen reichen die Gesetze aus dem Grunde nicht heran, aus dem Friedrich der Große ein Jaques Collin [Meisterverbrecherfigur bei Balzac] oder ein Mandrin [ein französischer Räuberhauptmann und Volksheld] geworden wäre, wenn er statt in Schlachten um Länder zu kämpfen, ein Schmuggler gewesen oder in Wertpapieren spekuliert hätte. Die europäischen Staaten zu zwingen, dass sie Anleihen zu zehn oder zwanzig Prozent aufnehmen, diese zehn oder zwanzig Prozent durch die Gelder der Bevölkerung hereinzubringen, sich der Rohstoffe zu bemächtigen und dadurch im Großen Erpressungen an den Industrien auszuüben, dem Gründer eines Geschäfts einen Strick hinzuwerfen und ihn gerade so lange über Wasser zu halten, bis man sein schon ersticktes Unternehmen an sich gerissen hat, kurz, alle diese gewonnen Geldschlachten machen zusammen die hohe Politik des Geldes aus. [...] Bei uns stammt das Übel von der politischen Gesetzgebung her: Die Verfassung hat die Herrschaft des Geldes proklamiert, und der Erfolg ist der höchste Maßstab dieses entgötterten Zeitalters geworden. Die Korruption der höheren Stände ist jedoch, trotz aller blendenden Gewinne und ihrer Scheinrechtfertigungen, noch unendlich widerwärtiger als die erbärmliche und gleichsam persönliche Korruption der niederen Klassen, von der wir ein paar Einzelheiten als komisch und zugleich furchtbar in diese Erzählung aufnehmen. Die Ministerien, die vor jedem wirklichen Gedanken erschrecken, haben die Komik von heute von der Bühne verbannt. Die bürgerliche Gesellschaft, die heute weit weniger liberal ist als selbst Ludwig XIV., zittert davor, ihre Hochzeit des Figaro zu erleben; sie verbietet, den politischen "Tartüff" aufzuführen und würde sicherlich auch nicht zulassen, dass man "Turcaret" spielte, denn die Turcarets sind ja jetzt am Ruder. Von nun an werden die Komödien zu Erzählungen, und das Buch, das weniger rasch, aber sicherer wirkt, ist die Waffe des Dichters geworden."  

 

 

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Fünf Fragen zur Finanzkrise

In den letzten drei Monaten habe ich versucht, mir eine Meinung über die Finanzkrise zu bilden, die für manche vor allem eine  Euro-Krise, für andere vor allem eine Bankenkrise, wieder für andere vorrangig eine (Staats-)Schuldenkrise und in mancher Lesart auch alles zusammen bzw. eine Kapitalismuskrise ist. Die Entstehung der Krise habe ich, so will es mir scheinen, in groben Zügen verstanden, nicht aber, was die Regierung zu ihrer Lösung (sowohl akut als auch nachhaltig) plant.

 

Am Freitag den 29.6., einen Tag nach der Niederlage der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen die italienische, wurde im Bundestag namentlich über die Ratifizierung eines Europäischen Stabilitätsmechanismus' (ESM) und eines europäischen Fiskalpaktes abgestimmt. 493 Pro-Stimmen standen 106 Contra-Stimmen gegenüber. Außerdem gab es 5 Enthaltungen. Sogenannte Top-Ökonomen liefern sich hitzige Debatten in den großen Tageszeitungen. Manche halten die Verträge für "alternativlos", um größeres Unheil zu verhindern. Andere betrachten sie als "demokratisch nicht legitimiert" und als Grundsteine für eine drastische Verschlimmerung der Situation. Nimmt man die Online-Kommentarbereiche der Süddeutschen, der FAZ, des Spiegels, des Tagesspiegels, des Handelsblattes und der ZEIT zum Maßstab, ist die überwältigende Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger gegen die Ratifizierung der beiden Verträge und befürchtet große Nachteile für die Mehrheit der (deutschen) Bevölkerung.

 

Ich würde gerne wissen, ob ich Proteste gegen ESM und Fiskalpakt unterstützen sollte, oder nicht. Ich habe fünf Fragen formuliert, die mir als Kompass im Informationsdschungel dienen sollen:

 

1. Wer hat Schulden?

 

2. Bei wem?

 

3. Warum?

 

4. Was soll gemäß Fiskalpakt und ESM mit diesen Schulden geschehen?

 

5. Warum?

 

Ich würde mich sehr über Unterstützung bei der Beantwortung dieser Fragen freuen. Natürlich sind zu einer Frage oft mehrere Antworten möglich und nötig, je nachdem welches Land oder Phänomen betrachtet wird. Ebenfalls dankbar bin ich für Hinweise zur Verbesserung der Fragen und für neue Fragen. Wer meine Mailadresse hat, kann mir gerne an diese mailen. Anderen steht das Kontaktformular dieser Homepage oder der Kommentarbereich dieses Blogs zur Verfügung. Im besten Fall kann ich in ein paar Wochen ein paar plausible Beiträge zu einer Übersicht zusammenstellen.

 

Herzliche Grüße,

 

Anselm Neft 

 

 

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Integrationspreis für Rapper Bushido

Eine Gardinenpredigt, gehalten am 12.11.2011 im Euro Theater Central, Bonn.

 

Diesen Donnerstag fand in Wiesbaden die große Bambi-Preisverleihung statt. Einer der 18 Preisträger war Rapper Bushido, bürgerlich Anis Fenchel Youssef Monchichi. Er erhielt den Integrations-Bambi, was schon im Vorfeld für Unmut sorgte. „So geht es nicht“, sagten Menschen von Frauenrechtsorganisationen, den Grünen oder Homosexuellen-Vereinen wie dem „Warmen Wiesbaden“. Im Internet wurde zu Protesten aufgerufen. Auch der hessische SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel zeigte im Gespräch mit dem Hessischen Rundfunk klare Kante: „Bei mir wird sich keine Hand rühren.“ Was immer er damit sagen wollte.

 

Bei der Preisverleihung selbst geht es dann aber friedlich zu. Es wird brav geklatscht, als der Quoten-Kriminelle auf die Bühne darf, um seinen Bimbo, entschuldigung, Bambi entgegen zu nehmen. Es wird aber auch brav geklatscht, als ein anderer Preisträger, Peter Plate von Rosenstolz, Kritik äußert: „Nichts gegen das Recht auf eine zweite Chance, aber jemanden, der frauenfeindliche, schwulenfeindliche und letzten Endes menschen- verachtende Texte gesungen hat, so einen Musiker auszuzeichnen, das finde ich nicht korrekt.“

 

Der Burda-Verlag, in dessen Namen der Preis ausgelobt wird, veröffentlichte jedoch bereits vor der Verleihung ein Statement, um die Entscheidung trotz fragwürdiger Songpassagen im Oeuvre des – ich zitiere – „polarisiernden Künstlers“ zu begründen: „Musik ist eine Kunstform, der bewusste Tabubruch ein Stilmittel des Raps“.

 

Es ist also soweit: Nachdem uns Bushido schon viele Jahre aus den Kopfhörern missmutiger Buben mit monotonen Geräuschkulissen belästigt hat, nachdem er ein rührseliges Ghetto-Kid-Drama in die Kinos gebracht und sich kurz darauf mit Plagiatsvorwürfen als Trendsetter empfohlen hat, steuert er nun mit dem Bambi auch noch etwas zur nervigsten Debatte des Jahrzehnts bei: Das Gelaber um die politische Korrektheit. „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“, rufen die unerschrockenen Kämpfer für Denk- und Redefreiheit, wenn sie jemand darauf hinweist, dass das, was sie da gerade sagen, Menschen wegen ihres Geschlechts oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit herabsetzt. Und tatsächlich, wo kämen wir hin, wenn man sich nicht mehr gegenüber anderen erhaben fühlen könnte. „Die Türken sind faul und nehmen uns die Arbeit weg“, mutmaßt in ganz eigener Logik der von der Globalisierung ins Knie gefickte Arbeiter. „Die Deutschen sind Scheiß-Kartoffeln“, äußert der türkische Gemüsehändler, der von der gleichen Globalisierung ins gleiche Knie gefickt wird. „Männer sind potentielle Vergewaltiger“, fühlt sich die Primitiv-Feministin plötzlich irgendwie besser, „Frauen haben einen niedrigeren IQ, aber einen höheren EQ als Männer“, kontert die seriöse Focus-Spiegel-Bunte-Forschung, während der von seiner Mutter aufgezogene Bushido schon munter rappt: „Ihr Tunten werdet vergast“. Und dann kommt das gebildete Bürgerkind und sagt zu all diesen Menschen: „Das, was ihr da äußert, sind fragwürdige chauvinistische Stereotypen, die den Geist des Reaktionären und damit des Kryptofaschistischen in sich tragen, in welchem Menschen nicht als gleichwertige Individuen, sondern in archaischer Weise als in Raster einzuordnende Mitglieder eines Stammes, einer Kaste oder eines Geschlechts betrachtet werden, wobei die kapitalistische Ausbeutung solcher Hierachien bedarf, um ihre Aneignung von minder eingestufter und daher schlecht entlohnter Arbeitskraft ideologisch zu verbrämen.“ Oder kurz gefasst: „Ich bin klüger als ihr, also was Besseres. Bätsch!“ Jeder ist in diesem unkorrekten oder korrekten Zirkus also besser als irgendjemand anders, auf den er oder sie herab schauen kann.

 

Was machen wir nun aber mit Bushido und seinem Bambi? In meinem Regal befinden sich unter anderem CDs von Slayer, Cannibal Corpse, Autopsy und Clit-Eater, deren Songtexte rund um Frauenfolter, Babyverstümmelung, Christenverhöhnung und Konzentrationslager Bushidos Hörprodukte in etwa so brutal erscheinen lassen wie eine Benjamin Blümchen Kassette. Wenn mir in jungen Jahren jemand gesagt hat, das, was ich da höre, sei stumpfer, gewalttriefender, menschenverachtender Rotz, dann habe ich geantwortet: Ja. Und wenn jemand meinte, das müsste verboten werden, dann meinte ich: Von mir aus. Und wenn etwas tatsächlich indiziert gewesen ist, wie in meiner Jugend z.B. der Film „Tanz der Teufel“, dann habe ich erst recht versucht, an den Krempel heran zu kommen. Mir war völlig klar, dass Frauenfoltern und Babyverstümmeln irgendwie nicht so richtig okay ist. Und ich war mir sicher: Die Burschen von Autopsy oder die Macher von „Tanz der Teufel“ wissen das auch. Geistige Gesundheit heißt für mich, den verschiedenen Facetten der eigenen Person gerecht zu werden, ohne gegen sich oder andere ungerecht zu werden.

Irgendwas ist bei Bushido aber anders. Kreisen wir das Phänomen einmal intuitiv ein: Hätte ich Kinder und sie würden mit Slayer-T-Shirts durch die Gegend hopsen, würde ich zwar nicht sagen: Cool, ich komm mit aufs nächste Konzert. Nein, ich würde meine Rolle als Erziehungsberechtigter spielen und sagen: Hu, das sind aber fiese Bilder und grausame Texte. Eijeijei, ein Song über Auschwitz ist keine gelungene Partymusik, ihr verrohten Früchte meiner Lenden. Aber insgeheim würde ich denken: Das wird sich schon ausgehen. Wären meine fiktiven Kinder hingegen Bushido-Fans, zerbräche ich mir den Kopf. Nicht, weil ich selbst diese Art von Rap nicht höre und auch nicht, weil Ärsche, Schwänze, Fotzen, Blut und Keilerei in holprigen Metren und schiefen Reimen zur Sprache gebracht werden. Es sind zwei andere Dinge, die mir bei Bushido auf den Sack gehen: Zum einen versucht er, seine brutalisierte Attitüde nicht als alltagsferne Parallelwelt, sondern als echten Lebensstil zu verkaufen und sich selbst als Vorbild, vor dem man Respekt haben soll. Hier müsste doch schon was auffallen: Sich ständig über andere respektlos äußern, dann aber Respekt einfordern, ist die Haltung von Größenwahnsinnigen, mit denen man nichts zu tun haben will. Slayer oder Marilyn Manson laufen nicht durch die Gegend und erzählen in Interviews, das andere Metal-Musiker samt und sonders Schwuchteln, Fotzen und Nutten sind, die mal ihre Eier lecken können. Sie wissen, dass man sich bei allem „bad boy“-Image nicht vollkommen zum Horst machen muss und seinen Minderwertigkeitskomplexen jenseits der Bühne eben nicht die Zügel schießen lässt. 

Ja, die Masche, permanent anderen die Männlichkeit abzusprechen, um selbst als männlicher dazustehen, gilt selbst in der wenig coolen Metal-Szene mit ihren durchschaubaren Männlichkeits-Symbolen, den bösen Gesichtern und den prätentiösen Posen als uncool. Bis zu Bushido hat sich das jedoch nicht herum gesprochen. Also erzählt er größtenteils nichts anderes, als dass er super ist, ganz einfach deshalb, weil andere Scheiße sind.

Die zweite Sache, die mich an Bushido ankotzt, ist mit dieser ersten verknüpft: Die zu dieser Selbstbezogenheit gehörende Wehleidigkeit. Das kann man jungen Leuten, die eh schnell einen Hang zu ichbezogener Heulerei entwickeln, doch nicht zumuten. Viele Eltern wissen ja gar nicht, was dieser rappende Jammerlappen alles von sich gibt. Im Folgenden ein paar Songauszüge, die ich keinesfalls lange suchen musste. Los geht es mit einer Strophe aus

„Schmetterling“:

Du bist mein Schatz - Ich lieb dich wie mein eigenes Leben
Ich vergesse die ganze Welt
Und seh nur uns zwei im Regen
Uns zwei wie wir nur noch uns zwei haben
Schenk dir 1000 weiße Tauben, wenn wir uns heiraten [Alternativvorschlag: 1000 weiße Tauben und 100 schwarze Raben]
Du hast nicht gewusst, dass ich ein Rapper bin
Doch ich wusste damals schon, du bist mein Schmetterling“

 

Heiraten will er. Und 1000 weiße Tauben verschenken, die dann die ganze Wohnung voll kacken. Dabei war seine Existenz am Rande der Gesellschaft, bei den Aussätzigen und hart Gezeichneten, der Schmetterlings-Frau erst verborgen: Sie wusste nicht, dass er...oh Gott...ein Rapper ist.

Und weiter:
“Wie eine Träne im Meer
Komm ich mir vor, wenn ich dran denke
Was wär, wenn dein Segen nicht wär“

Wie eine Träne im Meer? Wohl eher wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Nein, kein Zweifel, da haben die Sittenwächter recht: So etwas gehört in kein Kinderzimmer! Da hilft es auch nicht, dass der Deutsch-Tunesier mit dem Rap-Tourette in „Gangbang“ behauptet:

 

„Herzlich willkommen auf dem Asphalt, er singt dir ein Lied
Guck zum Horizont, was willst du Kind hier
Zwischen Männern die mit Hero und Koks Ticken
Wir sind die drei, die euch Zecken in den Zoo schicken
Die euch so ficken, bis ihr euer Blut kotzt
Ich bin Berliner, der nicht redet, sondern zuboxt
Deine ganze Familie sind Taschenspieler
Ich werd zu 90% morgen Waffendealer
Ich werd's so machen wie der Cowboy im Western
Ich trink nur noch Whisky und fick deine Schwestern“

 

Ja, was denn jetzt? Labern oder boxen? Waffendealer oder Cowboy? Vielleicht zu 90% Waffendealer und zu 10% Cowboy, wobei er dank des Nur-noch-Whiskey-Trinkens gar nicht mehr zu deinen Schwestern kommt, die ja jeder klassische Cowboy im Minutentakt flachlegt.

 

Oder nehmen wir einen Auszug aus dem grandios betitelten „Du bist ein Mensch“, einem Song, den Bushido mit Xavier Naidoo zusammen gesungen hat. Spätestens hier sollten bei Erziehungsberechtigten alle Alarmglocken läuten:

 

Warum führen wir Krieg, warum töten wir hier?
Manchmal wird mir klar, ich hab Böses in mir.
Viel böses passiert, es war schön und gut,
doch warum wird aus Öl nur Blut?
Warum sind wir stur, gehn über Leichen?
Kinder werden geboren, hungern, verzweifeln.
Die Reichen werden reicher und Arme bleiben arm,
ich stelle mir die Frage „was haben sie getan...“ [ja nix, deshalb sind sie ja arm, ‚tschuldigung, kleiner Scherz, der sich gerade anbot]

Warum hat man Angst, Angst vor der Zukunft?
Warum schlägt die Hilflosigkeit nur in Wut um?
Das sind wir Menschen voller Kummer und Sorgen,
doch Gott schenkt uns ein Morgen“

 

So was will ich noch nicht einmal mit Wandergitarre im Zeltlager der christlichen Jugend Sackeifel-Nord hören und schon gar nicht von einem Cowboy-Rapper. Aber es kommt noch schlimmer: Bei „Sieh in meine Augen“ bricht die ganze Heulerei eines gebeutelten Egos aus dem depperten Rap-Egomanen heraus:

 

Okay, man sagt die Augen sind der Spiegel meiner Seele [nicht nur deiner, du Solipsist]
Und deswegen ist es dunkel an dem Ort, an dem ich lebe [die Kausalität wirkt zwar nicht zwingend, aber geschenkt].
In dem kleinen Platz hier drinnen ist es Herbst [das glaube ich sofort, wenn er damit sein manisch-depressives Hirnkasterl meint],
und an die Wand schreibe ich mit Blut einen Vers:
Flieg, wenn du fliegen kannst, lieb, wenn du lieben kannst,
weil du nie kriegst, was du kriegen kannst“

 

Es ist bekannt, dass Bushido Ghostwriter hat, aber wer zum Teufel liefert dem armen Mann gegen gutes Geld eine solche Ware? Das ist doch in fünf Minuten beim morgendlichen Bierschiss entstanden.

 

Und weiter:

„Ich hab Blasen an den Füßen, weil ich barfuss geh'.
Wenn ich laufe, weine ich Salz, denn dieser Pfad tut weh.

Und nur, weil ich höflich bin, sage ich weiter guten Tag.

Ich brauche ein Pflaster für die Seele, weil ich nicht verbluten mag.“

 

Okay, jetzt reicht es. Allein das finale Wörtchen „mag“, dass nach Prenzlauerberg-Mädchen mit Traumfänger und "irgendwas mit Kunst oder Menschen" [und am Ende doch PR] klingt, disqualifiziert diesen Rap vollständig. Ich würde meinen Kindern klipp und klar verbieten, diesen Flachwichser in meinen vier Wänden Salz weinen zu lassen. Bushido, herhören, wir alle weinen Salz, nicht nur du. Kapiert? Und wenn dich die Blasen stören, dann zieh dir halt was an deine verweichlichten Mauken, herrgottsakrament.

 

Und kurz danach rappt der Bambi-Mann dann wieder so was:

 

„Neben mir sieht alles whak aus, weil keiner auf den Dreck bounct
Born to Kill, du machst alles chill,
wenn ich rappe, weiß ich ganz genau, deine Stadt steht still.
Ich bin elitär und auf keinen Fall dein Kumpel.
Berlin wird wieder hart, denn wir verkloppen jede Schwuchtel.“

 

Was soll man dazu noch sagen? Von Emo-Berlin zu Aggro-Berlin und im Schweinsgallop auf zur nächsten Peinlichkeit einer Rap-Vortäuschung:

 

"Zeiten ändern dich":

„Um ohne Vater aufzuwachsen, musst du hart sein.
Er war ein Kämpfer, und zwar seit Tag eins.
Er wollt kein Mitleid, und auch kein Mitgefühl,
und jetzt schau ihm in die Augen, denn nur ein Blick genügt,
und du siehst Hass, Schmerz, und du siehst Leid pur,
und seine Jahre vergehen, wie auf ner' scheiß Uhr.“

 

Nein, nein, nein: Um ohne Vater aufzuwachsen, musst du nicht hart sein, du musst nur ohne Vater aufwachsen. Und dass du kein Mitleid und der Vollständigkeit halber auch kein Mitgefühlt willst, du Gefühlsterrorist, wage ich zu bezweifeln, wenn du den armen Songhörer in den Augen deines Protagonisten „Leid pur“ sehen lässt. Angus Young kämen bestimmt die Tränen. Vielleicht würde er zusammen mit Lemmy und dir ein Benefiz-Konzert für alle armen Rapper machen, die Blasen an den Füßen haben, weil sie barfuß gehen. Vielleicht würden sie aber auch mit Alice Cooper sagen: „No doubt, you are stressing out, that ain't what rock `n´ roll’s about” und vermaledeite Freierscheiße – sie hätten Recht. Aber diese Art von Rap ist eben nicht Rock `n´ Roll, diese Art von Rap ist Schlager für Menschen, die zu feige sind, Schlager zu hören.

 

“Zeiten ändern dich” endet übrigens so:

 

„Mir tut so vieles heute unfassbar Leid.
Ich musste mich verändern, um was zu sein.
Ich wollte, das Mama stolz auf mich ist.
Heut ist sie stolz, Zeiten ändern dich!“

 

Da lässt der in Bonn gebürtige Ghetto-Homie endgültig die Katze aus dem Sack: Er wollte was sein, auf dem Affenfelsen nicht ganz unten sitzen. Wegen Mama. Und da wundert es auch nicht, wenn der ehemalige Koranschüler zwar ganz unberechenbar („äh Fotze, äh Adolf Hitler und so“) provozieren, aber auch von allen lieb gehabt werden will und bei der Bambi-Verleihung sagt: „Ich weiß nicht, ob ich den Preis verdient habe. Die Jury sagt, ich habe ihn verdient“. Ja verfickt noch mal, seit wann interessiert einen harten Rapper, was die Jury sagt, du obrigkeitsgläubiger, von Peter Maffay auf der Bühne gelobter, in Talkshows rumstotternder Verräter deiner Zunft?!

 

Oh man, wie mir diese Typen auf die Nüsse gehen. Sie behaupten, dass auszusprechen, was gewagt, provokant oder tabubrechend ist, und wenn sich dann jemand beschwert, heulen sie rum, man hätte sie missverstanden, oder man wolle ihnen das Reden verbieten, dabei wollten sie nur Respekt und keiner schwulen Fotze was zu leide tun. Überall diese Eiertänzer und Waschlappen. Das sind doch keine Vorbilder für unsere Jugend! Nehmen wir mal Thilo Sarrazin, der bis heute mit diesem beleidigten Gesichtsausdruck in jeder Talkshow, die ihn noch reinlässt, den Unverstandenen gibt, dessen Buch man nicht oder nicht richtig gelesen habe und der allen Ernstes behauptet, er sei bei einem medial ausgeschlachteten Bummel aus Kreuzberg heraus gemobbt worden, ja „verjagt wie ein geprügelter Hund.“ In der Zeitung „Die Welt“ schwadroniert er gar von einem wachsenden Menschenauflauf und peinlicherweise sieht man in dem Aspekte-Beitrag zu diesem Quatsch, dass es sich bei dem hetzenden Mob um genau zwei Menschen handelt, die als maulendes Hänflingspärchen den missverstandene Buch-Millionär auffordern, aus Kreuzberg zu verschwinden. Der hat kurz davor einen seiner total leicht misszuverstehenden Sätze zu Protokoll gegeben: „Das Beleidigtsein des Orientalen ist eine Kampfhaltung, mit der er unangenehme Diskussionen wegwischt.“ Dabei ist natürlich das Beleidigtsein des Okzidentalen auch nicht von Pappe: Nehmen wir zum Beispiele diese anonym schreibenden Gestalten im Blog „politically incorrect“, die gegen den Mainstream sein wollen, aber sofort aufschreien, wenn jemand nicht ihrer Meinung ist. Oder wo wir beim wackeren Kampf gegen den verblödeten Mainstream sind: Nehmen wir den Papst, der sich von der Diktatur des Relativismus bedroht fühlt, und damit die Demokratie meint, die für seine Kirche die Steuern eintreibt, in der aber seine Kirche mit ihrer Diktatur des Absoluten nicht mehr die erste Geige spielt. Und dann spricht sich der unbequeme Denker gegen die Verweltlichung der Kirche aus, muss aber doch im Bundestag als religiöses Oberhaupt salbadern und in einem intellektuellen Salto mortale erklären, dass wir der katholischen Kirche ja die Aufklärung und die Menschenrechte verdanken (auch wenn der Vatikanstaat neben Weißrussland der einzige Staat in Europa ist, der die Menschenrechtskonvention nicht unterzeichnet hat, vermutlich weil heutzutage „Menschenrechte“ auch „Frauenrechte“ beinhalten).

 

Ach, ich rede mich in Rage, und ich tu es gerne. Also: Ratzepappi, der Entweltlichte, muss natürlich ein Massen-Event im Olympiastadion veranstalten, seine ins Jenseits schielende Kirche zu großen Teilen von extrem irdischer Einkommenssteuer finanzieren lassen (und nicht allein von Kirchensteuer, aber weil das kaum einer weiß, zahlen auch die Ausgetretenen und Atheisten lustig für den Mummenschanz) und eine nicht besonders transzendental entrückte Vatikan-Bank unterhalten.

 

Aber Schluss mit dem alten Mann, der eh bald stirbt und dem nächsten Jubelgreis und Taschenspieler für die geistig und oft auch sonstig Armen Platz macht. Und ehrenhalber muss ich sagen, dass Herr Ratzinger tatsächlich noch ein geistreicher Zeitgenosse ist, verglichen mit seinen Claqueren wie diesen Matusseks, die ganz mutig das „katholische Abenteuer“ wagen, das natürlich rein zufällig ein trendiger Bestseller wird, wobei Matussek von katholischer Theologie noch weniger Ahnung hat, als der Durchschnitts-Frömmler, der das irgendwie voll schlau findet, was Benedikt der XVI. da wieder gesagt hat, und wenn man dann fragt, was genau, antwortet: „Ja, irgendwie so das Ganze.“

 

Was gehen mir diese Typen auf die Nüsse, die irgendwelche Menschengruppen abwerten und sich dann beschweren, wenn sich diese Gruppen oder irgendwelche anderen Leute beschweren. Diese Hobbydemokraten, die Redefreiheit für sich fordern und nicht wollen, das andere ihre Redefreiheit nutzen. Nehmen wir diese Lesebühnenautoren und Poetry Slammer, die ungefähr 15 Jahre nach Max Goldt und 30 Jahre nach Eckhard Henscheid und der damaligen Titanic-Crew erkannt haben, dass sogenannte Linksspießer und Gutmenschen auch eine ordentliche Zielscheibe für Spott abgeben, und dass beim Kabarett- und Lesebühnenpublikum ein süffisant ausgebreitetes 68er-bashing und eine gesalzene „konservative“ Provokation ein größeres Hallo erzeugt, als beispielsweise das Verlesen des kommunistischen Manifest. Und dann provozieren sie so ein bisschen und plötzlich ruft ein Linksspießer „Buh“ und sie können nächtelang nicht schlafen, weil sie so fertig gemacht wurden. „Mensch“, jaulen die verkannten Menschenfreunde in ihre Kissen: „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“. Ja, klar, darf man. Und man wird da ja wohl auch noch buhen dürfen. Oder besteht da plötzlich die Gefahr einer Traumatisierung einer Seele, die ein Pflaster braucht, weil sie nicht verbluten mag? Diese verzogenen, jeder billigen Anerkennung hinterher hechelnden Anti-Mainstream-Mainstream-Gören wollen alles: Spiel, Spaß und Schokolade. Also die Aura der Rebellion, den Jubel aller und dann, wenn sie beim Stöckchenkampf aufs Maul kriegen, einen Kuss von Mama und am Ende doch wieder den größten Pudding. Diese Art von Rebellion hört natürlich immer sofort auf, wenn sich damit kein wirtschaftlicher Erfolg erzielen lässt. Diese Querdenker sind da so flexibel wie Mama Merkel, die uns alle lieb hat und mühelos den Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg verkündet, wenn sich plötzlich die Gesetze der Physik verändern, weil in Japan ein Kernkraftwerk havariert. Dieses ehemalige Kohlzäpfchen, das den Mindestlohn kategorisch ablehnt um 17 Monate später eine „Lohnuntergrenze“ einzufordern, die natürlich so beschissen ist, dass es sich gar nicht lohnt auf Hartz IV zu verzichten, wenn man mal ökonomisch denkt, was aber offenbar die Normalbevölkerung lassen soll, egal ob sie in Deutschland oder Griechenland die Lobby-Scheiße und Fähnchen-im-Wind-Marotten ihrer Volksvertreter ausbügelt.

 

So, ganz ruhig, jetzt muss ich noch irgendwie wieder auf Bushido zurückkommen, diesen dackelblickigen, warmduschenden Fußföhner und Abschiedswinker, der ganz zahm geworden ist, seit er mit Geld und Preisen und einem Job als Integrationsbeauftragter der Nation ruhig gestellt wurde. Meine Meinung zu dem Preis? Ich finde, dieser Mann hat einen lächerlichen, nach einer Kinderfilmfigur benannten Fernsehpreis und eine Laudatio von Peter Maffay redlich verdient. Es geschieht ihm Recht. Und gerne soll er demnächst mit Till Brönner und Sarah Conner „Deutschland sucht die Supernutte“ moderieren, denn da weiß er dann, wovon er spricht.

 

Amen.

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